Gibbon, Edward – Verfall und Untergang des Römischen Imperiums

Der Name Gibbon und der Titel seines Werkes „History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ haben nicht nur innerhalb der Historikerzunft einen berühmten Klang. Von 1776 bis 1788 erschienen, stellt es bis heute die meistgelesene Geschichtserzählung aus dem 18. Jahrhundert dar. Dieser literarische „Monumentalbau“ ist im dreifachen Sinne historisch.
Einmal entrollt er vor uns das Breitwandgemälde der Geschichte des Römischen Reiches von der Regierungszeit der Kaiser Antonius Pius und Marc Aurel im 2. Jahrhundert bis zur Einnahme Ostroms im 15. Jahrhundert durch die Türken. Zum Zweiten spiegelt das Werk die Sichtweise eines humanistisch gebildeten und von der Aufklärung geprägten Engländers der Zeit vor der französischen Revolution wieder. Und als drittes schließlich besitzt Gibbons „Longseller“ seine eigene Wirkungsgeschichte. Insbesondere die Kapitel XV und XVI des ersten Bandes über die Entstehung des Christentums sind damals heiß und kontrovers diskutiert worden. An der geschichtlichen Darstellung Gibbons aber haben sich die nachfolgenden Geschichtsschreiber des Römischen Imperiums alle gemessen. Der gleichfalls berühmte Theodor Mommsen konzipierte seine „Römische Geschichte“ nur für die republikanische Zeit, weil er fürchtete, seine mögliche Schilderung der Kaiserzeit würde mit der Gibbons literarisch nicht Schritt halten können. Gibbon selbst wiederum hatte sein Werk erst mit der Herrschaft der beiden Antonine (und nicht etwa von Augustus, der anfangs nur kurz behandelt wird) einsetzen lassen, weil für die vorhergehende Zeit die Werke des antiken Schriftstellers Tacitus existierten, dem nachzueifern er sich schlicht nicht zutraute. Später hat er das bedauert – mit zunehmender Berühmtheit war auch sein Selbstbewusstsein gestiegen.

Der |dtv| hat jetzt die ersten drei Bände von „Untergang und Verfall des Römischen Imperiums“ in einem schön gestalteten Schuber herausgebracht. Diese Bände sind auf sechs Taschenbücher verteilt, wobei das sechste Teilbuch neben autobiographischen Fragmenten Gibbons und dem Register einen etwa hundertseitigen Essay von Winfried Nippel enthält, der als Einstieg in die Lektüre sehr empfehlenswert ist. Insgesamt sind das also ca. zweitausendzweihundertundfünfzig Seiten. Die |dtv|-Ausgabe führt uns bis zur Herrschaft der Franken in Gallien und somit bis zum Ende Westroms. Einige allgemeine Betrachtungen Gibbons runden den dritten Band (Teilbuch Fünf dieser Ausgabe) ab. Der erste Band erschien 1776, die Bände Zwei und Drei im Jahre 1781 und die restlichen Bände 1788. Letztere behandelten dann zu einem Großteil byzantinische Geschichte und verknüpften den antiken Stoff mit dem Mittelalter. Für |dtv| stellt diese Ausgabe zweifellos ein finanzielles Risiko dar. Insofern möchte ich euch das Mammutwerk wärmstens ans Herz legen – vielleicht kann sich der Verlag ja dann noch zur Veröffentlichung des restlichen Teils entschließen. Eine Empfehlung erübrigt sich allerdings – jeder, der sich für römische Geschichte interessiert, kann das im Grunde nicht eher von sich behaupten, bevor er nicht neben dem erwähnten Mommsen auch Edward Gibbon gelesen hat.

Wie geht es mir nun nach der Lektüre dieser über zweitausend Seiten… Obwohl ein paar Wochen vergangen sind, schwirrt mir immer noch der Kopf von Schlachten, Zenturien, Palastrevolten, Kaisern, Feldherrn, Heiligen, Heiden, Christen, Liebenden, Aufrichtigen, Treuen und Treulosen, Verrätern, Folterknechten, flüchtigen Hoffnungen und tiefen Verzweiflungen, von Lebenslust und von Willen zum Verfall – der ganze Rausch der Spätantike aus Wein und Gift. Eine endlose Reihe von dramatischen Drehbüchern könnte man nach diesen Geschichten schreiben – einen Film im Stile von „Gladiator“ nach dem anderen… Hollywood dürfte dereinst wohl auf Gibbon aufmerksam werden. Warum aber bewirken diese Seiten das, was so viele „Aufrisse der Römischen Geschichte“ nicht erreichen? Ganz einfach – das wichtigste Merkmal seiner Darstellung ist Lebendigkeit. Wir haben keine trockenen Fakten vor dem inneren Auge, sondern lebendige Menschen. Gibbon hat nicht nur eine historische, sondern ebenso eine literarische Meisterleistung vollbracht.

Gibbon wird uns im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts als ein gesundheitlich schwer angeschlagener Mensch geschildert, dem ein Jahre zurückliegender Hodenbruch inzwischen eine groteske Fettleibigkeit beschehrt hat. Für Gibbon gab es in seinem ganzen Leben nur eine einzige Frau, die – da Ausländerin – von seinem Vater ablehnt wurde. Und was tut Gibbon? „Ich seufzte als Liebhaber und gehorchte als Sohn“, hat er später geschrieben. Und warum solche prompte Unterordnung? Weil er das ererbte Geld seines Vaters benötigte, um seine Liebe zur Wissenschaft zu finanzieren, die ihm – wie er seiner Verehrten schrieb – wichtiger war. Jeden Gedanken an Heirat hat er nach diesem Zwischenspiel nur noch als Bedrohung empfunden. Sein Werk über das Römische Reich wurde also zum persönlichen Schicksal und zur letztlich einzigen „großen Liebe“ seines Lebens.

Die von Gibbon selbst in die Welt gesetzte Legende will, dass ihm die Idee zu seinem Werk ganz plötzlich kam: In Rom saß er eines Abends in der Kirche der Barfüßermönche und der Eindruck, dass die Mönche ihre Vesper hier im alten Jupitertempel auf den Trümmern des Kapitols sangen, machte ihn nachdenklich. Er beschloss, über Verfall und Untergang der Stadt zu schreiben, wobei sich der historische Gegenstand später auf das gesamte Reich erweiterte.

Gibbons Sicht auf die Historie ist stark von den geschichtsphilosophischen Modellen seiner Zeit (wie z.B. David Hume) beeinflusst worden, in denen auch das erste Mal die Geschichte als Abfolge von Stufen – ausgehend von den Jägern und Sammlern, über die Hirten und Nomaden hin zur modernen Zivilisation – gesehen wurde. Diese Stufen sollte angeblich jede menschliche Gesellschaft durchlaufen. Und so kämpfen auch bei Gibbon oft kulturell hoch entwickelte Völker gegen niedriger stehende Barbaren. Allerdings verfällt er nicht völlig der Simplizität dieses Geschichtsbildes, sondern bemüht sich um eine ausgewogenere Beurteilung.

Belustigend für den heutigen Leser ist der aufklärerische Zynismus, den er an den Tag legt, wenn er die Triebkräfte für den Fortschritt der Menschheit beschreibt: „Geld, mit einem Wort, ist der allgemeinste Antrieb, Eisen das mächtigste Werkzeug des menschlichen Fleißes; und es lässt sich nur äußerst schwer denken, wie sich ein Volk ohne den Ansporn des einen und ohne Unterstützung des anderen aus der rohesten Barbarei erheben konnte.“ (Bd. 1, S. 280) Diese Art von Menschenbild sorgt dann auch für viele andere ironische Bemerkungen, die zu Gibbons besonderem Stil gehören. Ebenso spart er nicht mit allerlei sexuellen Anzüglichkeiten, insbesondere im Zusammenhang mit angeblicher christlicher Tugendhaftigkeit. Dem auf der Flucht befindlichen (später heilig gesprochenen) Athanasios will er es durchaus nicht abnehmen, dass dieser, als er sich bei einer für ihre üppige Schönheit bekannten Jungfrau versteckte, seine Keuschheit durchgehalten hätte. „Das mag glauben, wer will“, heißt es salopp.

Dass er so manch andere Dinge nicht glauben wollte, führte zur erwähnten Kontroverse um seine Kapitel über die Entstehung des Christentums. In gnadenloser Weise zeigte Gibbon, wie schnell sich die anfängliche Demut und Armut der ersten Christen in die Machtkämpfe der Bischöfe und Synoden verflüchtigte. Auch das Bild der Christenverfolgung unter Kaisern wie Trajan, Nero oder Diokletian wurde von ihm entscheidend korrigiert. Einmal wies er nach, dass die Zahl der während der intensivsten Verfolgungszeiten umgekommen Märtyer die Zweitausend wohl nicht überschritten haben dürfte. Solches wollten einige Zeitgenossen Gibbons natürlich nicht hören, war doch das Blut der Märtyrer – nach einem Wort Tertullians – der Samen der Kirche gewesen. Zum anderen zeigt Gibbon auf, dass die Gerichtspraxis der Konsuln und andere Beamtete als eher milde eingestuft werden muss. So drängte man den Christen die Nutzung jedes nur erdenklichen Schlupfwinkels im Gesetz geradezu auf und bestrafte ungerechtfertige Anschuldigungen mit aller Härte. Die Christen selbst aber strebten nach dem Märtyrertum. Es gibt Berichte, nach denen sich viele von ihnen mit Freude ins Feuer oder den Löwen zum Fraß vorwarfen. So musste auch der lebenslustige Bischof von Karthago Cyprian, um vor seinen Anhängern nicht unglaubwürdig zu erscheinen, schließlich den Tod für den Glauben wählen.

Gibbon war aber sicherlich Christ – ein Christ, dessen Glaube stark rationalistisch relativiert gewesen sein dürfte. Ein klares Statement in dieser Hinsicht hat er immer vermieden. Wenn auch für ihn alles Heidentum schlichter Aberglaube war, so lobte er doch den toleranten Geist des Polytheismus. Unübersehbar ist seine Kritik an der religiösen Intoleranz schon der ersten Christen, die jene von den Juden geerbt hatten. Zum Erstaunen seiner Kritiker jedoch nahm er im zweiten Band (Teilband Drei der |dtv|-Ausgabe) nicht uneingeschränkt Partei für den Kaiser Julian, genannt „der Abtrünnige“. Julians Wiederherstellung eines philosophisch geprägten Heidentums im 4. Jahrhundert wird scharf von ihm kritisiert, weil das Christentum zu seiner Zeit schon viel zu stark fortgeschritten war und er damit die Stabilität des Staates gefährdete. Dem Feldherrn Julian und seinen charakterlichen Vorzügen allerdings zollt Gibbon jeden erdenklichen Respekt. Konstantin der Große, der das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reiches erhob, wird viel zwiespältiger geschildert.

Gibbon erlaubt unserem Geist, die unterschiedlichsten Epochen zu durchstreifen: der Zeitraum von 86 bis 180 wird von ihm als der glücklichste und gedeihlichste der gesamten Menschheitsgesichte geschildert: von weisen Kaisern beherrscht und von einer nie wieder errungenen Festigkeit gestützt, scheint das Römische Reich wie für alle Ewigkeit in seinem Zentrum zu ruhen. Doch der Verfall beginnt mit dem dekadenten Sohn Commodus des Philosophenkaisers Marcus Aurelius Antonius. Später bedeutet das Annehmen des Kaiserpurpurs schon die Garantie für ein kurzes Leben. Die mächtige römische Prätorianergarde, die Palasteunuchen und rivalisierende Emporkömmlige vertreiben, meucheln, köpfen, vergiften, verbannen einen römischen Kaiser nach dem anderen, die teils nur noch für wenige Monate regieren. Gibbon baut nach dem Vorbild antiker Geschichtsschreibung Exkurse über die äußeren Gegner Roms in seine Darstellung ein: über die Germanen, Perser und Hunnen. Die germanischen Völkerschaften (wie die Wandalen oder Goten) und Stammesbünde (wie die Franken) errichteten schließlich ihre eigenen Reiche innerhalb seines Territoriums. Die Franken verbanden römisches Erbe und germanische Lebensart zu einer neuen Kultur, aus der Deutschland und Frankreich hervorgingen.

Erwähnen will ich noch die hervorragende Übersetzung von Michael Walter und Walter Kumpmann, die es verstehen, modern orientierte Verständlichkeit mit dem „altertümlichen“ Duktus des Originals zu verbinden. Ein wichtiges Werk wartet also darauf, gelesen und durchdacht zu werden. Auch wenn Gibbons Menschenbild meinem teils konträr entgegengesetzt ist, hat mich seine Historie doch belehrt und – ja, tatsächlich! – gut unterhalten.