Arthur, Robert – Die drei ??? und der sprechende Totenkopf

Schon seit meinen Kindertagen bin ich ein großer Fan der drei Fragezeichen, die 1964 – von Robert Arthur erfunden – ihren ersten Fall lösten. Seither sind die drei Juniordetektive aus dem fiktiven kalifornischen Nest namens Rocky Beach (irgendwo zwischen Los Angeles und Santa Barbara gelegen) aus der Jugendliteratur nicht mehr wegzudenken. Bekannter sind hierzulande jedoch die EUROPA-Hörspiele, welche 1979 – zunächst zaghaft – ihren famosen Siegeszug antraten. Seither werden immer neue Fälle gestrickt und natürlich längst nicht mehr von Robert Arthur, sondern vielen Autoren. Darunter neuerdings auch deutsche, denn vor allem die Hörspielserie wird hierzulande mit besonderem Elan erfolgreich weitergeführt. Was logischerweise auch dazugehörige Buchvorlagen voraussetzt. Dabei hat sich das besonders treue Klientel von den ehemaligen Teenies zu Thirtysomethings gewandelt. Wie in meinem Fall.

Das vorliegende Buch gehört fraglos zu den Klassikern und datiert ins Jahr 1969 zurück. Es stammt noch aus der Feder des Erfinders höchstpersönlich. Die deutsche Premiere hatte der sprechende Totenkopf 1971 im Stuttgarter |Frankh-Kosmos|-Verlag und ist bis dato wer-weiß-wie-oft in verschiedenen Versionen nachgedruckt worden, sei es als Hardcover (inklusive des legendären Covers von Aiga Rasch) und wesentlich später auch als Taschenbuchausgabe mit alternativen Titelbildern oder Lizenzdrucken kleinerer Verlage bzw. Sammelbänden mit je zwei bis drei Geschichten. Heute hat übrigens der Bertelsmann-Konzern die Serie auch in ihrer Buchform übernommen, die Hörspiele standen über die EUROPA-Studios (100-%-Tochter der |BMG Ariola Miller|) eh schon seit Serienstart 1979 unter dessen Fuchtel. Dort ist der Fall die Nummer 6, bei den Büchern existiert keine Nummerierung, sie sind überdies auch in anderer Reihenfolge erschienen als die Hörspiele.

_Zur Story_
Eine Zeitungsannonce erweckt die Neugier der drei Juniorschnüffler in ihren Sommerferien. Im nahen Los Angeles findet eine Auktion statt, bei der nicht abgeholte Gepäckstücke und Koffer aus unterschiedlichsten Quellen versteigert werden sollen. Derzeit herrscht in dem kleinen Detektivbüro, welches Justus, Peter und Bob alias „Die drei Fragezeichen“ betreiben, eh Flaute. Den Mangel an Fällen versucht Tante Mathilda durch massig Ferienarbeit auf dem familieneigenen Schrottplatz zu füllen. Da ist so eine Auktion eine willkommene Abwechslung, zumal die Jungs noch nie bei einer dabei waren. Justus ersteigert tatsächlich einen alten Koffer, den zunächst kein anderer haben wollte, für sage und schreibe einen Dollar. Eigentlich nur aus Jux und Dollerei bzw. seiner unstillbaren Neugier. Was da wohl drin sein mag?

Kaum haben die drei Jungs das Teil ersteigert, versucht eine ältere Dame noch schnell auf 20 Dollar hochzubieten, doch zu spät. Justus bekommt den Zuschlag. Die Frau bietet draußen sogar 30 Dollar, ein gutes Geschäft, doch Just lehnt das Angebot ab. Als ein Zeitungsreporter hinzukommt, um von den neuen Besitzern ein Foto für die Lokalredaktion zu schießen, verschwindet sie. Mysteriös. Die Fragezeichen ermitteln. Der Koffer gehörte einst einem Schausteller, genannt „Der große Gulliver“ – seines Zeichens Magier und Wahrsager. Er saß wegen seiner Wahrsagerei im Knast und verschwand nach seiner Entlassung vor einem Jahr spurlos und ließ nur den Koffer im Hotel zurück, der nun nach Ablauf der Wartefrist ungeöffnet versteigert wurde.

Anders als sein Name impliziert, war Gulliver wohl keine große Nummer, doch Glanzstück seiner Auftritte war ein angeblich sprechender Totenschädel: Sokrates. Dieser wird die drei Fragezeichen ganz schön auf Trab halten, denn er spricht nicht nur tatsächlich, sondern auch in Rätseln. Eine ganze Reihe zwielichtiger Gestalten taucht auf, die sich offensichtlich für den Koffer und insbesondere seinen Inhalt brennend interessieren. Noch in der ersten Nacht nach dem Kauf: zwei Einbrecher, die auf dem Schrottplatz herumschleichen. Dann Mr. Maximilian – ein angeblicher Magier-Kollege Gullivers – der ganze 100 Dollar bietet. Zu guter Letzt Juana, eine ominöse Zigeunerin, die Justus mittels ihrer stilgerechten Kristallkugel einen verklausulierten Hilferuf übermittelt, was den Fall noch rätselhafter macht. Eine Menge Hokuspokus, den die drei Detektive da entlarven müssen.

_Meinung_
Als Vertreter der ersten Garnitur der Serie, tritt Alfred Hitchcock hier noch mit seinen Zwischenkommentaren auf, welche die angedachte, jungendliche Leserschaft ansprechen und ein wenig in Richtung der Lösung des Falles bugsieren soll. Hitchcock hat mit der Erstellung der Serie im Übrigen nichts zu tun, er gab nur seinen zugkräftigen Namen her. Dafür lässt man ihn als Cameo der Mentor für die drei Detektive auftreten, der ihnen mit Kontakten und gelegentlich mit neuen Fällen zur Seite steht. Später verschwand die Figur sang- und klanglos aus den Romanen.

Die teils verschmitzen Einwürfe sowie das damals obligatorische Vorwort stammen natürlich auch nicht von ihm selbst, sondern vom jeweiligen Autoren. Die mitten im Text eingeklinkten Kommentare nehmen den Lesern das Denken zwar nicht ab, liefern aber manchmal ZU offensichtliche Tipps, was die Spannung dann ein wenig herausnimmt. Als Erwachsener gesprochen. Anderenfalls sind sie in einem belustigenden und süffisanten Tonfall verfasst – was man wiederum nicht missen möchte. Sie gehör(t)en nun mal einfach zum Konzept der drei Fragezeichen. Heutigen Jugendlichen traut man offensichtlich zu, auch ohne solche Denkhilfen genug Phantasie entwickeln zu können – und das trotz PISA. Alles hat seine zwei Seiten.

Mit knapp 130 Seiten ist der sprechende Totenkopf eine der kürzeren Geschichten der Serie, dennoch passiert relativ viel und auch die Wendungen sind geschickt gewählt. Das Erzähltempo ist dementsprechend straff und kompakt. Sprachliche Höchstleistungen findet man nicht, zum Teil mutet die Wortwahl und Schreibweise, dem heutigen Sprachgebrauch nach, etwas archaisch an, doch das muss man dem Buch nachsehen, denn man darf nicht vergessen, wann (und für wen) es geschrieben wurde. Einfache und klar strukturierte Sätze zielen vornehmlich auf das jugendliche Publikum, denen man mit tausendfach verschachtelten Konstrukten und Wortungetümen das Lesen auch vermutlich sofort gründlich vergällt hätte.

Der Fall gehört zur knackigeren Art, trotzdem kann man mit eigener Kombinationsgabe nicht nur trefflich miträtseln, sondern der endgültigen Lösung auch zumindest sehr nah kommen. Natürlich obliegt es Schlaumeier Justus, die Geschichte am Ende bis ins Detail aufzudröseln und vor der geneigten Leserschaft auszubreiten. Seine beiden Sidekicks, Bob und Peter, bleiben wieder einmal recht farblose Zuarbeiter für den großen Zampano (der gegenüber seinem Onkels Titus diesmal aber auch ein paar Federn lassen muss), liefern aber den einen oder anderen wichtigen Hinweis. Vor allem Buchwurm und Recherche-HiWi Bob.

Sportskanone Peter beschränkt sich bei diesem Fall mal wieder auf seine traditionelle Rolle des Hasenfußes, der (wie so oft) die Hosen voll hat und den sabbelnden Knochenkopp am liebsten eher jetzt als gleich loswerden und komplett aus dem Gedächtnis streichen möchte. Die Charakterisierungen und Beschreibungen der Handelnden sind im Übrigen recht flach, sie sind nicht bis in die Haarspitzen durch dekliniert. In der Erwachsenen-Literatur vielleicht ein Fauxpas, wünschenswert jedoch bei einem Kinderbuch, da es genügend Raum für die eigene Phantasie lässt.

Auf den ersten Blick ist der Plot schlüssig und die Lösung logisch, es haben sich aber ein paar Macken im Detail eingeschlichen. Zugegeben: Weniger als im betreffenden Hörspiel. Eine davon ist die streng gehütete Telefonnummer des Campingwagens auf dem Schrottplatz, welche nicht mal Tante Mathilda kennt. Für Fans nichts Neues, daher brüllt sie auch immer quer über den Platz, selbst wenn sie weiß, dass Justus sich in der Zentrale aufhält, statt ihn anzurufen. Und doch will Kommissar Reynolds sie von ihr erhalten haben, als er auf dem Apparat anruft.

Es kommt noch besser. Später klingelt noch jemand anderes durch und behauptet wiederum, die Nummer von Reynolds zu haben. Hat er natürlich nicht und würde dieser einem Wildfremden gegenüber auch nie preisgeben. Justus erklärt sich das später bei der Aufklärung damit, dass derjenige die Nummer wohl aus dem Telefonbuch habe. Dabei müsste er am besten wissen, dass das nicht sein kann, denn Geheimnummern werden nicht im Telefonbuch verzeichnet. Pingelig? Jein, immerhin reitet der Autor gut ein dutzend Seiten vorher gesondert auf der Sache mit der Geheimnummer herum. Hätte er die Klappe gehalten, wär’s niemandem aufgefallen.

_Fazit_
Eins der ersten Abenteuer der drei Jungschnüffler, das zu Recht Klassiker- und gleichwohl Kultstatus genießt, auch wenn dieses Superlativ von Fans natürlich bei unzähligen Geschichten der drei Fragezeichen strapaziert wird. Kein Wunder bei einer Auswahl von mittlerweile 120 Fällen (Tendenz steigend) in 25 Jahren auf dem deutschen Markt. Sammler schauen sich nach einer der originalen Hardcover-Ausgaben diverser Auflagen aus dem |Frankh-Kosmos|-Verlag um, was anderes kommt ihnen sowieso nicht ins Regal. Besonders Nickelige akzeptieren sogar nur die Erstauflage. Wer nur die Geschichte lesen mag oder in die Serie reinzuschnuppern gedenkt, greift zu einem der günstigeren Re-Prints in Taschenbuchform, die regelmäßig im Buchhandel feilgeboten werden. Mit dem sprechenden Totenkopf macht man nichts verkehrt, er vermittelt sehr gut das einzigartige Flair, für das die drei Fragezeichen stehen und was sie auch so bliebt gemacht hat.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „Alfred Hitchcock and the Three Investigators in the Mystery of the Talking Skull“
erzählt von Robert Arthur
Ersterscheinung: 1969 / Random House, New York
Deutsche Ausgabe: 1971 / Frankh-Kosmos, Stuttgart
Zugrundeliegende Version: 10. Aufl. / 1981
Übersetzung: Leonore Puschert
Seiten: 128
erhältlich in unterschiedlicher Form und Bindung
ISBN: 3-440-04772-5 (Originalausgabe)