Shocker, Dan – Alpträume (Larry Brent, Band 26)

_Im Labyrinth des Ghuls_

Der Schriftsteller Janosz Bracziskowsky ist davon überzeugt, dass es Wesen gibt, an die der moderne Mensch nicht mehr zu glauben vermag. Er ist einem leibhaftigen Ghul, einem Leichenfresser auf der Spur.

Aufgrund seiner Nachforschungen und Veröffentlichungen über die verschiedensten Schattenwesen interessiert sich auch X-RAY-1 für den Schriftsteller. Larry Brent und Iwan Kunaritschew werden nach London gesandt, um Janosz aufzusuchen bzw. ihn für die PSA zu gewinnen. Leider ist dieser Hals über Kopf zu einer spontanen Reise aufgebrochen. Iwan trifft nur noch Sandy Whorne an, die hübsche Sekretärin des Autors.

Larry hingegen wird zu Inspektor Higgins abberufen, da dieser einige seltsame Vorgänge auf dem lokalen Friedhof genauer unter die Lupe nehmen will. Er ist bei einer Graböffnung nebst dem eigentlichen Bewohner des Sarges auf den frischen, teilweise angenagte Leichnam von Paul Morey gestoßen. In dem Grab findet Larry eine Art Tunnel, welcher in ein Labyrinth unter dem Friedhof mündet. Die PSA-Agenten sind sich sicher, auf das Werk eines Ghuls gestoßen zu sein.

Bracziskowsky versucht derweil, auf der Osterinsel die Vergangenheit des Ghuls aufzuklären. Hierbei stößt er auf die Geschichte von Johann Karnhoff und seinem Sohn Franz. Beide sind auf dieser Insel in einer Höhle, die von dem seltsamen Einsiedler Taikona bewacht wird, mit der Magie der Göttin Rha-Ta-N’my konfrontiert worden. Ihre Neugier blieb aber nicht ohne Folgen: Johann wurde schwachsinnig und vegetiert auf der Insel dahin, während sein Sohn das abstoßende Leben eines Ghuls frönen muss.

Larry und Iwan versuchen, eben diesen Franz Karnhoff ausfindig zu machen. Bei Sandy Whorne werden sie fündig, denn der Ghul versucht sie zu töten, da er glaubt, das junge Mädchen wüsste etwas über die Nachforschungen ihres Arbeitgebers. Leider entwischt der Leichenfresser den Agenten, schlägt sogar Larry nieder und verschleppt ihn in die Anstalt von Dr. Anthony Flowfield, welcher seit längerem die Verhaltensweisen des Ghuls studiert. Um seine Nachforschungen nicht zu gefährden, muss der Nervenarzt Larry in seiner Anstalt auf Nimmerwiedersehen verschwinden lassen.

Währenddessen kommt Bracziskowsky dem Geheimnis des Ghuls einen entscheidenden Schritt näher – doch er zahlt einen hohen Preis für sein Wissen ….

Der titelgebende Ghul ist bei Dan Shocker kein schleimiges, bösartiges Wesen aus dem Dämonenreich, sondern fast schon eine dramatische Figur, welche zu einem ausweglosen Schicksal verdammt ist. Ein interessanter Rahmen für eine sehr spezielle Geschichte um einen dieser Leichenfresser. Die Jagd nach dem Ghul hat ihren ganz eigenen Charakter. Hinzu kommt noch die etwas fantastisch anmutende Szenerie auf der Osterinsel. Die unheimliche Atmosphäre der Eröffnungsszene, als Paul Morey dem Ghul in einem schaurigen Keller begegnet, oder aber auch als Larry und Iwan ihre Nachforschungen auf dem Friedhof beginnen, geht auf der Insel etwas verloren. Hier wird viel mit magischem Hokuspokus um sich geworfen, verschiebbare Felswände und ein Höllenfeuer präsentieren sich dem Leser – auch wenn sich die Handlung um die Höhle Rha-Ta-N’mys nahtlos in das Gesamtbild einfügt, die Szenerie erinnerte etwas an die Indiana-Jones-Filme und passt besser in die MACABROS-Serie. Insgesamt schafft Dan Shocker hier eine ausgefeilte, unterhaltsame Geschichte, die mit dem dramatischen Finale zu einem krönenden Abschluss kommt …

_Die Alpträume des Mr. Clint_

Wie Gott sein – die eigenen Wesen erschaffen und ihnen das Leben einhauchen …

Mit diesen wirren Gedanken beschäftigt sich der Künstler Lachlan Moodor-Clint schon sehr lange und er arbeitet wie besessen an kleinen braunen Figuren, die er hauptsächlich nach lebenden Vorbildern gestaltet. Da er der Überzeugung ist, dass der Körper den Geist an seiner Entfaltung hindert, amputiert er sich in seinem Wahn die Beine mit einer Guillotine, die über seinem Bett angebracht ist.

Und tatsächlich schafft es Lachlan schließlich, den von ihm geschaffenen Skulpturen ein unheimliches Eigenleben einzuhauchen. Während er schläft und träumt, wandern die kleinen Wesen durch die Nacht, gehen den verschiedensten Tätigkeiten nach, die leider meistens damit enden, dass jemand auf schreckliche Weise ums Leben kommt. Häufig tritt auch der Fall ein, dass einige Personen dadurch schwer verletzt werden oder das Zeitliche segnen, weil deren kleine Kopien auf irgendeine Weise zerstört oder in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Larry Brent gerät in diese eigenartige Geschichte, indem er sich als Arzt getarnt in einem schottischen Sanatorium für psychisch kranke Menschen anstellen lässt. In der Klinik ist es seit kurzem zu mehreren unerklärlichen Todesfällen gekommen, denen auch der leitende Beamte vor Ort, Inspektor Artur Dixon, nicht gewachsen ist. Und tatsächlich tritt wieder ein tragisches Ereignis ein – Dr. Floyd Merredith wird tot in seinem Büro gefunden. Die Anzeichen sprechen dafür, dass ihm eine Stricknadel in die Schläfe gerammt wurde. Larry und Inspektor Dixon finden nebst der Nadel auch noch ein paar seltsame tönerne Figuren am Tatort. Dixon nimmt diese Indizien mit in seine Herberge – ein schwerer Fehler, denn die kleinen Männchen erwachen in der folgenden Nacht zum Leben und bringen dem Inspektor einen grausamen Tod.

Larry führt seine Nachforschungen im Sanatorium fort. Hierbei trifft er auf den Bruder von Dr. Merredith, der leider auch nicht sehr lange unter den Lebenden weilt. Dieser gibt ihm aber ein paar entscheidende Hinweise auf die eigenartigen Figuren und deren magisches Eigenleben. Die PSA stößt auch auf einen Namen: Lachlan Moodor-Clint.

Morna Ulbrandson geht den Spuren dieses durchtriebenen Künstlers nach. Über einen seiner ehemaligen Freunde macht die Schwedin die Bekanntschaft mit Lachlans Schwester Lucille sowie seiner Frau Constance Moodor-Clint. Der bedingungslosen Loyalität der beiden Frauen zu Moodor-Clint fällt Morna beinahe zum Opfer. Bei ihren Nachforschungen wird sie von den Wahnsinnigen überwältigt und auf Clints Bett gefesselt – ihr soll dasselbe Schicksal wiederfahren wie dem Künstler, nur eben unfreiwillig.

Was die beiden PSA-Agenten nicht wissen ist, dass Larry der Wahrheit in der Nervenklinik bereits sehr nahe gekommen ist, was dem praktizierenden Chefarzt Dr. Frelly gar nicht in den Kram passt. Moodor-Clint ist sein Forschungsobjekt, er hat ihm einen Unterschlupf in einem nahe gelegenen Herrschaftsgebäude eingerichtet, um ihn dort zu studieren. Zu seiner Sicherheit hat sich Dr. Frelly mittlerweile eine Miniaturausgabe von Larry Brent anfertigen lassen …

Mit der Geschichte um den Künstler Lachlan Moodor-Clint und seine magischen Fähigkeiten hat Dan Shocker wieder mal eine feine Brise Innovation spielen lassen. Fast schon metaphorisch mutet diese Geschichte an, wie z. B. der Klassiker „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ – das eigene Unvermögen und der Gram auf die Welt werden in den eigenen Träumen verarbeitet. Auch bei Lachlan werden sie zur schrecklichen Realität.

Die Figur Moodor-Clint selbst bleibt im Dunkeln, sie genießt nur einen sehr kurzen Auftritt beim Finale. Man hört oder besser liest sehr viel über diesen eigenartigen Menschen, wird aber nie richtig mit ihm persönlich konfrontiert. Seine Befürworter, Angehörigen und natürlich seine Geschöpfe agieren an der Front, er selbst verbirgt sich im Schatten.
Für eine gehörige Portion Grusel sorgen eben diese kleinen fiesen Männchen – kalte ausdruckslose Tonfiguren, die gnadenlos ihrem meist blutigen Auftrag nachkommen, um dann wieder zu kalter Materie zu erstarren. Speziell die Szenerie um Inspektor Dixon, als er in seiner Unterkunft von den erwachten Figuren angegriffen und schließlich qualvoll ermordet wird, sorgt für ein paar nette Schauder.

Insgesamt haben wir hier wieder eine solide Story mit einigen interessanten Einfällen und diversen Handlungssträngen, die in die unterschiedlichsten Richtungen laufen, sich aber am Ende zu einem angemessenen Finale vereinen …

Eine interessante und ausschlaggebende Gemeinsamkeit haben die beiden Geschichten in diesem Band – wir lesen jeweils von einem kriminellen Wissenschaftler, der sich das unheimliche Wesen zunutze machen will. Dr. Flowfield benutzte den Ghul Franz Karnhoff, Dr. Frelly den magisch begabten Lachlan Moodor-Clint als willkommenes Forschungsobjekt. Die Schandtaten ihrer Schützlinge nehmen sie billigend in Kauf, werden sogar selbst handgreiflich, als diese von der PSA bedroht werden. Diese Parallelen geben dem Band 26 einen ganz eigenen Rahmen, wobei sich Thematik und Handlung doch sehr unterscheiden.

Pat Hachfeld hat für beide Geschichten wieder den Zeichenstift ausgepackt und zwei herrliche Illustrationen umgesetzt. Als Thema für die Ghul-Story wurde hier das Erscheinen der Dämonengöttin Rha-Ta-N’my gewählt, das zweite Bild orientiert sich an dem Originalcover von Lonati, welches wir auch auf dem Einband finden – nur wird hier der folgenschwere Angriff auf Inspektor Dixon und nicht die Eingangsszene mit Harold Glancy (ein Nebencharakter, den ich in der Zusammenfassung nicht erwähnt habe) dargestellt.

Neben der bereits erwähnten Qualität der Aufmachung möchte ich noch mein Lob dem Lektorat des |BLITZ|-Verlags aussprechen. Die teilweise häufiger vorkommenden und störenden Rechtschreibfehler oder kleinen Patzer in den Original-Vorlagen der Larry-Brent-Romane sind hier alle sorgfältig ausgebessert worden …

http://www.BLITZ-Verlag.de

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