Rönkä, Matti – Grenzgänger, Der

_Auftritt des Wiesels: Der Privatdetektiv zwischen allen Fronten_

Viktor Kärppä ist russischer Emigrant – und ein Mann mit vielen Fähigkeiten. Da sein Diplom der St. Petersburger Sportakademie in Finnland nichts wert ist, hat er in Helsinki ein Detektivbüro eröffnet. Viktor nimmt Aufträge aller Art an und dient vielen Herren auf beiden Seiten der finnisch-russischen Grenze.

Nun soll er im Auftrag des Antiquars Aarne Larsson dessen Ehefrau Sirje finden, die spurlos verschwunden ist. Ein Routinejob, denkt Viktor. Doch die Suche nach der jungen Frau stört die Kreise gnadenloser Gangster. Denn bald stellt sich heraus, dass Sirje die Schwester des estnischen Drogenkönigs Jaak Lillepuu ist. Viktor gerät in das Fadenkreuz russischer Spione und estnischer Schmuggler, und als wäre das nicht genug, sitzt ihm noch der exzentrische Kommissar Korhonen im Nacken. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Matti Rönkä, geboren 1959 in Nord-Karelien, ist Journalist. Er hat sowohl in den Printmedien als auch beim Radio gearbeitet und ist heute Chefredakteur und Nachrichtensprecher beim finnischen Fernsehen. Jeder Finne kennt ihn als „Mister Tagesschau“ – und als Autor sehr erfolgreicher Krimis. Rönkä lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Helsinki. Er wurde mit dem Finnischen, dem Nordischen und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. (Verlagsinfo)

Für seinen ersten Roman ›Der Grenzgänger‹ wurde Rönkä sowohl mit dem ›Deutschen Krimipreis 2008‹ als auch mit dem finnischen Krimipreis 2006 ausgezeichnet. Der Autor erhielt außerdem den Nordischen Krimipreis 2007. (Verlagsinfo)

Bereits erschienen:

„Bruderland“
[„Russische Freunde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7947
[„Entfernte Verwandte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7955
„Zeit des Verrats“

_Hintergrundinformationen _

Folgendes Wissenswertes berichtet der Autor in seinem Nachwort zu „Entfernte Verwandte“:

Auf mütterlicher Seite ist Viktor Gornostajew / Kärppä ein Karelier. Diese bilden ein eigenes Volk, dessen Sprache eng mit dem Finnischen verwandt ist. Nach dem finnischen Bürgerkrieg von 1917/18, der auf die Unabhängigkeit von Schweden folgte, flohen viele der unterlegenen „Roten“ vor den bürgerlichen „Weißen“ nach Russland. Hier wollten sie das Arbeiterparadies aufbauen. Während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre kamen selbst Finnen aus den USA und Kanada hierher nach Karelien.

Auf der väterlichen Seite jedoch ist Viktor Ingermanländer. Diese siedelten in einem schmalen Streifen nordöstlich von St. Petersburg. Es sind Finnen, die im 17. und 18. Jahrhundert von den Schweden angesiedelt wurden, um die lutherische Kirche im Osten zu stärken. Rund 200.000 Finnen pflegten die finnische Kultur usw. Doch besonders zu Stalins Zeiten wurden Finnen verfolgt, in Lager gesteckt, Familien auseinandergerissen und Bevölkerungsteile in ferne Gegenden Russlands vertrieben.

Im Zweiten Weltkrieg eroberte die deutsche Wehrmacht Ingermanland, um Leningrad einzuschließen. Die dort lebenden Menschen wurden nach Finnland umgesiedelt. Dort schlossen sie Ehen mit Finnen und adoptierten verwaiste Kinder. Ingermanländische Männer, die (1939/1940) in finnische Gefangenschaft geraten waren, schlossen sich der finnischen Armee (1941-45) an, wo sie „Stammesbataillone“ bildeten. Den Ingermanländern wurde insgeheim eine gesicherte Zukunft in einem „Großfinnland“ versprochen.

Nach dem verlorenen Krieg 1944 mussten allen Sowjetbürger zurück in die Sowjetunion, darunter an die 60.000 Ingermanländer mit zahlreichen Adoptivkindern. Manche blieben mit gefälschten Papieren in Finnland oder flohen nach Schweden. In der Sowjetunion wurden die Ingermanländer erneut zerstreut, doch vielen gelang es, sich in Russisch-Karelien, Estland oder Ingermanland niederzulassen. Nach 1990 erlaubte Finnland den Ingermanländern die Rückkehr nach Finnland. Etwa 30.000 Ingermanländer erlangten so die finnische Staatsangehörigkeit, doch sie sprachen kein Finnisch und waren entwurzelt. So erging es auch Viktor.

_Handlung_

Viktor Kärppä alias Viktor Nikolajewitsch Gornostajew sitzt in seinem Detektivbüro in Helsinki, als Aarne Larsson eintritt. Larsson ist ein Antiquariatsbuchhändler um die sechzig, der seine Frau Sirje, 35, seit Anfang Januar vermisst. Sie ist spurlos verschwunden. Selbst die Polizei hat die Suche aufgegeben, denn sie mischen sich nicht in die Angelegenheiten von Gangstern ein.

Gangster?, stutzt Viktor und schaut noch mal in Larssons detaillierten Unterlagen nach. Da steht’s: Sirjes estnischer Mädchenname lautet Lillepuu. Ihr Bruder ist der estnische Drogenkönig Jaak Lillepuu. Au Backe, denkt Viktor. Auch sein Auftraggeber Gennadi Ryschkow warnt ihn vor Jaak Lillepuu. Ein knallharter Typ, mit dem man sich nicht anlegen sollte. Na, prächtig.

Ryschkows Partner Karpow beklagt sich, dass ihm und Ryschkow unbekannte Gangster eine Lagerhalle voll geschmuggelten Alkohols und gefälschter Zigarettenpackungen ausgeräumt hätten. Und den Wächter Jura hätten sie gleich mitgenommen. Dieser Jura taucht im Kofferraum eines japanischen Autos in einer Tiefgarage wieder auf. Allerdings in Einzelteilen. Was die Kriminalbeamten Teppo Korhonen und Ypi Parjanne neugierig darauf macht, ob wohl Kärppä etwas darüber weiß. Immer nett, wenn die Kripo morgens um drei auf einen Plausch vorbeischaut. Besonders ohne Schlüssel. Dass selbst Korhonen, der Viktor als Informant benutzt, über die Suche nach Sirje Bescheid weiß, findet Viktor auch nicht gerade beruhigend. Wer weiß noch davon?

Die letzte Spur von Sirje Larsson verliert sich in einem verfallenden Mietsblock voller Esten, Finnen und Ingermanländer. In der bezeichneten Wohnung ist sie nicht, wohl aber eine attraktive Psychologiestudentin namens Marja Takal, die Viktor äußerst interessant findet. (Er wird sie später heiraten.) Mit ihrer Hilfe hört er sich weiter um.

Aufschlussreicher ist ein Besuch in Estland bei Sirjes Eltern. Während ihr Vater recht verschlossen und abweisend wirkt, ist ihre Mutter recht besorgt. Aber hier finden sich keine Spur und kein Hinweis auf Sirje. Der Vater erwähnt, dass Sirjes Bruder Jaak Lillepuu am Telefon meinte, das interessiere ihn nicht. Doch als Jaak auf der Fähre zurück nach Helsinki persönlich auftaucht, klingt das ganz anders. Er legt Kärppä über die Reling, so dass dieser einen intensiven Blick auf die trügerischen Wellen der kalten Ostsee werfen kann. Die mit einem Messer unterstrichene Botschaft ist deutlich: Finger weg von dieser Sirje-Sache!

Die Botschaft kommt durchaus an. Doch als Kärppä sieht, dass Jaak eine Zigarette aus einer Packung raucht, die kürzlich aus Karpows Lagerhaus geklaut wurde, zählt er zwei und zwei zusammen. Hier ist etwas oberfaul, und er gedenkt, der Sache auf den Grund zu gehen. Er stößt auf gefälschte Leichen und einige unangenehme Wahrheiten …

_Mein Eindruck_

Wer seinen Dashiell Hammett und Raymond Chandler kennt, der weiß, dass kaum eine der Figuren, die in dieser Geschichte auftauchen, die ist, die sie zu sein vorgibt. Viktor Kärppä lernt noch auf die harte Tour, dass das Leben einen doppelten Boden hat und er sich beeilen sollte, dies mal nachzuprüfen, auf dass er nicht ins Bodenlose falle. Sein Fehler ist nur, dass er nicht annimmt, dass selbst der doppelte Boden noch eine weitere Ebene haben könnte.

Jeder verfolgt seine eigenen Absichten und andere müssen dafür die Zeche zahlen. Das war schon in den alten Noir-Krimis von Chandler & Co. so. Nach dem Fall des Eisernen Vorhang schicken sich die Russen und Esten an, Finnland zu überrennen und mit gefälschter Schmuggelware zu überschwemmen. Kein Wunder, dass ihnen Nationalisten wie Larsson in die Quere kommen können.

Zu den Russen zählt Kärppä natürlich selbst, und dass er einst bei einer Spezialeinheit der Russischen Armee ausgebildet wurde, kommt ihm jetzt zupass. Tarnen, spionieren, täuschen und tricksen, das liegt dem „Wiesel“, wie sein Name bedeutet, im Blut. Und diese Tatsache reibt ihm Teppo Korhonen bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase. Allerdings verdankt es Viktor diesen Fähigkeiten sowie seinen guten Kontakten in die Leningrader Unterwelt, dass er noch am leben ist.

Eine der wichtigsten Szenen, die Kärppäs Hintergrund beleuchten, dreht sich um sein in Ingermanland zurückgebliebenes Mütterchen. Die alte Frau hat das Putzen übertrieben und einen Herzanfall erlitten. Wer kümmert sich um sie, wer kommt für die Klinikkosten auf, wer transportiert ihre Söhne Alexej und Viktor hin und zurück? Viktor ist auf viele zwielichtige Leute angewiesen, in deren Schuld er ungern stehen möchte.

Zu diesen Leuten gehören auch sein Auftraggeber, Mentor und Chef Ryschkow. Kann Kärppa diesem Mann, der in vielen Halbweltprojekten seine Finger drin hat, wirklich trauen? Chandler-Kenner würden rufen: „Niemals!“ Warum sollte Kärppä auf solche Rufer hören? Nun, spätestens dann, als er sich in Jaak Lillepuus Organisation einschleusen lässt und dort unerwartet viele Gesichter sieht, die er ganz woanders vermutet hatte. Die Rückfahrt mit der estnischen Fähre mündet in einen spannenden Showdown.

_Die Übersetzung_

Die Übersetzerin legt ein großes Gespür für die korrekte Wortwahl an den Tag, so dass der deutsche Stil meist ganz natürlich klingt. Mit zwei dubiosen Ausnahmen. Auf S. 16 heißt es: „Ich verkaufe also kaum fiktive Prosa“, sagt der Antiquar Larsson. Bei uns sagt man allerdings nicht „fiktive Prosa“, denn dass Prosa-Geschichten fiktiv sind, versteht sich ja von selbst. Man sagt daher „fiktionale Prosa“, also erzählende Prosa. „Fiktiv“ steht nur deshalb da, weil am Ende des Absatzes die Rede von Fiktion vs. Fakten ist.

Auf S. 67 steht der Satz “ …Ryschkow hatte möglicherweise zu enge Verbindungen zur FSP oder anderen Nachfolgeorganisationen des KGB.“ Korrekt wäre FSB, wie es ja dann auch in späteren Rönkä-Romanübersetzungen heißt. Den FSB gibt es bis heute.

_Unterm Strich_

Für sein Krimidebüt verlässt sich Matti Rönka auf die erprobten Kniffe der Altvorderen und Meister dieses Fachs. Trau keinem, der dich beauftragt oder dich um einen Gefallen bittet, sollte sich Viktor Kärppä hinter die Ohren schreiben. Und was du siehst, ist nicht unbedingt das, wofür du es hältst. Es ist eine Welt der Fälschungen, in der es keine festen Identitäten mehr gibt, keine festen Loyalitäten, und schon gleich gar keine Wahrheiten.

Aber es gibt die Stimme des Blutes. Sie ruft rein und wahr über viele Meilen hinweg. So findet Viktor Kärppä flugs ans Krankenbett seiner Mutter und trifft dort seinen Bruder. Schon bald werden sie in Rönkäs Romanen Seite an Seite auftauchen. Aber auch die Liebe kann ehrlich sein, und so kommt es nicht von ungefähr, dass Viktor Kärppäs letzter und dringendster Hilfruf nicht an Alexej gerichtet ist, sondern an seine Freundin Marja. Was wird sie damit machen? Diese Seite der Geschichte ist Rönkäs unverwechselbarer Beitrag zum Genre.

Jeder Krimi von Matti Rönkä bietet lohnende Krimilektüre (siehe meine Berichte). Das vorliegende Debüt erhielt so viele Auszeichnungen und Lorbeeren, dass ich sie hier lieber nicht aufzählen möchte. Sie könnten unglaubwürdig wirken. Das soll keinesfalls davor abschrecken, sich den 220-Seiten-Krimi in ein bis zwei Tagen zu Gemüte zu führen.

|Taschenbuch: 222 Seiten
Originaltitel: Tappaja näiköinen mies, 2002;
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
ISBN-13: 978-3894255602|
http://www.grafit.de

_Matti Rönka bei |Buchwurm.info|:_
[„Russische Freunde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7947
[„Entfernte Verwandte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7955

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