Abedi, Isabel – Whisper

_Die Autorin_

Isabel Abedi, geboren 1967, hat dreizehn Jahre lang als Werbetexterin gearbeitet. Abends, am eigenen Schreibtisch, hat sie Kinder- und Bilderbuchgeschichten geschrieben und davon geträumt, eines Tages davon leben zu können. Dieser Traum hat sich längst erfüllt: Isabel Abedi hat inzwischen zahlreiche sehr erfolgreiche Kinderbücher veröffentlicht, von denen manche bereits ausgezeichnet und in andere Sprachen übersetzt wurden. Nach „Imago – Die geheime Reise“ ist „Whisper“ ihr zweiter Jugendroman. Isabel Abedi lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Hamburg.

_Der Roman_

„Whisper“ – auf diesen Namen tauft die junge Noa das Haus, in dem sie zusammen mit ihrer berühmten Schauspieler-Mutter Kat und ihrem homosexuellen Freund Gilbert ihre Ferien verbringt. Eigentlich wollte Noa mit ihren Freundinnen nach Mykonos gereist sein, doch dieser Traum hat sich nach einigen Streitereien und einem Zwischenfall auf einer Party ausgeträumt. Mit ihrer Mutter kommt Noa ebenfalls nicht so gut zurecht; schließlich ist die Lebedame immer sehr impulsiv und scheut auch nicht davor zurück, ihre in einer ziellosen Liebelei ‚entstandene‘ Tochter mit in den Rummel um ihre Person einzubeziehen – sehr zum Widerwillen von Noa.

So ist auch auf der Reise in das ländliche Dorf, wo das Ferien-Landhaus steht, Streit vorprogrammiert, doch nachdem Noa den etwas älteren David kennen lernt, will sie davon erstmal nichts mehr wissen und geht ihrer Mutter hauptsächlich aus dem Weg. All ihre Gedanken klammern sich an David, und bevor sie sich versieht, hat sie sich in den Handwerker, der Kat und Gilbert beim Renovieren zur Hand geht, verliebt.

Zusammen mit ihm erlebt sie auch etwas sehr Unheimliches: Animiert von der schaurigen Umgebung ihres neuen Zuhauses, beginnt Noa eine Geisterbeschwörung in Form von Gläserrücken. Tatsächlich erscheint ihr und David ein Geist, der sich als ein junges Mädchen ausgibt, das vor genau 30 Jahren gestorben sei. David flüchtet nach dieser seltsamen Umgebung und verurteilt das okkulte Spiel. Infolgedessen ist das Verhältnis zwischen den beiden stark angespannt, was Noa aber nicht davon abhält, mehr über das anscheinend ermordete Mädchen namens Eliza herauszufinden. Ihre Schnüffelei ist im Dorf aber nicht gerne gesehen, denn bei bloßer Erwähnung des Mädchennamens bleibt so manchem Bewohner der Atem stehen. Noa ist sich sicher, dass hier einiges faul ist, und ihre Suche führt sie zusammen mit dem wieder versöhnlich gestimmten David auf den Dachboden von „Whisper“ …

_Bewertung:_

„Whisper“ ist ein Jugendbuch, das sollte man sich vor dem Entschluss, mit diesem Roman zu beginnen, bewusst machen. Folglich sind die Charaktere von Isabel Abedi auch so gestaltet worden, dass sie als Helden ein gewisses Identifikationspotenzial besitzen: David als typischer Draufgänger und Noa als schüchterne aber neugierige junge Dame am Ende der Pubertät. Es ist also nicht sonderlich verwunderlich, dass der Fakt, dass sich die beiden Hauptpersonen sehr zueinander hingezogen fühlen, stark im Mittelpunkt steht und die eigentliche Schauergeschichte phasenweise zum Nebenschauplatz degradiert wird.

Dazu bleibt festzuhalten, dass die Autorin sich sehr vielen Klischees hingibt. Das Zusammenleben eines Homosexuellen mit einer Filmdiva als Form der modernen Partnerschaft, die Mutter als ständiges Ärgernis für das pubertierende Mädchen, und ein junger Mann, der gerade die weiblichen Leser durch seine Charakterzüge und seinen Edelmut verzaubern sollte. Um diesen Ruf zu bestärken, hat man ihm einen schwerbehinderten Bruder zur Seite gestellt, den er das ein oder andere Mal beschützt und um den er sich ritterlich und viel zu übertrieben kümmert. Auch die reservierten Dorfbewohner passen in bestimmte Erwartungshaltungen hinein, zeigen sich im Hinblick auf die schreckliche Vergangenheit in Kats neuem Landhaus sehr zurückgezogen und wollen von Okkultismus und dergleichen nichts wissen. So ganz nach dem Motto „Wir sind ein sauberes Dorf, und bei uns gibt es derlei Dinge nicht“.

Kommen wir aber noch mal auf die Darstellung von Davids kleinem Bruder zurück. Hier ist Abedi für meinen Begriff etwas übers Ziel hinausgeschossen. Die Tatsache, diesem Jungen den Namen Krümel zu verpassen, finde ich in gewisser Weise entwürdigend, und die einzelnen Lautierungen, die der Junge von sich gibt, bzw. seine Bewegungen wirken sehr unnatürlich und lassen an Authentizität vermissen. Es mag sein, dass ich selber aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit hier vorbelastet bin, doch solche Fakten stören nun einmal.

Der eigentliche Roman ist so schlecht gar nicht und als Jugendbuch auch bestens geeignet. Abedi legt ein recht behäbiges Erzähltempo vor und kommt erst nach und nach auf den Punkt. Das zieht die Erzählung zwar zwischenzeitlich immer mal wieder in die Länge, gibt aber jedem die Chance, den Inhalt genauestens zu verstehen. Nur von tatsächlicher Spannung kann nicht wirklich die Rede sein; schließlich wird man im Laufe der ersten 150 Seiten gut auf das vorbereitet, was am Ende bevorsteht. Vielleicht hätte sich die Autorin hier die Tagebucheinträge von Eliza, die jedem Kapitel vorangeschoben werden, sparen sollen, denn so ist manchmal nur allzu offensichtlich, in welche Richtung sich alles entwickeln wird und natürlich, was damals geschehen ist. Hier hätte Abedi den Leser noch ein bisschen länger im Dunkeln tappen lassen und das Mysterium um das verstorbene Mädchen, das an seinem 18. Geburtstag umgekommen ist, beibehalten sollen.

Ein letzter Kritikpunkt ist die Geister-Seance, die David und Noa betreiben. Selbst als Laie in Sachen Okkultismus gerät man aufgrund der einfachen Schilderungen leicht ins Schmunzeln; das geht an dieser Stelle definitiv zu einfach vonstatten und drückt auf die Spannung. Dies ist gleichzeitig dann auch ein Moment, bei dem Abedi ruhig noch etwas mehr ins Detail hätte gehen oder die Geschichte hätte strecken können. Im Gegensatz zu manch anfänglicher Länge hätte das hier Sinn ergeben.

Alles in allem kann ich somit auch nicht sagen, dass ich wirklich begeistert von diesem Roman bin, auch unter Berücksichtigung der vornehmlichen Zielgruppe. „Whisper“ ist bestenfalls eine kurze Zwischenmahlzeit für zwischendurch, der es aber für die wahre Gaumenfreunde noch an Würze fehlt. Abedi hat zwar einen schönen und überaus leicht verständlichen Schreibstil, aber in diesem Buch mangelt es ihrer Geschichte an der treffenden Atmosphäre und dem nötigen Spannungsaufbau. Nicht selten verliert man so zwischendurch die Lust am Weiterlesen, und wenn sich die Sache abschließend auflöst, ist man auch nicht sonderlich überrascht. Wer sich dennoch für einen derartigen Jugendroman interessieren sollte, muss diese Kritikpunkte allesamt berücksichtigen. Eine wirkliche Empfehlung bekommt das Buch deshalb auch nicht.