Nora Bendzko – Die Götter müssen sterben

Mit „Die Götter müssen sterben“ hat die Autorin Nora Bendzko Teilnehmer des Trojanischen Krieges in den Mittelpunkt gerückt, denen in der Ilias lediglich eine kurze Episode gewidmet ist, die Amazonen. Da es über die legendären Kriegerinnen kaum schriftliche Zeugnisse gibt, die historisch belastbar sind, hat die Autorin ihre Geschichte als Fantasy-Roman geschrieben.

Areto, verheiratet mit einem Mann, der sie nicht achtet, nutzt die Gelegenheit, Athen zu verlassen, als die Amazonen in die Stadt einfallen, um ihre entführte Prinzessin Antiope zurückzuholen. In Themiskyra, der Hauptstadt der Amazonen, baut Areto sich ein neues Leben auf. Doch auch dort kommt sie nicht zur Ruhe. Denn Ares, der göttliche Vater der Amazonenköniginnen, besteht darauf, dass die Amazonen in den Krieg um Troja ziehen …

Areto ist eine klug und im Grunde sanftmütige Frau. Aber schwach ist sie nicht. Sie mag kein Geschick für das Kriegshandwerk haben, was nicht bedeutet, dass sie nicht bereit ist zu kämpfen, wenn ihr etwas wichtig ist.

Das gilt in entgegengesetzter Richtung auch für Clete. Als Amazone liebt sie den Kampf und das Blutvergießen um ihrer selbst willen, trotzdem neigt sie dazu, vor allem zu verteidigen und zu beschützen, was ihr den Namen Schildhaut eingetragen hat.

Außerdem wäre da die Amazonenkönigin Penthesilea. Sie zögert, ihre Kriegerinnen nach Troja zu führen, weil die Amazonen sich von dem Kampf gegen Athen noch nicht erholt haben. Vor allem aber weigert sie sich, ihrem Vater Ares ein Kind zu gebären. Sie sieht den Blutdurst der Amazonen nicht unkritisch, weil er sich vor allem bei den Königinnen durch Ares‘ Vaterschaft in jeder weiteren Generation verstärkt.

Alle anderen sind Götter oder Nebenfiguren, die vor allem dazu dienen, die Lebensweise der Amazonen darzustellen.

Insgesamt ist die Charakterzeichnung ganz gut gelungen. So ist Penthesilea nicht nur die heldenhafte Amazonenkönigin, sondern zeigt menschliche Schwächen wie Unsicherheit und Zweifel. Selbst die Götter, die in gewisser Weise bereits als Charaktere feststanden, zeigen Facetten, die sie zu mehr machen als dem, wofür sie per definitionem ohnehin stehen.

Was das Setting angeht, so hat sich die Autorin, abgesehen von der kriegerischen Seite, fast ausschließlich auf zwei gesellschaftliche Themen konzentriert: die Beziehungen zwischen Männern und Frauen und die Sexualität.
Dabei hat sie offenbar großen Wert darauf gelegt, die Amazonen nicht auf blutgierige Männerhasserinnen zu reduzieren. Tatsächlich richtet sich der Haß der Amazonen nicht generell gegen Männer, sondern vor allem gegen die griechischen Helden, die in dieser Darstellung ungefähr so gut wegkommen wie die olympischen Götter. Amazonen sind aber durchaus mit Männern verheiratet, und sie ziehen nicht nur ihre Töchter groß, sondern auch ihre Söhne.
Von echter Gleichberechtigung ist das Reich der Amazonen aber weit entfernt, und das nicht nur, weil es keine Könige gibt. Es gibt auch keine Krieger. Kämpfen ist offenbar etwas, das hier nur den Frauen erlaubt ist, obwohl längst nicht alle Frauen Kriegerinnen sind. Außerdem nehmen die Amazonen genauso die Angehörigen unterlegener Völker als Sklaven wie alle anderen.

Das einzige, was in diesem Staat keinerlei Beschränkungen zu unterliegen scheint, ist der Sex. Hier darf jeder ungestraft mit jedem, zumindest, was die Erwachsenen betrifft. Dieses Ausmaß an Toleranz, die für sämtliche Spielarten der Sexualität gilt, beinhaltet selbst kreative Wortschöpfungen wie „sier“, um Menschen beschreiben zu können, für die Begriffe wie „sie“ oder „er“ zu eng gefasst sind, und mutet in seiner dargestellten Selbstverständlichkeit geradezu utopisch an.
Bleibt die Handlung, die zwar in Teilen eng mit dem Trojanischen Krieg verbunden ist – Areto hat als Artemis‘ Erwählte immer wieder teil an den Erfahrungen der Göttin –, ansonsten aber recht eigenständig verläuft. Im Grunde erzählt die Geschichte, wie die Amazonen sich schließlich doch entscheiden, in den Krieg zu ziehen und was auf dem Weg dorthin alles geschieht. Da gibt es eine Menge Hürden und Schwierigkeiten zu überwinden, während sich der Krieg immer dramatischer entwickelt, sodass die Spannung mit der Zeit durchaus anzieht, bis sich die Amazonen endlich in die Schlacht gegen die Achaier stürzen.

All das hat Nora Bendzko gekonnt miteinander verwoben. Ihre Geschichte ist frei von Klischees oder Schwarz-Weiß-Malerei. Objektiv gesehen ein rundum gelungenes Buch. Subjektiv gesehen bin ich damit trotzdem nicht warm geworden.

Ein Grund war, dass ich keinen rechten Zugang zu den Charakteren fand. Damit hatte ich bis zu einem gewissen Grad gerechnet, denn mit Krieg und Schlachten kann ich nicht allzu viel anfangen. Ich hab es trotzdem gelesen, selber schuld. dass ich dann aber mit Penthesilea besser zurecht kam als mit Areto, gibt schon zu denken.

Damit wären wir beim zweiten Grund, der Liebesgeschichte zwischen Areto und Clete. Nun sind Liebesgeschichten eigentlich fast immer Teil eines Buches und nichts, was mich stört. Allerdings hat eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen auf mich nicht dieselbe emotionale Wirkung wie eine zwischen Mann und Frau. Nimmt sie trotzdem so viel Raum ein wie hier, hat das entsprechende Auswirkungen auf das Identifikatiospotenzial der Figuren. Ich weiß nicht, wie es anderen damit geht, mir jedenfalls fällt es schwer, mich von einer Figur mitnehmen zu lassen, deren Gefühle ich nicht nachvollziehen kann.

Vor allem habe ich kein Interesse an den praktischen Details. Die interessieren mich auch nicht im „normalen“ heterosexuellen Bereich. Vielleicht bin ich altmodisch, vielleicht auch prüde, aber wenn nichts der Phantasie des Lesers überlassen bleibt, ist das für mich nicht erotisch, sondern eher pornografisch. Immerhin waren diese Passagen kurz genug, um überblättert zu werden.

Zu guter Letzt fand ich auch den Schluss ein wenig enttäuschend. Das Buch endet zusammen mit dem Krieg. Doch der Krieg war ja nicht Thema des Buches, sondern die Amazonen. Penthesilea ist am Ende tot, aber sie ist ja auch nicht die Hauptfigur des Buches, sondern Areto. Und was ist eigentlich mit der Prophezeiung über das Kind aus Blitz und Donner?

Immerhin, vom letzten Kritikpunkt vielleicht abgesehen sind die angesprochenen Schwierigkeiten ganz allein meine. Wer also keine Probleme mit der Darstellung von brutalem Blutvergießen und sexuellen Handlungen hat, dem kann ich das Buch durchaus empfehlen.

Nora Bendzko ist gebürtige Münchnerin, studiert aber derzeit in Wien. Ihre ersten Veröffentlichungen waren die Galgenmärchen im Selbstverlag. Außerdem ist sie Sängerin der Metalband „Nightmarcher“.

Broschiert 512 Seiten
ISBN-13: 978-3426526118

https://norabendzko.com/index.html
http://www.droemer-knaur.de/home/

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