Melzer, Brigitte – Elyria – Im Visier der Hexenjäger

Mit Fantasy verbindet der Durchschnittsleser normalerweise eine unendliche Vorstellungskraft des Autors: Die Welt, in der die Geschichte spielt, unterscheidet sich deutlich von der unsrigen, ist von Fantasiewesen bevölkert und die Helden besitzen magische Kräfte. Brigitte Melzer zeigt mit „Elyria – Im Visier der Hexenjäger“, dass es auch anders geht.

Ihre Geschichte um die achtzehnjährige Gauklerin Elyria findet vor einer erfundenen Kulisse statt, die allerdings stark an die Zeit der Inquisition im Mittelalter angelehnt ist. Elyria entdeckt eines Tages ein heiliges Amulett auf dem Rastplatz ihrer Gauklertruppe und möchte es zurück an seinen Platz bringen. Dort beschuldigt man sie des Diebstahls und nimmt sie fest. Der Hexenjäger Peristae hält sie allerdings noch aus einem anderen Grund fest: Er glaubt, sie sei das Mädchen mit den goldenen Augen aus einer uralten Prophezeiung, die besagt, dass eben jenes Mädchen Unheil über die Welt bringen wird. Er foltert sie, damit sie gesteht, eine Hexe zu sein, doch aus ihrem Mund kommt kein verräterisches Wort. Warum auch? Sie ist sich schließlich ziemlich sicher, über keinerlei magische Kräfte zu verfügen.

Dies ändert sich, als sie zufällig dem angesehenen Soldaten Ardan über den Weg läuft. Ardan beherrscht einige magische Künste, die er aber wohlweislich versteckt hält, denn die Hexenkunst wird verfolgt. Als die beiden sich aus Versehen berühren, wird Ardans Kraft auf Elyria übertragen. Das junge Mädchen merkt zuerst gar nicht, was mit ihr los ist, und kann diese neue Gabe, die sich zumeist in unkontrollierbaren Feuerstößen oder Druckwellen äußert, nicht beherrschen. Das verhilft ihr zur Flucht aus Peristaes Gemächern und macht sie zu einer Gejagten. Gut, dass sie Ardan, der seine Magie unbedingt wiederhaben will, und einen weiteren königlichen Gefolgsmann, Crean, an ihrer Seite hat. Gemeinsam fliehen sie vor Peristae und seinen Häschern. Allerdings stellen sie sehr bald fest, dass sie noch mehr Feinde haben: Der schwarze König, ein Dämon, der eigentlich längst erledigt sein sollte, begehrt nach Auferstehung, und dazu benötigt er das Mädchen mit den goldenen Augen …

Brigitte Melzer zieht den Leser in ihren Bann. Mit ihrem flüssigen und atmosphärischen Schreibstil erschafft sie einen guten Hintergrund für die simple Handlung und die zwischenmenschlichen Konflikte, die sie angenehm kitschfrei abwickelt. Elyrias Geschichte bezieht ihre Intensität dabei weniger aus möglichst hoher Originalität, sondern vielmehr aus dem guten und sicheren Schreibstil, der sich einfach lesen lässt und fesselt. Es fällt dabei auf, dass die Fantasiewelt, die in anderen Büchern häufig die Hauptrolle spielt, mehr Mittel zum Zweck ist. „Elyria – Im Visier der Hexenjäger“ ist mehr Roman als Fantasygeschichte und ufert nicht in ellenlangen Beschreibungen der Schauplätze aus. Das ist in diesem Fall sehr angenehm und sicherlich einer der Hauptfaktoren, wieso dieses Buch so fesselt.

Die Handlung hat es bei so viel Erzählkraft ein wenig schwer. Obwohl gut konstruiert und durchaus spannend, fehlt es ihr hin und wieder an Besonderheit. Die Reise, die Elyria und ihre Begleiter unternehmen, wirkt vorhersehbar, und obwohl sie Action und Handlungsentwicklung aufweist, mangelt es an überraschenden Wendungen. Für den Hintergrund kann Melzer allerdings wieder einen Punkt für sich verbuchen. In einem kurzen Prolog werden die historischen Geschehnisse erklärt, und sie erweisen sich als stichhaltig und interessant. Es ist fast ein bisschen schade, dass Melzer nicht mehr politische, religiöse oder soziale Punkte in ihre Geschichte einfließen lässt.

Die Charaktere sind dagegen gut ausgearbeitet. Es fällt auf, dass die Autorin viele Erlebnisse und Eigenschaften einflicht, die man sonst eher in ‚modernen‘ Büchern erwartet hätte, wie zum Beispiel Eheprobleme. Das hilft dem heutigen Leser, einen Bezug zu den Figuren herzustellen. Elyria und Co. wirken dabei sehr bodenständig. Sie sind normale Menschen, die um ihr Leben kämpfen, und keine magischen Helden. Einziger Wermutstropfen dabei ist Elyria. Sie wirkt manchmal ein wenig einseitig, als ob es ihre einzige Aufgabe wäre, sich von den anderen beschützen zu lassen und aufgrund des Einsatzes ihrer magischen Kräfte erschöpft zu sein. Nun kann man sicherlich einwenden, dass sie einfach eine Art Anti-Heldin ist, doch hätte ihr die eine oder andere Stärke gutgetan.

Insgesamt besticht „Elyria – Im Visier der Hexenjäger“, das in der „Meister der Fantasy“-Reihe erscheint, mehr durch die Erzählweise als durch die Handlung. Das klingt jetzt vielleicht negativer, als es eigentlich ist: Brigitte Melzer hat ein tolles, mittelalterlich angehauchtes Buch geschrieben, das den Leser fesselt, aber durchaus etwas mehr Originalität hätte vertragen können. Dennoch ist es eine Empfehlung für all jene, die es gerne etwas bodenständiger und qualitativ hochwertig mögen.

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