Damon Knight (Hrsg.) – Computer streiten nicht (NEBULA Award Stories 1)

Classic SF: Ausgezeichnete NEBULA-Erzählungen

Damon Knight, international bekannt und geschätzt als Autor der Genres der Fantasy und Science Fiction und als Anthologist, stellt hier vier seiner Autorenkollegen vor, deren Erzählungen den NEBULA-Preis erhielten – die begehrte Auszeichnung, die alljährlich vom Verband der Science Fiction Writers of America vergeben wird (dies sind die Preisträger des Jahres 1965):

1. Gordon R. Dickson mit der Story „Computer streiten nicht“: Das Schicksal eines Mannes, der sich im Recht fühlt.
2. James H. Schmitz mit der Story „Ausgeglichene Ökologie“: Die „Gleichgewichtsstörung“ eines Planeten wird behoben.
3. Harlan Ellison mit der Story „Bereue, Harlekin!“, sagte der Ticktackmann: Ein Nonkonformist im Kampf gegen den neuen großen Diktator.
4. Roger Zelazny mit der Story „Der Former“: Menschen im Grenzbereich zwischen Realität und Unwirklichem. (Verlagsinfo)

Dies ist der Auftaktband zu den Texten, die seit 1965 mit dem NEBULA Award ausgezeichnet wurden. Keineswegs alle dieser Jahresbände wurden ins Deutsche übertragen; viele erschienen beim Moewig-Verlag. Der Schwesterband mit den weiteren NEBULA-Preisträgern des Jahres 1965 trägt den Titel „Panne in der Hölle“ (siehe meinen Bericht).

Der Herausgeber

Damon Knight, geboren 1922, war sowohl (mittelmäßiger) Autor als auch ein sehr reger Herausgeber von Anthologien der Science Fiction und Fantasy. Bei S. Fischer Taschenbuch erschien jahrelang seine Serie „Orbit“ auf Deutsch. Er war mit der Autorin Kate Wilhelm verheiratet. Für seine sehr kritische SF-Historie „In Search of Wonder“ (1956, 1967) wurde er mit dem HUGO Award geehrt und in seinem Sachbuch „The Futurians“ (1977) schildert er die Entstehung und Entwicklung der Ostküsten-SF-Autorengruppe um Frederik Pohl und Isaac Asimov.

Die Erzählungen

1) Gordon R. Dickson: Computer streiten nicht (Computers Don’t Argue, 1965)

Das unbescholtene Buchclubmitglied Walter A. Child wird Opfer einer auf Computerakten basierenden Verwechslung. Plötzlich ist er nicht nur wider Willen ein angeblich säumiger Zahler, sondern auch noch der Kidnapper und Mörder eines gewissen Robert Louis Stevenson! Die Computer-gestützten Prozesse nehmen ihren Lauf: Er wird verhaftet, verurteilt, in den Todestrakt verlegt. Die in letzter Minute vom Gouverneur unterzeichnete Begnadigung wird von den Computern wegen eines Formfehlers zurückgeschickt und verschleppt. Ja, sie bedrohen sogar den Gouverneur selbst, falls er nicht in der Lage wäre, eine Genehmigung seines Vorgesetzten beizubringen…

Mein Eindruck

Die menschliche Demenz hat ebenso wie die rechtliche Enteignung durch die Computersysteme ihren befürchteten Höhepunkt erreicht. Selbst ein Unschuldiger hat keine Chance mehr, dem System zu entgehen. Ganz egal ob man nun ein Normalsterblicher oder der Gouverneur eines Bundesstaates ist – vor der heiligen Software sind alle gleich. Eine bittere Satire auf eine Unsitte, die heute bereits alle hilflos hinzunehmen scheinen. Der Computer, dein Freund und Helfer? Besser nochmal drüber nachdenken.

2) James H. Schmitz: Ausgeglichene Ökologie (Balanced Ecology, 1965)

Auf der Siedlerwelt Wrake gedeihen die einzigartigen und daher wertvollen Diamantbäume. Sie liefern sehr hartes Holz, das sich zu hochwertigen Objekten formen lässt, die auf den Nachbarwelten beliebt sind. Von dem kommenden Boom ahnen die Menschen auf der Farm von Riquol Cholm aber erst etwas, als ein Unternehmer namens Terokaw zusammen mit „Onkel Kugus“ und einem Rechtsverdreher landen und Riquol Cholm ein Angebot machen. Sie wollen den ganzen Diamantbaumhain abholzen und meistbietend auf den Nachbarwelten verkaufen.

Cholm lehnt das lukrative Angebot ab, denn es gibt einen Haken: Die Farm gehört nicht ihm oder seiner Frau, sondern seinen beiden Kindern Auris (13) und Ilf (11). Die aufgeweckte Auris besitzt 90 Prozent, Ilf die restlichen zehn. Die beiden Kinder haben sich optimal in die Ökologie von Wrake eingepasst, aber das wissen die Besucher nicht. Stattdessen präsentiert der Rechtsverdreher ein Dokument, in dem die Adoption von Auris für ungültig erklärt wird. Als auch dieser Trick keine Wirkung zeigt, ziehen die drei Besucher Waffen.

Sofort nehmen Auris und Ilf Reißaus und verstecken sich in der Umgebung. Auris beherrscht die schnatternde Sprache der affenähnlichen Humbugs und fordert ihre Freunde jetzt auf, ihren Eltern zu Hilfe zu eilen und die Fremden auszuschalten. Das klappt nur zum Teil. Terokaw und Kugus eilen aus dem Farmhaus, um die Kinder zu jagen. Doch sie haben nicht mit den Tücken der einheimischen Fauna gerechnet, die nun koordiniert angreift…

Mein Eindruck

Erst Anfang der sechziger Jahr begann sich so etwas wie ein Bewusstsein für die Ökologie zu entwickeln. 1962 hallte mit Rachel Carsons Buch „Silent Spring“ ein erster Weckruf durch die Welt der Wissenschaft, und der „Club of Rome“ veröffentlichte wahrhaft düstere Vorhersagen. Doch erst 1969 wurde in Ursula K. Le Guins Roman „Das Wort für Welt ist Wald“ die Öko-Bewegung militant und begehrte gegen die Vernichter auf.

In der netten und einfühlsam erzählten Erzählung von Schmitz, der ein großes Faible für Jugendliche hatte, sind Auris und Ilf als zweite Generation der Siedler bereits Teil der einheimischen Fauna geworden. Diese stellt ein Netzwerk von Akteuren dar, die zusammenarbeiten und sich untereinander auf ungewöhnliche Weise verständigen. Doch von wem oder was geht die Koordination der Aktionen aus? Das verrät dem Leser erst der letzte Satz. Es ist ein ganz unscheinbares Wesen…

3) Harlan Ellison: „Bereue, Harlekin!“, sagte der Ticktackmann („Repent Harlequin“, said the Ticktockman, 1965)

In einer Stadt, die dem absoluten Diktat der Uhr gehorcht, ist der Meister-Zeitvermesser, der Ticktackmann, der König. Er hat sogar Macht über Leben und Tod, denn wenn jemand zu spät kommt, bekommt derjenige Lebenszeit abgezogen, die in seiner Personalakte vermerkt wird. Jeder trägt eine Herzplatte, die der Ticktackmann zum „Abschalten“ des Betreffenden, der sein Zeitkonto überzogen hat, benutzen kann. Was nicht selten geschieht.

Nun tritt der Harlekin auf, der überhaupt nicht in den Akten verzeichnet ist. Durch seine Auftritte streut er Sand ins zeitliche Getriebe, so dass Zeitkontoverschiebungen entstehen. Wer ist dieser Kerl ohne Zeitgefühl? Und was soll man mit ihm tun, wenn man ihn erwischt?

Mein Eindruck

Der Geschichte ist ein Zitat aus dem berühmten Essay „Über zivilen Ungehorsam“ des US-amerikanischen Philosophen und Schriftstellers Henry David Thoreau („Walden“) aus dem 19. Jahrhundert vorangestellt. Demzufolge bilden Menschen, die ihrem Gewissen folgen, die Feinde der auf Zweckdienlichkeit und Immoralität ausgerichteten Gesellschaft. Das leuchtet ein. Der Essay ist auch allen Kriegsdienstverweigerern geläufig (sollte er zumindest sein).

Die Story wirkt trotz dieses hohen Anspruchs durch die Bezeichnungen wie ein Comic, etwa aus der BATMAN-Welt. Darin entspräche der Harlekin dem JOKER und der Ticktackmann wäre der Oberbürgermeister, jedenfalls ein Bürokrat. Seltsam ist jedoch die Unerklärtheit der Figur des Harlekin. Wir erfahren seinen Namen und den seiner Freundin, Alice, aber sonst nichts, außer über seine Aktionen.

Der „Harlekin“ weist als Aberration eine Zeitlosigkeit auf, die ihn zu einem nicht funktionierenden Rädchen und somit zu Sand im Getriebe des Ablaufs der Dinge macht. In einem Comic braucht er keine Geschichte zu haben, aber in einer ernstzunehmenden Verfilmung schon. Diese ist bis heute nicht erfolgt….

4) Roger Zelazny: Der Former (He Who Shapes, 1965)

Bedeutende Forschungen auf dem Gebiet der Psychiatrie haben zur Einführung einer neuen Technik, der Neuro-Partizipations-Therapie, geführt. Mit ihrer Hilfe kann der Therapeut direkt in das Unterbewusstsein des Patienten eindringen, von dort aus den Heilungsprozess beginnen und den Patienten langsam umformen. Ein solcher „Former“ ist Charles Render. Er spielt Gott, indem er realistische Traumwelten in der Psyche seiner Patienten modelliert, die, richtig angewendet, zur allmählichen Gesundung führen sollen. Bis eines Tages…

Dr. Eileen Shallot, eine blinde Psychiaterin, bittet Charles Render, ihr über den Umweg der Geistesverbindung das Sehen zu ermöglichen, ein lang gehegter Wunsch der Blinden. Trotz der Gefahren, welche die Therapie bei willensstarken Personen mit sich bringt – die von Geburt an blinde Eileen verfügt über ein Realitätsempfinden, das stark von der tatsächlichen Realität abweicht – ist Render bereit, die Therapie zu beginnen. Um Eileens geistige Gesundheit zu erhalten, muss er ihre ‚idyllische’ Weltsicht durch das Aufzeigen realer Dinge korrigieren. Aber sie erweist sich als stärker als er und zieht ihn in ihre Traumwelt hinein, bis es für Render kein Entkommen mehr gibt. Der Psychiater endet im Wahn. Aber in einem schönen.

Mein Eindruck

Ist dies nun eine Drogenstory, die sich auf einen Trip begibt, wie ihn Timothy Leary mit Hilfe von LSD verwirklichen wollte und anpries? Oder geht es doch „nur“ um den „Inner space“, also die Bewusstseinswelt, die ähnlich bizarr ausfallen kann wie eine fremde Welt? Darin folgt Zelazny der britischen New Wave und ihrem wichtigsten Autor J. G. Ballard.

Der Autor zieht C.G. Jungs Psychologie heran, um den Leser durch eine Galerie mythischer Elemente zu führen, die teils aus der Artussage, teils aus der nordischen Götterdämmerung stammen. Es ist ein ganz schön bunter Trip, voll faszinierender Erlebnisse, und manchmal wünschte ich mir, auch so einen Former zu kennen, der mal mein eigenes Unterbewusstsein aufräumen würde.

Zelazny hat die Novelle zu einem Roman ausgebaut: „The Dream Master“ erschien 1966 und wurde 1986 von Bastei-Lübbe unter dem Titel „Ein Spiel von Traum und Tod“ veröffentlicht.

Die Übersetzung

Hans Maeter hat sich der Sprache bedient, die anno 1970, als das Buch erstmals im Lichtenberg-Verlag erschien, der Standard war. Saloppe Umgangssprache war damals tabu. In Schmitz‘ Story reden sich die Leute mit „Herr“ und „Dame“ an. Aber es gibt nur wenige Druckfehler. Ich fand auf Anhieb folgende.

S. 28: „und unverrichtete[r] Dinge abziehen.“ Das R fehlt.

S. 39: „lange genu[n]g“: Das N ist überflüssig.

S. 40: „Wenn du sie siehts, leg sie um!“ Ein klar Buchstabendreher in „siehts“.

Unterm Strich

Da es sich hier um Preisträger des NEBULA-Preises handelt, ist das Niveau der Texte durchgehend hoch. Die Themen sind bemerkenswert. Dickson ist einer der ersten, der in der Allgegenwart von Computern ein mögliches Problem für die Gesellschaft erblickt und es thematisiert. Auch ökologische Erzählungen findet man anno 1965 noch sehr spärlich – die Idee wird vor allem von weiblichen Autoren wie Ursula K. le Guin aufgegriffen.

Geradezu avantgardistisch wirkt hingegen die Story von Harlan Ellison, der eine Geschichte über den Widerstand der Kreativen gegen das Diktat der Stechuhr und des Profits vorgelegt hat. Zeit seines Lebens hat der Autor gegen die Ausbeutung seiner Werke und seiner Arbeit durch die Medienindustrie (er arbeitete viel fürs Fernsehen, u.a. in „Star Trek“) gearbeitet – bis er sogar seinen eigenen Namen als registrierte Marke schützen ließ.

Der Engländer J.G. Ballard lieferte wohl mit seinem „Inner Space“ die Inspiration für Roger Zelaznys großartige Novelle „Der Former“. Sie wurde vielfach nachgedruckt, u.a. auch im “ Heyne SF Jahresband 1981″. Mithilfe einer neuartigen Psychiatriemethode gerät der sich als formender Gott fühlende Psychologe in eine Falle, aus der es kaum ein Entkommen gibt. Dieser Verlauf ist sehr ironisch und typisch für Zelazny, der sich mehrfach mit der Dekonstruktion von Mythen, Legenden und Archetypen befasste. Es ist sehr schade, dass Zelaznys Können heute so unterbewertet wird. Und die existenten Ausgaben von anno Toback sind auch nicht gerade förderlich, dies zu ändern.

Hinweis

Wer mehr Stories sucht, die mit dem NEBULA ausgezeichnet wurden, findet sie bei Moewig unter Titeln wie „Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod“ (siehe meinen Bericht).

Taschenbuch: 157 Seiten
Originaltitel: NEBULA Award Stories 1, 1966
Aus dem Englischen von Hans Maeter
ISBN-13: 9783453302372

www.heyne.de

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