Hohlbein, Wolfgang – Hagen von Tronje

Hagens Heimat liegt im hohen Norden, doch seine Treue gehört König Gunther von Burgund, dessen Waffenmeister und engster Vertrauter er ist. Seine Liebe, wenn es je eine in seinem Leben gegeben hat, gehört Gunthers Schwester Kriemhild. Die Ankunft des Recken Siegfried von Xanten an Gunthers Hof in Worms kündet von drohendem Unheil. Nur zu deutlich wird Gunthers Schwäche offenbar – und nur zu bald die verhängsnisvolle Liebe zwischen Siegfried und der Thronerbin Kriemhild.

|Der Autor|

Wolfgang Hohlbein hat sich seit Anfang der achtziger Jahre einen wachsenden Leserkreis in Fantasy, Horror und Science-Fiction erobert und ist so zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren geworden. Zuweilen schreibt er zusammen mit seiner Frau Heike an einem Buch. Er lebt mit ihr und einem Heer von Katzen in seinem Haus in Neuss.

Homepage des Autors: http://www.hohlbein.net/

|Der Sprecher|

Christian Berkel, geboren 1957 in Berlin, wuchs zweisprachig (dt.-frz.) auf, zog mit vierzehn nach Paris und nahm dort Schauspielunterricht bei Jean-Louis Barrault (einem klassischen Mimen) und bei Pierre Bertin. In Berlin absolvierte er ein Studium für Regie und Drehbuchschreiben. Er spielte an mehreren Bühnen, u. a. unter der Regie von Claus Peymann. Seit 1976 steht Berkel regelmäßig vor der Kamera, u. a. in „Das Experiment“ und „Der Untergang“. Der Figur des Hagen ist er durch seine Mitwirkung an Moritz Rinkes Theateraufführung von [„Die Nibelungen“]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=50 2003 näher gekommen.

_Die Hauptfiguren, wie sie in dem Buch dargestellt werden_

Alberich: Hüter des Nibelungenhortes, vermutlich ein Elf („Oberon“), der aber in Diensten Siegfrieds steht und Hagen hinterherspioniert.

Brunhild: Walküre, Halbgöttin und Zauberin, Herrscherin über die Burg Isenstein auf Island und Befehlshaberin einer Amazonentruppe; wurde von Siegfried aus dem Zauber der Waberlohe befreit und liebte ihn, doch wurden sie getrennt. Wird von Siegfried im Brautkampf bezwungen, der für Gunther von Burgund kämpft. Sie muss Gunther heiraten und in Worms leben, wo sie die Rivalin von Kriemhild wird.

Gunther: Sein Name bedeutet „Herr im Kampf“. König von Burgund, der mit seinen beiden Brüdern Gernot und Giselher über den Volksstamm der Burgunder (die aus Schweden eingewandert sind) von Worms aus herrscht. Erringt mit Siegfrieds Hilfe (s. o.) Brunhild zur Frau – und jede Menge Schwierigkeiten.

Hagen von Tronje: Gefolgsmann Gunthers und ein Befehlshaber seiner Truppen. Begleitet Gunther zum Brautkampf nach Island. Im Nibelungenlied der Mörder Siegfrieds, bei Hohlbein nicht.

Kriemhild: Ihr Name bedeutet „Kampfmaske“. Schwester der Gibichungen Gunther, Gernot und Giselher von Burgund. Heiratet Siegfried von Xanten und schwört allen Mördern ihres Gatten ewige Rache, obwohl sie von ihm mit Brunhild betrogen wurde.

Siegfried: Sein Name bedeutet Sieg und Friede/Schutz/Sicherheit. Siegfried entstammt dem halbgöttlichen Geschlecht der Völsungen bzw. Wälsungen, schmiedet bei einem Riesen das Schwert Balmung und erschlägt damit den Drachen Fafnir. Raubt den Hort der Nibelungen (vgl. Alberich) und gewinnt Zauberkräfte, z. B. durch den Ring Andwaranaut. Er gewinnt auch den Schreckenshelm, ein magisches Runenkonstrukt, das ihn tarnt. Macht sich unverwundbar durch ein Bad im Blut Fafnirs, außer an einer Stelle. Heiratet Kriemhild und wird Feldherr Burgunds. Wird ermordet und gerächt.

Urd: eine der drei Nornen. Sie spinnt die Vergangenheit, ihre beiden Schwestern Verdandi (das Werdende) und Skuld (das Werdensollende) die Gegenwart und die Zukunft. Hagen von Tronje begegnet ihr zuerst im ersten Kapitel.

_Handlung_

Germanien, im fünften Jahrhundert. Die Zeit des Hunnensturms und der germanischen Völkerwanderung. Rom wird im Jahr 410 von „Barbaren“ erobert. Das Burgunderreich geht im Jahre 463 unter.

|Die Prophezeiung|

Als Hagen wieder einmal von einem ermüdenden Streifzug an den Grenzen Burgunds zurückkehrt, verfolgt er ein flüchtendes Mädchen bis zu einer Waldhütte, wo die Mutter des Mädchens Hagen bei seinem Namen begrüßt. Nicht nur dies verwundert ihn, sondern auch, dass sie seine Wunde, die ihm Wegelagerer geschlagen haben, kennt und verbinden will. Mit Interesse registriert er die Runen für Thor und Odin, aber auch für den neuen Gott, Christus, an der Wand. Allmählich wird ihm ein wenig bang. Die Seherin sagt ihm, dass die Götter – die alten Götter! – ärgerlich seien, der Weltuntergang Ragnarök nicht mehr fern sei und er sich vor einer Frau in Acht nehmen solle. Alles in allem keine sonderlich guten Neuigkeiten.

|Heimkehr nach Worms|

Tief in Gedanken versunken, reitet er beunruhigt mit seiner bunt gemischten Truppe aus Südländern, Burgundern und Hunnen in Worms am Rhein ein, wo ihn König Gunther willkommen heißt. Dieser ist wieder einmal vom Pferd gefallen, freut sich aber wie ein Kind über den Frieden mit Rom, den es zu feiern gilt. Das Osterfest steht bevor. Der Hammer ist aber, dass Gunther, weil immer noch unbeweibt, nach Island schippern will, um dort ausgerechnet Brunhild, die Herrin des Isensteins, zur Frau zu erringen. Na, klasse. Dumm nur, dass bislang von dort noch kein Freier lebend zurückgekommen ist. Giselher spricht aus, was Hagen denkt: Er erklärt seinen Bruder für verrückt. Natürlich soll der treue Hagen mitkommen.

In ihrer Kemenate begrüßt Königsmutter Ute den Krieger. Sie missbilligt den Island-Trip. Ihre Tochter Kriemhild begrüßt Hagen als Onkel, obwohl er tief in seinem Herzen ganz unonkelhafte Gefühle für sie hegt. Das wird ihn noch schwer in die Bredouille bringen.

|Siegfried, der Recke|

Reiter nähern sich den Mauern: Es ist Siegfried von Xanten mit seinen dreizehn für den Kampf geschmückten Kriegern, die allesamt aussehen wie Halbgötter. Gunther ist nicht gerade ein Meister der Diplomatie, und als Hagen sich bei der Begrüßung einmischen muss, zieht Siegfried einfach sein magisches Riesenschwert Balmung, den Drachentöter, und fordert Gunther zum Zweikampf heraus. Der Sieger erhält das Reich des Unterlegenen, aber logo.

In Panik intervenieren sowohl Hagen als auch Giselher, und Siegfried lässt sich zu einer Teilnahme am Osterfest herab. Hagen befiehlt insgeheim die Überwachung der Xantener Truppe, wird aber selbst ganz offen von Alberich, dem König der Nibelungen, ausspioniert. Der zwergenhafte Alb ist gezwungenermaßen in Diensten Siegfrieds, als Hüter des Drachenhortes.

|Kriemhilds Verstand|

Das Fest zu Siegfrieds Ehren beginnt mit einem Prolog: Der Spielmann Volkher von Alzey erzählt die Geschichte vom Drachentöter Siegfried, so dass alle neugierig werden. Als der Hüne endlich selbst erscheint, steht Kriemhilds Verstand still und die Augen gehen ihr über. Und jeder kann die gierige Liebe sehen, die von ihr Besitz ergreift. Bald wird sie reich sein, schön ist sie ja bereits, und ihr Sohn könnte Burgund erben. Darf man zulassen, dass Burgund den Xantenern in die Hände fällt? Während Hagen zum Kampf rät, befiehlt Gunther Frieden.

|Der Feldzug mit Siegfried|

Im Winter fordern Abgesandte der Sachsen und Dänen, deren Könige Lüdiger und Lüdegast sich verbündet haben, die Burgunder heraus und erpressen sie gleichzeitig. Hagen fordert Gunther auf, Siegfrieds Treue auf die Probe zu stellen. Er findet heraus, dass Kriemhild sich bereits heimlich mit dem Xantener trifft, deckt sie aber aus Liebe. Jedenfalls solange Siegfried nach dem Krieg um ihre Hand anhält. Und Kriemhild bittet Hagen, ihren Geliebten auf dem Feldzug zu schützen, an dem er seine Teilnahme zugesagt hat.

Doch die blutigen Taten Siegfrieds lassen Hagen schon bald an seinem Versprechen, das er Kriemhild aus quasi-väterlicher Zuneigung gegeben hat, zweifeln …

_Mein Eindruck_

Indem sich der Autor enger an die diversen nordischen Vorlagen (Atlilied, Thidrikslied, Völsungensaga, Edda usw.) als ans altbekannte „Nibelungenlied“ aus dem 13. Jahrhundert hielt, konnte er dem Stoff offensichtlich neue Aspekte und Tiefen abgewinnen und den vermeintlich bis zum Überdruss bekannten Figuren neue Rollen zuweisen.

Infolge dieses andersartigen Ansatzes prallen die germanisch-heidnische Welt – verkörpert in Brunhild, Hagen, Alberich und Siegfried – auf die christliche, die von Gunther und Kriemhild verkörpert wird. Während die Burgunder sich ganz der neuen Religion, die Staatsreligion des Römischen Imperiums ist, verschrieben haben, lebt Hagen noch im Glauben an die germanischen Götter.

|Zwei gegensätzliche Charaktere|

Siegfried trachtet nach Ruhm in der Schlacht und will skrupellos seine Macht mehren. Er erscheint als zwielichtiger Ritter ohne Furcht und Tadel, doch hinter seiner glanzvollen, die Menge betörende Fassade verbirgt sich ein rücksichtsloser Krieger, ein Verführer. Aber man kann nicht umhin, ihn ob seiner Größe im Kampf zu bewundern. Kein Feind hat auch nur den Hauch einer Chance. Als Kriemhild den Recken erstmals erblickt, ist es um sie geschehen.

Hagen, der Nordländer, ist ein alternder Krieger, ein Mann, der in einer Rolle und Position gefangen ist, aus der er nicht entkommen kann, ohne die Menschen, die ihm vertrauen, ins Unglück zu stürzen. Er ist zwar die graue Eminenz am Burgunderhof, rechtschaffen denkend und für die Zukunft planend, leider aber in sich gekehrt und nur der Pflicht ergeben. Hätte er eine weisere Ratgeberin als die unergründliche Norne Urd und seine eigene Pflichttreue zu den Burgundern gehabt, hätte er einige verhängnisvolle Fehlentscheidungen umgehen können.

|Surprise de feu|

Auch Kriem- und Brunhild sind ziemlich gut verständlich dargestellt, allerdings nicht in so eingehender Tiefe wie bei diesen zwei Hauptfiguren. Das Finale aber gehört den beiden Frauen, die Siegfried geliebt haben und Hagen verdammen. Hier gibt es eine ziemliche Überraschung am Scheiterhaufen. Da mag sich so mancher Zuhörer verwundert die Ohren reiben und sich die Stelle noch einmal anhören.

|Der Mordfall „Siegfried“|

Doch ist Hagen wirklich der Mörder des Drachentöters, als den ihn die späteren Bearbeitungen hinstellen? Der Mordfall „Siegfried“ ist eine verwickelte Sache, und der Angeklagte muss nicht unbedingt der Täter sein. Zu oft schon hat sich der Nordländer bereits in seinen Treueverpflichtungen und Versprechen verstrickt – zum Bedauern der Beteiligten. Doch er hielt stets die Klappe, denn es ist nicht Hagens Auffassung von Ehre, die Schuld einem anderen zu geben, nur um selbst unschuldig erscheinen zu können. Whodunnit?, möchte man mit Agatha Christie fragen. Wer ist’s, der Siegfried auf dem Gewissen hat? Selber lesen (bzw. vorlesen lassen)!

|Der Sprecher|

Christian Berkel ist ein sehr kompetenter Sprecher, der mit seiner tiefen Stimme die zentrale Figur des Hagen zu Leben erweckt. Diese Perspektive wechselt niemals, und so fällt es dem Zuhörer leicht, sich in der Handlung zurechtzufinden, auch wenn es in den zahlreichen Actionszenen mal recht turbulent zugehen sollte.

Leider viel zu selten hört man Hintergrundgeräusche, so etwa das Zwitschern von Waldvögel oder das unheilvolle Krächzen von Raben. Musik fehlt leider vollständig. Was mich aber immer wieder gestört hat, war ein Geräusch, wie es nur ein Bandlaufwerk verursachen dürfte. Es ist nur an leisen Stellen wahrzunehmen und wahrscheinlich nur, wenn man die Kopfhörer benutzt. Weil aber die anderen Verlage praktisch nur noch mit digitaler Technik aufnehmen, um solche Geräusche zu unterdrücken, fällt es umso mehr auf, wenn ein Bandgeräusch zu hören ist.

|Das Booklet|

Ein großer Pluspunkt für das Hörbuch ist das Booklet. Auf zwölf Seiten bietet es einen Überblick über die Hauptfiguren (siehe oben) und über die Quellen, auf die Hohlbein in seiner Bearbeitung des Stoffes zurückgreifen konnte. Dabei werden feine Verästelungen deutlich, und im Vergleich mit dem Text wird ersichtlich, welche Position Hohlbeins Text im Umfeld des „Nibelungenliedes“ einnimmt. Er weist keine Schuld zu und tritt auch nicht in die Fettnäpfchen, die da „Nibelungentreue“ und „Dolchstoßlegende“ heißen. Beide Propagandalügen werden erläutert.

_Unterm Strich_

Die von Autor genehmigte, gekürzte Lesefassung wartet mit einer Menge Drama, Action und Mystik auf, so dass sich ein junges Publikum ausgezeichnet unterhalten fühlen dürfte. Aber auch einem Hörer, der sich schon mit germanischer Mythologie, insbesondere dem „Nibelungenlied“, auskennt, könnte Hohlbeins Darstellung von Hagens Tragödie hinsichtlich Treue, Liebe und Pflichterfüllung noch die eine oder andere Überraschung bereiten.

Wer mit den ollen Germanen absolut nichts zu tun haben möchte, sollte sich nach aktuelleren Stoffen umsehen. Aber Hagens Dilemma ist durchaus von überzeitlicher Gültigkeit: Er kann nicht retten, was er liebt und darf nicht bekämpfen, was diese Liebe bedroht. Eigentlich fehlt nach dem Ende des Buches die Fortsetzung: „Kriemhilds Rache“. Leider ist der Ausgang schon allgemein bekannt.

Das Hörbuch ist eine Produktion, die im Vergleich nicht alle Möglichkeiten ausreizt – siehe oben. Aber für die meisten Erwartungen ist das bereits ausreichend.

|Zuerst erschienen 1986 im Ueberreuter Verlag, Wien
315 Minuten auf 4 CDs|