Paolo Bacigalupi – Schiffsdiebe

Stahl. Kupferdraht. Elektronikschrott. Altöl. Das sind die Schätze, die der junge Nailer aus den gestrandeten Wracks herausholt. Es ist eine harte Welt, in der das Gesetz des Stärkeren und Schnelleren gilt. Doch dann findet er in einem Schiff einen ganz anderen Schatz – der sein Leben für immer verändern wird.

In nicht allzu ferner Zukunft sind die Wracks der Öltanker, die entlang der amerikanischen Golfküste stranden, die Lebensgrundlage für den jungen Nailer und seine Freunde. Sie kriechen in das Innere der Schiffe und suchen nach Kupfer und anderen wertvollen Materialien. Es ist eine harte Welt, in der niemand auf den anderen Rücksicht nimmt und jeder versucht, der Schnellste zu sein.

Eines Tages ist Nailer der Erste, der einen nach einem Hurrikan gekenterten Klipper erreicht – ein Glücksfall, der ihn und seine Familie auf einen Schlag aus der Armut befreien könnte. Aber im Bauch des Schiffes ist ein Mädchen gefangen. Und Nailer steht vor einer folgenschweren Entscheidung – denn wenn er sie rettet, ist der wertvolle Fund für ihn verloren … (Verlagsinfo)

Vom Verlag empfohlen ab 14 Jahren.

Der Autor

Paolo Bacigalupi wurde in Paonia, Colorado geboren. Er ist bereits als Kurzgeschichtenautor in Erscheinung getreten, bevor er mit „Biokrieg“ („The Windup Girl“) seinen ersten Roman veröffentlichte, der vom „Time Magazine“ in die Top Ten der besten Romane des Jahres aufgenommen wurde. Auch für seine Kurzgeschichten erhielt Paolo Bacigalupi schon mehrere Auszeichnungen. „Schiffsdiebe“ (Ship Breakers) ist sein erster Jugendroman. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in West Colorado. (Erweiterte Verlagsinfo) Inzwischen ist auch die Fortsetzung „Versunkene Städte“ bei Heyne erschienen.

Handlung

Die Mitte des 21. Jahrhunderts. Der Klimawandel hat viele Küstenstriche verschlungen, und der Welt ist das Öl ausgegangen. Nailer und seine Leichte Kolonne, die am Golf von Mexiko leben, machen sich nun über gestrandete Tankerwracks her, um wertvolle Edelmetalle wie Kupfer und Aluminium aus dem Inneren herauszuholen. Die Schweren Kolonnen hingegen rücken den rostenden Kolossen, die auf dem Bright Sands Beach wie tote Wale liegen, außen mit Schneidbrennern zu Leibe.

Die Früchte ihrer Akkordarbeit müssen alle an die Firma Carlson verkaufen, die sie wiederum an die großen Konzerne wie Patel Global Transit weiterverhökert. Es ist eine lange Nahrungskette, an deren Anfang Kinder wie Nailer stehen. Mit seiner durch Hunger begünstigten Schlankheit kann der Junge in fast jeden Gang und Schacht kriechen.

Bad luck & trouble

Heute scheint Nailer das Glück verlassen zu haben. Um die tägliche Quote zu schaffen, begibt er sich ein zweites Mal in die unbeleuchteten Kabelschächte des Tankers – und kracht in das darunterliegende Ölreservoir. Mal davon abgesehen, dass er in der Finsternis nichts sieht, so drohen ihn die Öldämpfe zu ersticken, das zähe Öl saugt ihn in die Tiefe. Seine Kollegin Sloth ruft nach ihm. Als sie die Situation erfasst hat, erkennt sie ihre einmalige Chance, erster in der Leichten Kolonne zu werden – und lässt Nailer im Stich. Doch der kann sich durch ein wagemutiges Tauchmanöver befreien und anklagend den Finger gegen Sloth erheben. Die Leichte Kolonne verstößt Sloth aus ihren Reihen, denn sie hat den Blutschwur verraten und ist nicht mehr vertrauenswürdig.

Nailer ist schwer verletzt aus dem Wrack gekrochen. Während sich die Vorarbeiter und die Schwere Kolonne um das Auffangen des kostbaren Öls kümmern, besorgt ihm die Anführerin der Kolonne, Sadna, Medikamente. Er sollte seine Schulter schonen. Doch mehr Angst als vor Verletzungen hat Nailer vor seinem Vater. Richard Lopez ist kein Mann, mit dem man spaßen kann, ganz besonders dann nicht, wenn er auf Droge ist. Lopez ist geschickt im Umgang mit dem Messer, ein flinker Kämpfer und absolut skrupellos. Ausnahmsweise darf Nailer heute ins Bett, ohne verprügelt worden zu sein.

Sturmernte

Zwei Tage und Nächte lang tobt ein Hurrikan über die Küste des Golfs von Mexiko, und das klapprige Schiffbrecher-Camp von Bright Sands Beach wird platter gemacht als eine Flunder. Sadna, ihre Tochter Pima und Nailer retten einander das Leben. Was aus seinem Vater geworden ist, weiß Nailer nicht. Doch ein ungewohnter Anblick vertreibt diese Sorge: Draußen auf den Sandbänken, wo die versunkenen Stümpfe von Wolkenkratzer die Meeresoberfläche streifen, ist einer der Klipper auf Grund gelaufen, die Nailer sehnsuchtsvoll mit hoher Geschwindigkeit über den Golf jagen sieht – stolze Segler, die wer weiß wohin eilen und seine Träume mitnehmen.

Diesen Klipper hier hat es böse erwischt, das stolze Schiff liegt still und starr auf der Seite. Zusammen mit Pima klettert Nailer an Bord. Noch hat kein anderer Schiffbrecher dieses Juwel entdeckt; sie müssen sich beeilen. Das Innere ist zwar voll ertrunkener Leichen, doch auch das reinste Schlaraffenland: Messing, Silber, Porzellan, sogar Gold in unvorstellbaren Mengen! Von den Kilometern an Kupferkabeln ganz zu schweigen.

Hinter der verwüsteten Kapitänskajüte liegt das Zimmer eines Mädchens, voller Plüschtiere und durcheinandergewirbelter Möbel. Unter selbigen liegt auch die Bewohnerin. Ist das Mädchen tot, fragen sich die beiden Schiffbrecher. Allein das Gold an ihren Fingern und Ohren ist ein Vermögen wert. Als Pima einen Finger abschneiden will, schlägt das Mädchen die Augen auf …

Ein Frage des Lebens

Das Klügste wäre es, die Besitzerin des Schiffes zu töten und so das Bergerecht für sich selbst zu beanspruchen. Von den Pretiosen mal ganz abgesehen. Aber Nailer sagt ‚Nein‘ zu Tod und Ärger. Einzig und allein die Erfahrung in dem Ölreservoir, in dem er fast wegen Sloths Verrat ertrunken wäre, hält ihn davon ab, dem Bonzenmädchen den Todesstoß zu versetzen. Es ist eine folgenreiche Entscheidung, die sein gesamtes Leben umkrempeln wird.

Denn Nita Chaudury ist nichts Geringeres als die Alleinerbin des Konzernchefs Patel Global Transit. Der Haken dabei: Ihr Verschwinden hat einen Machtkampf an der Konzernspitze ausgelöst, sodass nun niemand nach ihr sucht, der für sie Lösegeld zahlen könnte. Als wäre dies nicht schlechtes Omen genug, ist auch noch Nailers Vater im Anmarsch, um sich die Edelmetalle im Schiff selbst unter den Nagel zu reißen. Für gestrandete Bonzen hat er allerdings nur eine Verwendung: als Organersatzteillager …

Mein Eindruck

Die Welt ist zwar abgesoffen, und die Pole sind eisfrei, doch das muss ja nicht das Ende der menschlichen Zivilisation bedeuten. Die Inuit und Sibiriaken sind Piraten geworden, New Orleans wurde auf höhergelegenem Land woanders wiederaufgebaut, und an der Golfküste kümmern sich die Schiffsbrecher um die überflüssigen Tanker. Schiffe nutzen wieder Windkraft, und rasen mit 55 Knoten (1 Knoten = 1,852 km/Stunde, also rund 100 km/h) über die Oberfläche des Golfs. schwerbewaffnet, versteht sich.

Inder wie Patel und Chadury beherrschen die modernen Konzerne, und die chinesische Währung hat den Dollar abgelöst. Amerika, wie wir es kennen, existiert schon längst nicht mehr, denn praktisch alle Küstenmetropolen sind abgesoffen. Die Meere müssen um mindestens fünfzig Meter angestiegen sein. Wehe dem unglückseligen Segler, der sich in das Labyrinth der unter der Wasseroberfläche emporragenden Wolkenkratzerstümpfe verirrt. Nicht ohne Grund nennt Nailer das vor seiner Küste Labyrinth die „Zähne“, und Zähne sind bekanntlich zum Zubeißen da …

Nailers Kultur ist wieder auf die Subsistenzstufe zurückgefallen, auf der Plünderer von der Hand in den Mund leben. Doch wenn ein Citykiller-Hurrikan über den Strand fegt, heißt es „wieder ganz von vorne anfangen“. Daher leuchtet es ein, dass eine solche menschliche Gemeinschaft nur überleben kann, wenn sie sehr starke innere Bindungen entwickelt und aufrechterhält. Der Blutschwur ist genau das, was sich „Winnetou“-Leser darunter vorstellen: Blutsbrüder- und -schwesternschaft. Nailer gelingt es, Nita Chaudurys Leben zu retten, indem er sie in seine Sippe durch den Blutschwur aufnimmt.

Die Szenen, die diesem Ritual vorausgehen, gehören mit zu den spannendsten des Buches. Denn Nailer und Pima, die beiden Finder des gestrandeten Klippers, können ihre Beute nur behalten, wenn sie die Besitzerin töten. „Glück und verstand“, das ist es, was Nailer immer wieder braucht. Nita zu töten bringt Nailer aber schließlich doch nicht übers Herz. Er weiß, er wird seine Entscheidung zunächst bereuen, doch wie klug es wirklich war, Nita am Leben zu lassen, erweist sich in der zweiten Hälfte des Romans.

Obwohl sie eine „Bonzentusse“ ist, zeigt sich Nita als sehr anstellig, wenn es ums Arbeiten geht. Als Nailers Vater sie trotzdem wegen ihrer Organe ausschlachten will, hilft nur noch die Flucht. Zum Glück steht den beiden ein genetisch veränderter Halbmensch bei, eine Genkombination aus Mensch, Hund, Tiger und Wolf – sehr stark aber nur begrenzt intelligent. Tool beschützt die beiden auf der Zugfahrt nach Orleans II und während ihres Aufenthalts im Hafen. Hier will Nita Kontakt ihrer Firma aufnehmen. Leider taucht hier auch Nailers Vater mit mehreren Halbmenschen auf …

Der sympathischste Aspekt des Buches ist die entstehende Liebe zwischen Nailer, der seinen Weg in die weite Welt sucht, und Nita alias Lucky Girl, die aus der großen Welt kommt und sich in seiner behaupten muss. Als sie entführt wird, jagt Nailer ihr mit einem loyalen Klipperkapitän nach, um sie zu befreien. Spannender Höhepunkt des Romans ist ein Kampf auf See, der Nailer in die heimatlichen Gewässer zurückführt. Denn dort kennt er sich besser aus als der Kapitän mit seinen veralteten Seekarten …

Die Übersetzung

Hannes Riffel hat schon zwei Erzählungen von Bacigalupi in der Collection „Der Spieler“ (Golkonda-Verlag) übersetzt. Eigentlich kennt er sich also bestens mit dessen Stil aus. Dennoch fand ich etliche Druckfehler.

S. 190: „Nailer lief ein[en] Schauder den Rücken hinunter.“ Nicht Nailer läuft, sondern der Schauder. 😉

S. 211: „zu Fuß gegen wollten“. Besser sollte es „gehen“ heißen.

S. 226: „Schiffahrtsgesellschaft GmbH“: Sieht doch ganz korrekt aus, oder? Bis auf die Tatsache, dass die „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ (GmbH) zum Teil bereits in der „Schiffahrts-Gesellschaft“ enthalten ist. Doppelt gemoppelt ist auch nicht nötig.

S. 265: „Kommt den[n] noch ein anderes Schiff infrage?“ Ein N fehlt.

S. 268: „Sie ist nur ein Mädchen. Die Leute halten [S]ie für mordsmäßig wertvoll.“ Das S sollte kleingeschrieben sein, denn „sie“ bezieht sich auf das Mädchen.

S. 287: „… was sich uns auf 15 Meilen näh[e]rt.“ Mit E sieht das letzte Wort gleich viel verständlicher aus.

S. 339: „… andere bekamen sie (eine Kiste) auch nicht [zu] zweit nicht von der Stelle.“ Mit „zu“ lässt sich der Satz gleich viel besser verstehen. Warum nicht gleich so?

Unterm Strich

Ich habe diesen Jugendroman in nur wenigen Tagen gelesen. Die Geschichte von Nailer und Nita ist zwar romantisch, aber völlig unsentimental erzählt. Denn die Welt, in der sich die beiden so unterschiedlichen Jugendlichen zurechtfinden müssen, stellt sie jeden Tag aufs neue auf die Probe: Sind sie lebenstüchtig und klug genug? „Glück und Verstand“, das brauchen sie jeden Tag, und Glück allein reicht ganz bestimmt nicht.

Nailers Vater verkörpert das egoistische Prinzip. Um ständig an seine Droge heranzukommen, ist Richard Lopez bereit, alles zu opfern, was ihm etwas bedeuten könnte, so etwa auch seinen Sohn, der ihm Nita „gestohlen“ habe. Nailer hingegen hat in der Sippe seiner Leichten Kolonne gelernt, dass nur der Blutschwur einen am Leben erhält, und wer den verrät, der geht vor die Hunde (wie die Kollegin Sloth).

Im Finale prallen diese beiden Prinzipien in einem verhängnisvollen Kampf aufeinander. Denn der Sieger dieses Kampfes erhält Nita als beute und kann mit ihr machen, was er für richtig hält. Da aber zeigt sich, dass Nailer, indem man ihn Lesen gelehrt hat, einen strategischen Vorteil gegenüber seinem ungebildeten Vater erlangt hat. In einem Maschinenraum könnte ihn dies die Oberhand gewinnen lassen. Vorausgesetzt, er bringt es übers Herz, seinen eigenen Vater zu töten …

Man sieht also, dass eine hohe emotionale Intelligenz in diesen Roman Eingang gefunden hat und ihn stark aufwertet. Das Zukunftsszenario allein hätte dafür nicht gereicht, und auch nicht eine auf Action bedachte Geschichte. Erst das menschliche Drama in all seiner Vielschichtigkeit und Entwicklung hebt das Buch auf das hohe Niveau, das mich ihm die volle Punktzahl verleihen lässt.

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Broschiert: 352 Seiten
Originaltitel: Ship Breaker
Aus dem US-Englischen von Hannes Riffel
ISBN-13: 978-3453529199
www.heyne.de