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Mossé, Claude – Alexander der Große. Leben und Legende

Der Makedonenkönig Alexander der Große aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. gehört zu jenen Gestalten der Antike, nach deren Taten die Welt ein ganz anderes Anlitz zeigte. Um es ein wenig überzogen zu sagen: Vor dem Auftreten Alexanders gab es Griechen und Barbaren, nach dem Auftreten Alexanders nur noch Hellenen. Seine Feldzüge schoben den Wirkungsbereich der griechischen Kultur bis weit nach Asien und schließlich Indien hinein. War für die alten Griechen vorher alles Nichtgriechische fremdartig und ohne Übergang abgegrenzt von der eigenen Identität gewesen, so boten die Diadochenreiche, die nach dem Tod Alexanders von dessen Eroberungen übrig blieben, das Bild manigfach gemischter Bevölkerungen. Ägypten, welches schon lange vorher – wie uns Herodot, der Geschichtschreiber des 5. Jahrhunderts v. Chr. bezeugt – ein bewundertes Vorbild und einen großen Einfluss darstellte, kam nun selbst an ein griechisches Herrschergeschlecht, das der ehemalige General (griech.: |strategos|) Alexanders Ptolemaios I. hier begründen konnte. Das riesige Perserreich, welches ehemals die griechischen Städtebünde regelmäßig besiegte und viele asiatische Griechenstädte unter seiner Herrschaft hatte, zerfiel erstaunlich schnell im Laufe von nur zehn Jahren vor dem Ansturm des jungen Eroberers. Nach seinem frühen Tod im dreiunddreißigsten Lebensalter wurde er schon bald zur Legende und bis zu Napoleon ein geradezu mythisches Vorbild, das dem eigenen Streben so vieler Machthaber ein glanzvolles Gepränge geben konnte.

Aus diesem Grunde nennt die französische Professorin für Alte Geschichte an der Pariser Universität Claude Mossé ihr Buch im Untertitel „Leben und Legende“ (franz.: la destinèe d’un mythe). Sie wählt nicht die Form einer chronologischen Biographie, sondern versucht mit einem komplexeren Zugriff, der faszinierenden Gestalt des Makedonen gerecht zu werden. Der Ablauf der Ereignisse bleibt hier einem Kapitel unter anderen vorbehalten. Wir werden außerdem ausführlich mit den Nachwirkungen der Feldzüge Alexanders und mit seinem Nachleben in der Überlieferung bekannt gemacht. Insofern erfährt der Leser eine regelrechte Einweihung in die Probleme der modernen Forschung, die durch die Quellenlage und die historischen Zusammenhänge aufgeworfen werden. Denn im Grunde besitzen wir nur Quellen aus späteren Jahrhunderten über das Leben Alexanders, die auf einer schon bestehenden Überlieferung aufbauten. Claude Mossé macht also nicht nur mit dem Menschen Alexander, sondern auch mit dem geschichtlich wirksam gebliebenen und daher bislang „unsterblichen“ Phänomen Alexander bekannt. Wie aktuell diese Figur noch zu sein scheint, zeigt ja auch die jüngste Verfilmung seines Lebens durch Hollywood-Regisseur Oliver Stone.

Das vorliegende Buch steht in direkter Konkurrenz zur Neuübersetzung der Alexander-Biographie des Engländers Robin Lane Fox, die im Verlag |Klett-Cotta| erschienen ist. Durch den völlig anderen Zugriff der französischen Professorin aber bleiben beide Bücher für den geschichtlich interessierten Leser wertvoll und ergänzen einander. Wer wirklich in das Thema einsteigen will, wird zweimal in den Geldbeutel greifen müssen.

Damit ist bereits gesagt, dass Claude Mossé mit diesem Buch eine gelungene Arbeit vorgelegt hat. In klarer, sachlicher, aber nie zu schal wirkender Sprache führt sie uns in die Tiefen der historischen Erscheinung des jungen Welteroberers. Viele Wege führen nicht nur nach Rom, sondern in diesem Fall auch in ein Kapitel altgriechischer Geschichte, das mit anderen Mittelmeerkulturen eng verknüpft ist. Jeder Weg wird in einem für sich abgeschlossenen Teil beschritten. Die Richtung dieser Wege sei an dieser Stelle kurz beschrieben. Der zweite und der vierte Teil bilden dabei die Herzstücke des Buches.

_Der erste Teil: Die Etappen der Herrschaft Alexanders des Großen_
Hier bietet die Autorin den schon erwähnten biographischen Überblick. Ausgehend von der Situation in der Mittelmeerwelt im 4. Jahrhundert v. Chr. berichtet sie von den Schwierigkeiten, die Alexander nach der Ermordung seines Vaters Philipp II. mit den anderen Griechenstädten hatte und wie er dennoch einen vereinigten Feldzug gegen Persien erzwang. Er beendete die Herrschaft des persischen Geschlechtes der Achämeniden, eroberte ganz Kleinasien und Ägypten, brachte die östlichen Satrapien des Perserreiches unter seine Kontrolle, errichtete in Indien Machtzentren und zog schließlich triumphal in Babylon ein.
Nach der Einnahme einer Mahlzeit fühlte er sich nicht wohl, ging in sein Zelt und starb eines schnellen Todes. Es konnte nie geklärt werden, ob die Verdächtigung zu Recht bestand, dass ihn Antipater, sein Verwalter in Makedonien, hatte vergiften lassen, weil er die Ostpolitik des Königs missbilligte.

_Der zweite Teil: Die unterschiedlichen „Rollen“ Alexanders des Großen_
In der komplexen Gestalt des Makedonenkönigs vereinigten sich unterschiedliche „Rollen“, die er auf den historisch bedeutsamen „Bühnen“ seiner Zeit vor verschiedenstem Publikum „spielte“. „Spielte“ muss hier unbedingt in Anführungszeichen stehen, denn Alexander handelte dabei nicht vorrangig aus strategisch-politischen Erwägungen heraus, sondern war selbst ganz eingelassen und identifiziert mit diesen Formen seines Auftretens. Als König der Makedonen hatte er eine „Rolle“ inne, die ihn einer Einheit aus traditionellen Sitten und Bräuchen der Makedonen verpflichtete. Genau in jenem Moment, als er begann, diesen Traditionsrahmen zu überschreiten, kam es zum Eklat mit seinen makedonischen Kriegern.

Durch die immer stärker werdende Integration persischer Krieger in seine Armee, die gleichzeitig immer höhere militärische Ränge bekleideten, zog er sich den Unmut seiner Makedonen zu. Die Gefahr des drohenden Bruches mit diesem Teil seiner Armee wurde noch dadurch verschärft, dass er auch von den Griechen die Proskynese verlangte – eine orientalische Sitte, die das Niederwerfen auf den Boden vor dem König forderte. Im Laufe dieser Streitigkeiten tötete Alexander mehrere langjährige Freunde und Befehlshaber. Diese Untaten führten dazu, dass schon einige antike Schriftsteller ihn vorrangig als „Raufbold“ und Säufer darstellten.

In seiner „Rolle“ als |hegemon| der Griechen befehligte er den Korinthischen Bund, in dem die meisten Griechenstädte vereinigt waren. Dieser Bund hatte sich zum Ziel gesetzt, die griechischen Städte in Kleinasien aus persischer Vorherrschaft zu befreien – ein Ziel, das Alexander schon bald am Anfang seines Feldzuges erreichte. Als |hegemon| fühlte er sich aber auch dem Vorbild der alten Heroen verpflichtet, mit deren Taten er durch seine begeisterte Lektüre der Epen Homers schon in früher Jugend bekannt geworden war. Davon zeugen die zahlreichen Städtegründungen, die er nach mythischem Vorbild vornehmen ließ und die in erster Linie mit Griechen bevölkert wurden. Von den fernen Plätzen seines Wirkens schickte er Boten nach Griechenland, die seine Befehle den dortigen |poleis| ausrichten sollten und verlangte eine göttliche Verehrung, was teilweise nicht auf die Begeisterung der griechischen Stadtbewohner stieß. Die Spartaner ließen allerdings lakonisch verlauten: „Wenn Alexander will, soll er ein Gott sein!“

Da die Herrschaft im Perserreich nun in seinen Händen lag, musste er die „Rolle“ eines Nachfolgers der Achämenidenkönige übernehmen. Alexander behielt als kluger Feldherr natürlich den Großteil der Verwaltungen bei, die er in den besetzten Gebieten vorfand. So setzte er meist einheimische Satrapen als Verwalter ein und errichtete in den jeweiligen Städten nur eine makedonische Kaserne als Kontrollinstanz. Er erhob Tribute, tastete aber die Regierungsformen und Sitten der Einheimischen nur in Ausnahmefällen an.

Eine wichtige „Rolle“ Alexanders war die seiner Gottsohnschaft. Von ihr zeugen noch die Widderhörner am Kopf Alexanders auf vielen Darstellungen bis ins Mittelalter hinein. Alexander erschien als der Sohn des Gottes Zeus Ammon, in dem sich der griechische oberste Gott Zeus mit dem ägyptischen Sonnengott Amun zu einer Einheit verband. Letzterer konnte als Mann mit einem Widderkopf dargestellt werden und daher waren Alexanders Hörner ein Attribut dieses Gottes. In der ägyptischen Oase Siwa erhielt Alexander von dem dortigen berühmten Orakel die Bestätigung dafür, dass er über die Perser siegen werde sowie die Offenbarung seiner Gotteskindschaft. Da die Makedonen sich von Alters her als Nachkommen des vergöttlichten Heros Herakles verstanden, war Alexander seitdem gewissermaßen doppelt mythisch legitimiert. Für Alexander besaß diese Verbindung mit Zeus Ammon eine große persönliche Wichtigkeit, was sich schon daran sehen lässt, dass seine Soldaten einmal mürrisch verkündeten, er brauche sie offensichtlich nicht und solle doch mit seinem göttlichen Vater alleine siegen. Claude Mossé geht in diesem Zusammenhang auf die Tradition der Heroenverehrung in Griechenland ein, in der auch Alexander fest verwurzelt war.

_Der dritte Teil: Der Mensch Alexander_
Für die Nachzeichnung des Charakters von Alexander hält sich die Autorin hier an den vertrauenswürdigsten Führer – an den Philosophen und Historiker Plutarch, der allerdings vier Jahrhunderte später zur Zeit Caesars lebte. Der Leser findet in diesem Teil ein Kapitel über die Erziehung und Kindheit Alexanders, in dem auch sein Lehrer, der berühmte Philosoph Aristoteles, eine Rolle spielt.
Ein weiteres Kapitel berichtet über die Eigenschaften, die Alexanders Persönlichkeit in den Quellen am häufigsten zugeschrieben wurden. Diese reichen von den Feldherrntugenden wie Mut und einer geradezu sagenhaften Großzügigkeit über seine Vorliebe für die Philosophie bis zu den Schattenseiten Alexanders, die vor allem am Ende seiner Feldzüge zutage traten. Beispielsweise konnte seine ansonsten vorbildlich geübte Selbstbeherrschung später in den brutalsten Jähzorn umschlagen.

_Der vierte Teil: Das Erbe Alexanders_
Die eigentliche historische Bedeutung Alexanders geht darauf zurück, dass seine Herrschaft „einen radikalen Bruch in der Entwicklung des östlichen Mittelmeerraumes bedeutete“ (S. 131). Frau Mossé schreibt weiter: „Bevor er die geschichtliche Bühne betrat, bestanden auf der östlichen Seite der Ägäis das riesige Perserreich und auf der westlichen viele griechische |poleis|. Unter ihnen ragten einige Städte heraus, die einen Grad der Zivilisation erreicht hatten, der in den Augen der damaligen Griechen als das direkte Gegenteil des barbarischen ‚Despotismus‘ erschien. Dies waren Städte, die sich nach – zugegeben – unterschiedlichen Maßstäben und Normen selbst regierten; aber alle verstanden den Begriff des Bürgers als Synonym für höchst erstrebenswerte politische Aktivitäten. Nach Alexander bestanden in erster Linie riesige, von Königen regierte Staaten, die sich dennoch der griechischen Kultur verpflichtet fühlten. Natürlich gab es sowohl im europäischen Teil Griechenlands als auch in Kleinasien weiterhin unabhängige griechische Staatsgebilde oder untereinander verbündete Städte und Staaten. Und in den Städten zumindest blieben die in den vergangenen Jahrhunderten erworbenen Formen des Zusammenlebens erhalten, und so gesehen stimmt es, dass der Typus der griechischen Stadt durch den Eroberungszug des Makedonen nicht untergegangen ist. Aber diese Städte besaßen, selbst wenn sie nicht innerhalb der ausgedehnten Königreiche lagen, die aus Eroberungen hervorgegangen waren, bezüglich ihrer äußeren Beziehungen nur noch begrenzte Autonomie. Sie standen trotz einiger kurzlebiger Ausbrüche in Form von Unabhängigkeitsbestrebungen doch mehr oder weniger im Schatten hellenistischer Könige, bevor sie dann unter römische Herrschaft gerieten.
Die kurze Herrschaft Alexanders führte also zu einem Bruch, auf politischem, aber auch auf kulturellem Gebiet in dem Maße, in dem sich im Lauf der Zeit neue Formen des Denkens, der religiösen Synkretismen oder von Akkulturationsphänomenen herausbildeten.“ (S. 131 f.). Dies führte nicht zu einer sofortigen Änderung des Gesichtes der antiken Welt, aber Alexander leitete die Entwicklung ein, „die der antiken Welt ihr endgültiges Aussehen gab.“ (S. 132)
In diesem Kapitel werden also die neuen Formen der Monarchie, der Lebensführung und Wirtschaft behandelt, genauso wie die fortschreitende Hellenisierung des Orients, die eine folgenschwere Ausdehnung griechischer Kultur bedeutete und es bespielsweise ermöglichte, dass viele Jahrhunderte später die Schriften des Aristoteles im Mittelalter durch arabische Übersetzungen nach Europa zurückgelangen konnten.

_Der fünfte Teil: Alexander, ein mythischer Held_
Hier behandelt die Autorin das Bild, das sich die späteren Jahrhunderte von Alexander machten. Sie beginnt mit den Schriftstellern der römischen Antike und untersucht den „Alexanderroman“, der die mittelalterliche Sicht auf den Eroberer als frühen Vorläufer des Christentums widerspiegelt und an dessen legendärer Überlieferung selbst noch in der Neuzeit weitergesponnen wurde. Schließlich gelangt sie zur modernen Historiographie und den Romanschriftstellern, die sich immer wieder gerne der Gestalt Alexanders bemächtigten. Als Beispiele kommentiert sie den bekannten Roman Klaus Manns und die Romantrilogie des italienischen Schriftstellers Valerio Manfredi. Ein Epilog schließt das Buch ab, in dem die Autorin ihren eigenen Zugriff noch einmal erläutert, der ja in bestimmender Weise die Vorstellungen, die sich spätere Generationen über Alexander machten, einbezieht und damit zugleich auch die Bedeutung, die diese Vorstellungen in der Entwicklung von Gesellschaften haben.

Das Urteil der Autorin fällt bei jedem der behandelten Themen sehr zurückhaltend aus. Sie weiß einerseits um die Problematik der Quellenlage, vermeidet es aber andererseits, heutige Denkweisen und Plausibilitäten einfach auf die Menschen der damaligen Zeit zu übertragen. Die Sprache der Quellen verliert sie niemals ganz aus dem Auge. Der Ton ihrer Erzählung ist stets ruhig und ausgeglichen. Zwischen faktenorientiertem Positivismus und begeisterter Romantik sucht sie sich ihre eigene Perspektive, die dem Maß beider Sichtweisen gerecht werden kann. Die Fakten stehen im Vordergrund, ihre Ausdeutung bleibt dabei immer vorsichtig, aber eine leise Faszination durch die kraftvolle Gestalt Alexanders klingt an jeder Stelle im Text zumindest als Hintergrund mit an.

Als weiterer Pluspunkt des Werkes erweist sich die verbindende Herangehensweise der Autorin. Trotz der Fülle der Einzelthematiken geht der Gesamtzusammenhang nie verloren. Allzu häufig verdrängt in den modernen geschichtswissenschaftlichen Abhandlungen die Fleißarbeit der Detailfindung den denkerischen Gehalt einer großen Zusammenschau der Ereignisse. Die Einzelfakten stehen dann meist etwas verloren nebeneinander im Raum. Claude Mossé gelingt es aber, die von ihr aufgegriffenen einzelnen Fäden immer wieder durch Querverweise auf die anderen Teilthemen zu verknüpfen. Im Geiste des Lesers ensteht nicht der Eindruck eines Sammelsurriums von Fakten oder Einzelfragen, sondern ein kompaktes Bild über Leben, Erbe und Legende einer großen weltbewegenden Persönlichkeit, dessen einzelne Momente aufeinander verweisen.

Im Anhang des Buches finden sich neben dem obligatorischen Register, den Literaturhinweisen, einer Zeittafel und dem Kartenmaterial noch Kurzbiographien zu den wichtigsten Personen um Alexander und die Diadochenkönige. Dadurch wird die Orientierung und die Zuordnung der vielen für das Thema wichtigen Protagonisten wesentlich erleichtert. Ein wunderbares, informatives Buch also, das für jeden Alexander-Fan schlicht unentbehrlich bleibt!

Kris Kershaw – Odin. Der einäugige Gott und die indogermanischen Männerbünde

Es ist sehr interessant zu sehen, wie hier ursprünglich deutsche Ansätze zur germanischen bzw. indogermanischen (oder indoeuropäischen) Religionsgeschichte von Übersee in die teutonischen Lande zurückstrahlen. Ist doch die Beschäftigung mit den kultischen Männerbünden eine der Hauptdomänen deutscher Germanisten, Nordisten, Religionswissenschaftler und Psychologen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen. Das begann 1902 mit dem Buch „Altersklassen und Männerbünde“ von Heinrich Schurtz und setzte sich über Lily Weiser, Hans Blüher (einen der Nestoren der deutschen Jugendbewegung), Karl Meuli bis zum berühmtesten Gelehrten, dem Wiener Germanisten Otto Höfler fort. Höflers Bücher „Kultische Geheimbünde der Germanen“ und „Germanisches Sakralkönigtum“ waren einer der wichtigsten Einflüsse für die amerikanische Religionswissenschaftlerin Kris Kershaw. Da Höfler – wie so viele Intellektuelle – im Nationalsozialismus eine Möglichkeit sah, seine eigenen Vorstellungen eines „katholisch-germanischen Reiches“ zu verwirklichen, die SS zudem starkes Interesse an seinem Buch über die Geheimbünde zeigte, gerieten die Person Höflers und damit seine Forschungsergebnisse nach dem Zweiten Weltkrieg in Misskredit. Trotzdem ging eine ganze Forschungsgeneration (z. B. Helmut Birkhan, Heinrich Beck, Mohammed Rassem) durch die Schule der von Studenten als außergewöhnlich charismatisch geschilderte Persönlichkeit Höflers und wurde von ihr geprägt. Aber seine Thesen sind in Deutschland nur noch selten rezipiert oder gar weiterentwickelt worden. Das blieb dann eher nicht-deutschen Innovatoren wie beispielsweise dem berühmten rumänischen Religionswissenschaftler Mircea Eliade vorbehalten, der in seinem Versuch über einige Initiationstypen „Das Mysterium der Wiedergeburt“ die Ergebnisse Höflers mit einflocht.

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Giebel, Marion – Kaiser Julian Apostata. Die Wiederkehr der alten Götter

In diesem Buch wird eine der schillernsten Figuren der Spätantike durch die bewährte Hand der Altphilologin Marion Giebel zu neuem Leben erweckt. Julian, der Abtrünnige – diesen Namen hatte ihm schon die frühe Kirche angehängt und damit die Richtung für die Bewertung des Kaisers bis in die neuere Zeit vorgegeben. Denn Julian war der letzte „echte“ Römer – oder, wie man genauer sagen müsste, der letzte Römer von geschichtlicher Bedeutung, der sich dem griechischen Hellenentum und dem Heidentum vollständig verpflichtet fühlte. Aus dem konstantinischen Kaiserhaus stammend, wich er vom Weg seines berühmten Onkels Konstantin, genannt „der Große“, ab, der das Christentum zur Staatsreligion des römischen Reiches erhoben hatte. Für die zwei Jahre der Regierung Julians aber bestimmten ein letztes Mal die heidnischen, altrömischen, neuplatonischen und den Mysterienkulten eigenen Lehren das religiöse und politische Leben des Imperiums. Frau Giebel spricht im Untertitel ihres Buches von der „Wiederkehr der alten Götter“.

Marion Giebel ist vor allem mit ihrer Einführung in die spätantiken Mysterienkulte in Griechenland, Rom und Ägypten („Das Geheimnis der Mysterien“) bekannt geworden. Auch in der |rororo|-Monographien-Reihe sind einige Bände von ihr zu Personen der Antike wie Augustus oder Sappho erschienen. Bei |Patmos/Artemis & Winkler| liegen neben der erwähnten Einführung ihre Studien über „Reisen in der Antike“ und „Tiere in der Antike“ vor. Zudem hat sie viele antike Texte mit Kommentar herausgegeben, z. B. zum Orakel von Delphi und eben auch Julians Selbstpersiflage „Der Barthasser“.

Sie ist zweifellos eine spannende Erzählerin, die sich sehr um Plastizität und einen geradezu minutiösen Verlauf ihrer Abhandlungen bemüht. Kaiser Julian wird in ihrem Buch von den verschiedensten Blickwinkeln aus betrachtet: Sie untersucht genauso die Wurzeln seines Verhaltens in seinen Kindheitserlebnissen wie seine Begegnungen mit der griechischen Tradition und den Weisheitslehrern, analysiert seine Leistungen als Feldherr und Religionserneuerer, schildert seine Bemühungen um die Philantrophie, d. h. Menschenliebe, und stellt die Frage nach den Umständen seines Todes. Um dieses umfassende Bild legt sich als schmückender Rahmen eine tiefe Sympathie für die Gestalt Julians, die in dieser Form einmalig in der modernen Forschungsliteratur dasteht. Erfreulicherweise werden dann auch einige der erfundenen christlichen Horrorgeschichten über Julian einem kritischen Blick unterworfen, die oftmals in der Geschichtsschreibung noch unbesehen übernommen wurden.

Schauplatz des Buches ist das 4. Jahrhundert n. Chr. Gleich zu Beginn wird die zentrale Fragestellung des Buches ins Blickfeld gerückt: |“Ist der Übergang vom heidnischen zum christlichen Rom zwangsläufig und mehr oder weniger reibungslos abgelaufen? (…) Julian Apostata ist der Repräsentant des spätantiken Heidentums; er machte sich zum Anwalt der vielen, die an ihrem althergebrachten, für sie durchaus noch lebendigen Götterglauben festhalten wollten. Er nannte die religiöse Tradition ‚Hellenismus‘, weil sie nicht aufs Theologische beschränkt war. Sie umfasste vielmehr die gesamte vom Griechentum geprägte Bildung und Kultur, auch die ethischen und staatspolitischen Vorstellungen, die sein Herrscherbild bestimmten.“| (S. 8) Gerade von Julian aber besitzen wir erstaunlich viele Selbstzeugnisse, die es uns möglich machen, die Gedanken des Kaisers ganz direkt kennen zu lernen. Fest steht, dass sich Julian in der Tradition der griechischen Padeia, also der tugendhaften Lebensführung und Erziehung, sah und sich – insbesondere auf seinem Feldzug in Gallien – den Philosophenkaiser Marc Aurel zum Vorbild nahm.

Das asketische Bild vermittelte der Kaiser auch ganz äußerlich durch das für einen römischen Herrscher befremdliche Auftreten mit struppigem Philosophenbart und dem öffentlich zur Schau gestellten vertraulichen Umgang mit seinen Weisheitslehrern. Während er im Feldlager weilte, schlief er nur wenig, las bzw. schrieb dagegen sehr viel und verzichtete auf dem Kaiser zustehende Bequemlichkeiten. So teilte er beispielsweise die karge Kost seiner Soldaten. Obwohl er nach außen hin noch als Christ auftrat, betete er nach dem Zeugnis des Geschichtsschreibers und Soldaten Ammian jede Nacht zu Merkur, da dieser die schnellen Bewegungen des Geistes hervorruft. In Julians Briefen erwähnte der Kaiser seine besondere Dankbarkeit für den alles überschauenden Sonnengott Helios, der ihn vor einer Krankheit errettete. Gerade dem Sonnengott fühlte sich Julian besonders verpflichtet. In dem stark auf Treue und Loyalität eingeschworenen Mysterienkult des Mithras, der als |sol invictus|, „Unbesiegte Sonne“, verehrt wurde, ließ er sich schon in seiner Jugend einweihen. Immer ging es Julian um eine direkte Erfahrung der Götter und höherer Wirklichkeiten, der er mit seiner auf das Innere konzentrierten Lebensführung entsprechen wollte. Mithras ist auch Mittler und Helfer der Seele nach dem Tode, die er zu den Sternen hinaufführt, und damit ein Garant für Unsterblichkeit. Auf einem Elfenbeintäfelchen existiert die Darstellung einer solchen Entrückung des Kaisers.

Das Buch ist hervorragend komponiert, so dass der historische Stoff in eine plausible transparente Form gegossen wird. Die Autorin schildert anfangs die von Verwandtenmord und Misstrauen geprägte Atmosphäre des konstantinischen Hauses. Auch Julians Vater wurde mit vermutlich ausdrücklicher Billigung von Julians Vetter Constantius umgebracht. Zusammen mit seinem Bruder brachte man ihn nach Nikomedien in die Isolation. Die dortige Einsamkeit begünstigte seine Vorliebe für Bücher und seine spätere Trennung vom Christentum. Dabei spielte natürlich auch die Erfahrung mit den von Blut triefenden Händen gerade der christlichen Herrscher wie Constantius eine große Rolle, zu denen Julian im gewalttätigen Gott des Alten Testaments eine frappante Parallele fand. Im Weiteren werden Julians Begegnung mit den Werken Homers und der Welt der neuplatonischen Philosophie geschildert. Nachdem er Nikomedien verlassen durfte, reiste er nach Griechenland, um die Rhetorenschulen zu besuchen, sich der philosophischen Lebensführung zu widmen und über den Magier bzw. Theurgen Maximus seine ersten Initiationserfahrungen zu machen.

Schließlich berief ihn sein Vetter als mitregierenden, aber ihm unterstellten Caesar nach Gallien, um diese Provinz vor den Einfällen der Germanen zu schützen. Aufgrund der zwiespältigen Haltung Constantius‘ und der hohen Achtung, derer er sich bald im Heer erfreute, hoben ihn seine Soldaten schließlich nach alten Brauch auf den Schild und erklärten ihn zum Augustus, was eine Gleichstellung mit Constantius bedeutete. Da die Bemühungen Julians um einen Kompromiss scheiterten, musste er ungewollt gegen den bisherigen Imperator in den Krieg ziehen. Julian siegte und beherrschte von 361 – 363 n. Chr. das römische Reich. Der Sieg bestärkte sein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein. Die Götter hatten ihn also erwählt, um die unterdrückte heidnische Religion in neuem Glanze erstehen zu lassen.

Marion Giebel zeigt, wie er sich auf dem Thron bewährte. Der Einfluss seines standfesten und idealistischen Charakters, der wirklich um die Wohlfahrt des Reiches bemüht war, überwiegt die natürlich genauso vorhandenen Schwächen und Fehler des Kaisers. Religionspolitik und die Bekämpfung der Korruption gehörten zu den wichtigsten Programmpunkten Julians. Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen reagierten in sehr unterschiedlicher Weise auf seine Maßnahmen, wobei der Kaiser bemüht war, sie alle friedlich zu integrieren – auch die Christen. Hier überschritt er, wie im so genannten Schuledikt, manchmal schon die Grenze zur Intoleranz – angestachelt allerdings durch die Zerstörung heidnischer Heiligtümer, für die christliche Fanatiker verantwortlich zeichneten. Die Autorin stellt am Schluss die Frage, wie wohl die abendländische Geschichte verlaufen wäre, wenn Julian nicht auf dem Perserfeldzug durch die Spitze einer Reiterlanze aus unbekannter Hand getötet worden wäre.

Was haben Julian und seine Zeit uns heute noch zu sagen? Einmal zeigt sein Leben, dass das in vielen Köpfen immer noch verankerte einseitige Geschichtsbild von den repressiven Herrschern und den widerständigen, moralisch im Recht stehenden Unterdrückten schlichter Unsinn ist. Bei Julian stellt sich die Situation geradezu umgekehrt dar. Auf der einen Seite steht der Kaiser, der seine philosophischen Ideale leben will und sich um die Festigung und Verbesserung der politischen Zustände unter möglicher Berücksichtigung aller Interessen bemüht und auf der anderen Seite christliche Fanatiker mit ihrer Hetze und verwöhnte Bürger (wie die von Antiochia), die an ihren ungerechten Privilegien und Praktiken um jeden Preis festhalten wollen. Julians Staatsbild, seine „Utopie“, basierte nicht auf privaten Hirngespinsten oder Vorlieben, sondern konnte sich auf die lange römische Tradition berufen, die von vielen Menschen seiner Zeit noch mitgetragen wurde. Marion Giebel meint, dass selbst, wenn solche Menschen scheitern, die Weltgeschichte ohne die von ihnen ausgehenden Impulse um einiges ärmer wäre.

Die römische Geschichte bleibt im Übrigen auf jeden Fall immer interessant für uns, weil die hier stattfindende Uminterpretation griechischer Begriffe und Denkformen das abendländische Denken bis zum heutigen Tage geprägt hat. Julian bezog sich ja auf den Hellenismus. Im vorliegenden Buch fällt beispielsweise auf, dass der überwiegende Teil der Modelle in der modernen Esoterikszene vollständig dem Neuplatonismus verpflichtet ist.

Zum Schluss will ich noch die schöne Gestaltung des Buches erwähnen. Im Text selbst bleibt es zwar bei Schwarz-Weiß-Fotos, aber der Schutzumschlag ist sehr ansprechend strukturiert und mit dem farbigen Ausschnitt eines Gemäldes aus dem 19. Jahrhundert versehen, das Julian an einem Tisch sitzend mit Sphinx darstellt. Die geschichtliche „Sphinx“ Julian aber wird für den Leser dieses Buches einiges mehr an Umriss und Bedeutung gewonnen haben.

http://www.patmos.de
[Wikipedia]http://de.wikipedia.org/wiki/Julian__Apostata

Hornung, Erik – Nachtfahrt der Sonne, Die

Ägypten war, ist und bleibt faszinierend – gerade für uns Europäer! Schließlich betrachteten schon die alten Griechen Ägypten als Ursprungsland der Weisheit und des Mysteriums. Und die alten Griechen stehen mit ihrem Denken am Anfang des Abendlandes. Ausgehend und weggehend (durch die römische Interpretation) vom griechischen Denken hat sich unser für selbstverständlich gehaltenes Begreifen von Wesen und Wahrheit, von Göttern und Menschen, von Dingen und Sachen, kurz von allem herausgebildet. Durch diese Verbindung des alten Griechentums mit Ägypten wird sich Letzteres vielleicht dereinst als eine der dunkel verborgenen Wurzeln Europas erweisen.

Einen Beitrag für die Suche nach dieser ins Geheimnis hinabreichenden Wurzel ist das Buch „Die Nachtfahrt der Sonne“ des bekannten Ägyptologen Erik Hornung. Wie eigentlich all seine Bücher wendet sich auch diese „altägyptische Beschreibung des Jenseits“ – so der Untertitel – an ein größeres Publikum, dem Hornung die Ägyptologie nahe bringen will. Seiner Ansicht nach sollte Ägypten nicht als ein gelehrtes Thema für den Elfenbeinturm, sondern als inspirierend-kontrastrierender Beitrag zur heutigen Kultur und Sinnsuche begriffen werden (siehe meine [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=238 zu Hornungs „Das geheime Wissen der Ägypter und sein Einfluss auf das Abendland“). Der Leser darf sich also auf ein Buch freuen, das mit viel Freude an farbiger Schilderung und spannender Erkenntnisvermittlung aufwarten kann.

Das Thema des Buches ist eine erläuternde Reise durch die Welt der beiden frühesten ägyptischen Unterweltbücher des Neuen Reiches – das „Amduat“ und das „Pfortenbuch“. Beide „Bücher“ sind auf Papyrus in Grabkammern und auf Sarkophagen meist königlicher Toter zu finden. Sie wurden dort vor ungefähr dreitausendfünfhundert Jahren aufgezeichnet, wobei das „Amduat“ hundert Jahre älter als das „Pfortenbuch“ ist. Diese Unterweltbücher haben die ägyptischen Vorstellungen vom Jenseits auf eine vorher nie gekannte Weise systematisiert und mit einer Fülle verschiedenster Götter und Wesenheiten ausgestattet, denen wiederum immer komplexere Verbindungen von Attributen zugeschrieben wurden. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der ägyptischen Gottesvorstellung, dass die Götter ständig neue Aspekte anziehen, der Reichtum ihres Wesens also kontinuierlich zunimmt. Die Götter können für den Ägypter nie in ihrer ganzen Fülle erschöpft werden. Er kann beispielsweise im Skarabäus den Sonnengott Re in seiner morgendlichen Gestalt wahrnehmen oder im Ibis den Gott Thot erblicken, der Gott kann im Anblick dieser Tiere anwesend sein und erfahren werden, aber weder Skarabäus noch Ibis sind der ganze Gott Re oder Thot. Die Gottesgestalten sind für diesen Moment in diesen Tieren da, aber die Tiere werden niemals mit der Gottheit selbst verwechselt. Für das Verständnis der oftmals tiergestaltigen ägyptischen Götter sollte der Leser sich diese Tatsache vor Augen halten.

Auch der Held des vorliegenden Buches kann in Tiergestalt erscheinen bzw. mit einem Tierkopf auf menschlichem Körper. Es handelt sich um den Sonnengott, der als Amun-Re mit Widderkopf und der Sonnenscheibe darüber auftritt sowie als Chepri in der schon erwähnten Gestalt des Skarabäus-Käfers mit der Sonnenscheibe in den vorderen Greifarmen (später gibt es auch Darstellungen mit Menschenleib und einem Käfer als Kopf!). Dieser „heilige Pillendreher“ wird mit der Sonne in Verbindung gebracht, weil er seine Mistkugel in der Erde vergräbt und somit an den Untergang der Sonne am Abend erinnert. Außerdem steigen die jungen Käfer – wie von selbst entstanden – aus dem Sand, worin sie für den Ägypter der Morgensonne gleichen.

Untergang und Aufgang der Sonne sind die beiden Eckpunkte, zwischen denen sich die Handlung der kultischen Bücher abspielt. Die Fahrt der Sonnenbarke durch die Unterwelt, das Totenreich, steht in deren Mittelpunkt. Der Begriff „Amduat“ bezeichnet eigentlich alle Totenbücher – er bedeutet: „der in der Unterwelt ist“, wobei eben der Sonnengott gemeint ist. Das „Amduat“ heißt im Original „Buch des verborgenen Raumes“. Alle Sterblichen müssen sich der Erfahrung des verborgenen Raumes nach ihrem Tod stellen. Die Unterweltsbücher sind aber nicht ausschließlich auf das Jenseits orientiert. Hornung schreibt dazu: |“Wer aber die Sonne auf ihrer täglichen Fahrt begleitet, wirft schon als Lebender einen Blick in jene Tiefe, die in uns beginnt. Deshalb die häufigen Vermerke in diesen Büchern, dass alles, was sie vom Reich der Toten berichten, auch für ‚die Lebenden auf Erden nützlich‘ sei“| (S. 7).

Das Buch hält sich an die Gliederung seiner Vorlagen in zwölf Stunden, die auf acht Kapitel aufgeteilt werden, zuzüglich eines Kapitels über die Quellen und die früheren Jenseitsvorstellungen des Alten Reiches. Bei den jeweiligen Stunden beschreibt Hornung an erster Stelle die Vorstellungen des „Amduat“ und später im Kapitel die des „Pfortenbuches“. Diese zwölf Stunden aber sind nicht nur die Zeit, die wir mit Uhren messen können. Denn diese zwölf Stunden dauern eine „Ewigkeit“. Während der Sonnengott auf seiner Barke durch die Unterwelt fährt, wird er von vielen Göttern, Wesenheiten und den seligen Toten begleitet. Vielen dieser Wesenheiten und insbesondere den Verstorbenen verhilft er durch sein Licht zu einem Leben, das eine Stunde, d. h. ein Menschenalter dauert, bevor sie wieder in die Dunkelheit zurücksinken. Der Sonnengott holt die seligen Toten aus der Verborgenheit in die Unvorborgenheit, stellt sie als Seiende in neues Leben hinein. Drei helfende Götter verkörpern seine Macht: Sia, der „Durchblick“, das „Erkennen“, Hu, das „Wort“, der „Ausspruch“ und Heka, der „Zauber“. Wenn Amun-Re weiterzieht, klagen die zurückgelassenen Wesen um den vorübergehenden Verlust ihres jenseitigen Daseins. Daher ist es ein ausdrücklicher Wunsch des verstorbenen Ägypters, im Gefolge der Sonnebarke mitziehen zu dürfen – teils ganz wörtlich, da die Barke von der unterweltlichen Gemeinschaft über die Untiefen mit einem Seil gezogen wird. Zwischen den „eigentlichen“ Göttern und den seligen Toten wird übrigens nie genau unterschieden.

Doch der Sonnengott zieht weiter, denn er fährt seiner Regeneration entgegen. Damit die Welt der Schöpfung Bestand haben kann, muss sie erneuert werden. Diese Schöpfungswelt aber wird von den Gefahren der Unterwelt bedroht, besonders durch die urweltliche Schlange Apophis. Apophis erscheint nicht als eine normale Schlange, sondern als ein riesiger Wurm ohne Sinnesorgane. Sie ist das Nichtsein selbst, sie verkörpert die Nicht-Welt vor der Schöpfung und damit den bedrohlichen Aspekt des Urzustandes. Ein anderer Urgott dagegen – das Urgewässer Nun – zeigt dessen helfendes Gesicht. Bei der Neugeburt der Sonne ist es Nun, der sie mit seinen Armen aus dem Wasser wieder an den Himmel hebt. Das Nichtsein des Urzustandes wird also nicht nur negativ konnotiert, sondern bildet geradezu die Voraussetzung für die Regeneration der Sonne.

Der erschlagene mumiengestaltige Gott Osiris ist natürlicherweise der Herrscher der Unterwelt. Sein Sohn Horus, der falkenköpfige kriegerische Gott, steht am Steuer der Sonnenbarke. Amun-Re und Osiris verschmelzen auf eine eigentümliche Weise miteinander. Osiris erscheint als Körper und Amun-Re als Ba der Sonne. Der Ba ist der aktive Teil der „Seele“ und wird häufig in Vogelgestalt dargestellt. Das Wort „Seele“ muss hier in Anführungszeichen stehen, weil es nicht mit den christlichen und modernen Konzepten von Seele verwechselt werden darf. Die Bas haben durchaus materielle Bedürfnisse, so dass ihnen beispielsweise im Pfortenbuch Kraut gespendet und Brot gegeben wird. Vom Körper unterscheidet ihn vor allem seine Unabhängigkeit von der Erdenschwere: Er kann sich also in die Lüfte erheben und an jeden Ort gelangen. Zur Verschmelzung von Amun-Re und Osiris bemerkt Hornung auf Seite 95: |“(…) in der Tiefe der Unterwelt vereinigen sich Re und Osiris zu e i n e m Körper und sind voneinander nicht mehr zu trennen, auch wenn sich ihre Verbindung spätestens am Morgen, beim Sonnenaufgang, wieder löst. Und da sich auf diese Weise die Vereinigung von Ba und Körper immer wieder vollzieht, kann man in Re den Ba des Osiris, in Osiris den Körper des Re sehen.“| Nur durch diese Vereinigung kann die verjüngte Morgengestalt der Sonne entstehen. Auch die seligen Toten erlangen ihre Wiedergeburt über diesen Prozess der Vereinigung von Ba und Körper.

Eine wichtige Rolle spielen an vielen Stellen des Buches die Bestrafung der Feinde des Sonnengottes und das Totengericht. Mit den Feinden sind diejenigen gemeint, die im Leben gegen die Ordnung der Maat handelten. Wer hingegen im Leben den Göttern die Maat darbrachte, brauchte sich vor diesen Strafen nicht zu fürchten. So stellt die Darbringung der Maat an die Götter durch den Pharao ein häufiges ägyptisches Motiv dar. |“Maat ist die richtige Ordnung der Dinge, die bei der Schöpfung gesetzt wurde, aber durch Tun oder Sprechen der Maat immer neu errungen werden muss. Sie ist Maß, Ausgewogenheit und Gerechtigkeit (…)“| (S. 24) Außerhalb des Umkreises der Maat regiert das Chaos. Wird die Maat verletzt, tritt eine andere heilige Ordnung, die der Rache, an ihre Stelle, um die Schöpfung zu schützen – eine Ordnung, die für den Menschen aber leidvoll ist. In der Unterwelt bedeutet die Anwesenheit der Maat die Garantie des Fortbestandes der Schöpfung auch nach dem Tode.

Erik Hornungs spannender Trip durch die Welten des altägyptischen Jenseits wirft auch den Heutigen betreffende Fragen auf. Wo liegen die Wurzeln unserer abendländischen Kultur? Was sagt es uns, dass wir in Ägypten eine Hochkultur sehen, die den Tod nicht wie die moderne Welt verdrängt und tabuisiert, sondern ihn ins Leben integriert? Können wir eine Bezug zu den Bildern des Mythos und der Götter wiedergewinnen, die dem Ägypter eine Verbindung zu einer höheren Wirklichkeit und einen festlichen Glanz auf seinem Leben schenkten?

Nach dem Willen des Autors soll sein Buch den verschiedensten Lesarten gerecht werden: Die Ideen der alten Ägypter könnten mit dem Verstand erklärt werden, man könne sich an ihrer Poesie erfreuen, sie können als Träume der Psyche, als ein Gang ins Unbewusste oder als esoterische Weisheit verstanden werden. Hornung selbst versucht nachzuvollziehen, was die Ägypter sich bei dieser Bilderfülle dachten. Wie immer versteht er es, den Leser damit zu fesseln. Zahlreiche Illustrationen aus den Unterweltbüchern veranschaulichen auch optisch die erläuterten Zusammenhänge und erleichtern den Zugang zu ihrer Welt. Wer sich nach der Lektüre weitergehend mit diesem Thema beschäftigen will, sei auf die im selben Verlag erschienene Übersetzung der Unterweltbücher („Ägyptische Unterweltsbücher“) von Erik Hornung verwiesen. Vielleicht vermag so mancher Leser den Lauf der Sonne dann mit anderen Augen zu betrachten …

Gibbon, Edward – Verfall und Untergang des Römischen Imperiums

Der Name Gibbon und der Titel seines Werkes „History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ haben nicht nur innerhalb der Historikerzunft einen berühmten Klang. Von 1776 bis 1788 erschienen, stellt es bis heute die meistgelesene Geschichtserzählung aus dem 18. Jahrhundert dar. Dieser literarische „Monumentalbau“ ist im dreifachen Sinne historisch.
Einmal entrollt er vor uns das Breitwandgemälde der Geschichte des Römischen Reiches von der Regierungszeit der Kaiser Antonius Pius und Marc Aurel im 2. Jahrhundert bis zur Einnahme Ostroms im 15. Jahrhundert durch die Türken. Zum Zweiten spiegelt das Werk die Sichtweise eines humanistisch gebildeten und von der Aufklärung geprägten Engländers der Zeit vor der französischen Revolution wieder. Und als drittes schließlich besitzt Gibbons „Longseller“ seine eigene Wirkungsgeschichte. Insbesondere die Kapitel XV und XVI des ersten Bandes über die Entstehung des Christentums sind damals heiß und kontrovers diskutiert worden. An der geschichtlichen Darstellung Gibbons aber haben sich die nachfolgenden Geschichtsschreiber des Römischen Imperiums alle gemessen. Der gleichfalls berühmte Theodor Mommsen konzipierte seine „Römische Geschichte“ nur für die republikanische Zeit, weil er fürchtete, seine mögliche Schilderung der Kaiserzeit würde mit der Gibbons literarisch nicht Schritt halten können. Gibbon selbst wiederum hatte sein Werk erst mit der Herrschaft der beiden Antonine (und nicht etwa von Augustus, der anfangs nur kurz behandelt wird) einsetzen lassen, weil für die vorhergehende Zeit die Werke des antiken Schriftstellers Tacitus existierten, dem nachzueifern er sich schlicht nicht zutraute. Später hat er das bedauert – mit zunehmender Berühmtheit war auch sein Selbstbewusstsein gestiegen.

Der |dtv| hat jetzt die ersten drei Bände von „Untergang und Verfall des Römischen Imperiums“ in einem schön gestalteten Schuber herausgebracht. Diese Bände sind auf sechs Taschenbücher verteilt, wobei das sechste Teilbuch neben autobiographischen Fragmenten Gibbons und dem Register einen etwa hundertseitigen Essay von Winfried Nippel enthält, der als Einstieg in die Lektüre sehr empfehlenswert ist. Insgesamt sind das also ca. zweitausendzweihundertundfünfzig Seiten. Die |dtv|-Ausgabe führt uns bis zur Herrschaft der Franken in Gallien und somit bis zum Ende Westroms. Einige allgemeine Betrachtungen Gibbons runden den dritten Band (Teilbuch Fünf dieser Ausgabe) ab. Der erste Band erschien 1776, die Bände Zwei und Drei im Jahre 1781 und die restlichen Bände 1788. Letztere behandelten dann zu einem Großteil byzantinische Geschichte und verknüpften den antiken Stoff mit dem Mittelalter. Für |dtv| stellt diese Ausgabe zweifellos ein finanzielles Risiko dar. Insofern möchte ich euch das Mammutwerk wärmstens ans Herz legen – vielleicht kann sich der Verlag ja dann noch zur Veröffentlichung des restlichen Teils entschließen. Eine Empfehlung erübrigt sich allerdings – jeder, der sich für römische Geschichte interessiert, kann das im Grunde nicht eher von sich behaupten, bevor er nicht neben dem erwähnten Mommsen auch Edward Gibbon gelesen hat.

Wie geht es mir nun nach der Lektüre dieser über zweitausend Seiten… Obwohl ein paar Wochen vergangen sind, schwirrt mir immer noch der Kopf von Schlachten, Zenturien, Palastrevolten, Kaisern, Feldherrn, Heiligen, Heiden, Christen, Liebenden, Aufrichtigen, Treuen und Treulosen, Verrätern, Folterknechten, flüchtigen Hoffnungen und tiefen Verzweiflungen, von Lebenslust und von Willen zum Verfall – der ganze Rausch der Spätantike aus Wein und Gift. Eine endlose Reihe von dramatischen Drehbüchern könnte man nach diesen Geschichten schreiben – einen Film im Stile von „Gladiator“ nach dem anderen… Hollywood dürfte dereinst wohl auf Gibbon aufmerksam werden. Warum aber bewirken diese Seiten das, was so viele „Aufrisse der Römischen Geschichte“ nicht erreichen? Ganz einfach – das wichtigste Merkmal seiner Darstellung ist Lebendigkeit. Wir haben keine trockenen Fakten vor dem inneren Auge, sondern lebendige Menschen. Gibbon hat nicht nur eine historische, sondern ebenso eine literarische Meisterleistung vollbracht.

Gibbon wird uns im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts als ein gesundheitlich schwer angeschlagener Mensch geschildert, dem ein Jahre zurückliegender Hodenbruch inzwischen eine groteske Fettleibigkeit beschehrt hat. Für Gibbon gab es in seinem ganzen Leben nur eine einzige Frau, die – da Ausländerin – von seinem Vater ablehnt wurde. Und was tut Gibbon? „Ich seufzte als Liebhaber und gehorchte als Sohn“, hat er später geschrieben. Und warum solche prompte Unterordnung? Weil er das ererbte Geld seines Vaters benötigte, um seine Liebe zur Wissenschaft zu finanzieren, die ihm – wie er seiner Verehrten schrieb – wichtiger war. Jeden Gedanken an Heirat hat er nach diesem Zwischenspiel nur noch als Bedrohung empfunden. Sein Werk über das Römische Reich wurde also zum persönlichen Schicksal und zur letztlich einzigen „großen Liebe“ seines Lebens.

Die von Gibbon selbst in die Welt gesetzte Legende will, dass ihm die Idee zu seinem Werk ganz plötzlich kam: In Rom saß er eines Abends in der Kirche der Barfüßermönche und der Eindruck, dass die Mönche ihre Vesper hier im alten Jupitertempel auf den Trümmern des Kapitols sangen, machte ihn nachdenklich. Er beschloss, über Verfall und Untergang der Stadt zu schreiben, wobei sich der historische Gegenstand später auf das gesamte Reich erweiterte.

Gibbons Sicht auf die Historie ist stark von den geschichtsphilosophischen Modellen seiner Zeit (wie z.B. David Hume) beeinflusst worden, in denen auch das erste Mal die Geschichte als Abfolge von Stufen – ausgehend von den Jägern und Sammlern, über die Hirten und Nomaden hin zur modernen Zivilisation – gesehen wurde. Diese Stufen sollte angeblich jede menschliche Gesellschaft durchlaufen. Und so kämpfen auch bei Gibbon oft kulturell hoch entwickelte Völker gegen niedriger stehende Barbaren. Allerdings verfällt er nicht völlig der Simplizität dieses Geschichtsbildes, sondern bemüht sich um eine ausgewogenere Beurteilung.

Belustigend für den heutigen Leser ist der aufklärerische Zynismus, den er an den Tag legt, wenn er die Triebkräfte für den Fortschritt der Menschheit beschreibt: „Geld, mit einem Wort, ist der allgemeinste Antrieb, Eisen das mächtigste Werkzeug des menschlichen Fleißes; und es lässt sich nur äußerst schwer denken, wie sich ein Volk ohne den Ansporn des einen und ohne Unterstützung des anderen aus der rohesten Barbarei erheben konnte.“ (Bd. 1, S. 280) Diese Art von Menschenbild sorgt dann auch für viele andere ironische Bemerkungen, die zu Gibbons besonderem Stil gehören. Ebenso spart er nicht mit allerlei sexuellen Anzüglichkeiten, insbesondere im Zusammenhang mit angeblicher christlicher Tugendhaftigkeit. Dem auf der Flucht befindlichen (später heilig gesprochenen) Athanasios will er es durchaus nicht abnehmen, dass dieser, als er sich bei einer für ihre üppige Schönheit bekannten Jungfrau versteckte, seine Keuschheit durchgehalten hätte. „Das mag glauben, wer will“, heißt es salopp.

Dass er so manch andere Dinge nicht glauben wollte, führte zur erwähnten Kontroverse um seine Kapitel über die Entstehung des Christentums. In gnadenloser Weise zeigte Gibbon, wie schnell sich die anfängliche Demut und Armut der ersten Christen in die Machtkämpfe der Bischöfe und Synoden verflüchtigte. Auch das Bild der Christenverfolgung unter Kaisern wie Trajan, Nero oder Diokletian wurde von ihm entscheidend korrigiert. Einmal wies er nach, dass die Zahl der während der intensivsten Verfolgungszeiten umgekommen Märtyer die Zweitausend wohl nicht überschritten haben dürfte. Solches wollten einige Zeitgenossen Gibbons natürlich nicht hören, war doch das Blut der Märtyrer – nach einem Wort Tertullians – der Samen der Kirche gewesen. Zum anderen zeigt Gibbon auf, dass die Gerichtspraxis der Konsuln und andere Beamtete als eher milde eingestuft werden muss. So drängte man den Christen die Nutzung jedes nur erdenklichen Schlupfwinkels im Gesetz geradezu auf und bestrafte ungerechtfertige Anschuldigungen mit aller Härte. Die Christen selbst aber strebten nach dem Märtyrertum. Es gibt Berichte, nach denen sich viele von ihnen mit Freude ins Feuer oder den Löwen zum Fraß vorwarfen. So musste auch der lebenslustige Bischof von Karthago Cyprian, um vor seinen Anhängern nicht unglaubwürdig zu erscheinen, schließlich den Tod für den Glauben wählen.

Gibbon war aber sicherlich Christ – ein Christ, dessen Glaube stark rationalistisch relativiert gewesen sein dürfte. Ein klares Statement in dieser Hinsicht hat er immer vermieden. Wenn auch für ihn alles Heidentum schlichter Aberglaube war, so lobte er doch den toleranten Geist des Polytheismus. Unübersehbar ist seine Kritik an der religiösen Intoleranz schon der ersten Christen, die jene von den Juden geerbt hatten. Zum Erstaunen seiner Kritiker jedoch nahm er im zweiten Band (Teilband Drei der |dtv|-Ausgabe) nicht uneingeschränkt Partei für den Kaiser Julian, genannt „der Abtrünnige“. Julians Wiederherstellung eines philosophisch geprägten Heidentums im 4. Jahrhundert wird scharf von ihm kritisiert, weil das Christentum zu seiner Zeit schon viel zu stark fortgeschritten war und er damit die Stabilität des Staates gefährdete. Dem Feldherrn Julian und seinen charakterlichen Vorzügen allerdings zollt Gibbon jeden erdenklichen Respekt. Konstantin der Große, der das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reiches erhob, wird viel zwiespältiger geschildert.

Gibbon erlaubt unserem Geist, die unterschiedlichsten Epochen zu durchstreifen: der Zeitraum von 86 bis 180 wird von ihm als der glücklichste und gedeihlichste der gesamten Menschheitsgesichte geschildert: von weisen Kaisern beherrscht und von einer nie wieder errungenen Festigkeit gestützt, scheint das Römische Reich wie für alle Ewigkeit in seinem Zentrum zu ruhen. Doch der Verfall beginnt mit dem dekadenten Sohn Commodus des Philosophenkaisers Marcus Aurelius Antonius. Später bedeutet das Annehmen des Kaiserpurpurs schon die Garantie für ein kurzes Leben. Die mächtige römische Prätorianergarde, die Palasteunuchen und rivalisierende Emporkömmlige vertreiben, meucheln, köpfen, vergiften, verbannen einen römischen Kaiser nach dem anderen, die teils nur noch für wenige Monate regieren. Gibbon baut nach dem Vorbild antiker Geschichtsschreibung Exkurse über die äußeren Gegner Roms in seine Darstellung ein: über die Germanen, Perser und Hunnen. Die germanischen Völkerschaften (wie die Wandalen oder Goten) und Stammesbünde (wie die Franken) errichteten schließlich ihre eigenen Reiche innerhalb seines Territoriums. Die Franken verbanden römisches Erbe und germanische Lebensart zu einer neuen Kultur, aus der Deutschland und Frankreich hervorgingen.

Erwähnen will ich noch die hervorragende Übersetzung von Michael Walter und Walter Kumpmann, die es verstehen, modern orientierte Verständlichkeit mit dem „altertümlichen“ Duktus des Originals zu verbinden. Ein wichtiges Werk wartet also darauf, gelesen und durchdacht zu werden. Auch wenn Gibbons Menschenbild meinem teils konträr entgegengesetzt ist, hat mich seine Historie doch belehrt und – ja, tatsächlich! – gut unterhalten.

Conway, D. J. – Zauberwelt der Kelten, Die

Der Name „Kelten“ ist der Oberbegriff für die vor allem in Westeuropa ansässigen gallischen, britannischen und galatischen Stämme, die ihre geschichtliche Blütezeit vom 6. Jhd. v.Chr. bis ins 1. Jhd. n.Chr. erlebten, bevor sie endgültig romanisiert wurden (natürlich bis auf das berühmte gallische Dorf…). Die Faszination ihrer Kultur aber strahlt bis in die heutige Zeit und ist ein fester Bestandteil des europäischen Erbes. Die mittelalterlichen Geschichten um König Artus, die auf keltische Quellen zurückgehen, erfreuen sich bei modernen Romanschriftstellern von Bradley bis Lawhead großer Beliebtheit; besonders in Frankreich versuchen Wissenschaftler und Publizisten wie Jean Markale sich auf keltische Wurzeln zu besinnen; in der esoterischen Szenerie spielen der irische Elfen- und Feenglaube eine wichtige Rolle. Mit dem Buchtitel „Wiederkehr der Kelten“ war es auf den Punkt gebracht – die Kelten sind in.

Das lockt natürlich einige Autoren an, die versuchen auf dieser Welle mitzuschwimmen. Leider gehört auch das vorliegende Buch dazu. Denn mit „keltischer Magie“, wie es der englische Originaltitel verspricht, hat das Ganze nur wenig zu tun. Natürlich ist über die magischen Techniken der Kelten nicht viel überliefert und es war von vornherein klar, dass es sich um eine Neuinterpretation handeln würde. Wäre ja auch keine Problem gewesen, denn schließlich ist es legitim, an alte Symbole in moderner Form anzuknüpfen. Doch die Autorin hat kein Buch über keltische Magie, sondern eins über Wicca geschrieben, das ein wenig „keltisch“ aufpoliert wurde. Wicca lebt aber aus einem anderen Geist, benutzt synkretistisch alle möglichen Symboliken und geht von einer Urreligion der Großen Göttin und ihres Gehörnten Jägers aus. Insofern ist dieses Buch eher für Leser interessant, die etwas mit Wicca anfangen können.

Dieser Eindruck wird in der deutschen Ausgabe noch dadurch verstärkt, dass die im englischen Original befindlichen Kapitel über Kultur und Sagen der Kelten einfach herausgekürzt wurden. Was sich der Verlag dabei gedacht hat, ist mir schleierhaft. Übriggeblieben ist davon nur das – mit Wicca-Ideologie überfrachtete – kurze Lexikon keltischer Gottheiten. Die Wirkung dieser Ideologie kann man wunderbar beobachten, wenn Conway alle möglichen weiblichen Gottheiten/Wesenheiten in den einen Große-Göttin-Topf wirft – frei nach dem Motto: „Alles derselbe Brei“. Für die Kelten stellte sich das aber aller Wahrscheinlichkeit nach anders dar. Ein bisschen mehr Respekt der alten Tradition gegenüber wäre da wohl angebracht, und zwar nicht nur verbaler, sondern auch methodischer Art!

Natürlich dürfen bei den praktischen Anweisungen für Kesselmagie die Zauber für Geld und Liebe nicht fehlen. Für den etwas spiritueller orientierten „Wicca-Kelten“ hält sie allerlei New-Age-Mummenschanz und Allgemeinplätze parat: „Die keltische Magie arbeitet ganz bewusst mit mit den Kräften planetarer und natürlicher Energien. Es ist eine Magie, die sich in Harmonie mit unserem Planeten, ja mit unserem eigentlichen Selbst befindet.“ oder das beliebte Sprüchlein: „Tun Sie, was Sie wollen, wenn Sie keinem Wesen dabei schaden.“. Mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit ist in dem Buch die ganze Zeit von keltischer Magie die Rede: keltische Magie ist dieses…, keltische Magie ist jenes… Dabei wird hier mit dem Gestus der Gewissheit über eine Sache gesprochen, von der wir nur sehr wenig wissen.

Über ein Drittel des Buches machen verschiedene Zuordnungen von Pflanzen und Duftstoffen zu bestimmten Begriffen, Ritualen und Wesenheiten aus. Außerdem finden sich Ritualbeschreibungen, Anrufungen und verschiedene Formen der Magie, die aber alle zum Bereich der Naturmagie zählen. Fast immer beinhalten sie typische Wiccamotive. Conway beschreibt auch ihre Vorstellung von einem Orakel mit dem irischen Ogham-Alphabet. Was man Conway zugute halten kann, ist ihre manchmal sehr pragmatische Herangehensweise an die Rituale und Ritualgegenstände. Anstatt kaum realisierbare Anforderungen an den potienziellen Magier zu stellen, gibt sie Hinweise, die in der heutigen Zeit auch umsetzbar sind (z.B. für den Bau eines Altars).

Wer also praktische Anregungen für seine magische Arbeit sucht, könnte hier vereinzelt fündig werden. Da das Buch eher schlecht und teils ziemlich naiv geschrieben ist, sollte derjenige, der sich für Wicca zu interessieren beginnt, erstmal zu Starhawk oder Vivianne Crowley greifen. Keltenfans allerdings können getrost einen großen Bogen um dieses Buch machen.

Hornung, Erik – geheime Wissen der Ägypter und sein Einfluß auf das Abendland, Das

Mit diesem Buch liegt eine weitere faszinierende religions- und kulturwissenschaftliche Studie aus dem dtv-Verlag vor, die gleichzeitig akademischen wie an einem weiteren Publikum orientierten Ansprüchen gerecht wird. Der neben Jan Assmann wohl bekannteste deutsche Ägyptologe Erik Hornung (u.a. „Der Eine und die Vielen. Ägyptische Göttervorstellungen“) wendet sich hier sozusagen der europäischen Seite Ägyptens zu – also der Frage, welches Bild von Ägypten sich die Abendländer über die Jahrhunderte hinweg vom Land der Pharaonen und Pyramiden machten. Es geht ihm dabei nicht in erster Linie um die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft zur ägyptischen Kultur, sondern um das esoterische Bild von Ägypten: Hornung nennt es Ägyptosophie. Es ist die Vorstellung von Ägypten als dem Ursprungsland der Einweihungen, des Geheimwissens und des Gottes Thoth, der im alten Griechenland zum Gott der Magie wurde und unter dem Namen Hermes Trismegestos eine Rolle in der europäischen Geistesgeschichte spielte.

Beim Lesen wird einem schlagartig bewusst, wie sehr ägyptische Überlieferungen und Legenden auf Europa gewirkt haben. Auch wenn natürlich die anderen alten Hochkulturen wie z.B. Babylonien oder China hier genauso rezipiert wurden, hat keine von ihnen die Popularität Ägyptens erreicht – außer vielleicht Indien, das interessanterweise schon bei den Griechen in einem Atemzug mit Ägypten genannt wurde, wenn es um den Ursprung göttlicher Weisheit ging. Ägypten ist demzufolge nicht nur ein exotisches, weit entferntes Land, sondern ein Symbol, das durch eine lange Tradition in Europa heimisch geworden ist.

Für einen renommierten modernen Wissenschaftler wie Hornung ist es ungewöhnlich, dass er dieses esoterische Ägyptenbild nicht etwa verdammt und als bestenfalls kulturgeschichtlich interessante Kuriosität belächelt. Nein – mit Erstaunen liest man Sätze wie den folgenden: „Trotzdem sollte es viel mehr Brücken und weniger Berührungsängste zwischen den Fachwissenschaften und der Esoterik geben, das wäre für beide Seiten fruchtbar.“ (S. 10) Weiterhin wendet sich Hornung deutlich gegen den Elfenbeinturm einer abgeschlossenen Fachwissenschaft. Er sieht es als ein beflügelndes Ziel für den Ägyptologen, an der Verwirklichung einer neuen geistigen Renaissance mitzuschaffen – ein Traum, wie er zugibt, aber kein unmöglicher. Er fordert von der Ägyptologie, dass sie den Kontakt mit der Öffentlichkeit suchen sollte, da Ägypten schließlich anregend auf Kunst, Musik und Alltagskultur gewirkt habe. Der hermetischen Weltsicht, also den sich u.a. auf Ägypten berufenden Weisheitssystemen, spricht er einen wichtigen Beitrag für die Sinngebung in unserer modernen Welt zu.

Den Leser erwartet also ein Buch, das weitgehend vorurteilsfrei mit seinem Thema umgeht. In dieser Hinsicht dürfte es bislang einmalig sein. Hornung kritisiert nur dort, wo sich das esoterische Bild zu sehr von den rekonstruierbaren Fakten entfernt. Ansonsten versucht er in allererster Linie zu verstehen und nachzufühlen. Für den Leser wird das Buch dadurch umso spannender.

Das Werk ist chronologisch aufgebaut, und so beginnt Hornung mit den altägyptischen Wurzeln für das esoterische Ägyptenbild. Dabei erfahren der schon erwähnte Gott Thot und der Mythos vom Weg der Sonnenbarke eine besondere Beachtung, welche ein bestimmendes Element in den Vorstellungen der Ägypter über das Jenseits darstellten. Initiationen in ein geheimes Wissen hat es nach allen bislang gewonnenen Erkenntnissen dort nicht gegeben. Ganz im Gegenteil – der Kult in Ägypten war ein Staatskult und von öffentlichen kollektiven Ritualen geprägt, die auf eine Regeneration der Menschen, auf eine Rückkehr in die Zeit der Mythen und der Schöpfung abzielten. So wurden z.B. der Mythos von Tod und Auferstehung des Gottes Osiris oder das Wiederfinden des Horuskinds durch die Gottesmutter Isis in riesigen Prozessionen dargestellt. Das war kein Theater, sondern wurde als ganz unmittelbare Wirklichkeit empfunden. Eine Einweihung in Mysterien (wie in dem Mysterienkult, der sich auf Isis bezog) hat es erst in griechischer Zeit, während des Hellenismus, gegeben. Die Vorstellung, dass die Menschen aus einem harmonischen paradiesischen Ursprungszustand in den unvollkommenen Zustand der Welt abfielen, gab es allerdings schon im alten Ägypten. Das „Buch von der Himmelskuh“ um 1350 v.Chr. spricht von einem Zusammenleben der Menschen mit den Göttern, das durch eine Empörung der Menschen gegen den Sonnengott beendet wurde. Die Menschen verfielen damit dem Alterungsprozess und dem Tod. In Ägypten liegt also eine der Wurzeln für die späteren gnostischen Vorstellungen.

Im hellenistischen Griechenland brachte man ägyptischer Priesterweisheit sehr viel Ehrfurcht entgegen. Von berühmten Gelehrten wie beispielsweise Pythagoras behauptete man, dass sie bei diesen Priestern in die Lehre gegangen wären. Obwohl die Astrologie nachweislich aus Babylonien stammt, wurde auch ihr ein ägyptischer Ursprung zugewiesen. In Griechenland liegt der Beginn alchemistischer Lehren, in deren Mittelpunkt allerdings der um 300 n. Chr. wirkende Ägypter Zosimos steht.

Hornung beschäftigt sich im folgenden eingehend mit der Gnosis und dem Corpus Hermeticum, einer Schrift, die sich als direkte Offenbarung des Gottes Hermes darstellte. In diesem Zusammenhang taucht auch der Name Imhotep auf, der im populären Bewusstsein heute durch einige Filme mit dem Bild der rachelüsternen lebenden Mumie verbunden wird, in Ägypten und Griechenland aber als Sinnbild des Weisen galt und mit dem griechischen Heilgott Asklepios identifiziert wurde.

Es folgen Kapitel über den Eingang ägyptischer Motive in das Christentum (Jesus wird in koptischen Überlieferungen beispielsweise als Magier betrachtet, der von einem Ägypter diese Kunst erlernt hat), über die Hieroglyphenmystik in der Renaissance und über die ersten Versuche frühneuzeitlicher Gelehrsamkeit, Ägypten zu deuten. Danach lenkt Hornung den Blick auf die geheimen Bruderschaften, die vom 17. bis ins 20. Jahrhundert hinein entstanden und sich dabei auch von ägyptischer Symbolik bzw. deren Abwandlungen inspirieren ließen. Geradezu als Erben ägyptischer Weisheit traten die ersten Theosophen auf. Helena Blavatsky, Begründerin der Theosophie, sah in den Pyramiden Einweihungsstätten.

Auch für Rudolf Steiner und die Anthroposophie wurde Ägypten wichtig. Steiner schrieb mehrere Mysteriendramen, von denen „Der Seele Erwachen“ Einweihungszenen in einem ägyptischen Tempel vorführt. In Vorträgen lehrte Steiner, dass sich die Ägypter der Mumifizierung bedienten, um die Verstorbenen daran zu hindern, aus der geistigen Welt wieder auf die Erde hinabzusteigen. Bei ihm findet sich auch ein Anklang an den modernen „Fluch der Pharaonen“, da er den Mumien eine Art „Giftatmosphäre“ und magische Drohung zuschrieb, die ihnen eingepflanzt wurde und auch heute noch tödlich wirken könne. Der modische „Mumienkult“ wird ebenfalls in einem eigenen Kapitel beschrieben. Hornung gibt eine Überschau ägyptischer Motive in der modernen Esoterik (z.B. das Tarot, Aleister Crowley, Reinkarnationsvorstellungen) und wirft einen Blick auf die afrozentrische Bewegung, die uralte ägyptische Kultur als Vorläufer einer schwarzafrikanischen Identität instrumentalisieren will.

Das Buch endet mit der Frage, inwieweit Ägypten uns Europäern mit seiner andersartigen Jenseitsvorstellung, seiner auf der Göttin Maat beruhenden pragmatischen Ethik und einem ganzheitlichen Denken, das in der Naturwissenschaft heute ja wieder auftaucht, eine Alternative vor Augen stellen und Impulse für eine neue Kultur geben kann. Man kann nur hoffen, dass Hornungs offener Ansatz in diesem Buch Nachahmer bei seinen Fachkollegen finden wird.

Tuczay, Christa – Magie und Magier im Mittelalter

Puh – eine ziemliche Fülle an Material schüttet die Wiener Germanistin Christa Tuczay hier vor uns aus, so dass man sich manchmal ganz schön durchgraben muss. Die meisten werden, wenn sie die Begriffe „Magie“ und „Mittelalter“ hören, sicher zuerst an die Zauber-Grimoires wie den „Schlüssel Salomons“ oder an die alte Faustsage denken, die als Vorlage für Goethes berühmtes Theaterstück diente. Ja, jener Pakt mit dem Teufel, um sich tiefes Wissen und ungeahnte Erfahrungen anzueignen, ist gemeint – ein wahrhaft europäisches Motiv! Nicht umsonst hat der Kulturphilosoph Oswald Spengler vom faustischen Menschen gesprochen und damit den Abendländer gemeint. Es ist die geistige Unruhe, die gestillt werden muss, und sei es um den Preis eines Todes auf dem Scheiterhaufen oder ewiger Qualen in der Hölle.

Auch für die Autorin waren die Vorläufer des Faust der Ausgangspunkt ihrer Beschäftigung mit den Magiern im Mittelalter. Magie definiert sie nach Karl Beth als „die einfache und unverhüllte Objektivierung des Wunsches in der menschlichen Vorstellung“ oder wie es in den Märchen der Brüder Grimm heißt: „Es war einmal in jener Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat…“. Die mittelalterliche Magie beruhte auf dem Grundsatz der „Wesensidentität von Mensch und All, d.h. der Allbeseelung“. Nach dem Sympathieprinzip „Gleiches bewirkt Gleiches“ und dessen Umkehrung „Gegenteiliges bewirkt Gegenteiliges“ zauberte man z.B. einen Regen durch das Ausschütten von Wasser in einer bestimmten Zeremonie herbei, während das Verdunsten des Wassers Trockenheit hervorrufen sollte. Desweiteren galt, dass ein Teil für das Ganze stehen konnte. Der Fingernagel eines Menschen repräsentierte also diesen selbst, und es war möglich, ihn durch Manipulationen mit einem solchen ehemaligen Körperbestandteil zu beeinflussen.

Vieles, was sich in unseren heutigen Vorstellungen vom Zauberer findet, entstammt dem Mittelalter. Im Buch wird das Beispiel eines Priesters geschildert, der einen nicht an Zauber glaubenden Ritter überzeugen will. Er zieht mit dem Schwert einen Schutzkreis und befiehlt dem Ritter um jeden Preis innerhalb dieses Kreises zu bleiben. Der Magier beschwört nun die Dämonen herauf, bis der Teufel selbst erscheint und den Ritter aus dem Kreis zu locken sucht. Im Mittelalter galten die durch Magie erzeugten Phänomene in der Regel bei ihren Gegnern nicht etwa als Betrügerei – sondern als Illusionen, die durch die Dämonen hervorgerufen worden. Der Magier rief allerdings vorher die Hilfe des christlichen Gottes an, bevor er sich mit den Höllenmächten einließ.

Wie es scheint, verblieb die Magie des Mittelalters innerhalb eines christlichen Weltbildes. Doch man muss differenzieren. Im vorher erwähnten Beispiel findet die Beschwörung um die Mittagszeit statt. Diese Zeit aber war in der Antike die typische Geisterstunde. Christa Tuczay widmet gleich das erste Kapitel den Wurzeln der mittelalterlichen Vorstellungen, die in die griechische und römische Antike reichen. Dort finden wir schon die Angst vor dem Schadenszauber, eine Handlung, die im römischen Gesetz mit dem Feuertod bedroht wurde. Sogar heute noch glaubt man vielerorts an den sogenannten „Bösen Blick“.

Der Begriff „Magus“ geht auf altpersische Vorstellungen zurück. Dort durfte laut Cicero keiner König sein, der nicht vorher die Magie studiert hatte. In der Antike sind die magische und religiöse Sphäre ursprünglich nicht getrennt. Der Magier wird als von göttlichen Kräften besessen betrachtet, die seinen Handlungen die Weihe eines initiierenden Mysteriums geben.
Erst in der Spätantike kommt es zu einer Verbindung des Magus mit dem Maleficus (Schadenszauberer), die für das Mittelalter bestimmend wird. Davon trennt sich der Zweig der Theurgie – im Prinzip ist das die weiße Magie, die eben mit den Göttern in Verbindung steht, während sich andere Zweige der Magie der Dämonen bedienen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Figur des Jesus Christus in einigen Stellen der Überlieferung als Magier erscheint, z.B. im apokryphen Evangelium des Nicodemus, in dem die Juden Jesus als Dämonenbeschwörer verklagen. Besonders extrem in dieser Hinsicht ist die arabische Kindheitsgeschichte Jesu. Als ein Spielkamerad einen von Jesus gebauten Abflusskanal zerstört, bedient sich Jesus eines Sympathiezaubers, der das Leben des Spielkameraden in jener Geschwindigkeit verlöschen lässt, in der das Wasser aus dem zerstörten Kanal fließt.

Im Mittelalter wurden die Sakramente und viele Bibelstellen als Zaubermittel bzw. Zaubersprüche benutzt. Diese Entwicklung wurde von der Kirche als Missbrauch bekämpft. Dass dieser Kampf gegen die Zauberer durchaus ambivalent zu sehen ist, zeigt Christa Tuczay in den Kapiteln über die Zauberei der Päpste und Bischöfe. Zwischen einem Exorzisten, der den Teufel austrieb und einem Magier, der ihn herbeirief, bestand eine nur sehr sehr verschwommene Grenze. Insofern überrascht es nicht, wenn wir in diesem Buch hören, dass es viele Legenden über Kirchenobere gab, die sich der Schwarzkunst verschrieben. Beispielsweise existieren Sagen über den Papst Sylvester II. (gest. 1003), der ein gestohlenes Zauberbuch in Besitz gehabt haben soll und schließlich von Dämonen bei der Kirchmesse zerstückelt wurde.

Die Zauberbücher umgab im Mittelalter ein Schleier aus Unheimlichkeit und Ehrfurcht. Der Kraft des Wortes wurde große Bedeutung beigemessen. Ein Großteil der Zauberbücher kursierte vor allem in herrschaftlichen und höfischen Kreisen, die dem Zugriff der Kirche entzogen waren. So soll Friedrich II. von Hohenstaufen seinen Hofastrologen Michael Scotus zum Verfassen eines Buches über die Schwarzkunst und Arnold von Villanova zu einer Abhandlung über Sigillenmagie veranlasst haben. Einen hohen Bekanntsheitsgrad erlangte das auf arabische und griechische Quellen zurückgehende Zauberbuch „Picatrix“, welches Wissen über Talismane, die Planeten und Beschwörungen enthielt. Der Gott Hermes galt als Verfasser einiger vornehmlich alchemistischer und astrologischer Traktate – machmal identifizierte man ihn mit dem ägyptischen Gott der Schreibkunst, Thot. Oftmals wurden die Bücher berühmten Persönlichkeiten zugeschrieben wie etwa dem griechischen Philosophen Aristoteles. Geschichten über solche Persönlichkeiten erfreuten sich im Mittelalter hoher Beliebtheit. Die Autorin berichtet beispielsweise über den römischen Schriftsteller Vergil, der im Mittelalter zum „Dichter, Magier und Meisterkonstrukteur“ wurde. Ebenso setzt sie sich mit dem Zauberer Simon von Samaria, dem Gegenspieler der Apostel Paulus und Petrus, auseinander.

Hierbei ist vor allem die Geschichte vom missglückten magischen Flug erwähnenswert, den Simon mit Hilfe der Dämonen ausführt und dabei durch die Kraft eines Heiligen zu Fall gebracht wird. Diese Geschichte verweist auf eine andere Frage, die Christa Tuczay diskutiert: Inwieweit ist die Magie des Mittelalters von schamanistischen Praktiken durchsetzt? Der magische Flug gehört zu den typischen Merkmalen des Schamanen. Daran schließt sich die Problematik der Unterscheidung des Magiers von den späteren Hexen an. Auch wenn im Hochmittelalter die Zauberer bereits verfolgt wurden, handelt es sich im Ganzen gesehen doch um Einzelfälle, die man nicht mit den in der Zeit von 1450 bis 1750 ca. 40000 bis 50000 hingerichteten Menschen vergleichen kann. Interessant ist der Hinweis der Autorin, dass in der kirchenrechtlichen Schrift Reginos von Prüm die „nachtfahrenden Weiber“ von der Göttin Diana angeführt werden, welche ähnlich wie Hermes in der Spätantike zu einer hauptsächlichen Gottheit der Zauberei (siehe auch Hekate) wurde. Andere mittelalterliche Überlieferungen weisen auf „ekstatische Kulte“ hin.

Ein besonderes Augenmerk richtet Christa Tuczay auf das Verhältnis von Magie und Naturwissenschaft. Fakt ist, dass die Gelehrten des Mittelalters (und auch noch der frühen Neuzeit) selten beide Künste voneinander trennten oder zumindest einzelne Teildisziplinen wie die Astrologie, bestimmte magische Heilpraktiken (z.B. die Alraune, auf die im Buch ebenfalls eingegangen wird) oder Planetenbeschwörungen als zur Wissenschaft gehörig betrachteten. Vielfach wurde zwischen der „magia naturalis“, die die geheimen Kräfte hinter der Natur erforschte, und der Dämonenmagie, die auf dem Teufelspakt beruhte, unterschieden – allerdings wiederum mit sehr verschwommenen Grenzen.

Gesonderte Kapitel behandeln die weiteren Einflüsse, die neben der klassischen Antike die Vorstellungen des Mittelalters bestimmten. Einerseits haben die alteuropäischen germanischen und keltischen Motive und Traditionen in der mittelalterlichen Magie fortgelebt. Andererseits wurde sie stark durch die Zauberpraktiken der Juden und arabische Gelehrsamkeit beinflusst. Neben der antiken Überlieferung transportierte gerade letztere auch die gnostischen und neuplatonischen Einflüsse, die sich vor allem in den astralmagischen Vorstellungen wie den Planetensphären usw. niederschlugen.

Damit ist die Themenvielfalt des Buches aber immer noch nicht erschöpft. Christa Tuczay widmet sich ebenfalls der Frage nach dem Zusammenhang von Magier und Ketzer, dem Strafprozess, den Gauklern, den Beschreibungen wunderbarer Automaten, dem Bild- und Liebeszauber, den magischen Gestalten der höfischen Literatur, wie dem Nectanebos des Alexanderromans, der Morgana aus dem Artus-Zyklus, dem Klingsor aus der Parzivalsage, den Feenrittern usw. usf.

Ich hoffe, dass ich euch ein wenig für das Thema erwärmen konnte. Mit diesem Buch liegt eine faszinierende religionswissenschaftliche Studie vor, die zeigt, wie ambivalent die Magie im Mittelalter betrachtet wurde und woher viele unserer eigenen Vorstellungen von diesem Gegenstand kommen. Die Autorin legt sich dabei nicht auf einen bestimmten Blickwinkel fest, sondern beleuchtet das Thema von verschiedenen Seiten. Das Buch ist im Ton immer sachlich und gut verständlich geschrieben.

Letzteres muss ich allerdings mit einer kleinen kritischen Einschränkung versehen. Mich irritiert häufig der Umgang mit den Übersetzungen der Zitate. Finden sich am Anfang des Buches noch alle lateinischen Stellen ausnahmlos mit Übersetzung, so tauchen zum Ende hin plötzlich solche ohne Übersetzung auf. Genauso unlogisch ist, dass alle altfranzösischen Zitate unübersetzt bleiben. Ich frage mich, wer unter den Lesern wohl des Altfranzösischen mächtig sein wird. Mit einigen längeren Zitaten in frühneuhochdeutscher Sprache dürfte kaum jemand Schwierigkeiten haben. Allerdings bin ich mir da bei den mittelhochdeutschen Texten nicht so sicher – Klar, mit einiger Mühe versteht vielleicht auch ein Laie auf diesem Gebiet zumindest die Grundaussage… Trotzdem wäre eine Übersetzung leserfreundlicher. Englische Zitate werden gar nicht übersetzt, was für die meisten heutzutage verschmerzbar sein dürfte.

Rein quantitativ betrachtet fallen die unübersetzten Zitate nicht sonderlich ins Gewicht, so dass ich das Buch bedenkenlos empfehlen kann.

Nemenyi, Geza von – Heilige Runen

Bei den Runen handelt es sich um die Schriftzeichen unserer germanischen Vorfahren, die für magische Zwecke und schriftliche Mitteilungen benutzt wurden. Eine Rune bezeichnet immer gleichzeitig einen Laut sowie einen bestimmten Begiff – so steht beispielsweise die Rune *Berkanan einerseits für den Laut b und andererseits für die Birke einschließlich ihrer symbolisch-mythologischen Bedeutung. Die Runen sind in wissenschaftlichen und esoterischen Kreisen in Bezug auf Alter, Herkunft und Deutung heftig umstritten, wobei die Diskussionsbeiträge fast immer vom weltanschaulichen Hintergrund des jeweiligen Protagonisten geprägt sind. Die Germanen selbst betrachteten – wie die Edda-Überlieferung und einige Runeninschriften übereinstimmend berichten – diese Zeichen als „reginnkunum“, d.h. götterentstammt. In der Edda wird der Ekstase-, Sieg- und Weisheitsgott Odin als Schöpfer der Runen dargestellt. Der bislang älteste anerkannte Runenfund ist die Fibel von Meldorf, die in das Jahr 50 n.Zw. datiert wird. In der Wikingerzeit wurde das ältere Futhark (Runenreihe) von 24 Runen auf 16 Runen verringert – ein Rätsel, weil der Lautstand sich eigentlich erhöht hatte.

Das vorliegende Buch ist „aus der Sicht eines heidnischen Priesters geschrieben“. Geza von Nemenyi gehört zu den bekanntesten und interessantesten Vertretern der naturreligiösen Szene in Deutschland. Seine „Germanische Glaubensgemeinschaft“ (GGG) kann sich offiziell darauf berufen, das Erbe der von Ludwig Fahrenkrog im Jahre 1908 gegründeten Organisation fortzuführen, die sich eine Rückkehr zur altgermanischen Religion auf die Fahnen geschrieben hatte. Zuletzt geriet Geza von Nemenyi ins Kreuzfeuer wegen eines Aufrufes zum Zusammenschluß der traditionell-germanisch orientierten Heiden, die bestimmte von ihm favorisierte Glaubensvorstellungen als allgemeinverbindlich akzeptieren sollten. Diese Vorstellungen bilden auch den Hintergrund von „Heilige Runen“.

Aus der Flut der esoterischen Literatur zum Runenthema ragt das Buch durch den Materialreichtum und den Bezug auf die historischen Quellen heraus. Im Grunde lässt sich an deutsch erschienenen Büchern damit nur noch Edred Thorssons „Runenkunde“ vergleichen. Man muss die Ansichten des Autors nicht teilen, um Gewinn aus seiner mit viel Fleißarbeit zusammengetragenen Sammlung der Runeninschriften, der Runenlieder, der Codicies, der Stellen aus den Island-Sagas und anderer Überlieferungen zu ziehen. Insbesondere gibt es einige selten gedruckte Belege aus der altenglischen Dichtung zu lesen.

Ebenso bezieht Geza von Nemenyi die von den völkischen Runenokkultisten Kummer und Marby in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelten Runenstellungen oder Runenyoga ein. Hierbei stellt man die jeweilige Rune mit dem Körper nach und intoniert den Runennamen. Sogar die Runenstabkalender des späten Mittelalters werden erklärt, welche sonst in den Runenbüchern kaum auftauchen.

Selbstverständlich enthält dieses Buch Erläuterungen zu den einzelnen Runen, ein Kapitel über die germanischen Mythen, die den Umkreis der Runen bilden, über das Orakelverfahren und über die Verwendung der Runen zu magischen Zwecken. Nach dem Bericht des Tacitus wurde das Orakel bei den Germanen mit Loshölzchen durchgeführt, die aus dem Holz eines Fruchtbaums geschnitzt waren, z.B. der Buche, wovon noch unser Wort Buchstabe zeugt. Dabei hob der Priester oder Familienvater mit zum Himmel gerichteten Blick nacheinander drei Runen auf, die sich vielleicht auf die drei Schicksalsgöttinnen, die Nornen, bezogen – also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die bei Tacitus (und auch bei Caesar) erwähnten „notae“ (=Zeichen) auf den Hölzchen waren vermutlich Runen.

Eine Überfülle an Informationen also – und man sollte eigentlich zufrieden sein. Aber leider finde ich hier Behauptungen, die mir schlicht und einfach die Haare zu Berge stehen lassen. Bei allem Respekt vor dem Autor muss ich doch sagen, dass man nicht einerseits über die Phantastereien einiger Runenokkultisten herziehen kann, um andererseits selbst Ähnliches zu verfassen. So fällt schon unangenehm auf, dass der Autor sich nicht an die (allerdings spät) überlieferte Bezeichnung der aettir (Unterteilungen der Runenreihen) hält, die eindeutig von Frøys aett (der Fruchtbarkeitsgott Frey), Hagals aett (ein Beiname Odins?) und Týs aett (der frühere Himmelsgott und spätere Kriegsgott Tyr) sprechen. Geza von Nemenyi nimmt mit Hilfe äußerst zweifelhafter Etymologien einfach eine ältere Einteilung für die Runenreihe in Wodans (Odin), Donars (Thor) und Tius (Tyr) Runen an. So wird dann auch aus der ersten Rune des Frøys aett *Fehu, die für Viehstand, Besitz, Fruchtbarkeit steht, einfach der „Lufthauch“, um sie mit Odin in Verbindung bringen zu können. Mal abgesehen davon, dass das natürlich im Widerspruch zur Überlieferung der Runenlieder steht, ist gerade diese Rune auf einem der Blekinger Steine für einen Fruchtbarkeitszauber verwendet worden. Die überlieferte Bedeutung des Runennamens lässt der Autor nur noch als jüngere sekundäre Anfügung gelten.

Genauso bleibt die Annahme eines Lehr-, Wehr- und Nährstandes bei den Germanen, deren spezifische Einweihungen durch die jeweiligen Runenreihen symbolisiert werden, eine reine Spekulation. Außer durch das eddische Merkgedicht „Rigsþula“ (vermutlich erst im Hochmittelalter entstanden) wird eine solche gesellschaftliche Gliederung von der Überlieferung nicht bestätigt. Es gab bei den Germanen eine Unterteilung in „nobiles“ (Edle, Adlige), Freie und Unfreie, wobei die „nobiles“ bei den einzelnen Stämmen unterschiedlich stark von den übrigen Freien abgehoben waren. Für einige Stämme, insbesondere die Schweden, die Ostgermanen und die Angelsachsen, sind heilige Königsgeschlechter überliefert, die ihren Ursprung auf Götter zurückführten. Die von Geza von Nemenyi im weiteren gebrachte Beschreibung der angeblichen Einweihungswege der Stände ist nur noch pure Erfindung.

An anderer Stelle wird behauptet, dass unseren germanischen Vorfahren der Frieden wichtiger gewesen wäre als der Krieg. Wenn man die Quellen kennt, mutet dieser Satz fast wie ein Witz an. Ich denke, man kann die Behauptung wagen, dass gerade für die Germanen der Krieg eine der heiligsten Angelegenheiten darstellte – die wichtigsten germanischen Werte waren kriegerische Tugenden. Die Religion und Spiritualität der Germanen hatte zweifelsohne einen kriegerischen Charakter. Zum zweiten darf man nicht vergessen, dass die Germanen eine andere Vorstellung von Frieden hatten als wir. Frieden meinte in erster Linie die aktive Hilfe der Verwandten untereinander – nicht etwa die Abwesenheit von Konflikten. Also bitte! – macht aus unseren Vorfahren keine friedliebenden Gutmenschen!

Es überrascht mich, hier den slawischen Stamm der Wenden so-mir-nichts-dir-nichts als Nachfahren der ostgermanischen Wandalen wiederzufinden. Seitenlang operiert der Autor mit dieser These, ohne dass der Leser darüber aufgeklärt wird, wie er dazu kommt. Erst auf Seite 349 findet sich der kurze Absatz mit der Behauptung, dass es in der Missionierungszeit üblich geworden wäre, heidnische Ostgermanen als „Sclaven“ zu bezeichnen, woraus sich später unter Wegfall des c das Wort „Slawen“ gebildet hätte. Natürlich ist es legitim, eine solche der üblichen Lehrmeinung widersprechende These zu vertreten. Aber man darf nicht vorraussetzen, dass der Leser das einfach schluckt. Es fehlt schlicht ein Kapitel, in dem diese These begründet wird.

Der Gerechtigkeit halber will ich aber noch erwähnen, dass nicht alle Spekulationen des Autors so verstiegen sind wie die bislang genannten. Vielfach regen seine Behauptungen zum Nachdenken an und enthalten originelle Ansätze – so z.B. in seiner Zuordnung der Runen und germanischen Götter zum Jahreskreis oder bei einigen unorthodoxer Deutungen von Runeninschriften. Die Aufteilung der Runen dagegen auf die ohne Runennamen überlieferten sogenannten „Zauberlieder“ in der Edda entpuppt sich wieder als sehr fragwürdig, wobei der Autor zumindest interessante Gedanken entwickelt, die nicht gänzlich von der Hand zu weisen sind.

Im übrigen bin ich im Gegensatz zu Geza von Nemenyi nicht der Meinung, dass man sich wie der Gott Odin in der Edda fastend drei oder neun Tage an eine Esche hängen muss, um die Runen zu erfahren. Für einen Menschen unserer Zeit mit den heutigen Konditionierungen, Prägungen, Verspannungen usw. wäre es wohl sinnvoller, stattdessen ein paar Tage meditierend und kontemplierend in magischer Zurückengezogenheit zu verbringen. Aber gut – darüber lässt sich streiten…

Ich wiederhole es noch einmal – alles in allem ragt das Buch trotz seiner gröberen Fehler qualitätsmäßig aus der Fülle esoterischer Literatur zu den Runen heraus. Ich wünsche diesem Buch kritische Leser, die nicht bedenkenlos alles für erleuchtete Weisheit halten, was der Autor hier von sich gibt. Diese Leser aber werden Gewinn aus „Heilige Runen“ ziehen können.

Perutz, Leo – Meister des jüngsten Tages, Der

Ah – endlich mal wieder ein richtig spannender Roman, der einen Schlaf und Zugfahrt vergessen lässt! Aber das Schöne dabei ist in erster Linie, dass diese Geschichte verschiedene Bedeutungsebenen hat, zum Nachdenken anregt und von einem souveränen Umgang mit der deutschen Sprache zeugt – also kein elender Schmöker sondern Hochliteratur. Gerade die Sprache schafft es, mehrere ganz unterschiedliche Stimmungsbilder einzufangen. Einmal hat sie etwas von der Exaktheit der Detektivgeschichten eines Arthur C. Doyle oder Gilbert K. Chesterton, ein andermal steht die psychologische Betrachtung des Innenlebens der Hauptperson im Vordergrund, dann wieder wechselt Traumartiges mit Realistischem.

Der Roman hat schon einige Jahre auf dem Buckel – die Erstauflage erschien 1923 – und lässt sich nicht so einfach kategorisieren. Leo Perutz ist in der deutschen Literaturgeschichte kein Unbekannter – zwar kann sich seine Fama nicht mit der eines Thomas Mann vergleichen, aber seine vornehmlich historischen Romane wie „Der Marques de Bolibar“ oder „Nachts unter der steinernen Brücke“ haben einen Platz in der Ruhmeshalle der Vorreiter des modernen Romans gefunden. Und eben da hinein gehört auch „Der Meister des jüngsten Tages“. Wobei wir hier keinen historischen Stoff vor uns haben – auch wenn es einen historischen Bezug gibt. Jorge Luis Borges bezeichnete den „Meister“ als einen der besten Kriminalromane der Welt; Perutz selbst behauptete, er habe nie einen solchen geschrieben. Man kann von einem psychologischen Roman reden, von einer Detektivgeschichte oder gar im modernen Sprachgebrauch von einem „Mystery Thriller“. In dieser Aufzählung darf dann nicht die „Gothic Novel“, also der Schauerroman, vergessen werden. Oftmals gemahnt der „Meister“ an das Werk Edgar A. Poe’s – ja geradezu an eine Verquickung der rationalen Kriminalerzählungen mit den phantastischen Gruselgeschichten. Die im Buch erwähnte Farbe „Drommetenrot“ hat übrigens sogar Eingang in einige Ästhetiktheorien (z.B. Adorno) gefunden. Auf dem Buchdeckel wiederum wird „das mögliche Ergebnis eines Fehltritts von Agatha Christie mit Franz Kafka“ angekündigt. Nun, auch das ist nicht falsch…

Die Geschichte spielt im Jahre 1909 in Wien. Der Ich-Erzähler Freiherr von Yosch gerät in den Strudel einer seltsamen Selbstmord-Serie. An einem Abend wird er von seinem Freund Dr. Gorski gebeten, bei einem privaten Hauskonzert in der Villa des gemeinsamen Bekannten Eugen Bischoff als Violinenspieler auszuhelfen. Eugen Bischoff ist ein bekannter Hofschauspieler und der Mann der ehemaligen Geliebten des Freiherrn. Er berichtet der versammelten Gesellschaft die Geschichte eines Seeoffiziers, dessen Bruder völlig grundlos Selbstmord beging. Der Offizier stellte daraufhin Nachforschungen an, lebte das Leben seines Bruders mit allen Details nach und tötete schließlich sich selbst durch einen Sprung aus dem Fenster – obwohl der geladene Revolver, den er besaß, in einer Schublade greifbar nahe lag.
Nachdem Eugen Bischoff von Dr. Gorski überredet wurde, eine Kostprobe seiner neuen Theaterrolle zu geben, benimmt sich der Schauspieler sonderbar erregt und verschwindet in seinem Pavillon, um sich zu schminken. Unser Ich-Erzähler geht während dessen draußen im nächtlichen Garten spazieren, da die Anwesenheit seiner ehemaligen Geliebten in ihm intensive schmerzliche Gefühle erweckte. Plötzlich fallen zwei Schüsse. Der Schauspieler hat Selbstmord begangen – den ersten Schuss feuerte er allerdings auf die Wand des Pavillons ab. Bei dem Toten wird die Tabakspfeife des Freiherrn von Yosch gefunden. Sofort verdächtigt ihn der Bruder des Toten, den Selbstmord des Eugen Bischoff forciert zu haben. In der Verwirrung behält als Einziger der Ingenieur Solgrub einen klaren Kopf – begabt mit einem ausgeprägten analytischen Verstand übernimmt er sozusagen die Rolle des Sherlock Holmes in diesem Buch. Solgrub und Dr. Gorski forschen parallel zu dem von Selbstzweifeln gequälten Freiherrn nach einer Lösung des Rätsels und stoßen auf ein uraltes Geheimnis…

Dass die Lösung des Falles nicht im Bereich des Gewöhnlichen liegt, wird schon im Vorwort deutlich, in dem der Ich-Erzähler sagt: „Und es ist nicht vorüber, nein, noch immer ist es nicht vorüber, aus ihren Tiefen steigen die Bilder auf und dringen auf mich ein, nachts und am hellen Tage – jetzt freilich, dem Himmel sei Dank, nur blass und schattenhaft, nur wesenlose Schemen. Er schläft, der Nerv in meinem Hirn, aber sein Schlaf ist noch immer nicht tief genug. Und manchmal fasst mich eine jähe Angst und treibt mich ans Fenster, es ist mir, als müsse dort oben das furchtbare Licht in ungeheuren Wellen über den Himmel rauschen, und ich kann es nicht fassen, dass über mir die Sonne steht, von silbernem Dunst verhüllt, von purpurnen Wolken umdrängt oder einsam in der unendlichen Bläue des Himmels, und rings um mich her, wohin ich blicke, die uralten, ewigen Farben, die Farben der irdischen Welt. Niemals mehr hab’ ich seit jenem Tag das grauenvolle Drommetenrot gesehen. Aber die Schatten sind da, sie kommen immer wieder, sie haben mich umstellt, sie greifen nach mir – werden sie niemals aus meinem Leben verschwinden?“ (S. 8 f.)

Aber mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, denn schließlich will ich euch nicht die Spannung nehmen. Vielleicht noch so viel: Die Aufhellung des Rätsels lässt ebenfalls ganz unterschiedliche Deutungen zu. An dieser Stelle kommt es auf den Leser an: Wie will er diesen Roman lesen? Ich habe mich entschieden, in ihm vor allem eine Aussage über die Verbindung von Religion und Kunst zu erblicken – über die Sehnsucht des Künstlers nach den Visionen und „Gesichten“…

Joachim Bumke – Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im Hohen Mittelalter

Der zuletzt in Köln Literaturgeschichte des Mittelalters lehrende Professor Joachim Bumke ist jedem Studenten der älteren Germanistik ein Begriff: Seine in der „Sammlung Metzler“ erschienene Einführung in die Epen des Wolfram von Eschenbach („Parzival“) gehört zum unverzichtbaren Standardrepertoire des Studierenden. Dadurch neugierig geworden, habe ich mich auf dieses Buch gestürzt, als die Gelegenheit da war, es zu rezensieren.

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Eckart Peterich, Pierre Grimal – Götter und Helden

Der Kunsthistoriker und bekannte Reiseschriftsteller („Rom“) Eckart Peterich sowie der Altphilologe Pierre Grimal lassen in diesem Buch die Vorstellungen dreier antiker Völker wieder lebendig werden: Peterich schreibt über Götter und Helden der Griechen und Germanen, während Grimal die Entwicklung der römischen Sagenwelt nachzuzeichnen versucht. Die Kapitel sind kurz und knapp gehalten, aber anschaulich, ja unterhaltsam geschrieben. Archaisierungen werden im Stil dabei ebenso vermieden wie Ironie oder aufgesetzte Peppigkeit.

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Genzmer, Felix – Edda, Die

Es hieße wohl Eulen nach Athen – oder unserem Thema angepasst: Raben nach Asgard – tragen, wenn man betonte, dass die „Edda“ das wichtigste Zeugnis für die germanische Religion darstellt. Sie ist sozusagen die große alte, weise Frau, die uns etwas über die Religion auch unserer Vorfahren erzählt. Denn obwohl der Hauptteil dieser Lieder über germanische Götter und Helden, der sogenannte „Codex Regius“, erst im 13. Jahrhundert auf der Insel Thule im hohen Norden, also Island, aufgezeichnet wurde, überliefert er uns doch Vorstellungen, die über die Fläche eines Gebiet verbreitet waren, das Skandinavien, das heutige Deutschland und Britannien einschloß. Odin und Thor kennt man im südgermanischen Raum als Wotan und Donar. Die Heldenlieder des „Nibelungen-Zyklus“ in der „Edda“ sind von heutigen deutschen Gebieten nach Island gewandert – Siegfried heißt hier Sigurd und Hagen Högni. Zugleich gibt die „Edda“ damit die älteste erhaltene Version der Nibelungensage wieder.

Selbst wer sich als Leser dieser Seite noch nicht mit den altgermanischen Mythen und Sagen in der „Edda“ auseinandergesetzt hat, dem werden die Geschichten vielleicht bekannt vorkommen. Viele Musikgruppen aus dem Bereich des Metal, Gothic, Neofolk oder Dark Ambient beschäftigen sich ja mit den alten Göttern, Sagenhelden oder Runen. Auf der zweiten CD der Viking-Metaller FALKENBACH beispielsweise findet sich das Instrumental „Baldurs Tod“ – jener strahlende Gott Baldur ist gemeint, der durch die List Lokis ums Leben kommt und ins Totenreich zur Göttin Hel fährt. Sein Tod stellt ein unheilvolles Omen dar, das auf den Ragnarök verweist, den Untergang der Götter.

Tragisch und voll dunklen Zwielichts erscheint die Religion der Germanen in dem berühmten Lied „Volüspa“ („Der Seherin Gesicht“). Doch diese Tragik ist kämpferisch und das genaue Gegenteil einer Opferhaltung. Die Götter wissen um ihren Untergang und trotzdem ergeben sie sich kein einziges Mal der Resignation. Ihre Verantwortung und ihre Sorge um die Welt bestimmen ihr ganzes Handeln. Der Höchste des Göttergeschlechts der Asen, Odin, murmelt bis zuletzt mit dem zukunftskundigen Haupt Mimirs, um für die Endschlacht bereit zu sein. In dieser Schlacht kämpfen die Einherjer, die gefallenen Krieger, Seite an Seite mit den Göttern gegen die dämonischen Mächte, den Gott Loki, seine von ihm gezeugten Ungeheuer und die Riesen. Auch wenn Odin, Thor und Frey fallen, so taucht doch eine neue Welt auf, in der Baldur aus dem Reich der Hel zurückkehrt und über die die Söhne der Asen herrschen werden.

Diese aktive Haltung gegenüber dem Schicksal, das von den Nornen als den überpersönlichen Mächten gewebt wird, findet sich in den Heldensagen wieder. Die germanische Heldensage erzählt von der Konfrontation einer starken Persönlichkeit mit dem eigenen Tod. Der Germane nimmt dieses Schicksal nicht nur an – nein, er macht es auch noch ganz zu seinem eigenen Willen. Die menschliche Freiheit bewährt sich für den Germanen erst in der Haltung, die er dem Tod gegenüber einnimmt. Högni lacht, während die Hunnen ihm das Herz aus der Brust schneiden. Hamdir und Sörli rächen den Tod ihrer Schwester Schwanhild an dem König Jörmunrek. Aufgereizt durch die eigene Mutter gehen sie mit vollem Bewußtsein in den Tod. Kurz bevor Hamdir mit vielen klaffenden Wunden zu Boden sinkt, sagt er: „Gut haben wir gekämpft: / Wir stehn auf Gotenleichen, / aufrecht, ob schwertmüden, / wie Aare im Gezweig; / Heldenruhm gewannen wir, / sterben wir heut oder morgen: / niemand sieht den Abend, / wenn die Norne sprach.“ (S. 221) Diese Stelle soll gleichzeitig als Beispiel für die kraftvolle Schönheit der Übersetzung Felix Genzmers dienen.

Felix Genzmer gilt zu Recht als der beste Edda-Übersetzer. Von der Erstveröffentlichung 1912 (der Heldenliedteil) bis zu seinem Tode 1959 hat Genzmer an seiner Übersetzung gearbeitet, um dem Original noch ein Stück näher zu kommen und noch besser die Stimmung der altnordischen Lieder zu rekonstruieren. Er stand allerdings unter dem Einfluss der in den Zwanzigerjahren führenden Schule des bekannten Germanisten/Nordisten Andreas Heusler, die unter dem Postulat arbeitete, dass man aus der teils ungeordneten Überlieferung das Original zurückgewinnen könne. So kommt es, dass Genzmer einige Gesätze anders als in der Vorlage anordnet und manches als unpassend Empfundene wegließ. In seinen späteren Überarbeitungen nahm er viele dieser gestrichenen Stellen wieder auf. Die Aufzählung der Zwergennamen in der „Volüspa“ erscheint allerdings nicht in Genzmers Übersetzung, weil sie wahrscheinlich ein späterer Einschub in das Gedicht ist. Wer einen Vergleich haben will, sollte sich die preiswerte Simrock-Übersetzung aus dem |Phaidon|-Verlag besorgen, welche auch einen Teil der sogenannten „Jüngeren Edda“ des Snorri Sturluson enthält.

Die Übertragung von Genzmer darf als die sprachlich schönste bezeichnet werden. Sie nähert sich in Ton und Duktus dem Original am weitesten an. Genzmer versucht möglichst häufig den Stabreim wiederzugeben, der in der Regel auf vier Hebungen innerhalb von zwei Kurzzeilen (eine Kurzzeile im oberen Beispiel immer bis zum / ) beruht und bei dem die Betonung auf dem Anlaut liegt: Eine beeindruckende altertümliche Reimform, die vor allem beim lauten Lesen zu ihrer vollen Wirkung kommt. Und laut vorlesen sollte man diese Lieder – immerhin waren sie ursprünglich zum mündlichen Vortrag in der geselligen Runde z. B. beim Opferfest oder in der Königshalle gedacht.

Wie kam es nun, dass diese mündlichen Lieder in christlicher Zeit in Island auf Pergament niedergeschrieben wurden? Wir haben auf Island die typische „Inselsituation“. Fernab der großen Umwälzungen in Europa, fernab der eigentlichen Missionszentren konnte sich hier die alte Überlieferung halten. Eine Donar-Eiche wurde in Island glücklicherweise nie gefällt. Zwar führten die Isländer im Jahre 1000 durch eigenen Thingbeschluss, aber unter militärischem Druck des norwegischen Königs Olaf Tryggvason die christliche Religion ein, doch die nicht-öffentliche Verehrung der alten Götter war erlaubt; es bildeten sich heidnisch-christliche Synkretismen und das altgermanische Ethos blieb noch weit bis ins 12. Jahrhundert lebendig. Die isländischen Geistlichen waren so eng mit ihrem Volk verbunden, dass sie die heidnischen Sagen und Lieder mit viel Liebe aufgezeichnet haben.

Diese Edda-Ausgabe enthält neben dem „Codex Regius“ noch einige andere Lieder aus den Island-Sagas (eine sehr altertümliche Form besitzt das „Hunnenschlachtlied“). Jedem der kostbaren Sprachdenkmäler ist ein kleiner Einführungstext vorangestellt. Erwähnt sollte noch werden, dass die Edda neben den Götter- und Heldensagen auch Sittengedichte, Spruchweisheiten und Mitteilungen über die Runen enthält. Hier erfährt man, woher die Runen stammen (reginkunnum – „götterenstammt“) und zu welchen Zwecken sie verwendet wurden. Leider fehlt in der vorliegenden Ausgabe das „Bjarkilied“, welches uns nur in einer lateinischen Umschreibung des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus erhalten ist. Genzmer rekonstruierte aus dieser Umschreibung ein Stabreimlied. Das „Bjarkilied“ stellt eine Hymne auf die germanische Gefolgschaftstreue dar. Unerfindlich bleibt, warum es in der Gesamtausgabe keinen Platz gefunden hat.

Die Edda-Übersetzung von Felix Genzmer sei allen ans Herz gelegt, die sich nicht als „menschliche Eintagsfliegen“ betrachten, sondern mit Goethe der Meinung sind, dass das Leben dessen nicht lebenswert ist, der „nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben“.

Robert A. Heinlein – Fremder in einer fremden Welt

Dieser Roman erschien 1961 das erste Mal in den USA und löste eine Welle verschiedenster Reaktionen aus – die ganze Palette von emphatischer Zustimmung bis hin zu empörter Ablehnung. „Stranger in a strange world“ war einer der programmatischen Romane der Sechzigerjahre. Vor allem die Hippie-Bewegung las Heinleins Worte mit Begeisterung und Charles Manson fühlte sich durch den Roman inspiriert.
Dabei gilt Heinlein allgemein als „Rechter“, als eine Mischung aus Aristokrat, Militarist, Anarchist und typisch amerikanischer Selfmade-Man-Attitüde. Irgendwie scheint es da kein Wunder, dass ein Kater im Roman Friedrich Wilhelm Nietzsche heißt.

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Bemmann, Klaus – Religion der Germanen, Die

Dem Phaidon-Verlag verdanken wir einige Bücher zum Thema Germanentum, insbesondere die Herausgabe von Quellentexten in deutscher Übersetzung (so die Simrock-Übersetzungen der „Edda“ und des „Nibelungenliedes“) und die Wiederveröffentlichung von Autoren des 19. Jahrhunderts, unter denen der bekannteste wohl Felix Dahn ist. Hier nun liegt ein neueres Werk vor. Es handelt sich um eine leicht verständlich geschriebene Einführung in die Religion unserer Vorfahren von Dr. Klaus Bemmann. Mit einem reichen und hervorragend ausgewählten Bildteil versehen, hat das Buch alle Chancen, zu einem Standardwerk für alle an den Germanen Interessierten zu werden. Bei der liebevollen Herangehensweise an seinen Gegenstand dürfte Bemmann zudem noch sämtliche Neuheiden und Anhänger der „Naturreligionen“ für seine Darstellung begeistern. Trotzdem hinterlässt das Werk einen zwiespältigen Eindruck.

Bemmann ist es hoch anzurechnen, dass er in erfrischend klarer Weise die Kontinuiität zwischen den Germanen und den Deutschen erläutert – das Frankenreich fasste in seinem östlichen Teil die germanischen Stämme der Burgunder, Alemannen, Thüringer, Bayern, Langobarden, Friesen und Sachsen zusammen, während es in seinem westlichen Teil die romanische Bevölkerung beherbergte. Im östlichen Teil wurde althochdeutsch gesprochen, im westlichen Teil „welsch“, d.h. altfranzösisch. Aus dem östlichen Teil ist nun aber Deutschland entstanden – wir sind also die direkten Nachfahren der Germanen. Der erste König dieses Ostreiches Ludwig wurde denn auch von den zeitgenössischen Chronisten als „Rex Germanorum“, König der Germanen, bezeichnet. Diese einfachen Tatsachen folgerichtig darzustellen, ist leider nicht die übliche Gepflogenheit in der modernen Germanenliteratur.

Ebenso deutlich verkündigt Bemmann mit einem Zitat das Programm seiner Herangehensweise an die Quellen über die germanische Religion: „Kritisch sein ist das Wesen der Wissenschaft, aber Hyperkritik ist eine Krankheit. Die Beweispflicht geht immer zu Lasten desjenigen, der die Quellen als unzuverlässig ansieht.“ Im Folgenden finden sich dann eine Darstellung der germanischen Sitten und Bräuche, der germanischen Götter, des Kultes und schließlich einige von Bemmann nacherzählte Göttersagen. Wie der Untertitel des Buches schon erahnen lässt, liegt der Schwerpunkt dabei auf den Südgermanen, wobei selbstverständlich die nordischen Quellen allesamt auch einbezogen werden.

So weit, so gut… Leider muss man ein großes Aber anfügen: Bemmann zeichnet letztlich ein verzerrtes Bild der germanischen Religion. Einmal hält er sich nicht an die von ihm postulierte Behandlung der Quellen. Ohne Angabe von Gründen bezeichnet er den „Fulltrui“-Glauben als Späterscheinung; am Anfang wären alle Götter gleich verehrt worden. Fulltrui ist der göttliche Treufreund – wie die isländischen Sagas schildern, verehrten Einzelne immer wieder einen Gott ganz besonders (z.B. Odin, Thor oder Frey), sie konnten aber auch in Feindschaft zu einem Gott stehen. Es handelt sich um eine der wichtigsten Charakteristika der germanischen Religion. Im Weiteren wird klar, warum Bemmann den „Fulltrui“-Glauben so herunterspielt. Seiner Meinung nach brachten die Germanen ihre Opfer in Demut den Göttern dar, die allmächtig und allein frei in ihren Entscheidungen waren, die der Mensch eben akzeptieren musste. Das ist Christentum, aber keine germanische Religion. Es ist einfach falsch. Sicherlich spielt die Ehrfurcht, der „heilige Schauer“ auch hier eine große Rolle – der von Tacitus geschilderte Fesselhain der Semnonen wird von Bemmann zu Recht in diesem Zusammenhang erwähnt. Doch der Germane blieb frei in seinen Entscheidungen gegenüber seinem Gott, auch wenn er die Orakelsprüche der Götter befolgte – es war seine Wahl. Dem Schicksal gegenüber galt diese Haltung in genau der gleichen Weise. Der Germane nahm das meist tragische Schicksal an und macht es ganz bewusst zu seinem Willen. Aber von dem für das Germanische so wichtigen Schicksalsglauben hören wir fast nichts in Bemmanns Buch, obwohl die hervorragende Abhandlung dazu von Dr. Walter Gehl in der Bibliographie auftaucht. Ein Buch über germanische Religion ohne den germanischen Schicksalsglauben? Selbst die Götter sind dem Schicksal unterworfen und genau wie die Menschen der Heldensage meistern sie es.

In dem Buch finden sich viele Stellen, an denen man mit Bemmann streiten will: so bezeichnet er die Germanen als „leidenschaftliche Demokraten“, was nach dem heutigen Begriff von Demokratie so nicht stimmt. Die Germanen liebten die Freiheit, waren aber von der Ungleichheit des Menschen überzeugt. Auf dem Thing galt die Meinung des einen möglicherweise fast nichts, die eines anderen sehr viel. Witzigerweise bringt Bemmann selbst mit seinem Kapitel über das Leben und Denken der Germanen den Gegenbeweis. Wahrscheinlich möchte er mit solchen Aussagen das Germanentum salonfähig machen, nachdem es lange Zeit mit dem NS assoziiert wurde.

Was bleibt, ist ein Buch, das spannend geschrieben ist und viele wertvolle Kenntnisse bringt, aber letztlich nur unvollständig und bisweilen auch verzerrt über die Religion unserer Ahnen informiert. Man sollte dieses Buch gelesen haben, aber gleichzeitig auch andere Darstellungen. Bemmanns Buch beweist, dass gerade über solche heiß umstrittenen Themen wie das Germanentum nur die Kenntnis vieler Standpunkte zu einem vollständigen Bild führen kann.