Ken Follett – Das Geheimnis des alten Filmstudios

Detektivisch: der Philip Marlowe von West Hinchley

So traurig hat Mick William seine Mutter noch nie zuvor gesehen. Das Haus, in dem sie wohnen, soll abgerissen werden – zusammen mit dem Filmstudio nebenan. Micks bestem Freund Izzi ist es auch nicht gleichgültig, was aus dem alten Studio wird. Und so ziehen die beiden los, das alte Filmstudio mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Aber was sie dort entdecken, verschlägt ihnen den Atem … (Verlagsinfo)

Der Autor

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Zuletzt bei uns erschienen: „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im Zweiten Weltkrieg. Inzwischen liegt auch „Eisfieber“ auf Deutsch vor. Folletts Frau Barbara gehört übrigens dem britischen Unterhaus an.

Der Sprecher

Tobias Kluckert, 1972 als Sohn von Jürgen Kluckert (Stimme von Morgan Freeman) geboren, ist Schauspieler und Synchronsprecher. Er lieh u. a. Joaquin Phoenix als Johnny Cash in dem Film „Walk the Line“ seine Stimme, ist aber auch die deutsche Synchronstimme von Colin Farrell in „The New World“, von 50 Cent in „Get rich or die tryin'“, von Tyrese Gibson und von Brian Krause als Leo in „Charmed“.

Der Verlag bezeichnet das Hörbuch als „Originalfassung“ und empfiehlt es ab 8 Jahren.

Handlung

Mick Williams lebt mit seiner Mutter vaterlos in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in West Hinchley und verdient sich mit Zeitungaustragen etwas Taschengeld bei Mr. Thorpe. Eines Tages lernt er Randall Izzard kennen, der neu an seiner Schule ist und ebenfalls Zeitungen austragen will. Aber Izzie, wie er genannt werden will, kommt aus dem Internat und hat von praktischen Dingen wenig Ahnung, so dass ihm Mick erstmal zeigt, wie man sich das Leben leichter macht. Dass Izzie diesen Job überhaupt nötig hat, erklärt er damit, dass sein Vater, ein Regisseur von TV-Serien, arbeitslos geworden ist.

Drei Dinge verändern Micks Leben an diesem Tag. Seine Mutter sagt, dass der Vermieter ihnen die Wohnung gekündigt hat, damit er das Haus verkaufen kann. Das soll wohl bald abgerissen werden, um für ein großes neues Hotel Platz zu machen, das auf dem Gelände des geschlossenen Kellerman-Filmstudios errichtet werden soll. Und dann liest Mick in der Zeitung noch von der Maskenbande, die stets maskiert und mit Make-up auftrete, um nicht erkannt zu werden. Die Polizei hat keine Ahnung, wer die Bankräuber sind.

Mick überlegt, wie er es abwenden kann, dass sein Mietshaus abgerissen wird und er und Mom ausziehen müssen, denn es ist schwer, eine andere Wohnung zu finden. Als er mit Izzie darüber spricht, erwähnt dieser, dass sein Vater in dem alten Studio gearbeitet habe und er, Izzie, einen geheimen Weg kenne, der hineinführt. Durch ein Abflussrohr und einen Schacht gelangen sie morgens in das Studio, denn der Haupteingang ist verschlossen und am Abend beginnt ein Nachtwächter seine Patrouille. Ab und zu fährt ein Lieferwagen auf das Gelände, hat Mick beobachtet. Das Studio ist keineswegs abbruchreif, es steht nur leer. Sie spielen in einer Western-Kulisse Billy the Kid und Pat Garrett. Zu Micks Entsetzen sind die Revolver echt und die Kugeln zerschießen echte Flaschen! Doch da kommen Fremde und gehen ins Studio nebenan. Mick und Izzie verduften.

Am Nachmittag kreuzt ein Reporter mit einem Fotografen auf und beginnt die Bewohner der Canal Street nach ihrer Meinung zum geplanten Abriss des Studios und ihrer Häuser zu fragen. Mr. Izzard kommt hinzu und erzählt Micks Mom, dass er mit seinen Kollegen Geld auftreiben will, um das Studio zu kaufen. Ob sie nicht einen Aufruf herumgehen lassen wolle, um Unterschriften gegen den Abriss zu sammeln? So könnte man den Stadtrat beeinflussen. Mom ist zwar nicht überzeugt, dass es was helfen wird, aber sie tut es trotzdem.

Und so kommt Mick an die Liste von Mrs. Briggs, die alle An- und Abfahrtszeiten des Lieferwagens, der ihr viel zu laut erscheint, penibel aufgeschrieben hat. Als er diese Liste mit den Überfällen der Bankräuber vergleicht – mehr aus Zufall -, fällt ihm die unglaubliche Übereinstimmung auf. Die Bankräuber sind die Leute, die das Studio regelmäßig besuchen. Er und Izzie waren noch einmal drin und haben aus einem Versteck heraus gesehen, dass sich die drei Männer Make-up abwuschen und einen Koffer voller Geld dabeihatten. Bestimmt bloß Spielgeld, hatte Izzie gemeint. Pustekuchen! Es war echt!

Aber Mick will trotzdem nicht zur Polizei. Immerhin sind er und Izzie in ein Haus eingebrochen, oder? Was sie jetzt brauchen, ist ein Beweis. Aber was könnte ein Beweis sein? Und woher nehmen? Sie gehen ein drittes Mal ins alte Studio, doch das ist ein Fehler. Eine Hand packt Izzie, der als Erster aus dem Schacht kommt, und lässt ihn nicht mehr los. Mick macht sich sofort aus dem Staub. Als der Lieferwagen das Studiogelände verlässt, folgt er ihm durch den Regen auf seinem Fahrrad.

Doch auf einem Kreisverkehr stürzt er auf regennasser Fahrbahn und verliert den Wagen aus den Augen. Ein schöner Detektiv bist du!, schimpft er sich traurig. Ihm bleibt nur der trostlose Heimweg. Was werden die Räuber jetzt mit dem armen Izzie machen? Sie müssen ihn zum Schweigen bringen, denn er weiß zu viel und verplappert sich bestimmt. Wenn Izzie tot ist, werden sie bestimmt zu seinem Mitwisser kommen, zu Mick selbst, oder?

Es sieht finster aus für Mick Williams. Doch daheim hilft ihm wieder mal Kommissar Zufall weiter …

Mein Eindruck

Keine Angst, hier kommen keine Leichen vor! Dies ist kein Abklatsch von Stephen Kings Jugendabenteuer „Stand by me“ alias „Die Leiche“ und auch kein Nachfolger von „Emil und die Detektive“. Die Polizei taucht erst ganz zum Schluss für die Aufräumarbeiten auf, und eine Jugendbande gibt es auch nicht. Dafür spielt Mick Williams einen angehenden Detektiv, dessen Gabe und Glück es ist, die richtigen Details miteinander in Beziehung setzen zu können. Ein Erwachsener ahnt diese Verbindungen natürlich schon meilenweit im Voraus, aber diese Geschichte ist ja für Kinder ab acht Jahren gedacht und nicht für James-Bond-Experten.

Was mir besonders gefiel, waren der soziale Kontrast zwischen den beiden Jungs und die realistische Schilderung ihres gesellschaftlichen Umfelds. Für beides gibt es in der englischen Literatur des 20. Jahrhunderts große Vorbilder, und natürlich fällt einem auch „Oliver Twist“ von Charles Dickens ein. Beides überschattet und erdrückt die Geschichte aber nicht, sondern vielmehr sucht sich die Story ihren eigenen Weg fern von aller symbolischen Überfrachtung.

Es gibt nur ein Klischee, und das ist der Oberbösewicht, den ich gar nicht erwähnt habe. Er ist es natürlich, der sowohl hinter den Banküberfällen als auch hinter dem Hotelprojekt steckt. Für kleine Leute mag das nicht verwunderlich sein, dass die Großkopfeten alle Verbrecher sind, aber für literarisch gebildete Leser sieht das schon sehr unplausibel und klischeehaft aus.

Ob beabsichtigt oder nicht, ich fand es einen netten Seiteneffekt, dass die Detektivgeschichte auch folgende Aussage hat: Die Realität wirkt noch viel spannender als irgendeine Szene, die sich die Jungs im Western-Saloon ausdenken können. Indirekt könnte der Autor damit andeuten wollen, dass sich sein junges Publikum doch mal bitteschön um die echte Realität kümmern sollte statt um die eingebildete oder virtuell im PC-Game servierte. Schließlich ist diese Wirklichkeit die einzige, wo sie den Rest ihres Lebens verbringen werden.

Wenn Izzie mit seinen Zinnsoldaten spielt – offenbar befinden wir uns in den sechziger Jahren – dann baut er sich auch eine Parallelwirklichkeit auf, doch Mick steht dieser Ausweg nicht zur Verfügung: Er hat dafür schlicht kein Geld. Das braucht er nämlich für Lebensmittel und Miete, da er seinen fehlenden Vater ersetzen muss. Ob dieser im Krieg gefallen oder einfach abgehauen ist, erfahren wir nicht (soweit ich mich erinnern kann). Es ist auch unerheblich für den Verlauf der Geschichte, aber es hilft, Mick und seine Mutter zu verstehen.

Der Sprecher

Tobis Kluckert ist besser darin, eine Figur in Szene zu setzen als sie zu charakterisieren. Er lässt Mick und Izzie mit vollem Mund sprechen, sie keuchen, seufzen und lachen, aber es ist für ihn nicht einfach, Figuren durch die Stimmlage zu zeichnen. Am ehesten gelingt ihm das noch bei Leuten, die entweder mit Akzent sprechen – eine Inderin beispielsweise – oder bei den Bankräubern.

Diese reden alle mit tiefen Stimmen, die offenbar alle von Alkohol- und Zigarettengenuss gezeichnet sein sollen. Das illustre Trio heißt Alec, Jerry und Gus. Jerry redet grollend und bedrohlich, schlägt auch immer gleich zu. Gus, der mit der Halbglatze, spricht etwas heiser und ist der Denker der Intelligenzbolzen. Der grauhaarige Alec redet tief, aber ganz normal. Ihr Boss ist ein Oberfiesling, wie er im Buch steht, und klingt dementsprechend unfreundlich und kalt.

Musik und Geräusche

Dies ist ein Hörbuch der neuen Lübbe-Audio-Hörbuchreihe „Wellenreiter“, die sich ausdrücklich an Kinder und Jugendliche wendet (genauso wie „Silberfisch“ bei Hörbuch Hamburg). Das ganze Akustik-Design ist völlig anders als in der Erwachsenenreihe. Zuerst erklingt der Jingle für die Reihe, ohne Gesang, aber mit einer flotten Surfermusik. Dann kommt ein kurzer Jingle, der einem Krimi angemessen ist und eher an das „Paulchen Panther“-Motiv erinnert. Am Schluss des Hörbuchs wiederholt sich das Ganze in umgekehrter Reihenfolge. Geräusche gibt es leider keine, so dass man sich jederzeit voll auf den Vortrag des Sprechers konzentrieren kann. Ein paar Soundeffekte hie und da hätten aber nicht geschadet.

Unterm Strich

„Emil und die Detektive“ trifft die „Vorstadtkrokodile“ hätte ich jetzt fast geschrieben, jedoch: Es gibt hier weder Banden noch hilfreiche Polizisten (außer am Schluss), und so wäre diese pointierte Zusammenfassung fehl am Platz. Der Autor versteht es aber, die beiden jungen Möchtegerndetektive als unternehmungslustig, intelligent und wagemutig darzustellen.

Sie geraten in brenzlige Situationen, die sich sehr negativ auf die Länge der Fingernägel des Zuhörers auswirken können, und geraten schließlich in eine schier ausweglose Lage. Aus der sie natürlich erst in allerletzter Sekunde gerettet werden. Alles prima also, und der Zuhörer kann erleichtert aufatmen. Hier zeigt sich die Handschrift des routinierten Spannungsunterhalters Follett.

Dass er Zugeständnisse an die Bedürfnisse junger Zuhörer macht, war wohl zu erwarten, dürfte bei erwachsenen Hörern aber eher zu Stirnrunzeln führen. Warum der Oberdrahtzieher der Banküberfälle auch der Baulöwe ist, der das alte Filmstudio abreißen will, bleibt das Geheimnis des Autors. Aber in der deutschen Provinz soll es ja schon schlimmere Mauscheleien gegeben haben.

Der Sprecher macht seine Sache gut, auch wenn seine stimmlichen Fähigkeiten hinsichtlich der Charakterisierung von Figuren noch ausbaufähig sind. Aber Kluckert kann diese Figuren so in Szene setzen, dass sie ein wenig zum Leben erwachen, und das ist für ein Kinderhörbuch wie dieses einfach unabdingbar. Allerdings kamen mir die Hauptfiguren eher wie zwölf als wie acht Jahre alt vor.

121 Minuten auf 2 CDs
August 2007
www.luebbe.de