Frank M. Robinson – Waiting

Ungewöhnlicher Thriller: Die letzten Tage des Homo sapiens

Ein mysteriöser Mord in San Francisco erschüttert die Freundesgruppe des Opfers. Als weitere Morde folgen und Familienangehörige grußlos verschwinden, machen sich zwei der Freunde an die gefährliche Aufklärung – nicht ahnend, dass sie sich am Schluss als Todfeinde gegenüberstehen werden – es geht um die Zukunft einer weiten menschlichen Spezies.

Der Autor

Frank M. Robinson (9. August 1926 bis 30. Juni 2014 er wurde also fast 88 Jahre alt) war ein US-amerikanischer Autor von SF- und Techno-Thrillern, aber auch sehr aktiv im SF-Fandom und in der Politik. Er diente im 2. Weltkrieg und im Korea-Krieg bei der Marine, machte 1950 einen Abschluss in Physik und begann Geschichten zu schreiben. Dass sie zuerst im naturwissenschaftlichen Magazin „Astounding Stories“ erschienen, lag nahe.

Nach den Dienstjahren bei der Marine wurde er Journalist, zuerst im populärwissenschaftlichen bereich (1956-59), dann im (vermutlich besser bezahlten) Erotikmarkt, von 1959 bis 1973. Er beendete seine Beraterkolumne im „Playboy“-Magazin, um sich vollzeit dem Schreiben zu widmen. San Francisco in den 1970er Jahren war eine kritische Zeit für die Schwulenbewegung. Er wurde Redenschreiber für den Schwulen-Politiker Harvey Milk (dessen Biografie inzwischen verfilmt worden ist, mit einer kleinen Rolle für Robinson). Nach Milks Ermordung vollstreckte Robinson zusammen mit Scott Smith Milks letzten Willen und Testament.

Robinson ist der Autor und Ko-Autor von 16 Büchern, lektorierte zwei weitere und veröffentlichte unzählige Magazinartikel.

Drei seiner Romane wurden verfilmt:

1) „The Power“ (1956) war ein Roman über eine regierungsnahe Verschwörung und erzählte von Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten. Das Buch wurde 1968 unter dem Titel „The Power“ verfilmt.

2) Der Technothriller „The Glass Inferno“, zusammen mit Thomas N. Scortia verfasst, wurde mit Richard Martin Sterns Buch „The Tower“ kombiniert, um 1974 als „The Towering Inferno“ (Flammendes Inferno) mit Starbesetzung verfilmt zu werden.

3) „The Gold Crew“, ebenfalls zusammen mit Scortia verfasst, ist ein Thriller über die nukleare Bedrohung und wurde als eine NBC-Miniserie unter dem Titel „The Fifth Missile“ verfilmt.

Zu den weiteren Kollaborationen mit Scortia gehören „The Prometheus Crisis“, „The Nightmare Factor“ und „Blow-Out“.
Jüngeren Datums sind der Roman „The Dark Beyond the Stars“ (1991, deutsch bei Heyne) und eine aktualisierte Version von „The Power“ (2000), die dem neuen Roman „Waiting“ (1999) dichtauf folgte, da beide ähnliche Themen verarbeiten. Ein weiterer Roman ist ein Medizin-Thriller über Organdiebstahl, der den Titel „The Donor“ (Der Spender) trägt.

Der Sammler

In den Siebziger Jahren begann Robinson, ernsthaft jene klassischen Pulp-Fiction-Hefte zu sammeln, mit denen er aufwuchs. (Sie sind heute ein Vermögen wert.) Aus der Sammlung erwuchs ein Buch über die Geschichte der Groschenhefte, demonstriert anhand ihrer bunten Titelillustrationen: „Pulp Culture: The Art of Fiction Magazines“ (zusammen mit Ko-Autor Lawrence Davidson). Robinson besuchte zahlreiche Pulp Conventions und gewann im Jahr 2000 den begehrten Lamont Award für sein Lebenswerk.

Die Romane

The Power (1956)
The Glass Inferno (1974, with Thomas N. Scortia)
The Prometheus Crisis (1975, with Thomas N. Scortia)
The Nightmare Factor (1978, with Thomas N. Scortia)
The Gold Crew (1980, with Thomas N. Scortia)
The Great Divide (1982, with John F. Levin)
Blow-Out! (1987, with Thomas N. Scortia)
The Dark Beyond the Stars (1991)
Death of a Marionette (1995, with Paul Hull)
Waiting (1999)
The Donor (2004)

Die Kurzgeschichtensammlungen

„A Life in the Day of… and Other Short Stories“ (1981). Enthält 9 Short Stories:

„The Maze“ (1950)
„The Reluctant Heroes“ (1951). Novelette
„The Fire and the Sword“ (1951). Novelette
„The Santa Claus Planet“ (1951). Novelette
„The Hunting Season“ (1951). Novelette
„The Wreck of the Ship John B.“ (1967). Novelette
„“East Wind, West Wind““ (1972). Novelette
„A Life in the Day of…“ (1969)
„Downhill All the Way“ (1974)

„Through My Glasses Darkly“ (2002). Enthält 5 Short Stories:

„Causes“ (1997). Novelette
„“East Wind, West Wind““ (1972). Novelette
„The Hunting Season“ (1951). Novelette
„A Life in the Day Of…“ (1969)
„Hail, Hail, Rock and Roll“ (1994)

(Quelle für alle Angaben: https://en.Wikipedia.org/ )

Handlung von „Waiting“

Larry Shea ist ein beliebter Arzt in San Francisco und gerade auf dem Weg zu einem vorweihnachtlichen Treffen seines Clubs, als ihn ein unheimlicher geistiger Zwang dazu treibt, voll Panik durch das Straßengewirr zu eilen. Im Rotlichtviertel schließlich holt ihn sein unsichtbarer Verfolger ein… Die Leiche sieht aus, als wären streunende Hunde die Täter gewesen, doch Mitch Levin, einer von Larrys Club-Freunden, weiß es besser. Er sagt seinem Freund Artie Banks: „Der oder die Täter waren zwar keine Hunde, aber dennoch kaum menschlich.“ Doch warum musste Larry Shea überhaupt sterben?

Feindliche Übernahme

Artie Banks ist Nachrichtenschreiber beim Privatsender KXAM und er kennt seine Pappenheimer genau. Doch als seine Kollegin Connie mitten im Satz die Persönlichkeit wechselt und ihm einen enthusiastischen Vortrag über die Umweltzerstörung und das Ende der Welt hält, weiß er, dass eine unheimliche Macht am Werk ist. Der Erzähler nennt die Bezeichnungen nie, aber es handelt sich um starke Psi-Kräfte, mit denen unbekannte Wesen die Gedanken und Körper ihrer Opfer manipulieren können. Und wie Artie nach etwa 150 Seiten erkennt, gehört die neue Nachrichtensprecherin Adrienne zu diesen speziell begabten Wesen. Doch was genau ist sie?

Die Killer

Artie findet bei seinen mühseligen Recherchen heraus, welchem Geheimnis Larry Shea auf die Spur gekommen war: Eine zweite Spezies Mensch lebt unerkannt mitten unter uns, doch sind ihre Angehörigen ungleich kräftiger und langlebiger als wir. Dr. Hall, ein Direktor des Wissenschaftsmuseums, bezeichnet sie als das Alte Volk, das vor rund 35.000 Jahren vom Homo sapiens, dem Neuen Volk, vollständig ausgerottet wurde. Doch als Artie ihm Larrys geheime Aufzeichnungen vorlegt, kommt auch Dr. Hall ins Grübeln. Wenig später ist Dr. Hall ermordet, die Original-Datei durch einen Virus gelöscht und Larrys Aufzeichnungen sind verschwunden. Larry musste sterben, weil er über das Alte Volk einen Vortrag im Club halten wollte. Nun wissen nur noch Artie und sein Club-Freund Mitch Levin von seinem Geheimnis – sie schweben in Lebensgefahr.

So etwa hat Artie an einem lauen Sommerabend den schönen Einfall, wie eine Seemöwe vom Geländer seines Balkons zu springen, um wie ein Vogel zu fliegen. Hätte ihn nicht sein Sohn Mark zurückgehalten, wäre Artie drei Stockwerke tiefer aufs Pflaster geklatscht. Nun weiß er, dass „sie“ ständig hinter ihm her sind und ihn beeinflussen. Wenig später ist Mark verschwunden, ebenso seine Mutter, Susan.

Der Suicide Club

Es läuft alles auf die Mitglieder des Suicide Club hinaus. Für Artie entpuppen sie sich als der Schlüssel zu den mysteriösen Vorgängen, bei denen auch Larrys Familie verschwindet und weitere Zeugen sterben. Artie lernt, niemandem mehr zu vertrauen, den er im Club kennengelernt hat: Beinahe jeder könnte zum Alten Volk gehören.

Der Suicide Club wurde vor Jahrzehnten als Post-Hippie-Gemeinschaft gegründet. Die Mitglieder schliefen miteinander und tauschten – tauschen immer noch – Geheimnisse untereinander aus. Nun ist es Arties schwierige Aufgabe herauszufinden, wer von Anfang zum Alten Volk gehörte und wer von ihnen ihm nach dem Leben trachtet.

Qual der Wahl

Im Zuge seiner Nachforschungen entdeckt Artie, dass sein ganzes bisheriges Leben eine einzige Lüge war: seine Freunde, seine Familie, seine Umgebung – nichts ist mehr, was es schien. Und als er sich zwischen seiner Familie und seinem letzten Freund Mitch entscheiden muss, hat er zugleich auch zwischen dem Alten Volk und seiner eigenen, todgeweihten Spezies zu wählen…

Mein Eindruck

„Waiting“ ist ein extrem spannend und glaubwürdig erzählter Thriller. Die Hauptfigur, Artie, und seine engsten Freunde sind detailliert charakterisiert und genau in ihre Umwelt eingepasst. Der Autor stammt offensichtlich aus San Francisco und kennt dort jede Straßenecke und jeden Club. Die meist verkürzende und zynische Sprechweise der Protagonisten trägt ein Übriges zur Glaubwürdigkeit bei. (Leider macht dieser Jargon gleichzeitig die Lektüre für Englisch-Anfänger relativ schwierig.)

Im Mittelpunkt des Romans steht eine ganz normale Detektivstory. Doch die sich entfaltende Wahrheit hinter den Morden und Verschwundenen entpuppt sich als Überraschung: Es handelt sich um die Vision vom Ende der herrschenden Menschenart und der Ablösung durch eine verschwunden geglaubte, lange „wartende“ (siehe den Titel) Spezies, die nun ihre geraubte Welt zurück haben will.

Der Traum

Artie hat schon seit Jahren stets den gleichen Traum: Er betrachtet eine Urzeitszene vor der Höhle seiner Sippe. Nur dass diese Sippe keine des homo sapiens ist, sondern eine des Alten Volkes. Diese Traumsequenzen machen uns mit den besonderen Eigenschaften des Volkes vertraut: Friedfertigkeit, telepathische und daher sprachlose Kommunikation sowie die Unfähigkeit zu lügen. Und so fällt es Artie leichter, zwischen homo sapiens, der seine Welt zugrunde richtet, und dem Alten Volk, zwischen Mitch und seiner eigenen Familie zu wählen. Quasi zur Belohnung erlebt eine wunderbare Überraschung.

Unterm Strich

Ich habe diesen Roman mit großem Genuss und höchster Spannung in nur zwei Tagen gelesen. Es ist kaum möglich, das Buch aus der Hand zu legen, weil jedes Kapitel mit einer neuen Überraschung endet. Lediglich in der Mitte, etwa zwischen Seite 160 und 290, ziehen sich die Recherchen ohne größere Höhepunkte in die Länge, obwohl viele Verdächtige „eliminiert“ werden. Dafür halten diese Passagen weitere Enthüllungen bereit, um Arties Lernprozess voranzutreiben. Die letzten 60 Seiten sind dann wieder reichlich unheimlich und mit mehreren Knalleffekten gespickt.

Wer also einen besonderen Thriller für kurze Nächte sucht, ist mit „Waiting“ gut bedient – und muss „The Power“ nicht kennen. Auch Science Fiction-Freunde, die Geschichten über Urmenschen und alternative Spezies mögen, sind hier bestens aufgehoben. Und Greenpeace-Anhänger sowieso. Auf Amazon.de gibt es eine (englischsprachige) Leseprobe unter der Adresse https://www.amazon.de/dp/0812541642?_encoding=UTF8&isInIframe=0&n=52044011&ref_=dp_proddesc_0&s=books-intl-de&showDetailProductDesc=1#product-description_feature_div.

Taschenbuch: 356 Seiten
Sprache: Englisch
Originaltitel: Waiting, 1999
ISBN-13: 978-0812541649

www.tor.com

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