Richard S. Prather – Blaue Bohnen zum Frühstück

Ein Privatdetektiv gerät zwischen die Fronten eines örtlichen Gangsterkriegs. Beide Parteien halten ihn für einen Handlanger des Gegners und schicken ihm ihre Revolvermänner auf den Hals, während er nicht nur sich selbst, sondern gleich zwei junge Frauen retten muss … – „Hard-boiled“-Krimi aus einer lang laufenden Serie, die praktisch sämtliche Klischees vom eisenharten Schnüffler und Frauenhelden bedient und heute eher vergnüglich als spannend wirkt, wenngleich der Autor seinen Job versteht und gutes Handwerk abliefert.

Das geschieht:

Wie konnte Shell Scott, Privatdetektiv in Los Angeles, das Missfallen des gefürchteten Gangsterbosses Marty Sader so sehr erregen, dass dieser ihm erst einen Attentäter und dann einen Kidnapper auf den Hals schickt? Den auf ihn abgefeuerten Kugeln kann Scott entkommen, den Entführer ausschalten. Vielleicht könnte die hübsche Rothaarige, die ihn um Hilfe angehen wollte, eine Erklärung geben, doch bevor sie Scott Näheres mitteilen kann, verschwindet sie spurlos. Der ritterliche und ohnehin neugierig gewordene Detektiv setzt sich auf ihre Spur. Iris Gordon heißt sie, wie er schnell herausfindet, und sie arbeitet für Sader in dessen Nachtclub „The Pit“. Dort hat sie etwas gesehen, das eindeutig nicht für ihre Augen bestimmt war. Sader hat dies bemerkt und ihr seine Schläger hinterher geschickt.

Doppeltes Pech für Scott, dass er gerade jetzt auf der Szene erscheint, denn Sader ist nervös und deshalb besonders gefährlich. Er steht im Krieg mit Collier Breed, einem Gangster, dem gute Verbindungen zur Mafia nachgesagt werden. Vor einigen Wochen war Scott während eines Überwachungsauftrags zufällig mit einem von Breeds Schergen aneinander geraten, was diesem einen Krankenhausaufenthalt eingetragen hatte. Seitdem befindet sich der ahnungslose Detektiv auch auf Breeds Radar.

Scott kann Iris aus Saders Gewalt befreien, der nun glaubt, dass der Detektiv Breeds Mann ist. Sader schließt ihn deshalb in seine Mordpläne ein. Gleichzeitig wird Breed auf die Ereignisse aufmerksam. Auch er würde gern mit Scott und Iris ‚reden‘ und setzt seine Jungs in Bewegung. Jetzt wird es eng für den Detektiv, der inzwischen nicht nur Iris, sondern auch ihre in die Ereignisse verwickelte Freundin Mia beschützen muss. Vielleicht liegt es an der geballten Weiblichkeit, dass Scott unaufmerksam wird, was sich sogleich rächt und ihn zu einer brandgefährlichen Partie zwingt, mit der er die Gangster gegeneinander ausspielen will …

„Law & Order“ in hübscher Verpackung

In den 1950er Jahren war die Welt in den USA noch in Ordnung. Den II. Weltkrieg hatte man gewonnen, den Krieg in Korea noch nicht verloren; die Roten hielt man in Schach, und die Atombombe war ein notwendiges Instrument, dessen Existenz nur Verrätern, Defätisten und anderen Schlappschwänzen Angst einjagte.

Es war eine gute Zeit, in der die Autos in jedem Modelljahr einen halben Meter länger und die ‚Mädchen‘ immer jünger und hübscher wurden – die Zeit für Kerle wie Shell Scott, den der Krieg in Sachen Gewalt zum Mann gemacht hatte, während er mental auf der Stufe eines spät pubertierenden Jünglings stehen geblieben war, wobei dies eine Interpretation des 21. Jahrhunderts ist, die vor allem die chauvinistischen Späße des Shell Scott eher kritisch bewertet.

Mit der Wirklichkeit hatten die Abenteuer dieses ‚Detektivs‘ freilich nie wirklich viel am Hut. Scott ‚lebte‘ und wirkte in einer Welt, die real wirkte aber nicht war. „Blaue Bohnen zum Frühstück“ erzählt eine rasante, in der Handlung künstlich komplizierte, auf Serientauglichkeit getrimmte Geschichte, die gelesen und für spannend befunden aber anschließend sogleich vergessen werden konnte. Ins Gedächtnis graben sollten sich nur die Namen des Autors und seines Helden, denn der nächste Shell-Scott-Krimi kam bestimmt und sollte gekauft werden.

Spannung von der Stange

Unter dieser Prämisse erstaunt es nicht, dass der Plot von „Blaue Bohnen …“ fern jeder Raffinesse entwickelt wird. Er funktioniert; halbwegs, denn die Geschichte dieses Gangsterkriegs en miniature ist reichlich abgehoben. Das ist unwichtig, denn die Umsetzung macht den Scott-Thriller aus. Man kann Prathers Bücher durchaus als gedruckte Vorgänger späterer TV-Krimi-Serien betrachten, in denen jede Woche ein scheinbar unlösbarer Fall binnen 45 Minuten zum Abschluss gebracht wurde.

Folgerichtig lebt „Blaue Bohnen …“ von einer Handlung, die niemals zum Stillstand kommt, selbst wenn Scott gefesselt seinen Verfolgern gegenüber sitzt. Er wird einen Weg finden, die Fesseln zu sprengen, und als Leser darf man sich darauf verlassen, dass dies nicht ohne Prügel und Schüsse geschieht. Ansonsten streut Verfasser Prather Stichworte wie „Mafia“ ein, die im Kopf des Lesers eine entsprechende Gedankenkette in Bewegung setzen, und arbeitet ansonsten mit Standardsituationen und Bildern: Der Held wird in seinem Büro von einem Schläger bedroht, Gauner verhören und prügeln ihn, in einem brennenden Haus spielen Detektiv und Mörder Katz und Maus etc.

Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass etwa zweieinhalb Jahrzehnte jährlich zwei Shell-Scott-Reihe erschienen und die Reihe angeblich allein in den USA eine Gesamtauflage von mehr als 40 Millionen Exemplaren erreichte: Richard S. Prather hatte die Bedürfnisse und Erwartungen der lesenden Masse sehr genau erfasst und lieferte Action, Gewalt und Sex in den vom Gesetz jeweils gestatteten Dosen: Während „Blaue Bohnen …“ als dritter Band der Serie noch sehr harmlos wirkt, ging es in den Scott-Romanen der späten 1960er und 70er ungleich härter und deutlicher zur Sache.

Das Rezept wirkt immer noch

Das eigentlich Erstaunliche ist, dass die Shell-Scott-Krimis trotz ihrer schematischen Konstruktion auch heute lesbar sind. Die ursprünglichen Attraktionen – harte Jungs und leicht bekleidete Mädchen – ziehen natürlich längst nicht mehr. Man durchschaut Prathers Tricks, aber man genießt sie trotzdem, denn in seiner auf Tempo und Krawall gebürsteten Nische verstand er sein Handwerk und übte es nie verbissen aus. Auf ihre Art sind die Scott-Romane heute so nostalgisch wie die „Whodunits“ der „Goldenen Ära“ geworden, obwohl sie qualitativ sicherlich eher in die Kategorie Erle Stanley Gardner als Agatha Christie oder Ellery Queen fallen.

Die Figurenzeichnung trägt dazu den größten Teil bei. Mit einer Mischung aus Ignoranz und Unschuld, wie man sie so ausgeprägt wohl nur in den 1950er Jahren an den Tag legen konnte, gestaltete Prather seinen Shell Scott als Teufelskerl und Frauenhelden. Die Scott-Romane richteten sich vor allem an männliche Leser, und diese bekamen, was sie sich anscheinend wünschten; in Maßen jedenfalls, denn das Auge des Gesetzes las mit!

Shell Scott ist schon äußerlich ein ‚ganzer Kerl‘ mit seinen 1,90 m Größe und einem Kampfgewicht von 185 Pfund. Seine Nase ist gebrochen, was latente Gefährlichkeit signalisiert, ihn aber gleichzeitig noch attraktiver auf die Damenwelt wirken lässt. Um ihn noch unverwechselbarer zu machen, ließ Autor Prather ihm schneeweißes Haar und Augenbrauen wachsen, obwohl Scott erst 30 Jahre alt ist. (Älter wurde er übrigens nie.)

Das Beiwerk des echten Kerls

Wie jeder echte Mann liebt Scott schnelle Autos. In „Blaue Bohnen …“ fährt er noch einen rubinroten Cadillac. Später wechselt er zu einem kanariengelben Modell dieses Herstellers. In seinem Büro steht ein großes Aquarium mit tropischen Zierfischen, was seinen Nonkonformismus unterstreichen soll.

Als Detektiv ist Shell Scott bei aller Flapsigkeit der klassische Unbestechliche: Übernimmt er einen Auftrag, bringt er ihn zu Ende, selbst wenn ihm dabei der Wind ins Gesicht bläst, Fäuste und Kugeln fliegen und sich die Polizei unfreundlich gibt. Obwohl er sich hart und unsentimental gibt, ist Scott ein altmodischer Ritter, der notfalls honorarfrei arbeitet, wenn es jemanden zu retten gibt.

Das gilt primär dann, wenn eine Jungfrau in Not gerät, wobei ‚Jungfrau‘ vielleicht die falsche Bezeichnung ist, denn Prather-Frauen scheinen stets über einschlägige ‚Erfahrungen‘ zu verfügen – scheinen, denn zur Beweisführung schreiten sie nie. In dieser Hinsicht sind sie tatsächlich keine Frauen, sondern ‚Mädchen‘, wie der Verfasser sie notorisch bezeichnet. Auch Shell Scott ist eher Maul- als Frauenheld. Genüsslich beschreibt er seine knapp gekleideten und sich lasziv auf horizontalen Möbelstücken rekelnden Gespielinnen, doch steht dann die Umsetzung seiner feuchten Träume an, geschieht garantiert etwas, das dem Spaß ein Ende bereitet: Das Telefon läutet und ruft Scott an den Schauplatz des nächsten Verbrechens, Gangster stürmen das Schlafzimmer, oder der von seinem kriminalistischen Tun geschwächte Detektiv schläft wie im Finale von „Blaue Bohnen …“ in den Armen gleich zwei schöner und williger Frauen einfach ein.

Böse aber nicht besonders schlau

Gangster sind eindimensionale Gestalten, die wie Bösewichte aus einem Märchen wirken. Sie gliedern sich in Bosse und Handlanger. Erstere wirken intelligent und geben sich vornehm, sind aber wie letztere dumm, feige und brutal; ihre Genialität bleibt Behauptung, und am Ende bekommen sie, was sie verdienen: den Knast oder die Kugel, ein weiterer Beleg dafür, wie bieder und dem Zeitgeist verhaftet die vorgeblich lockeren Scott-Romane eigentlich sind.

Auch hier gilt indes, dass Prather nicht mechanisch sein Garn abspult. Für eine Überraschung ist er stets gut. In „Blaue Bohnen …“ bleibt die völlig verrückte Mrs. Sader im Gedächtnis, die sogar dem unerschrockenen Scott Schauder über den Rücken jagt; gerät der arme Kerl an Frauen, die nicht seinem Beuteschema entsprechen, d. h. alt und/oder hässlich oder gar des selbstständigen Denkens fähig sind, weiß er ohnehin nicht, wie er sich verhalten soll. Solche Anachronismen wirken heute beinahe gewollt politisch unkorrekt, was das Vergnügen an solcher verstaubter Lektüre zusätzlich fördert, zumal Scott jederzeit durchblicken lässt, dass man ihn und seine Sprüche nicht allzu ernst nehmen sollte.

Nicht schrecken lassen darf man sich vom deutschen Titel; in den 1960er und 70er Jahren gab es offenbar eine Legion schmalhirniger Kalaueristen, die übersetzte Krimis mit schwachsinnigen Aufschriften versehen mussten.

Autor

Richard Scott Prather wurde am 9. September 1921 in Santa Ana (US-Bundesstaat Kalifornien) geboren. Er besuchte hier für ein Jahr das Riverside Junior College. Im II. Weltkrieg diente er in der Handelsmarine. 1945 arbeitete er als Zivilangestellter in einer Air Force Basis nahe Riverside. Schon in diesen Jahren beschloss Prather, sich als hauptberuflicher Schriftsteller zu versuchen. Er schrieb seinen ersten Roman um den Privatdetektiv Sheldon „Shell“ Scott, der unter dem Titel „The Case of the Vanishing Beauty“ 1950 erschien.

Prather war als Autor ein Routinier. Er schrieb, was gelesen wurde. Als sich herausstellte, dass sein Publikum weitere Shell-Scott-Romane von ihm verlangte, lieferte er durchschnittlich zwei Titel pro Jahr und hielt dies ein volles Vierteljahrhundert durch. Darin erschöpfte sich sein Ehrgeiz, denn außerhalb ‚seiner‘ Reihe verfasste Prather nur eine Handvoll Romane.

40 Millionen Scott-Romane sollen allein in den USA erschienen sein. Reich ist Prather dadurch nicht geworden, denn wie seinerzeit üblich, zahlte man ihm für seine Bücher Pauschalhonorare und drückte sich davor, ihn an den Auflagenumsätzen zu beteiligen. Dieses Verhalten führte Mitte der 1970er Jahre zum Bruch zwischen Prather und seinem Hausverlag Fawcett, dem ein erbitterter und Jahre währender Rechtsstreit folgte, bis man sich verglich.

In diesen Jahren legte der verklagte Verlag Prathers Bücher nicht mehr auf und drohte die Veröffentlichung neuer Titel zu verhindern. Mehr als zehn Jahre schrieb Prather nicht mehr. Erst 1986 erschien mit „The Amber Effect“ ein neuer Shell-Scott-Titel, dem im folgenden Jahr noch „Shellshock“, Prathers letztes Buch, folgte.

Ebenfalls 1986 wurde Prather mit einem „Life Achievement Award“ der „Private Eye Writers of America“ ausgezeichnet. In seinen letzten Lebensjahren arbeitete er angeblich an einem letzten Scott-Roman geradezu epischen Ausmaßes, der jedoch nie bis zur Veröffentlichungsreife gedieh. In seinem Heim in Sedona (US-Staat Arizona) ist Richard S. Prather am 14. Februar 2004 im Alter von 85 Jahren gestorben.

Taschenbuch: 158 Seiten
Originaltitel: Everybody Had a Gun (New York : Fawcett Gold Metal Books 1951)
Übersetzung: Werner Gronwald
http://www.randomhouse.de/heyne

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