Stieg Larsson – The Girl with the Dragon Tattoo (Millennium Trilogy 1)

MillenniumTrilogy:

1 „The Girl with the Dragon Tattoo“
2 „The Girl Who Played with Fire“
3 „The Girl Who Kicked the Hornets‘ Nest“

Anspruchslos, aber spannend erzählt: eine doppelte Ermittlung

Mikael Blomkvist, Mitherausgeber des Enthüllungsmagazins „Millennium“, wird wegen Verleumdung des Industriellen Wennerström zu einer Geldbuße und einer Gefängnisstrafe verurteilt. Deshalb könnte ihn der Auftrag des Multimillionärs Henrik Vanger zumindest aus einer finanziellen Klemme befreien: Er soll das spurlose Verschwinden von dessen Lieblingsnichte Harriet vor fast 40 Jahren aufklären und eine Familienchronik verfassen. Der alte Vanger glaubt, dass Harriet ermordet wurde und der Mörder noch lebt – in den Reihen seiner eigenen Familie. Blomkvist beginnt zu ermitteln – und bekommt schon bald erste Drohungen zu hören.

Lisbeth Salander, 24-jährige Hackerin, stellt für Henrik Vanger Recherchen über Blomkvist und die Wennerström-Affäre an. Lisbeth ist eine Ermittlerin der Security-Firma Milton. Ihr Privatleben ist jedoch schwierig. Ihr neuer Vormund Nils Bjurman nutz die finanzielle Abhängigkeit Lisbeths zur Befriedigung perverser sexueller Neigungen. Sein Sadismus gipfelt in einer brutalen Vergewaltigung. Doch schon wenig später schlägt Lisbeth zurück …

Der Autor

Stieg Larsson, geboren 1954 in Umeå, Schweden, war Journalist und Herausgeber des Magazins EXPO. Er galt als einer der weltweit führenden Experten für Rechtsextremismus und Neonazismus. 2004 starb Larsson mit 50 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. 2006 wurde ihm posthum der Skandinavische Krimipreis als bester Krimiautor Skandinaviens verliehen. Inzwischen hat seine MILLENNIUM-Trilogie weltweit eine Millionenauflage erreicht, alle drei Teile wurden verfilmt, eine Fortsetzung liegt auf Eis.

1) Verblendung (2006)
2) Verdammnis
3) Vergebung

Handlung

Der Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist steht vor Gericht. Er soll den Industriemanager Hans-Erik Wennerström in seinem Enthüllungsblatt „Millennium“ als Schwindler verleumdet haben. Das Gericht befindet ihn aufgrund der vorgelegten Beweise für schuldig und verurteilt ihn zu drei Monaten Haft, die er in einem halben Jahr antreten muss. Während sich alle Welt (bis auf Eingeweihte) wundert, warum er keinen Widerspruch erhebt, tritt er aus der Redaktion aus, um das Blatt zu schützen. Jetzt, kurz vor Weihnachten, freut er sich ein paar kuschelige Tage im Kreise der Familie seiner Schwester Annika. Er selbst ist schon längst geschiedener Single. Doch dazu kommt es nicht. Er erhält einen folgenreichen Anruf …

Lisbeth

Die Ermittlerin Lisbeth Salander, 24, hat Mikael im Auftrag eines Klienten von Milton Security observiert. Die Firma wiederum arbeitet diesmal für einen großen Kunden, der in Gestalt des Firmenanwalts Dirch Frode auftritt: die Vanger-Gruppe . Es ist eine wahrhaft dicke Akte, die Lisbeth dem Typen auf den Tisch legt. Sie hat’s nicht so mit Kommunikation und sagt keinen Piep, als er sie fragt, wie sie an das Material gekommen sei. Schließlich ist das ja ihr Job als professionelle Hackerin, oder, und wozu soll sie das an die große Glocke hängen? Die Frau im schwarzen Lederzeug, mit den Ringen in der Nase und dem Stachelhalsband starrt ihn bloß an, bevor sie aufsteht und geht. Etwas kann sie aber auf seine penetranten Fragen doch antworten. „Blomkvist wurde reingelegt.“ Weg ist sie.

Mikael

Der Anruf für Mikael kommt von Frode, dem Firmenanwalt des Industriekonzerns Vanger, der unter anderem Schiffe baut. Der schon 1976 in Rente gegangene Firmenchef Henrik Vanger bietet Mikael einen Job an. Also fährt er hinauf nach Nordschweden, wo sich Elch und Fuchs Gute Nacht sagen. Hier in Hedestad residiert den 82-jährige und kinderlose Henrik Vanger in einem noblen Herrenhaus auf einer Insel, umgeben von eigenen Wäldern und Seen – und den lieben Verwandten.

Für ein erkleckliches Salär, das sich im Erfolgsfall auf 5 Mio. Kronen belaufen könnte, soll Blomkvist dem Anschein nach eine Familienchronik schreiben, in Wahrheit aber nach der verschwundenen Quasi-Tochter Harriet suchen. Ein zweiter Grund: Vanger kann Blomkvist den Kopf seines Erzfeindes Wennerström auf einem Silbertablett servieren, denn der arbeitete vor 35 Jahren für Vanger. Aber es gibt noch einen dritten, viel wichtigeren Grund: Mikael kannte Harriet persönlich. Als er drei Jahre oder so war, stellte sie für ihn eine Art gute Fee und große Schwester dar, mit der er Vangers Anwesen unsicher machte.

Henrik Vanger vermisst Harriet, die er wie seine eigene Tochter liebte, seit 36 Jahren: Sie verschwand am 22.9.1966, und er glaubt, sie wurde ermordet. Seit jenem schicksalhaften Tag hat ihn die ergebnislose Suche nach ihr beschäftigt und vom Job abgelenkt. Er glaubt, sie sei ermordet worden. Nicht nur aus Sorge um Erbe und Nachfolge – Vangers Verwandte sollen keinen Pfifferling erben – will er nun Harriets Schicksal aufklären. Er will auch die Serie von Postsendungen abstellen, die jedes Jahr pünktlich zu Weihnachten aus aller Herren Länder eintreffen: gepresste Blumen. Auf dem Dachboden hat Vanger eine eindrucksvolle Galerie dieser Bilder toter Blumen aufgehängt. Verhöhnt ihn Harriets Mörder über alle die Jahrzehnte hinweg?

Doch wie findet man eine Verschwundene nach fast 40 Jahren? Man fängt dort an, wo sie zuletzt gesehen wurde. Die letzten Fotos zeigen Harriet im Herrenhaus und auf der Straße des nahen Dorfes bei einem Umzug am Tag der Kinder. Letzteres Foto stammt aus der Dorfzeitung. Der Besuch bei Polizeichef Morell ist ergebnislos, denn der sucht seit 40 Jahren vergeblich, doch dafür gibt das Archiv der Stadtzeitung umso mehr her. In mühseliger Grabarbeit findet Mikael die Negative für die Fotos, die der Fotograf seinerzeit auf der Straße schoss, auf der Harriet das letzte Mal zu sehen war. Harriet bewegt ihren Kopf wie in einem Film … und ihre Miene verdüstert sich! Sie hat jemanden gesehen, den sie ablehnt, vielleicht sogar hasst und fürchtet. Wer kann das gewesen sein? Ein Entführer, oder gar ihr Mörder?

Lisbeth

Unterdessen meint es das Leben überhaupt nicht gut mit Lisbeth. Auf einem Parkplatz wird ihr geliebter Apple-MacBook irreparabel beschädigt. Sie braucht dringend Ersatz, doch ihr Hacker-Kumpel „Plague“ hat nur ein schlappes altes Modell. Besser als nix, denkt sie. Doch um Geld für ein neues Modell zu bekommen, muss Lisbeth ihren Vormund beknien. Die Ex-Insassin der Psychiatrie erfährt leicht erschüttert vom Herzinfarkt ihres bisherigen Vormunds Holger Palmgren. Sie muss den Mann aufsuchen, den die Vormundschaftsbehörde für sie ausgesucht hat, den Rechtsanwalt Nils Bjurman.

Für einen Blowjob rückt der schleimige Spießer lediglich 7000 Kronen heraus, was nicht im entferntesten für ein MacBook reicht. Als sie im zweiten Anlauf mehr verlangt, fesselt er sie aufs Bett und vergewaltigt sie anal. Nicht nur, dass dies höllisch wehtut. Lisbeth nimmt die gesamte Vergewaltigung mit einer versteckten Kamera auf – sie hat sich vorbereitet. Obwohl sie danach kaum aufrechtgehen kann, brennt sie den Film von der SD-Karte auf eine DVD.

Bei ihrem nächsten Besuch bei ihrem Vormund fesselt sie ihn und stellt ihn vor die Wahl: Entweder zahlt er jetzt pünktlich oder die Disc wandert an alle Behörden und alle seine Bekannten (die sie selbstverständlich längst gehackt hat). Als er einwilligt, tätowiert sie ihm eine dauerhafte Botschaft auf den Wanst …. Endlich kann sie sich wieder in den Laptop des nichtsahnenden Mikael einhacken und seine Festplatte kopieren. Ihr Interesse ist schon längst nicht mehr beruflicher Natur …

Mikael

Mikael hat in Harriets Bibel und Adressbuch fünf geheimnisvolle Eintragungen gefunden. Neben einem Kürzel, das wahrscheinlich einen Namen darstellt, steht eine Ziffernkombination. Wie die Polizei herausgefunden hat, handelt es sich nicht um Telefonnummern. Damit kann er nichts anfangen, doch als seine Tochter Pernilla zu Besuch kommt und eine Bemerkung fallen lässt, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: Die Zahlen bezeichnen Bibelstellen. Aber nicht irgendwelche, sondern es geht darin um Huren, Hexen, Tiere, Verbrennen und andere unschöne Dinge.

Er braucht einen professionellen Ermittler. Als er sich mit dieser Bitte an Vanger und Frode wendet, zeigen die beiden herren ihm das Dossier, das Lisbeth Salander für sie über Mikael angelegt hat. Ihm fallen fast die Augen aus dem Kopf. Noch schlimmer: Darin befindet sich eine Version der Pressemitteilung über seinen Weggang, welche nie veröffentlicht wurde! Sie war also in seinen Laptop eingedrungen!

Doch wer ist diese Hackerin mit dem kryptischen Usernamen „Wasp“? Er besucht sie in Stockholm und bittet sie, mit ihm zusammenzuarbeiten, es solle ihr Schade nicht sein. Obwohl sie so schräg drauf ist, willigt sie ein und kommt Tage später mit dem Motorrad nach, um in seiner Hütte am Rande des Vanger-Anwesens zu nächtigen.

Diese abgesperrte Hütte hat Mikael, nicht faul, mit unzähligen Fotos von Hinweisen beklebt: Es ist die reinste Wonderwall. Lisbeth beguckt sich jedes kleinste Detail. Lisbeth hat in Mikaels Auftrag versucht, die Bibelstellen mit tatsächlichen Verbrechen in Schweden zu korrelieren, und ist fündig geworden. Mikael wusste bereits, dass der erste Mord 1949 hier in Hedestad begangen wurde. Das Opfer war eine Jüdin namens Rebecka Jacobssohn. Aktendurchsicht führt die beiden Ermittler zurück in die Jahre 1949 bis 1963. Immer sind es junge Frauen, die ihr Leben lassen mussten. Alle trugen jüdische Namen. Und immer war ein bestimmter Mann vor Ort …

Mein Eindruck

Die Handlung entpuppt sich als ziemlich horrormäßige Serienkiller-Ermittlung. Doch der Killer sitzt leider ganz in der Nähe der Ermittler, so dass diese beide selbst in Gefahr geraten. Lisbeth, schon unter dem freundlichen Einfluss Mikael etwas aufgetaut, verwandelt sich endgültig in seine Lebensretterin. Aber erst in allerletzter Sekunde. Und es ist aufgrund ihrer Vorgeschichte klar, dass sie für Vergewaltiger und Mörder keinerlei Gnade oder gar Barmherzigkeit übrighat.

Nun mag sich mancher fragen, was denn nun das Besondere an diesem Thriller sein soll. Es ist sowohl die Aufbereitung der Themen als auch die Themen selbst, die Buch und Verfilmung eine solche Faszination ausüben lassen.

Die Zubereitung der Themen Serienmörder, Rassenhass und Nazismus – auf die sich der Autor spezialisiert hatte – ist auf dem neuesten Stand der Technik. Hacker, Datenbanken, Bildmanipulation, Suchmaschinen und vieles mehr finden sich im Buch. Ein Glossar fehlt indes, und so muss der Leser diese Kenntnisse mitbringen.

Doch die Kernthemen ließen sich auch ohne IT recherchieren. Ein Trio von Magnatensöhnen schloss sich während des 2. Weltkriegs den Nazis an und kämpfte zum Teil sogar an deren Seite, so etwa im Finnischen Winterkrieg gegen die Sowjets. Aus ist’s mit dem Mythos der schwedischen Neutralität (immerhin verbrachten die deutschen sozialdemokratischen Politiker Herbert Wehner und Willy Brandt ihre Kriegszeit im angeblich sicheren schwedischen Exil).

Schlimmer noch: Diese drei Erben übernahmen den Rassenwahn der Nazis voll und ganz und lebten ihn auch aus. Mikael und Lisbeth finden heraus: Einer aus diesem Trio übt die Judenverfolgung auch heute noch aus, getarnt als Unfälle mit Todesfolge, doch welcher ist es? Konnte sich Harriet der Verfolgung entziehen? Als Mikael sie findet und sie zurück bringt, ist dies ein sehr bewegender Moment. Ironie des Schicksals: Ihre Mutter Isabella Vanger erleidet einen Zusammenbruch.

Es ist ja schon übel genug, dass Schweden sich den Nazis anschlossen und Juden ermordeten, aber es handelt sich nicht um irgendwelche Leute, sondern um eine der angesehensten und einflussreichsten Familien des Königreichs. Dass diese Leute immer noch weitermorden können, erscheint unvorstellbar. Stieg Larsson hat es gewagt, es seinem Lehrmeister Mankell nachzumachen und dessen „Tanzlehrer“-Antifascho-Krimi zu übertrumpfen. Das Ergebnis ist ziemlich umwerfend, auch für mich, sobald ich meinen Unglauben ob dieser anklagenden Darstellung aufgegeben hatte. Herrenmenschen, Frauen- und Judenkiller – „der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, sagt der Dichter.

Wennerström

Die Vanger werden jedoch einem heutigen, modernen Bösewicht gegenübergestellt. „Hans Erik Wennerström ist ein Schwindler“, behauptet Henrik Vanger und kann es beweisen. Aber auch Mikael hat einen Beweis, nur beging er den Fehler, seiner eigenen Quelle zu misstrauen und in eine Falle Wennerströms zu tappen. Auf einmal waren alle seine Belege wertlos, selbst wenn die Hälfte davon zutraf.

Nun bietet ihm jedoch Lisbeth Salander Wennerströms Imperium auf einem Silbetablett an. Sie hat Wennerströms private Festplatte auf einen Server im Netz kopiert und bekommt alles mit, was der Milliardär auf seine Kiste eingibt oder abruft. Mikael ist jedoch verwirrt: Die Wennerström-Gruppe ist ein schier undruchdringliches Konglomerat von Briefkastenfirmen, die sich alle gegenseitig besitzen, so dass Geldflüsse fast nicht nachvollziehbar sind.

Auch dieses Rätsel löst Lisbeth, denn sie hat einen Grund gefunden, es Wennerström heimzuzahlen: Auch er ist „ein mann, der Frauen hasst“ (siehe den Originaltitel). Wie der Film nur am Schluss kurz andeutet, startet sie eine clevere Aktion, um den Magnaten um seine Millionen zu erleichtern. Im Buch machen diese Aktion und Mikaels Gegenangriff über 100 Seiten aus. Mikael triumphiert.

Die Figuren

Mikael „Kalle“ Blomkvist ist ebenso eine Figur von Astrid Lindren wie Lisbeth Salander, die eine dunkle Pippi Langstrumpf darstellt. Während mir der idealistisch veranlagte Blomkvist zu zurückhaltend gespielt wird, geht von Lisbeth eine starke Präsenz aus. (Es ist, als wäre Mikael eine Frau und Lisbeth der Kerl – das lag in Larssons Absicht) Ihre Undurchsichtigkeit und potentielle Gewalttätigkeit macht sie zu einer wandelnden Bombe. Das Drachentattoo auf ihrem Rücken bekommt Mikael, als sie ihn liebt, zum Glück nicht zu sehen.

Die als Psychopathin schon als Kind entmündigte Frau mit autistischen Zügen entwickelt sich auf spannende Weise, lässt sich sogar von Mikael berühren und kann sich schließlich dazu durchringen, ihre Mutter im psychiatrischen Pflegeheim zu besuchen – eine eindringlich und still aufgenommene Szene – und später (in Folge 3) ihren einstigen Vormund Palmgren, den sie wirklich mag.

Die übrigen Figuren sind in erster Linie Funktionsträger: der Anwalt, der Vormund, der Polizeichef und so weiter. Die einzigen Ausnahmen sind sicher Henrik Vanger, Harriet und der Mörder. Der Mörder agiert mit sichtlich unbewegtem und darum umso furchterregenderen Gesicht seine Todesfantasien aus. Die intensivste Gemütsregung legt er erst an den Tag, als er Mikael foltert.

Unterm Strich

Stieg Larssons Thriller funktioniert einerseits als packende Spannungsliteratur, wie sie vom Autor fortwährend zitiert wird. Er nennt Val MacDermid, Sue Grafton, Dorothy Sayers und andere als Vorbilder. Ja er lässt Mikael sogar Harriets Verschwinden als „Locked-room mystery“ bezeichnen, denn die Insel der Vangers war durch einen Unfall auf der Brücke stundenlang abgeschnitten. Wie konnte währenddessen ein Mädchen spurlos verschwinden?

Wie eine Reportage vor realem Hintergrund liest sich auch die Entwicklung des Enthüllungsmagazins „Millennium“ und wir erhalten Einblick in Larssons eigenes berufliches Ethos: Was darf ein Journalist und was nicht? Er führt Mikael in ein kaum überwindbares berufliches Dilemma. Mikael muss sich entscheiden, ob er als Journalist Harriets schreckliches Schicksal enthüllt – oder ob er als menschliches Wesen ihre Privatsphäre achtet und sie weiter ihr Leben führen lässt – inzwischen an der Spitze des Vanger-Konzerns.

Der Roman stellt auch ein Stück Gesellschaftsporträt dar – auch die Schweden haben, wie die Schweizer, ihre Lebenslüge. Ist es bei den Schweizern das sogenannte „Bankgeheimnis“ und die Neutralität, so waren die Schweden im 2. Weltkrieg zwar angeblich auch neutral, aber sie nährten den Rechtsextremismus, den Rassenwahn und die Nazis ebenso wie viele andere Regimes in Süd- (Spanien, Italien) und Osteuropa (Rumänien). Das Unfassbare ist im Buch nicht, dass dies bis heute vertuscht wurde, sondern dass die Taten gegen Jüdinnen und andere „minderrassige Frauen“ bis heute andauern.

Ein zweites Ziel der Kritik besteht in der Figur Wennerström, der mit Steuermitteln ein Gemischtwarenimperium aufgebaut hat, das mit Drogen-, Waffen- und Menschenhändlern ebenso Geschäfte macht wie mit osteuropäischen Aufbauprojektleitern. Es sind furchtlose Leute wie Lisbeth Salander, die dunkle Variante von Pippi Langstrumpf, nötig, um Wennerström den Stecker rauszuziehen.

Am Schluss bekommen nicht nur die Börse von Stockholm ihr Fett weg, sondern auch alle Lakaien Wennerströms und jene Journalisten, die ihn nach dem Augenschein als „Ehrenmann“ achteten und sogar verehrten – nicht zuletzt auch Wennerströms Spion in der Millennium-Redaktion.

Im Film wird Mikaels Liebesaffäre mit Cecilia Vanger völlig ignoriert, doch sie ist in ihren Folgen durchaus beachtlich. Es gäbe noch zahlreiche weitere Nebenhandlungen aufzuzählen, so etwa die zahlreiche Liebesszenen Mikaels mit Lisbeth, Cecilia und Erika Berger, der Mitherausgeberin. Pernilla Blomkvist taucht im Film ebenfalls nicht auf, ebensowenig der grässliche Tod von Mikaels Katze. Der Leser hat also von der Geschichte wesentlich mehr als der Filmzuschauer.

Die englische Übersetzung

Die englische Fassung, die ich in nur drei bis vier Tagen gelesen habe, ist extrem leicht zu lesen, weil britischer Stil hier überhaupt keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Anspruchsloser kann man sich Erzählstil kaum noch vorstellen. Die Übersetzung wurde offenbar nicht von einem Briten angefertigt, sondern von einem recht kompetenten Schweden. Leider hat es der Übersetzer nicht für nötig befunden, die zahlreichen schwedischen Institutionen und kulturellen Bräuche / Produkte zu erklären. Was ist ein „glögg“? Wann ist das Lucia-Fest? Und viele Fragen mehr. Ein Glossar wäre sehr hilfreich für das Verständnis gewesen.

Taschenbuch: 533 Seiten
ISBN-13: 978-1847245458
www.quercusbooks.co.uk

 

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