King, Stephen – Mädchen, Das

Muss man noch etwas über Stephen King sagen? Vermutlich nicht, nur dass der erfolgreichste Horrorschriftsteller sich in den letzten Jahren bemüht hat, nicht mehr nur Genre-Horror zu schreiben, sondern sein Spektrum Richtung klassischer englischer Erzählliteratur auszudehnen. Zu diesen – nicht immer einhellig begrüßten – Ausflügen gehören „Dolores“, „Der Buick“ und eben auch „Das Mädchen“. Schrecken und Grauen (keineswegs das Gleiche) haben viele Gesichter. Für King haben Monster ausgedient.

„Die Welt hat Zähne. Und mit denen beißt sie zu, wann immer sie will.“ Diese elementare und niederschmetternde Erfahrung muss in diesem Hörbuch ein Mädchen machen, das nur neun Jahre alt ist (und groß für sein Alter): Patricia McFarland. Kaum ist sie vom Weg abgewichen, zeigt sich eben jene Welt in den Wäldern auf gnadenlose Weise. Aber Trisha hält durch, gerade mal so. Dieses fabelhaft produzierte Hörbuch bietet die ungekürzte, musikalisch und akustisch untermalte Lesung zweier Spitzenkräfte der Sprecherszene: Joachim Kerzel und Franziska Pigulla.

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“), hat bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.
Joachim Kerzel ist die deutsche Stimme von Dustin Hoffman, Jack Nicholson und fast allen Stephen-King-Hörbüchern.

Zur Handlung: Die neunjährige Patricia McFarland geht auf einer Wanderung durch die westlichen Wälder und Vorberge Maines verloren. Eigentlich wollte sie ihrer Mutter und ihrem Bruder Pete, die sich vor lauter Streit nicht mehr an Trishas Existenz zu erinnern schienen, nur eins auswischen: Schaut, ich bin weg – macht euch in die Hosen vor Angst um mich! Es ist wie ein kleiner Selbstmord, mit einem Hilferuf als Botschaft. Doch aus dem kleinen Abstecher wird bitterer Ernst, als sich Trisha immer weiter im undurchdringlichen Urwald des westlichen Maine verliert, aus dem kein Weg herauszuführen scheint. Bis zu ihrer Rettung zehn Tage später verliert sie mehr als zehn ihrer mageren 44 Kilo! Mutterseelenallein kämpft sie sich durch eklige Sümpfe und Schwärme von Stechmücken. Und ein wildes Tier schleicht wie ein Gespenst um sie herum. Schließlich hat sie vor lauter Auszehrung und Krankheit Visionen, so etwa vom Gott der Verirrten, der aus Wespen zu bestehen scheint.

Einzig und allein ihr Walkman-Radio bewahrt sie vor dem Untergang. Sie hört die Reportagen von Baseballspielen in Boston, Massachusetts. Zu den Red Sox gehört ihr verehrter Lieblingsspieler Tom „Flash“ Gordon. Sie trägt eine von ihm signierte Baseballkappe und sein Trikot mit der Spielernummer 36 drauf. Sie muss immerzu an ihn denken und die Art, wie er nach einer erfolgreichen Aktion den Zeigefinger gen Himmel reckt. Auf wen oder was zeigt er da bloß? Auf Gott? Nach mehr als einer Woche, völlig entkräftet, beginnt Tom Gordon sie zu begleiten. Er erklärt ihr, wann ihre letzte Chance, dieses Todesspiel für sich zu entscheiden, gekommen ist: „Gott erscheint immer erst in der zweiten Hälfte des neunten [= letzten] Durchgangs“, also kurz vor Schluss. Und so kommt es, dass sich Trisha in einer schier übermenschlichen Anstrengung das Leben bewahren kann. Denn ihr Widersacher, den sie den „Gott der Verirrten“ nennt, stellt sich ihr in letzter Sekunde in den Weg. Aber Tom Gordon hat sie einen Trick gelehrt, mit dem sie sich zu wehren weiß.

Das Leben als tödliches Baseball-Match? Für die junge, tapfere Trisha schon. Und wie viele kleine Kinder reißen von zu Hause aus, weil ihre Eltern geschieden sind und sie die Trennung unerträglich finden, nur um dann in der Drogenszene oder Prostitution zu enden? Das Leben hat Zähne, und es beißt zu, wenn man es am wenigsten erwartet – diese Lektion bekommt Trisha am eigenen Leib zu spüren. Hier nimmt sich Stephen King ohne allzu viel Spezialeffekte des Schicksals der Opfer von gescheiterten Beziehungen an. Die Kinder sind zudem die schwächsten Opfer. Geliebte Idole wie Tom Gordon helfen offenbar nach Kings Meinung, einiges zu überstehen. Tom erzählt Trisha nicht nur vom Leben, sondern auch von Gott. Der hilft dir nur, wenn du bereit bist, dich nicht selbst aufzugeben. Und das schafft das kleine Mädchen – mit knapper Not. Der Glaube an Tom Gordons Gott steht ihrer Neigung entgegen, sich der Lockung des Gottes der Verirrten zu ergeben: der Verzweiflung durch das Aufgeben der letzten Hoffnung. So findet in ihr der ewige Kampf um das Festhalten an einem Sinn für das eigene Leben statt, den jeder, der in Not ist, ausfechten muss.

Es ist der erste, bislang ungenannte Gott, von dem sie als erstes abfällt, weil er sie nicht unterstützt. Es ist der Gott ihres Vaters. Larry Mcfarland, ein Alkoholiker vor dem Herrn, faselte Trish gegenüber etwas von dem „unterschwellig Wahrnehmbar“ vor. Im Original verwendete er wohl das Wort „subliminal“, korrekterweise. Aber im allgemeinen wird der christlich-jüdische Gott (Jahwe) als „das Sublime“ bezeichnet: das Erhabene, das zugleich Schrecken und Schönheit birgt (seit dem 17. Jahrhundert). Aber das „unterschwellig Wahrnehmbare“ ist nichts, auf das man wie Tom Gordon zeigen und sagen könnte: „Seht her – ich hab’s Gott gezeigt.“ Und einen solchen Gott braucht Trisha unbedingt. Denn sonst unterliegt sie, wie sich zeigt, den Schrecken und der Verzweiflung und der Selbstaufgabe, die ihr der Wespengott, der Gott der Verirrten, der „Herr der Fliegen“, anbietet.

In ihrer „rite of passage“ durchläuft Trisha die verschiedenen Stadien der Verzweiflung. Geprüft bis zum innersten Kern, muss sie sämtliche Werte, die ihr die Welt mitgegeben hat, auf den Prüfstand stellen und sich nach dem Ergebnis richten. Die Erkenntnis von Welt und Gott verwandeln sie völlig, und die Eltern, die an ihrem Krankenhausbett wachen, erkennen die neue Trisha kaum wieder – bis auf ihren Vater, dem sie eine Botschaft übermittelt, die nur ein Baseballfan versteht.

Trisha ist mit Sicherheit die glaubwürdigste weibliche Figur, die King je geschaffen hat, obgleich es sich zunehmend um eine metaphysisch stattfindende Reise handelt, die King erzählt. Seine Prosa war selten so angemessen und wirkungsvoll, auch wenn ab und zu auktoriale Absätze mit Erklärungen eingeschoben sind. Er scheut sich nicht, die peinlichsten Situationen zu schildern und bricht (nur amerikanische?) Tabus, wenn er ein kleines weißes Mädchen Wörter wie „Scheiße“, „Zum Teufel“ und sogar „Fuck you!“ sagen lässt. (Okay, diese Sachen hat sie eigentlich von ihrer Freundin Pepsi Robichaux.) Und er lässt sie sogar in ihre eigene Kacke fallen, wovon sie natürlich nie ein Sterbenswörtchen verraten würde. Die deutsche Übersetzung von Wulf Bergner nimmt ebenso kein Blatt vor den Mund. So geht nichts von der sprachlichen Wucht des Textes verloren, der sich kein Leser entziehen kann.

Die beiden Sprecher wechseln sich ab. Das Buch ist ja in „Durchgänge“ eingeteilt, also Innings wie bei einem zünftigen Baseballmatch. Jeder spricht ein oder zwei solcher Durchgänge. Man kann dadurch sehr gut ihre individuelle Vortragsweise vergleichen. Kerzels Stimme ist natürlich bassbetont, verfügt aber auch über die Fähigkeit, sich in erstaunliche Höhen emporzuschrauben, um Trishas Kinderstimme wiederzugeben. Man könnte nicht sagen, dass er bestimmte Passagen besser oder schlechter liest als seine Kollegin, aber er trägt den Text definitiv schneller vor. Ich hatte den Eindruck, dass er Reisepassagen bevorzugt, während Pigulla überlegende Passagen vorzieht, die Trishas ‚inner space‘ widerspiegeln. Mit ihrem Gespür für Dramatik setzt Pigulla vor allem das Tempo als Haupteffekt ein: sie verzögert vor wichtigen Wörtern oder Sätzen. Sie wispert, kreischt, jauchzt und brüllt – Letzteres in jenes virtuelle Mikro, das die Basellballmatches in Trishas Walkman überträgt. Der Mikro-Effekt wird sehr wirkungsvoll eingesetzt. Meist sind es die bekannten Sportkommentatoren, die Trisha im Radio hört und die sie alle bewertet. Der Mikro-Effekt erlaubt es der Sprecherin, größte Lautstärke einzusetzen. Am besten hat mir gefallen, wenn sie Trisha „Yeah, baby!“ rufen ließ. Die Musik wechselt je nach Anlass und Stimmung – von Hardrock für Action bis hin zu heiterer, trauriger oder angespannter Instrumentierung. Zu den eingesetzten Geräuschen gehören Donnerschläge, aber auch das Zirpen von Grillen oder Heuschrecken – und natürlich Wespen…

Nach dem Epilog folgt noch ein Nachwort des Autors. Das wird von Ulrich Pleitgen gesprochen, was nirgends auf der CD vermerkt ist. King bedankt sich bei den Experten, ist aber selbst ein Fachmann für Baseball. Sein eigener Sohn Owen spielt(e) in der Little League mit – er könnte das Vorbild für Trisha gewesen sein.

Aufgrund der zahlreichen Effekte und der Musikuntermalung rückt dieses Hörbuch schon in die Nähe einer dramatischen Inszenierung, wie sie ein Hörspiel darstellt, nur dass im Hör- oder Radiospiel die Rollen von verschiedenen Sprechern vorgetragen werden. Aber auch so ist „Das Mädchen“ eine höchst dramatische Angelegenheit. Dass es Leser gibt, die diese Erzählung für das langweiligste Buch halten, das sie je von Stephen King gelesen haben, erscheint angesichts der Dramatik, die die Geschichte entwickelt, beinahe unglaublich. Wie auch immer: „Das Mädchen“ kann es an Grauen und Schrecken beinahe mit dem ebenso fabelhaft und effektreich inszenierten Hörbuch „Der Exorzist“ aufnehmen, das Kerzel alleine spricht. Wen diese Aussage verwundert, sei auf das Anhören des entsprechenden Hörbuchs verwiesen. Wer bei einer King-Story auf Berge von Leichen und das eine oder andere UFO oder Alien wartet, dürfte natürlich bitter enttäuscht werden. Das einzige Alien, das hier auftaucht, ist der Wespengott – und der befindet sich zu 99 Prozent in Trishas Einbildungskraft. Die Aliens, die sind wir selber. Was brauchen wir noch UFOs dafür?

Dieses Hörbuch ist ziemlich teuer: knapp 45 Euro. Dafür bekommt man schon eine Reihe von DVDs unter 10 Euro. Da aber dieses Buch aus dramaturgischen und ästhetischen Gründen bis auf weiteres nicht verfilmt werden dürfte, stellen Buch und Hörbuch die einzigen Medien dar, in denen man es genießen kann. In der jetzigen Form ist das Hörbuch jeden Cent wert, den man dafür ausgeben muss. In einer Zeit, in der sogar die meisten TV-Filme nur gekürzt gezeigt werden, bietet es zur Abwechslung mal ungekürztes Vergnügen an.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)