Bellairs, John – Geheimnis der Zauberuhr, Das

Glück im Unglück hat Luis Barnavelt, der in diesem Jahre des Herrn 1948 gerade zehn Jahre alt geworden ist und gerade seine Eltern bei einem Autounfall verloren hat: Sein Onkel Jonathan van Olden Barnavelt nimmt den Waisenknaben zu sich ins kleine Städtchen New Zebeedee im idyllisch-verschlafenen Capharnaum County, US-Staat Michigan. Dort bewohnt er an der High Street Nr. 100 ein altes Herrenhaus, in dem sich Luis zwar sogleich heimisch fühlt, das jedoch einige Besonderheiten aufweist; Spiegel, die fremde Länder in fernen Zeiten zeigen, sind nur eine davon.

Beunruhigender findet Luis allerdings das seltsame Verhalten seines Onkels, den er dabei ertappt, wie er des Nachts durch das dunkle Haus schleicht, an den Wänden horcht und diese mit Hammer und Meißel aufstemmt. Ganz offensichtlich sucht er etwas. Was es ist, erfährt Luis, als Jonathan seinen Neffen dabei entdeckt, wie er ihn beobachtet. High Street Nr. 100 wurde einst erbaut von Isaac Izard, der in New Zebeedee als Zauberer verschrien war, und das wohl zu Recht. Aus Gründen, die Jonathan und seiner Nachbarin und Freundin, der freundlichen Florence Zimmermann, unerfindlich bleiben, hat Izard irgendwo in den Mauern seines Hauses eine Uhr versteckt, deren beständiges Ticken die Bewohner zur Weißglut treibt. Sie lässt sich einfach nicht orten, obwohl Jonathan und Mrs. Zimmermann schon seit Jahren nach ihr suchen.

Die Lösung dieses Rätsels muss unbedingt gefunden werden, nachdem Luis beim Versuch, einen Freund zu beeindrucken, versehentlich den Geist der bösen Selenna Izard aus ihrem Grab befreit. Diese erweist sich als noch wesentlich unangenehmer als ihr Gatte, der die Uhr – so viel steht bald fest – mit einer magischen Weltuntergangs-Maschine gekoppelt hat. Gelingt es Selenna, die Uhr zu finden und den Mechanismus korrekt zu justieren, wird der Tag des Jüngsten Gerichts anbrechen. Genau dies versucht sie, und dabei geht sie nicht zimperlich vor, wobei sie sich auch noch als Hexe mit vielen unangenehmen Verbündeten entpuppt …

John (Anthony) Bellairs (1938-1991) gehört in den USA auch ein Jahrzehnt nach seinem frühen Tod zu den bekannten und viel gelesenen Kinderbuch-Autoren. Was hierzulande fast wie eine Abqualifizierung klingt, ist tatsächlich eine echte und schwierige Kunst: Geschichten zu erzählen, die Kinder – diese seltsame Mischung aus Mensch und Alien – einbeziehen, als zwar noch im Wachsen begriffene, aber bereits existente Persönlichkeiten ernst nehmen und vor allem nicht der fixen Idee unterliegen, ihr Publikum um jeden Preis belehren zu wollen.

Die besondere Qualität des John Bellairs wird nicht zuletzt durch sein Talent offenbar, auch ältere Kinder oder fast schon wieder kindlich gewordene Erwachsene (wie Ihren Rezensenten) zu fesseln. „Das Geheimnis der Zauberuhr“ ist nicht ’nur‘ ein Kinderbuch, sondern auch ein veritables „Weird Fantasy“-Abenteuer, das geschickt Elemente milden Horrors in eine ansonsten realistische, nur leicht verfremdete Alltagswelt bringt. Kinderängste, die sich beileibe nicht ausschließlich ums Übernatürliche drehen, sondern auch die Furcht vor dem Allein- und Fremdsein in einer leicht aus den Fugen geratenden Welt mit einschließen, werden beschworen, bewältigt und damit gebannt, und das ohne den berühmt-berüchtigten erhobenen Zeigefinger. Die Figuren sind schlicht, aber kraftvoll gezeichnet, wobei angenehm auffällt, dass die Erwachsenen weder zu Respektspersonen, vor denen Kinder stramm zu stehen haben, erhöht noch zu Trottel herabgewürdigt werden, die rein gar nichts von dem kapieren, was um sie herum vor sich geht. Die Kinder – allen voran Luis Barnavelt – sind weder tumbe Disney-Zombies noch altkluge Spielberg-Goonies, sondern stehen mit beiden Beinen fest im Leben, wobei dieses auch seine unangenehmen Seiten hat, die ebenso wie gewisse charakterliche Schwächen der Protagonisten nicht harmoniesüchtig ausgeblendet werden (auch wenn vielleicht ein wenig zu viel heißer Kakao serviert wird).

„Das Geheimnis der Zauberuhr“ bildet den Auftakt zu einem Dreiteiler um den Waisenknaben Luis Barnavelt, der in und um die archetypische US-amerikanische Kleinstadt New Zebeedee allerlei fantastische Abenteuer erlebt. Mit beachtlicher Verspätung erschienen sie ab 2000 endlich in Deutschland |(1)|. Der Blick auf das Titelbild macht deutlich, wem wir dies verdanken: Es zeigt eine Jungengestalt mit wirrer Zackenfrisur, aber immerhin ohne Brille und Nimbus 2000 und zeugt vom durchsichtigen aber verständlichen Wunsch des |Heyne|-Verlags, auch ein paar Krümel vom Harry-Potter-Kuchen abzubekommen. (Damit noch der Dümmste hört, was die Glocke geschlagen hat, wurde vorsichtshalber der Satz „Ein Muss für jeden Harry-Potter-Fan!“ auf den hinteren Umschlagdeckel gedruckt.) In diesem Fall darf der Leser das Gebrüll der Werbe-Ochsen aber gnädig überhören und sich über die unverhoffte Gelegenheit freuen, einen echten Kinder- oder Jugendbuch-Klassiker kennen zu lernen.

Die weiteren Bände der ‚echten‘ Barnavelt-Trilogie erschienen bei |Heyne| unter den Titeln „Der magische Schatten“ („The Figures in the Shadows“, 1975) und „Das Rätsel des verwunschenen Rings“ („The Letter, the Witch and the Ring“, 1976). Da niemand, der auch nur bescheidenen Ruhm auf sein Haupt häufen konnte, heutzutage in Frieden ruhen darf, wurde Luis Barnavelt nach dem Tod seines Schöpfers wieder belebt: In postumer ‚Zusammenarbeit‘ mit dem Vielschreiber Brad Strickland erschien zwischen 1993 und 1995 ein weiterer dreibändiger Romanzyklus, der inzwischen ebenfalls bei |Heyne| als „Das Gespenst im Spiegel“ („The Ghost in the Mirror“, 1993), „Der Spuk im Irrgarten“ („The Vengeance of the Witch-Finder“, 1993) und „Der Fluch der alten Oper“ („The Doom of the Haunted Opera“, 1995) auf Deutsch vorliegt.

|Anmerkung|

|(1)| Dieser erste Teil erschien bereits 1977 im |Diogenes|-Verlag unter dem Titel „Das Haus, das tickte“; durch die mehr als nur leicht morbiden Illustrationen Edward Goreys hinterlässt diese Ausgabe einen ausgesprochen düsteren Eindruck.

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