E. T. A. Hoffmann – Das Fräulein von Scuderi

Seniorenkrimi: Mitgefühl überwindet den Terror

Mysteriöse Raubmorde erschüttern das Paris Ludwigs XIV. Die Morde haben eines gemeinsam: Alle Opfer trugen Schmuck des Goldschmiedes Cardillac bei sich. Eines Nachts klopft ein geheimnisvoller Bote an der Tür des ehrbaren Fräuleins von Scuderi und überbringt ein verziertes Kästchen. Es enthält ein von Cardillac gefertigtes Collier und einen Brief mit den besten Grüßen des Mörders. (Verlagsinfo)

Der Autor

Die Initialen des am 24. Januar 1776 in Königsberg geborenen Autors, Komponisten und Malers stehen für „Ernst Theodor Amadeus“. Von 1792 bis 1795 studierte er Jura. Ab 1800 arbeitete er in Posen, Plock und Warschau als Assessor. Durch den Einmarsch der Franzosen verlor er seine Anstellung und verdingte sich unter anderem als Musiklehrer und Theaterkomponist. Ab 1814 trat er in Berlin am Kammergericht wieder in den Staatsdienst.

Hoffmann, mit seiner Dichtung Vertreter der Hochromantik, pflegte Freundschaften mit Tieck, Fouqué, Eichendorff und Chamisso. 1809 erschien seine erste Erzählung „Ritter Gluck“. Weitere Werke: „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ (1819/21), die Sammlung „Fantasiestücke in Callot’s Manier“ (1815) und „Meister Floh“ (1922). In den letztgenannten Text arbeitete Hoffmann eine Satire auf den Polizeidirektor von Kamptz ein – Hoffmann verurteilte die Willkür der Polizei gegen die demokratischen, liberalen Bewegungen. Das Manuskript wurde beschlagnahmt und erschien erst 1908 vollständig. Hoffmann starb, schwer krank, am 25. Juni 1822.

Der Sprecher

Michael Rotschopf wurde 1969 in Österreich geboren. Seine Schauspielausbildung absolvierte er am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Bereits während des Studiums holte Claus Peymann ihn an das Wiener Burgtheater. Später spielte er den Faust in der Inszenierung von Peter Stein und hatte Engagements an verschiedenen deutschen und österreichischen Theatern. 1996 wurde er mit dem O.E. Hasse-Preis der Berliner Akademie der Künste ausgezeichnet. Seit 1998 spielte er in diversen Film- und Fernsehrollen. Rotschopf liest die ungekürzte Textfassung.

Regie führte Sigi Viktor Krowas, für den guten Sound sorgte Michael Walz, Berlin. Das Titelbild zeigt einen Ausschnitt aus einem Gemälde von Adolph Friedrich Erdmann von Menzel.

Handlung

Das 73 Jahre alte Fräulein Madeleine de Scuderi, ihres Zeichens eine vom König Ludwig XIV. und seiner Mätresse, der Marquise de Maintenon, begünstigte Dichterin, wohnt im Herbst des Jahres 1680 in der Rue St. Honoré zu Paris. An diesem Abend ist ihr Diener und Koch Baptiste abwesend, denn er ging auf die Hochzeit seiner Schwester. Als etwa um Mitternacht ein wildes Pochen und Schlagen an der Haustür zu vernehmen ist, wird der Kammerfrau des Fräuleins gar mulmig zumute, entbehrt sie doch männlichen Schutz.

Man muss nämlich wissen, dass es rauhe Zeiten sind, in denen man schon von Serienmorden durch Gift gehört hat und dass der inquisitorische Geheimgerichtshof des Königs, die berüchtigte „Chambre ardente“, die Verbrecher unnachsichtig verfolgt und mitunter sogar unbescholtene Bürger auf ihren Suchlisten landen können. So erging es einem leibhaftigen Herzog, der monatelang unschuldig in einer modrigen Zelle der Bastille dahinvegetieren musste, bevor man den Irrtum erkannte und ihn freiließ. Er hatte beim Komplizen einer Giftmischerei lediglich ein Horoskop erstellen lassen …

Daher zögert die Kammerfrau der Scuderi, dem Begehren des Mannes um Einlass an der Tür nachzukommen. Weil der junge Mann aber so jammervoll klagt und um Hilfe fleht und behauptet, das Fräulein sei in Gefahr, lässt sie sich erweichen und öffnet. Er rauscht sofort an ihr vorbei und verlangt, ihre Herrin zu sprechen. Als der Blick auf sein im Brustwams steckendes Stilett fällt, will die Kammerzofe schier in Ohnmacht fallen, doch sie empfiehlt ihre Seele Gott und weigert sich, diesen Unhold noch einen Schritt weitergehen zu lassen – selbst dann noch, als der Bewahnte tatsächlich seinen Dolch zieht.

Das Collier

Die Kammerzofe hört zum Glück in diesem Moment die Straßenpatrouille sich nähern und ruft um Hilfe. Das verjagt den Eindringling, der ihr lediglich noch hastig ein Kästchen aushändigt und schleunigst verschwindet. Sehr verdächtig. Nach dem Abgang der Polizisten, der Rückkehr Baptistes und der Einkehr von Ruhe öffnet das Fräulein am nächsten Morgen das Kästchen in aller Ruhe. Potzwetter: Es finden sich darin ein edles Halsband und zwei Armbänder. Sie fragt die Maintenon nach dieser Arbeit. Diese bestätigt, dass es sich nicht nur um edle Steine und pures Gold, sondern auch um die unverkennbare Arbeit des Goldschmieds René Cardillac handle. Und der sei bekanntlich über jeden Zweifel an seiner Ehre erhaben.

Nun ist das Fräulein von Scuderi eine Dame von Stand wie auch eine stadtbekannte Dichterin. Sie hat einen Ruf zu verlieren. Man schenkt ihr nicht einfach so mir nichts, dir nichts kostbaren Schmuck, als buhle man um ihre Gunst (von ihrem Alter mal ganz abgesehen). Obendrein liegt den Preziosen ein Zettel bei mit einem infamen Inhalt. Darauf stehen nämlich, wie zum Hohn, genau jene Worte, die die Scuderi leichtfertig als Kommentar auf eine Bittschrift der „Liebenden“ am Hof an den König gerichtet hatten. Das Fräulein ist nicht wenig beschämt ob dieses Hohns und klagt, womit sie dies nur verdient habe.

Sie fragt den König und seine Mätresse, die Marquise de Maintenon, nach ihrer Meinung in dieser vertrackten Angelegenheit. Louis findet, sie solle den Schmuck tragen, aber diese Vorstellung behagt ihr gar nicht. Die Maintenon ist dafür, erst einmal herauszufinden, was dahinter stecke.

Die Morde

Genau das tut das Fräulein auch. Sorgen macht ihr vor allem die Erkenntnis, dass in letzter Zeit mehrfach Menschen getötet wurden, die bei Cardillac Schmuck bestellt und abgeholt hatten. Wenige Tage später ereilte sie ein vorzeitiger Tod in Gestalt eines gezielten Dolchstoßes ins Herz. (Der Polizeibeamte der Chambre Ardente Degrais berichtet, wie allseits bekannt, von seiner Zeugenschaft dieser Untat und anschließenden – ergebnislosen – Verfolgung des Täters.) Dieses Schicksal will das Fräulein auf keinen Fall teilen. Kann man gut verstehen.

Sie begibt sich zum Haus des berühmten Goldschmieds, um ihm den Schmuck zurückzugeben. Doch dort passieren plötzlich unerwartete Dinge, in deren Verlauf sie die Verantwortung für zwei junge Menschen aus Cardillacs Haus übernehmen soll. Der junge Mann ist eben jener Eindringling, der ihrer Kammerzofe auf so bedrohliche Weise jenes Schmuckkästchen gebracht hat. Nun muss das Fräulein zeigen, wie viel ihr Einfluss wirklich wert ist, besonders gegenüber dem heimtückischen Larénier, dem Präsideten der gefürchteten Geheimpolizei …

Mein Eindruck

Die Handlung spielt sich in einer allgemeinen Stimmung der Bedrohtheit ab. Die tatsächliche oder eingebildete Bedrohung durch Mord, Gift und vor allem Verrat macht vor der Haustür nicht Halt, sondern dringt in jeden Pariser Haushalt ein und vergiftet sogar intimste Beziehung wie die zwischen Eltern und ihren Kindern, zwischen Liebespaaren und allen anderen. Es ist die reinste Gestapo-Stimmung. Das ist nicht weit hergeholt, denn es gibt schließlich auch schon den entsprechende Schrecken verbreitenden Geheimen Gerichtshof, die genauso schlimm wütet wie seinerzeit die Inquisition. Die Hinrichtungen finden alle auf dem Greve-Platz statt. Das Blut strömt, die Scheiterhaufen brennen, die Galgenschlingen baumeln …

Keine angenehme Zeit also, das Jahr 1680. Nicht zufällig gemahnen diese Szenen an das Jahr 1790, als die Republikaner unter dem Adel wüteten und ihrerseits Blutbäder anrichteten und Hinrichtungen per Guillotine wie am Fließband vornahmen. Daher fällt es mir nicht schwer, Hoffmanns Erzählung auf diesen Mega-Event des 18. Jahrhunderts zu münzen. Und da Napoleons Truppen auch das Deutsche Reich eroberten, war Hoffmann selbst eine Zeit lang französischer Bürger. Als Beamter, der nach dem neumodischen, importierten Zivilgesetzbuch des „Code Napoleon“ Recht und Ordnung aufrechterhielt, kannte er das Innenleben der Macht (und attackierte es nicht selten).

Vor diesem grimmigen Hintergrund lässt Hoffmann eine thrillermäßige Handlung sich entspinnen, aber auf eine sehr unkonventionelle Weise. Oh ja, der Polizist Degrais erzählt seinem Boss eine tolle Räuberpistole von der Untat des mordenden Juwelendiebs. Durch das verwendete Präsens gewinnt diese Szene eine Unmittelbarkeit, die genügend Spannung und Action vermittelt, dass sich kein TV-Junkie beschweren kann.

Doch die Wahrheit hinter dieser Mordserie entfaltet sich eben nicht durch die Ermittlungen der Polizei, sondern durch die von Mitgefühl geprägte Bereitschaft des Frl. von Scuderi, den beiden jungen Eingekerkerten zuzuhören. Diese Schützlinge Cardillacs wissen am besten, womit sie es zu tun haben. Nur – wer würde ihnen glauben?

Man sieht also, dass nicht nur die Sätze Hoffmanns verschachtelt sind, sondern seine ganze Erzählung so umgestellt und neu arrangiert worden ist, dass das Auge des Sturms, nämlich Cardillac selbst, erst ganz am Schluss zu Wort kommt, wir Leser bzw. Hörer aber bis dahin auf die Folter gespannt werden, was des Pudels Kern wohl sein mag. Man mag sich leicht denken, dass Cardillac der Täter sein muss, aber niemand würde darauf kommen, was denn sein bizarres Motiv sein könnte.

Der Sprecher

Man hört es Michael Rotschopf schon beim ersten Satz an, dass er eine klassische Schauspiel- und Sprechausbildung genossen hat. Nicht umsonst spielte er unter Peter Stein den Faust. Es gelingt ihm nicht nur, die für ihre Länge berüchtigten Schachtelsätze Hoffmanns in klar verständliche Bedeutungseinheiten zu zerlegen, indem er zwischen jedem Nebensatz eine Pause einfügt.

Zudem verleiht er den völlig unterschiedlich charakterisierten Figuren eine jeweils ganz eigene Sprechweise. So fleht der junge Eindringling am Anfang mit eindringlicher, geradezu bebender Stimme, weil Rotschopf ihm eine höhere Tonlage verleiht. Sogleich kann aber dessen Tonfall um eine Oktave fallen und energisch, ja bedrohlich wirken.

Immer wieder spielt ein Pathos in die emotionalen Monologe und Dialoge hinein, das aus dem Munde eines weniger fähigen Sprechers übertrieben deklamierend klingen würde. Natürlich muss auch Rotschopf theatralischen Tonfall einsetzen, aber nicht auf so unglaubwürdige Weise, dass sie die Figur lächerlich machen würde.

Seine Aussprache des Französischen ist schlicht und ergreifend makellos. Sämtliche Namen und Bezeichnungen könnte ein gebildeter Franzose wohl kaum deutlicher und korrekter formen. Allerdings hilft dies demjenigen Hörer, der des Französischen nicht mächtig ist, rein gar nichts. Das oben erwähnte Zitat der Scuderi über „Un amant … digne d’amour“ wird unübersetzt gelassen. Lediglich eine Umschreibung durch Ludwig XIV. folgt.

Unterm Strich

Der heutige Leser ist in aller Regel ein geplagter Schüler, der sich durch die verschachtelten Sätze und seltsam französelnde Diktion des Herrn E.T.A. Hoffmann beißen muss, bevor ihm so etwas wie eine Lösung des Kriminalfalls winkt. Dieser Schüler ist nicht zu beneiden, und ich hoffe, es gibt textkritische Ausgaben, die ihm und ihr die Aufgabe erleichtern. Vielleicht konnte ich oben ein paar Anregungen geben. (Ich bekomme immer wieder Zuschriften von Schülern, die wissen wollen, wie die Geschichte ausgeht.)

Eine blutige Mordgeschichte scheint im Mittelpunkt zu stehen, aber der Autor tut so, als käme sie nur am Rande vor. Denn im letzten Drittel stehen drei Lebensgeschichte zur Prüfung. Das Frl. von Scuderi hat sie zu begutachten, auf die Stimme ihres Herzens zu hören, sich gegen den fiesen Oberinquisitor zu behaupten und schließlich den Übeltäter auf den Weg der Gerechtigkeit zu bringen – eine ganze Menge Jobs für ein 73-jähriges Fräulein, das sich sonst mit Gedichteschreiben die Zeit vertreibt.

Die Anspielungen auf die Frz. Revolution sind meines Erachtens recht deutlich: der ungesicherte Rechtszustand, die überhand nehmenden Hinrichtungen, die Willkür der „Polizei“, der Terror aus dem Dunkel. Doch statt nach einem starken Mann wie Napoleon zu rufen, stellt uns Hoffmann eine Verkörperung der Herzensbildung als ideale Ermittlerin hin. Das ist recht ungewöhnlich und verdient besondere Beachtung – siehe oben. Als Krimi ist der Text bis zum Schluss spannend, aber auch recht rührselig.

Das Hörbuch ragt durch den ausgezeichneten Vortrag von Michael Rotschopf aus der Masse der Klassikerproduktionen im Audiobereich heraus. Hier trägt ein Schauspieler mit klassischer Ausbildung vor, und das merkt man an jedem Satz. Heute müssen wir ihm zugestehen, dass er auch Pathos einsetzt, aber das schuldet er seinem Text, und ich finde es angemessen. Zynischere Geister dürften sich darüber ärgern.

156 Minuten auf 2 CDs
www.argon-verlag.de

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