Joachim Bumke – Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im Hohen Mittelalter

Der zuletzt in Köln Literaturgeschichte des Mittelalters lehrende Professor Joachim Bumke ist jedem Studenten der älteren Germanistik ein Begriff: Seine in der „Sammlung Metzler“ erschienene Einführung in die Epen des Wolfram von Eschenbach („Parzival“) gehört zum unverzichtbaren Standardrepertoire des Studierenden. Dadurch neugierig geworden, habe ich mich auf dieses Buch gestürzt, als die Gelegenheit da war, es zu rezensieren.

Das Mittelalter ist nicht einfach eine vergangene Epoche. Mit seinen Formen und Gestalten führt es heutzutage noch ein schattenhaftes Dasein. Schattenhaft deshalb, weil nicht die Werte des Mittelalters rezipiert werden, sondern Äußerlichkeiten, die unterhalten sollen – man denke etwa an das bunte Treiben der Mittelaltermärkte oder die Verwertung in den Medien. Ernsthaftere Beschäftigung mit dem Mittelalter trifft man dagegen nur bei einzelnen Gruppen innerhalb der Brauchtumspflege, Autoren und Musikern an. Trotzdem deutet dieses Interesse hin auf eine geheime, vielleicht ein wenig nostalgische Sehnsucht nach den Ursprüngen unserer Kultur, nach einer abenteuerlichen Epoche mit großen Zielen oder auch einfach nach einer anderen Zeit, einem Irgendwo, das fern der hektischen Betriebsamkeit der neoliberalen Postmoderne liegt.

Was will uns nun Joachim Bumke über das Mittelalter sagen? Wie der Untertitel schon verrät, konzentriert sich Bumke auf Literatur und Gesellschaft des Hohen Mittelalters im 12./13. Jahrhundert. Speziell das Leben an den großen Königs- und Fürstenhöfen in Deutschland steht im Mittelpunkt des Buches. Die französischen Verhältnisse werden aber immer wieder zum Vergleich herangezogen, weil sie großen Einfluss auf die gesamte ritterliche Kultur des Abendlandes hatten. Viele deutsche Dichter haben für ihre eigene Werke Vorlagen aus Frankreich benutzt (für Wolframs „Parzival“ beispielsweise stand der „Perceval“ des Chrétien de Troyes Pate). Diese wurden aber von den Dichtern umgearbeitet, so dass eigenständige Bücher dabei entstanden. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation regierten in dieser Epoche die Kaiser und Könige aus dem schwäbischen Geschlecht der Hohenstaufen, welches solche überragenden Persönlichkeiten wie Friedrich Barbarossa, Heinrich VI. oder Friedrich II. hervorbrachte. Besonders die Regierung Barbarossas galt schon zu Lebzeiten als legendäres Vorbild. Die deutsche höfische Kultur ist eng mit dem hohenstaufischen Geist verknüpft.

Das ca. achthundert Seiten starke Buch berichtet in sieben Kapiteln (plus einer Einleitung) über alle Aspekte der adligen Kultur jener Zeit. Den Anfang machen die historischen Grundlagen: Wir erfahren etwas über gesellschaftliche Begriffe wie Recht und Herrschaft, über das Königtum, Fürsten und Ministerialen, über das Lehnswesen, über wirtschaftliche Strukturen und die Entwicklung des Ritterbegriffes. Letzteres ist für die höfische Kultur besonders wichtig, weil sich die männlichen kriegerischen Tugenden in der Literatur vorrangig auf den Ritter beziehen. Da das Wort Ritter und sein lateinischer Vorgänger miles ursprünglich aus einer eher niedrigen sozialen Sphäre stammen, verknüpfte sich mit ihm erst nach einer langen Entwicklung die Vorstellung des gepanzerten adligen Kämpfers zu Pferd. Der Dienstgedanke wurde für einen Adligen nicht als etwas Unwürdiges aufgefasst, sondern als eine veredelnde Tätigkeit, die durch Selbstüberwindung zu den höfischen Tugenden führen sollte. Ist dieser Gedanke einerseits beim Ritter als Waffendienst für den Lehnsherren zu finden, so zeigt sich dasselbe Prinzip in der Minne als Frauendienst an der hohen Dame.

Im weiteren behandelt der Autor den schon erwähnten Einfluss der höfischen Kultur Frankreichs. In diesem Zusammenhang erläutert Bumke die Unterschiede zwischen den deutschen und französischen Ependichtern und Minnesängern. So ist bei den deutschen Dichtern u.a. eine stärkere Idealisierung festzustellen und ein größerer Ernst im Umgang mit dem Minnedienst.

Die nächsten beiden Kapitel haben die äußeren materiellen und zeremoniellen Formen zum Inhalt. Sehr ausführlich wird über die Sachkultur berichtet – über Burgen, Waffen, Kleidung und Essgewohnheiten. Die Überlieferungen zum berühmten Mainzer Hoffest von 1184 anläßlich der Schwertleite der Söhne Barbarossas dienen als Ausgangspunkt für eine Betrachtung über die Hoffeste im Hochmittelalter. Hier entfaltete die mittelalterliche Gesellschaft ihren ganzen Prunk und Stolz, der gleichzeitig auf herrschaftliche Präsentation als auch auf eine Überhöhung des Alltags abzielte. Bumke rekonstruiert aus den vorhandenen Quellen minutiös Ablauf sowie Zeremoniell von Festen und Schwertleiten.

Das fünfte Kapitel darf als das Herzstück des Buches bezeichnet werden. Der Autor setzt sich hier mit dem höfischen Tugendsystem und Gesellschaftsideal auseinander. Im „Jüngeren Titurel“, einer epischen Dichtung des 13. Jahrhunderts, werden die zwölf „Tugendblumen“ genannt, welche in mittelhochdeutscher Sprache lauten: belde (Tapferkeit), küsche (Reinheit), milte (Freigiebigkeit), triwe (Aufrichtigkeit), maz (Mäßigung), sorge (Fürsorge), scham (Schamhaftigkeit), bescheiden (Klugheit), staete (Beständigkeit), diemüte (Demut), gedulde (Geduld) und minne (Liebe). Ihr merkt schon, dass sich die Bedeutung der Worte teilweise in unserem Neuhochdeutsch verengt, erweitert oder gar gänzlich verschoben hat. So schwingt beispielsweise in der triwe oder triuwe die Bedeutung des heutigen Begriffes von Treue mit – aber der Aspekt des aufrichtigen Verhaltens wird betont. Außerdem bezieht sich triuwe vor allem auf die Treue des Vasallen gegenüber seinem Lehnsherren oder der im Minnedienst verehrten Dame. Auch das Wort minne bezeichnete mehr als die persönliche intensive Zuneigung einem anderen Menschen gegenüber. Minne war einerseits diese Anziehungskraft, andererseits auch der Frauendienst: Der Ritter oder Sänger begab sich in den Dienst einer Herrin (mhd. frouwe – Frau im Neuhochdeutschen meint heute dagegen das weibliche Geschlecht überhaupt), die er durch kämpferische Taten, für sie gedichtete Minnelieder, höfisches Verhalten und Knappendienste zu gewinnen suchte. Dabei stand nicht immer die körperliche Erfüllung im Mittelpunkt, sondern oftmals nur die reine veredelnde Wirkung des Dienstes. Der im Minnedienst Stehende durfte durchaus verheiratet sein, wobei Heirat im Mittelalter nicht unbedingt auf ein intimes Verhältnis hindeuten musste. Der Ritter konnte eine Geliebte haben, aber trotzdem triuwe zeigen – solange er sich vorbildlich und aufrichtig seiner Geliebten gegenüber verhielt. Im Gegensatz zu den lateinischen Schriften der Kirchentradition wurde von den höfischen Dichtern kein weltflüchtiges Ideal vertreten. Vielmehr kam es auf einen Mittelweg für den Ritter an – er sollte der Welt und Gott gleichzeitig gefallen. Christentum war im Hochmittelalter offenbar nicht gleich Christentum.

Das Buch schließt nach einigen kurzen Anmerkungen zur zeitgenössischen Hofkritik mit der Behandlung des hochmittelalterlichen Literaturbetriebes – also: Wie wurde Literatur verbreitet, wie aufgeschrieben und welche Wirkung hatte sie auf ihr Publikum.

Diese ganze Materialfülle wird von Joachim Bumke in einer bestechend präzisen und klaren Sprache vorgetragen – man merkt, dass der Autor nicht sein erstes Buch schreibt. Der Wälzer lässt sich trotz des Umfanges recht schnell und flüssig lesen. Die Zitate sind immer sowohl im Original als auch in einer Übersetzung angegeben. Das Buch wird zugleich einem wissenschaftlichen Anspruch wie auch dem Bedürfnis nach leichter Verständlichkeit gerecht. Dabei sind die Kapitel sicher unterschiedlich interessant für den „durchschnittlichen“ Mittelalter-Freund – so wird er die Zeremonie der Schwertleite oder die Erläuterung der ritterlichen und minnedienstlichen Ideale als spannender empfinden als die ‚ermüdenden‘ Erklärungen zu wirtschaftlichen Gebenheiten oder zu den Urkundenquellen.

Trotz der vielen positiven Seiten des Werkes gibt es zwei kritische Punkte, die ich hier anmerken will und die im übrigen nicht nur Bumke betreffen, sondern einen Großteil der modernen Altgermanistik. Bei allen gründlich recherchierten Einzelfakten fehlt der große Bogen, d.h. eine Gesamtdarstellung, die beispielsweise die Sachkultur mit den höfischen Idealen in Beziehung setzt. So stehen die Einzelheiten oft einfach im Raum. Es mangelt schlicht auch am Willen, sie zu einem großen Bild zusammenzufassen. Vor lauter „intellektueller Redlichkeit“ – natürlich gibt es bei jeder geschichtlichen Überlieferung eine ganze Menge Unsicherheiten – spart Bumke zu häufig mit den Farben in seinem Gemälde vom Hohen Mittelalter. Gerade das hatte beispielsweise jener 1951 verstorbene Germanist Hans Naumann, der von Bumke in der Einleitung gescholten wird, meisterhaft verstanden. Ich sage hier auch bewusst „seinem Gemälde“, weil über Geschichte zu schreiben immer gleichzeitig das Erzählen einer Sage bedeutet: wir sind nunmal auf die Quellen angewiesen und auf das, was wir daraus machen – auf das, was wir in den Quellen an Sinn entdecken wollen. In der Geschichte nach der einen Wahrheit des „Genauso ist es gewesen“ zu suchen, erweist sich in meinen Augen als Illusion.

Der zweite Punkt betrifft die übliche Arroganz des modernen Menschen der Vergangenheit gegenüber – ein Erbe der Aufklärung des 18./19. Jahrhunderts. Nach dieser Legende gibt es einen gradlinigen Fortschritt in der Geschichte. Im Zeichen bürgerlicher Selbstzufriedenheit wird daraus dann der Schluss gezogen: Wir sollten doch überhaupt froh sein, heute zu leben. Auch bei Bumke hören wir von den rohen und gewalttätigen mittelalterlichen Adligen, die in zugigen Burgen entsetzlich frierend hausten, ihre Frauen unterdrückten und ansonsten nichts anderes zu tun hatten, als die Bauern auszusaugen – wenn sie nicht gerade Feste feierten. Dabei verspürten sie interessanterweise immer noch das Bedürfnis, dem von Dichtern angeblich als Utopie zur Wirklichkeit entworfenem höfischem Ideal nachzueifern. So recht zusammenpassen will dieses fürchterlich einseitige Bild vom Hochmittelalter jedenfalls nicht! Sicherlich hatte z.B. die Gewalt im Mittelalter einen anderen Stellenwert als heute (wobei die Völkermorde der Neuzeit, unserer Zeit, fehlen) – aber nun einfach zu behaupten, die ritterlichen Anstandsregeln hätten nur in der Literatur gegolten, weil einige Annalen von abweichendem Verhalten als offensichtliche Besonderheit berichten, ist meiner Einsicht nach nicht statthaft. Irgendwann fragt man sich, warum zum Teufel Joachim Bumke sich überhaupt mit dieser Epoche beschäftigt, wenn sie angeblich so schlimm gewesen sein soll?!

Ob man diese meine Ansichten nun teilt oder nicht, das Buch bleibt einfach wegen seines Informationsgehaltes und der brillanten Sprache ein Standardwerk – wie der Buchrücken es nicht nur als leere Werbung verkündet. Hut ab vor der Leistung des Autors, aber seinen Bewertungen vermag ich vielfach nicht zu folgen.

Taschenbuch: 864 Seiten
www.dtv.de