Asensi, Matilde – verlorene Ursprung, Der

Mit ihrem Verschwörungsthriller „Wächter der Kreuzes“ schaffte die spanische Autorin Matilde Asensi den internationalen Durchbruch. Mit dem „verlorenen Ursprung“ legt sie nun einen neuen Spannungsroman vor, der sich der geheimnisvollen Geschichte der Inkas angenommen hat. Auch in ihrem aktuellen Roman hat sich Asensi ein faszinierendes Thema herausgegriffen, das ein packendes und interessantes Buch vermuten oder zumindest doch erhoffen ließ. Leider kann Asensi diese Erwartungen mit dem vorliegenden Buch jedoch nicht erfüllen. Dabei beginnt „Der verlorene Ursprung“ zunächst äußerst viel versprechend:

Den Programmierfreak und Internetspezialisten Arnau Queralt („Root“) erreicht die Nachricht, dass sein Bruder Daniel mit merkwürdigen Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Daniels Frau Mariona ist verzweifelt, denn Daniel reagiert nicht mehr und bittet um seine eigene Bestattung, da er sich für tot hält. Auch die Ärzte wissen nicht, was mit Daniel los ist, seine Symptome entsprechen zwei verschiedenen, wenig untersuchten Krankheitsbildern. Als kein Medikament eine Verbesserung hervorruft und Daniel immer wieder unbekannte Worte von sich gibt, beginnt Arnau, eigene Nachforschungen anzustellen.

Von seiner Schwägerin Mariona lässt er sich zeigen, woran der Archäologieexperte Daniel vor Auftreten seiner Krankheit gearbeitet hat. Daniels Forschungsunterlagen führen Arnau auf die Spuren der Inkas und einer perfekten Sprache, dem Aymara. In seiner Verzweiflung wendet Arnau sich an Daniels Chefin Marta Torrent, die behauptet, Daniel habe die Aymara-Dokumente ohne ihre Erlaubnis entwendet. Arnaus Misstrauen wächst, da er seinen Bruder für absolut vertrauenswürdig hält, doch muss er im Laufe seiner Nachforschungen feststellen, dass er seinen Bruder wohl doch nicht so gut gekannt zu haben scheint …

Zusammen mit seinen engsten Mitarbeitern Marc („Jabba“) und Lola („Proxi“) findet Arnau immer mehr faszinierende Details über die Inkas heraus, die sein Weltbild ins Schwanken geraten lassen. Die Drei entdecken schier unglaubliche Dinge und Dokumente, die sie auf die Spur einer in Vergessenheit geratenen Zivilisation bringen. Schließlich fliegen die drei Computerspezialisten zusammen nach Bolivien, um ihre Entdeckungsreise im geheimnisvollen Tiahuanaco fortzusetzen. Dort begeben sich Arnau, Marc und Lola zum „Grab des Reisenden“, wo sie gefährliche Rätsel zu lösen haben, doch dann stellen sie fest, dass sie nicht die Einzigen sind, die das Rätsel um das Volk der Yatiri lösen wollen …

Im Grunde genommen hat sich Matilde Asensi vielversprechende Zutaten für ihren neuen Roman herausgesucht, die zusammen sicherlich ein packendes Ganzes hätten ergeben können, doch ist Asensis Mischung in diesem Fall nicht ganz gelungen. Dabei beginnt alles positiv und lässt auf einen spannenden Fortgang der Geschichte hoffen. Zu Beginn werden wir der Hauptfigur Arnau Queralt vorgestellt, der als erfolgreicher Jungunternehmer und Internetspezialist bekannt ist, sich in seiner Freizeit allerdings gerne zusammen mit Jabba und Proxi in fremde Rechner einhackt. Arnau wohnt in einer faszinierenden High-Tech-Welt, nämlich in einer Wohnung, in der er sprachgesteuert für seinen eigenen Luxus sorgen kann.

Spannend wird es, wenn diese technisierte Zukunftswelt zusammenprallt mit der alten Inka-Kultur, die viele tausend Jahre in die Vergangenheit zurückreicht und dennoch nicht minder perfekt und modern anmutet. So müssen schließlich Root, Jabba und Proxi im finsteren Dschungel Boliviens Abschied nehmen von ihren technischen Errungenschaften; dort beginnt Arnau schließlich, sein Leben und seine Einstellung zu überdenken, sodass er aus seinem spannenden Abenteuer fast schon als geläuterter Mensch hervorgeht. Dies ist auch bereits einer der wesentlichen Kritikpunkte, denn Asensis Romanfiguren bieten wenig Angriffsfläche, ihre Charaktere wirken glatt und oberflächlich. Allen voran wären hier die beiden so unterschiedlichen Brüder zu nennen: Auf der einen Seite steht der reiche und erfolgreiche Besitzer einer hochdotierten Internetfirma, auf der anderen sein nicht minder intelligenter Bruder, der sich als Dozent für Archäologie einen Namen gemacht hat. Doch schwelt die Eifersucht zwischen den Brüdern, da Daniel neidisch ist auf Arnaus finanziellen Erfolg. Dies ist abgesehen von Daniels plötzlicher Krankheit allerdings die einzige Gewitterwolke, die am Queralt’schen Himmel aufzieht.

Auch Arnaus Angestellte Jabba und Proxi wirken wenig authentisch, zu perfekt und mutig agieren sie, obwohl sie ihren Tag ansonsten vor dem Computermonitor verbringen und dem Dschungel vorher höchstens mit dem Finger auf der Landkarte näher gekommen sind. Dennoch meistern sie die Schwierigkeiten und Gefahren des Dschungels fast schon meisterhaft, was uns beim Lesen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann, wenn man sich den beleibten Jabba (der seinen Spitznamen aufgrund seiner Ähnlichkeit mit der bekannten Figur Jabba the Hutt aus „Star Wars“ erhalten hat …) vorstellt, wie er sich mit seiner Machete bewaffnet einen Weg durchs Dickicht freikämpft. Natürlich darf auch nicht die Liebesgeschichte fehlen, die sich im Dschungel zwischen zwei einstmals verfeindeten Menschen entspinnt, als sie erkennen müssen, dass doch alles ganz anders ist, als es zuvor den Anschein hatte.

Zentrum der Romanhandlung sind schließlich die gut recherchierten Informationen über die Inkazeit und die Dokumente der Yatiri und ihrer Sprache Aymara. Hier offenbart Matilde Asensi, dass sie sich wahrlich meisterhaft in das Thema eingelesen zu haben scheint. Doch ist hier das wohl größte Manko des vorliegenden Buches festzumachen, da Asensi eine wahre Informationsflut über ihre Leser ergießt und damit auch den ausdauerndsten Leser zwangsläufig überfordern muss. Wer nicht gerade die Inkazeit als persönliches Steckenpferd auserkoren hat und demnach besonderes Interesse an diesen Details mitbringt, wird bei der Lektüre des Buches mit ziemlicher Sicherheit oftmals gelangweilt sein. Fast die Hälfte des Buches handelt von den Yatiri und ihrer verlorenen Kultur, sodass die eigentliche Rahmengeschichte über weite Strecken so sehr in den Hintergrund tritt, dass man fast schon vergessen kann, dass man eigentlich kein Sachbuch liest, sondern einen Roman. Erst zum Ende hin fängt Asensi sich wieder, wenn sie von der Dschungelexpedition berichtet und ihre Romanfiguren wieder in den Mittelpunkt der Erzählung stellt.

Hinzu kommt, dass man lange Zeit nicht weiß, worauf Matilde Asensi eigentlich hinaus will; so liest man etwas ziellos weiter und vermisst leider auch einen Spannungsbogen. Die Geschichte fließt ziemlich zäh dahin und man muss immer wieder geduldig warten, bis man neue Informationshäppchen vorgeworfen bekommt, die nicht nur die historischen Ausführungen vorantreiben, sondern die eigentliche Romanhandlung. Zum Ende hin entwirft Asensi schließlich einige Ideen bzw. Theorien (Fantasien?) über die Entstehung des Lebens auf der Erde, die für meinen Geschmack doch etwas zu abenteuerlich ausgefallen sind.

Sprachlich dagegen gefällt Asensis aktuelles Buch wieder einmal sehr gut, denn die Autorin beweist, dass sie schreiben und wohlakzentuiert formulieren kann. Ihre Schreibweise wirkt auf den ersten Seiten zwar etwas schwerfällig, ist dann aber sehr angenehm zu lesen und positiv hervorzuheben, da Asensi nicht auf den Zug derjenigen Autoren aufspringt, die einem Hauptsatz allerhöchstens noch einen knappen Nebensatz widmen, um ihre Bücher bloß nicht zu kompliziert wirken zu lassen.

Insgesamt bleibt jedoch ein eher mittelmäßiger Eindruck zurück und vor allem Enttäuschung darüber, dass Asensi aus diesem spannenden und faszinierenden Thema nicht mehr herausgeholt hat. Und dabei hätte im Prinzip nicht viel gefehlt, um den „verlorenen Ursprung“ zu einem genialen Buch zu machen. Die Zutaten waren wirklich vielversprechend, doch hätte ich mir eine deutlich straffere Erzählweise in den historischen Exkursen gewünscht und dazu Romanfiguren mit Ecken und Kanten, denen man den Überlebenskampf im Dschungel auch abgenommen hätte. So aber hat Asensi leider viel Potenzial ungenutzt gelassen; vielleicht hätte sie ihre langen Inka-Ausführungen lieber für die besonders interessierten Leser in einen Anhang packen sollen, das hätte ihrem Roman sicher gut getan und vor allem auch dafür gesorgt, dass „Der verlorene Ursprung“ ein breiteres Publikum erreicht.

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