Baldacci, David – Versuchung, Die

_Lotterie, Betrug und Teufelspakt_

Thema des Thrillers ist im Grunde der uralte Traum von Geld und Glück und dessen Ausbeutung durch das größte Betrugssystem der Welt: die staatliche Lotterie. Doch ein Mann hebelt mit rücksichtslosen Methoden die Gesetze des Zufalls aus. Warum? Der Gewinn, der ihm winkt, ist gigantisch.

|Der Autor|

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA.

|Die Sprecherin|

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“), hat u. a. bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen. Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr klar. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

_Handlung_

Wer etwas fangen will, muss eine Falle aufstellen. Das macht der Mann, der sich „Jackson“ nennen lässt, ganz am Anfang der Geschichte. Da Jackson neben Chemie auch Schauspielerei studiert hat, kann er sich hervorragend verkleiden.

Eines seiner zwölf auserkorenen Opfer ist die zweite Hauptfigur des Romans: Die 20-jährige Lou Ann Tyler ist eine arme Sau: Sie schuftet als Kellnerin in einem Imbiss, hat ein Töchterchen namens Lisa und haust in einem Trailer vor den Toren der Stadt Rikersville, Georgia. Ihr Freund, Dwayne Harvey, ist ein Säufer und Autodieb, also ein wahrer Tunichtgut. Sie ahnt nicht, dass er sich auf Drogengeschäfte eingelassen hat. Wie es aussieht, hat Lou Ann in der Lotterie des Lebens nicht das große Los gezogen.

Das Eingreifen Jacksons könnte diesen beklagenswerten Zustand einen anderen werden lassen. Die Versuchung: Sie erhält die „astronomische“ Summe von 1000 Dollar im Monat, wenn sie zwei Wochen lang nur für ihn arbeitet. Sie soll bloß Werbespots anhören und bewerten. Das ist die Phase, in der Lou Ann auf ihre Zuverlässigkeit getestet wird. Dann folgt ihre Hauptaufgabe: Was sie wohl davon hielte, 50 Millionen Dollar in der staatlichen Lotterie zu gewinnen? Er, Jackson, werde dafür sorgen, dass sie Glück habe. Lou Ann träumt noch nicht einmal von einer solchen Summe …

Sie hat zwei Tage Zeit, sich Jacksons Angebot zu überlegen. Während dieser Zeit verändert sich Lou Anns Leben vollkommen. Zunächst ertappt sie ihre Nachbarin Shirley mit ihrem Freund Dwayne im Bett und schmeißt sie achtkantig raus, bevor sie ihm einen Tritt in die Eier verpasst. Sie findet Geld aus seinen Drogengeschäften.

Nach Nachforschungen über Jackson stößt sie in ihrem bis dahin so trauten Heim auf ein Blutbad: Kaum hat sie Dwayne tot auf dem Boden liegen sehen, wird sie von einem Unbekannten angegriffen. Außer sich vor Wut setzt sie ihn außer Gefecht und haut mit seinem Wagen, ihren Sachen und ihrer Tochter ab.

Sobald sie Jackson zugesagt hat, pfeift dieser seinen Killer zurück. Kaum ist sie in New York City, wird sie als Linda Freeman in einem Luxushotel untergebracht und von einem Ex-Boxer namens Charlie beschützt – unter anderem auch vor Jacksons Killer Anthony Romanello, der sich eigenmächtig auf ihre Spur gesetzt hat und versucht, sie zu erpressen. Natürlich sucht die Polizei sie in Georgia wegen der zwei Toten, die in ihrem Trailer liegen.

Soweit also der erste Akt.

Kaum hat sie pflichtgemäß in der Lotterie gewonnen, muss sie daher untertauchen. Nun ist es aber üblich, dass bei jedem solchen Teufelspakt der Leibhaftige einen stark überhöhten Preis verlangt. Jackson fordert, dass sie für zehn Jahre ins Ausland geht, den Namen Catherine Savage annimmt und ihm ihren Gewinn aushändigt. Sie wird lediglich ein erkleckliches Sümmchen pro Jahr erhalten, um in Luxus leben zu können. Nach zehn Jahren werde sie die gesamte Gewinnsumme erhalten: ein Sklavenvertrag.

Dieses war der zweite Akt, und der dritte folgt sogleich.

Zehn Jahre später hält es „Catherine Savage“ nicht mehr im Ausland, und sie zieht nach Virginia. Das macht „Jackson“ einen dicken Strich durch die Rechnung, denn er fliegt durch Catherine und einen neugierigen Journalisten auf.

In rasendem Tempo spitzen sich die Dinge zu. Eine Blutspur zieht sich durch Washington, D.C., und Virginia. Beim Showdown mit dem skrupellosen Mann kann sie froh sein, dass sie in Charlie einen guten Beschützer hat. Doch er allein wird gegen den chamäleonhaften Jackson nicht ausreichen …

_Mein Eindruck_

In meiner Inhaltsangabe habe ich zahlreiche Details im Dunkeln gelassen. So etwa das Rätsel, wie es „Jackson“ gelingt, die Lotterie zu manipulieren, und die Frage nach seinen tieferen Beweggründen, die in der Geschichte seiner Familie zu suchen sind – von seiner wahren Identität mal ganz abgesehen. Den Ausgang des Showdowns zu verraten, wäre ein Verbrechen.

Baldacci tut auch in diesem frühen Thriller von 1997 das, was er am besten kann und was er zu einem Erfolgsrezept ausgebaut hat: Er stellt eine Frau, manchmal auch einen Mann, die oder der im Grunde völlig unschuldig, unbeteiligt oder von guten Motiven bewegt ist, in einen Zusammenhang, der sie oder ihn zum Opfer werden lässt. Der Kontext kann ein Verbrechen sein, muss aber nicht. Aus dem Opfer wird ganz schnell ein von der Polizei Gesuchter und ein vom Schurken im Stück Bedrohter.

Im Falle der Kellnerin Lou Ann scheint sich zunächst alles relativ harmlos zu entwickeln, auch wenn sich in ihrem Kielwasser die Leichen zu Bergen häufen: zwei in Georgia, eine in New York City, zehn Jahre später mehr in Virginia und Washington. Doch als den Behörden und auch der Justizministerin klar wird, worin Lou Anns Verbrechen besteht, nimmt die Sache doch nationale Bedeutung an. Wenn bekannt wird, dass die staatliche Lotterie manipulierbar ist und sogar bereits massiv manipuliert wurde, dann kann der Veranstalter einpacken. Für den Spott braucht er nicht zu sorgen, der kommt von ganz alleine.

Hier wird leise ein wenig Kritik angebracht: Baldacci behauptet, die Lotterie – wenigstens in USA – ziele darauf ab, die einfachen Leute um ihr sauer verdientes Geld zu bringen. Er spricht nicht offen von Betrug, o nein. Aber die wenigen Gewinner werden nicht umsonst in medienwirksamen Pressekonferenzen vorgestellt und mit dummen Fragen bombardiert. Sie sind der Köder, um weitere chancenlose Träumer zum Spielen zu verführen. Ist dies die eigentliche „Versuchung“, die der Autor meint?

Die Handlung des Hörbuchs schreitet, wie oben skizziert, rasch voran und hält sich nicht lange mit subtilen und tief schürfenden Charakterisierungen auf. Die Einzigen, denen diese Ehre ansatzweise zuteil wird, sind Lou Ann und „Jackson“. Worauf es wie in jedem Thriller ankommt, ist die Spannung: Wird das Verbrechen gelingen? Wird das Opfer, d. h. die Komplizin Lou Ann überleben? Und wird es eine möglichst gerechte Bestrafung geben, sobald Zahltag ist? Alle Fragen werden beantwortet, aber natürlich nur zu gegebener Zeit und mit der gehörigen Vorbereitung. Man kann sagen, dass der Zuhörer nach allen Regeln der Kunst auf die Folter gespannt wird.

Die Story von „Die Versuchung“ mag vielleicht nicht die alleraktuellste sein (sie entstand weit vor Dotcom-Crash und 11. September), aber sie ist durchaus zugkräftig. Kurios ist es schon etwas, dass zwischen Verbrechen und Sühne zehn Jahre vergehen müssen oder dürfen. Das hat aber für den Leser keine Nachteile, den die zehn Jahre werden nicht erzählerisch dargestellt. Das wäre denn doch zu langweilig. Der Vorteil liegt vielmehr darin, dass er gleich zwei Höhepunkte miterleben darf: den in New York City und den in Virginia.

|Die Sprecherin|

Franziska Pigulla muss sich in dieser Story nicht gerade verausgaben. Bei diesem Routinethriller amerikanischer Prägung sind keine theatralischen Mittel erforderlich, um für bestimmte Figuren wie etwa Lou Ann Tyler besonders Mitgefühl zu erzeugen. Schließlich ist Lou Ann eine Komplizin, keine Todeskandidatin. Pigulla macht aber auch nicht den Fehler, ihre Zeilen herunterzuspulen. Das würde man ihr als Herablassung ankreiden, und das hat sie auch gar nicht nötig.

_Unterm Strich_

Die Handlungslogik dieses Routinethrillers Marke Baldacci zu verstehen, erfordert weder Einstein noch Doktorhut. Vielmehr kommt es darauf, dass die Story einigermaßen spannend erzählt ist und genügend Überraschungen auftauchen, um das Interesse des Zuhörers wach zu halten. Beides erfüllt Baldaccis Roman zur Genüge. Die Sprecherin liest die gekürzte Fassung des Romans wie gewohnt kompetent vor, ohne theatralische Mittel einzusetzen, die hier auch fehl am Platze wären.

Es ist ein wenig schade, dass in der gekürzten Fassung die Psychologie des Täters ein wenig zu kurz kommt. Mir erschien es zumindest so. Ich bin eben ein Freund psychologischer Spannung, wenn nicht sogar Grusels. Dennoch ist „Die Versuchung“ kurzweilige Unterhaltung für lange Zug- und andere Fahrten.

|Umfang: 321 Minuten auf 5 CDs|