Stieg Larsson – Vergebung (Millennium 3)

Ein Jahr mussten die Leser warten, um endlich zu erfahren, wie das große Finale von Stieg Larssons „Millennium-Trilogie“ aussieht. Nun liegt mit „Vergebung“ der heiß ersehnte letzte Band der Reihe vor. „Verdammnis“, der Vorgängerband, endete derart abrupt mitten in der Handlung, dass man als Leser schon etwas unbefriedigt und ungeduldig wartend zurückblieb. „Vergebung“ knüpft unmittelbar an die Geschehnisse in „Verdammnis“ an.

Lisbeth Salander wird mit einer Kugel im Kopf in die Notaufnahme eines Göteborger Krankenhauses gebracht. Sie hat die Auseinandersetzung mit Alexander Zalatschenko, dem kriminellen russischen Ex-Spion, nur knapp überlebt. Und kaum ist sie aus dem Gröbsten raus und so langsam auf dem Wege der Besserung, da soll ihr auch schon der Prozess gemacht werden. Auch wenn sich die Mordanschuldigungen nicht erhärtet haben, so wird Lisbeth doch noch eine ganze Reihe von Taten zur Last gelegt, für die sie sich vor Gericht verantworten soll.

Der schwedische Geheimdienst setzt derweil alles daran, die Ermittlungen so zu beeinflussen, dass der Prozess nach ihren Wünschen enden wird. Lisbeth soll mundtot gemacht werden und für möglichst lange Zeit in der Psychiatrie verschwinden. Doch Lisbeth hat noch einen starken Verbündeten: Mikael Blomkvist. Mikael sammelt fleißig Beweise für Lisbeths Unschuld und versucht das Komplott gegen sie möglichst lückenlos aufzudecken. Doch das ist kein leichtes Unterfangen. Von höchster Stelle werden Mikael Steine in den Weg gelegt. Doch Mikael setzt alles daran, die Sache restlos aufzuklären …

Nachdem Stieg Larsson schon mit den beiden Vorgängerbänden „Verblendung“ und „Verdammnis“ zwei äußerst spannende Romane abgeliefert hat, sind die Erwartungen an das Finale logischerweise groß. Nachdem er am Ende des zweiten Teils ein wenig über das Ziel hinaus geschossen ist und Lisbeth im Licht der Ereignisse plötzlich wie ein mutierter Superheld erschien, wird die Handlung mit Beginn des dritten Teils wieder etwas bodenständiger.

Für Spannung ist dennoch von Beginn an reichlich gesorgt. Zunächst einmal müssen die Ärzte Lisbeths Leben retten, und kaum, dass es ihr dann etwas besser geht, muss sie auch schon anfangen, um ihre Sicherheit zu fürchten. Währenddessen sammelt Mikael Material, um die letzten Lücken in seiner Story abzudichten. Auch hier ist für Spannung stets gesorgt, denn die Gegenspieler vom Geheimdienst sind über die zu erwartende Bedrohung im Bilde und man erwartet jederzeit Aktionen, die eine Veröffentlichung des Materials vereiteln sollen.

Man weiß inzwischen, dass die Bösewichte skrupellos genug sind, um sich und ihre Machenschaften auch mit drastischen und endgültigen Maßnahmen zu schützen, und so hält Larsson den Spannungsbogen über Hunderte von Seiten auf konstant hohem Niveau. Selbst wenn er einen Nebenplot eröffnet, bleibt die Geschichte temporeich und durchgängig fesselnd. Der hauptsächliche Nebenplot dreht sich um die „Millennium“-Chefredakteurin Erika Berger, die ihren neuen Posten bei einer großen Tageszeitung antritt.

Larsson baut immer wieder Sprünge ein, so dass man ständig auf dem Laufenden darüber ist, was in anderen Erzählsträngen passiert. Auf diese Weise hält er den Leser dicht am Geschehen und lässt „Vergebung“ damit zu einem echten „Page-Turner“ werden. Man kommt einfach nicht los von dem Buch, und ich muss sagen, dass ich schon lange nicht mehr so schnell durch knapp 850 Seiten gekommen bin, wie bei diesem Buch. Man kann einfach nicht die Finger davon lassen, und die Versuchung ist groß, alles andere um sich herum umgehend zu vergessen.

Der konsequent aufstrebende Spannungsbogen ist damit schon mal die wichtigste Qualität von „Vergebung“. Eine weitere liegt, wie schon in den Vorgängerbänden, in der Figurenskizzierung. Lisbeth Salander hat vor allem mit „Verdammnis“ an Profil gewonnen, und obwohl sie dabei am Ende wie ein mutierter Superheld wirkt, bleibt sie als Figur interessant. Sie ist eine äußerst ambivalente Figur – unglaublich scharfsinnig und klug, wenngleich sie in Sachen soziale Kompetenz so ihre Defizite hat. Sie hat etwas eigenwillige moralische Ansichten, aber ist im Grunde ein ehrlicher Mensch. Es ist gerade auch die Figur der Lisbeth Salander, die den Reiz der Geschichte ausmacht. In „Vergebung“ zu sehen, welche Maßnahmen sie ergreift, um sich selbst den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, trägt sehr zum Lesegenuss bei.

Die gesamte Spannung der Buches läuft im Grunde auf einen Punkt hinaus: den Prozess gegen Lisbeth. Als der dann vorbei ist, fällt damit die Spannung logischerweise erst einmal ab. Aber dennoch setzt Larsson noch einen weiteren Finalpunkt, der auf den letzten Metern erneut an der Spannungsschraube dreht.

Und so kann man das Buch am Ende im Grunde sehr zufrieden zuschlagen und den Puls langsam wieder runterfahren. „Vergebung“ ist das durch und durch spannende Finalspektakel der „Millennium-Trilogie“. So wirklich nennenswerte Kritikpunkte mögen mir da nicht einfallen, außer vielleicht, dass ich an den Tagen, an denen ich mit dem Buch beschäftigt war, etwas wenig geschlafen habe.

„Vergebung“ ist ein stimmiger und sehr lesenswerter Schlussakkord einer größtenteils wirklich gut durchkomponierten Trilogie, die gerade auch durch ihre ausgefeilte Figurenzeichnung überzeugt. Wer es spannend mag, für den führt vor allem nach diesem fulminanten Finale eigentlich kein Weg daran vorbei, alle drei Bände der Reihe zu lesen. Sie bauen ohnehin aufeinander auf, so dass von einem Quereinstieg dringend abzuraten ist.

Stieg Larsson (* 15. August 1954 als Karl Stig-Erland Larsson in Umeå, Schweden; † 9. November 2004 in Stockholm) war ein schwedischer Journalist, Schriftsteller und Herausgeber des antifaschistischen Magazins „EXPO“. Er galt weltweit als einer der führenden Experten für Rechtsextremismus und Neonazismus. Noch vor seinem Tod konnte er drei Kriminalromane fertigstellen, die jedoch erst posthum veröffentlicht wurden. Stieg Larsson starb 2004 an den Folgen eines Herzinfarktes. 2006 erhielt er posthum den skandinavischen Krimipreis |Glasnyckeln| für „Verblendung“, welches ein Jahr zuvor bereits vom schwedischen Buchhandel zum besten Buch des Jahres gewählt worden war.

Im März 2008 sollen die Dreharbeiten für die Verfilmungen der Millennium-Trilogie beginnen. Für den ersten Teil „Verblendung“ sind ein Kinofilm (Premiere wahrscheinlich 2009) und zwei je 90 Minuten lange Teile für das Fernsehen geplant. Die Bände „Verdammnis“ und „Vergebung“ werden nur fürs Fernsehen verfilmt. In den Hauptrollen werden Michael Nyqvist als Mikael Blomkvist und Noomi Rapace-Norén als Lisbeth Salander zu sehen sein.

Stieg Larssons Millennium-Trilogie:

„Verblendung“ (Män Som Hatar Kvinnor, 2005; dt. von Wibke Kuhn; Heyne 2006)
„Verdammnis“ (Flickan som lekte med elden, 2006; dt. von Wibke Kuhn; Heyne 2007)
„Vergebung“ (Luftslottet som sprängdes, 2007; dt. von Wibke Kuhn; Heyne 2008)

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