Meyer, Deon – Weißer Schatten

Südafrika ist auf der Weltkarte der Kriminalliteratur bislang nicht besonders stark vertreten. Einer, der sich darum bemüht, dies zu ändern, ist Deon Meyer. Mit „Weißer Schatten“ legt er einen Roman über einen weißen Südafrikaner mit unsauberer Vergangenheit vor, der als Bodyguard Staatsmänner und Privatleute auf Südafrikas Straßen beschützt.

Eines Tages bekommt Lemmer den Auftrag von Emma Le Roux, sie auf einer Reise zum Kruger-Nationalpark zu begleiten und auf sie aufzupassen. Vor kurzem hat es einen Überfall auf sie gegeben, doch die Polizei nimmt die Sorgen der jungen Frau nicht sonderlich ernst. Emma glaubt, dass der Überfall damit zusammenhängt, dass ihr Bruder, der vor Jahren spurlos verschwand, wieder aufgetaucht ist. Sie glaubt, ihn in den Nachrichten erkannt zu haben, wo er wegen des Mordes an Geierwilderern gesucht wird.

Gemeinsam mit Lemmer macht sie sich auf den Weg, um Jacobus‘ Spuren zu verfolgen, und schnell wird klar, dass der Überfall auf sie ernst genommen werden sollte. Am Abend findet sich in ihrem neuen Appartement eine hochgiftige schwarze Mamba, die Lemmer nur im letzten Augenblick beseitigen kann. Es scheint, als seien die beiden auf eine Sache gestoßen, die jemand nicht aufgedeckt haben möchte. Gemeinsam ermitteln sie weiter und finden dabei heraus, dass Jacobus möglicherweise tatsächlich am Leben ist.

Leicht ist die Suche nach ihm aber nicht. Inspector Jack Phatudi stellt sich quer und hilft den beiden nicht, sondern schickt ihnen sogar seine Männer hinterher. Als die beiden gerade unterwegs zu ihrem Quartier sind, gelangen sie in einen Hinterhalt, bei dem Emma ernsthaft verletzt wird. Lemmer, der während ihrer Reise so etwas wie Gefühle für Emma entdeckt hat, schwört, die Täter aufzuspüren und zu eliminieren – und den verschollen geglaubten Jacobus zu finden.

Man muss außenpolitisch nicht besonders bewandert zu sein, um zu wissen, dass Afrika ein Land ist, das sich mit Deutschland nicht so leicht vergleichen lässt. Recht und Ordnung werden dort anders definiert als hierzulande, und dementsprechend ist Lemmers Tätigkeit eine berechtigte. Der Autor, der seine Karriere als Journalist begann, schafft es, die Zustände, die in Südafrika herrschen, gut zu skizzieren und auch historisch wichtige Ereignisse anzureißen, ohne ins Schwafeln zu geraten. Trotzdem sind die politischen und privaten Machtspiele, denen man während der Lektüre immer wieder begegnet, nicht einfach zu durchschauen. Dadurch und durch die unübersichtliche Anzahl von Personen gerät das Buch immer wieder ins Stocken. Obwohl eigentlich spannend, fällt es manchmal schwer, bei der Stange zu bleiben. An einigen Stellen zieht sich die Geschichte unnötig in die Länge, ist an und für sich aber gut lesbar.

Die Figur des Lemmers ist ausgereift, doch Meyer erfindet das Rad bei seiner Charakterskizzierung nicht neu. Schweigsame Männer in gefährlichen Jobs, die nach einem Ausrutscher in ihrer Vergangenheit zu mehr oder minder tugendhaften Geläuterten wurden, gibt es beileibe genug. Es ist schade, dass Meyer diesem Stereotyp keine eigene Note verleiht. Auch die anderen Personen wirken oberflächlich, da der Autor zu selten ins Detail geht. Passend zum nüchternen Schreibstil spielen Emotionen keine große Rolle in der Geschichte und dementsprechend wenig Tiefe weisen die Personen auf.

Der Schreibstil ist, wie bereits erwähnt, eher trocken und sachlich. Das ist allerdings ein geschickter Schachzug, denn es wird aus der Ich-Perspektive Lemmers erzählt, und dieser ist selbst kein Mann der großen Worte. Dementsprechend flüssig und zusammenpassend wirken Hauptperson und Schreibstil. Hinzu kommt, dass Meyer insgesamt sehr versiert und sicher schreibt. Er weiß genau, was er erzählen möchte, und fasst dies in einfache, leicht verständliche Worte. Abschweifungen und unnötigen Ballast lässt der Autor von vornherein weg. Abgesehen von ein paar dramaturgischen Schleifen ist das Buch daher angenehm abgespeckt, auch wenn ab und an mehr Tiefe nicht geschadet hätte.

Deon Meyer hat mit „Weißer Schatten“ einen soliden Thriller geschrieben, der vor einer für den europäischen Leser exotischen Kulisse spielt. Abstriche muss man vor allem bei der etwas langsamen Handlung und den wenig ausgearbeiteten Charakteren machen, während der Schreibstil sowohl die Stimmung der Geschichte als auch die Ansichten der erzählenden Hauptperson gut vermittelt.

|Originaltitel: Invisible
Aus dem Englischen von Ulrich Hoffmann
Hardcover, 421 Seiten
ISBN-13: 978-3-352-00759-0|
http://www.aufbau-verlagsgruppe.de
http://www.deonmeyer.com

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