Gerritsen, Tess – Grabkammer

Ägyptische Mumien sind noch immer geheimnisumwittert und nicht nur für Archäologen wertvoll. Wie sah der Mensch aus, der für die Reise in das nächste Leben einbalsamiert wurde? Welche Krankheiten kann man mit neuen wissenschaftlichen Methoden diagnostizieren und daraus Rückschlüsse auf das Leben des seit Jahrtausenden Toten erhalten?

Der Prozess einer Mumifizierung wurde bereits vom griechischen Autor Herodot in seinem zweiten Buch ausführlich beschrieben. In der heutigen Zeit findet man nur noch wenige Mumien, und wenn, dann kommen diese nicht unbedingt aus Ägypten. Es gibt noch weitere Länder, deren Einwohner sich darauf verstanden, den Körper für die Nachwelt zu präparieren. Für Museen, die Mumien ausstellen, sind diese eine nicht unerheblich wichtige Geldquelle, denn der Tod übte schon immer eine gewisse makabere Faszination aus.

Im aktuellen Spannungsroman „Grabkammer“ von Tess Gerritsen spielen mumifizierte Tote eine große Rolle neben dem Ermittlungsduo Dr. Maura Isles und Jane Rizzoli.

_Inhalt_

Madame X ist die neueste Sensation eines alten Bostoner Museums, die zufällig bei Aufräum- und Archivarbeiten im Keller des Gebäudes gefunden wurde. Allem Anschein nach handelt es sich hierbei um eine ägyptische Mumie. Die Herkunft und das Alter sind aber noch relativ unbestimmt.

Im Bostoner Krankenhaus soll nun mit Hilfe der Computertomographie (CT) das Rätsel um das Geschlecht der Mumie und eventuelle körperliche Besonderheiten gelöst werden. Dr. Maura Isles, die Pathologin der Gerichtsmedizin, möchte der Untersuchung dieses sensationellen Fundes beiwohnen – eher aus Gründen der Neugierde als beruflichen. Die Spannung wächst, als die Untersuchung vor den Augen des Museumsdirektors, der jungen Archäologin Josephine Pulcillo, der Radiologen und Dr. Isles beginnt.

Nur wenige Augenblicke später entdeckt der radiologische Assistent auf den Röntgenbildern eine seltsame Verletzung in Madame X‘ Bein. Ein Fremdkörper ist von außen in das Wadenbein gedrungen. Das Projektil einer Schusswaffe – und Dr. Isles deutet darauf hin, dass die Frau nach der Verletzung noch gelebt haben muss, da sich die Wunde schon im Heilungsprozess befand. Damit ist Madame X ein Fall für die Gerichtsmedizin und wenig später auch für Detektive Rizzoli, denn die Tote ist keineswegs eine Jahrtausende alte Dame aus Ägypten, sondern eine junge Frau neuerer Zeit, die grausam und vorsätzlich umgebracht wurde.

In der toten jungen Frau wurde noch eine seltsame Münze mit einer ägyptischen Symbolschrift gefunden, und als die junge Archäologin Josephine Pulicillo diese entziffern kann, reagiert sie verstört und unruhig.

Als Dr. Josephine Puicillo im Kofferraum ihres Autos eine Moorleiche findet und diese sehr ähnliche Verletzungen aufweist, ist das Grund genug, um die Ermittlungen in die Richtung der jungen Archäologin zu verstärken. Aber was hat diese junge Frau mit einer Mumie aus diesem Jahrhundert und einer Moorleiche zu tun? Das Gebäude des Museums birgt dunkle Familiengeheimnisse, und der Schlüssel dazu liegt scheinbar in einer dunklen Erinnerung …

_Kritik_

Gerritsens „Grabkammer“ ist ebenso spannend wie die bisherigen Romane um das Duo Isles/Rizzoli. Die Idee, dass eine Mumie – bei der man logischerweise annimmt, dass diese ein paar tausend Jahre auf dem Buckel hat – sich bei einer klinischen Untersuchung mit moderner medizinischer Technik als erst kürzlich verstorben herausstellt, ist durchaus originell.

Die Autorin baut die Spannung in den darauf folgenden Kapiteln unaufhaltsam auf; mehr und mehr schließt sich der Kreis, und Janes Rizzolis Intuition ist dabei der Motor der Ermittlungen. Die Handlungsstränge fügen sich wie bei einem Puzzle zu etwas Ganzem, doch nach den ersten Leichen lässt die Spannung deutlich nach. Schon nach wenigen Kapiteln, die unglaublich viele Hinweise beinhalten, vermutet der Leser genau richtig – der Schlüssel ist bei Josephine Puicillo zu suchen.

In „Grabkammer“ spielt die Zeit die eigentlich größte Rolle, und das nicht nur in Bezug auf den Mumienfund. Nicht auf die Leichen oder die Ermittlungen konzentrieren sich die Handlung und die daraus resultierende Spannung, sondern ganz allein auf die Person der jungen Archäologin und ihre geheimnisvolle Vergangenheit, auch wenn sie noch sehr jung ist.

Ein Übermaß an Überraschungen und Wendungen gibt es dabei nicht zu bestaunen; es bleibt zwar durchaus spannend, dies aber gleichförmig und ohne weitere Höhepunkte. Ansprechender wäre es vielleicht gewesen, wenn Tess Gerritsen mehr Wert auf die Enträtselung der mysteriösen Toten gelegt hätte.

Stilistisch reiht sich „Grabkammer“ in die vorherigen Bände mühelos ein. Rizzoli und Isles bewegen sich auf sicheren Boden und geben sich keine Blöße, nur in privaten Dingen lernt man die Gerichtsmedizinerin von ihrer menschlichen Seite her besser kennen, doch auch sie kann sich nicht wirklich gehen lassen und wirkt für den Leser, als hätte sie ihre berufliche, professionelle Maske gar nicht abgesetzt.

Interessant sind die medizinischen und historischen Ansätze. Über Mumien und Schrumpfköpfen geht es über zu Moorleichen; jeder Fund wirft weiteren Fragen auf, engt aber zugleich den Täterkreis ein – alle Indizien lassen darauf schließen, dass es sich um jemanden handeln muss, der in archäologischen oder anderweitigen wissenschaftlichen Kreisen tätig war oder ist.

Auch spart Tess Gerritsen, die selbst Ärztin ist, nicht mit medizinischem Vokabular und erklärt vieles aus pathologischer Sicht, wenn sie Dr. Isles recherchieren und ermitteln lässt, auch wenn ihre Spurensuche auf dem Obduktionstisch stattfindet.

_Fazit_

„Grabkammer“ ist hebt sich stilistisch und inhaltlich nicht sonderlich von den anderen Romanen dieser Reihe ab. Allzu brutal sind die Taten nicht geschildert, nur die Leichen bzw. deren Konservierung ist originell und einfallsreich gestaltet.

Tess Gerritsen ist mit „Grabkammer“ ein solider und empfehlenswerter Thriller gelungen. Die Figuren und ihr privates wie auch berufliches Umfeld entwickeln sich im Verlauf der Reihe und kommen dem sympathischen Eindruck und Wiedererkennungswert zugute.

_Die Autorin_

So gekonnt wie Tess Gerritsen vereint niemand erzählerische Raffinesse mit medizinischer Detailgenauigkeit und psychologischer Glaubwürdigkeit der Figuren. Bevor sie mit dem Schreiben begann, war die Autorin selbst erfolgreiche Ärztin. Wie schon mit ihrem Aufsehen erregenden Debüt „Kalte Herzen“, eroberte sie auch mit ihren folgenden Thrillern die US-Bestsellerlisten im Sturm. Der große internationale Durchbruch gelang ihr mit „Die Chirurgin“. Tess Gerritsen lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, Maine. (Verlagsinfos)

_Tess Gerritsen auf |Buchwurm.info|:_

[„Leichenraub“ 5366
[„Todsünde“ 451
[„Die Chirurgin“ 1189
[„Der Meister“ 1345
[„Roter Engel“ 1783
[„Schwesternmord“ 1859
[„Akte Weiß: Das Geheimlabor“ 2436
[„Scheintot“ 3913
[„Blutmale“ 4107
[„In der Schwebe“ 4454

|Originaltitel: The Keepsake; Keeping the Dead
Deutsch von Andreas Jäger
Jane-Rizzoli- & Maura-Isles-Serie Band 7
412 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-8090-2540-5|
http://www.limes-verlag.de

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