Wolfgang Menge / Jürgen Roland – Stahlnetz 1: Das 12. Messer

Zeitreise in die Urzeit der deutschen Krimi-TV-Serien

Die Frau eines Zechenbruders (= Bergarbeiter) wird in ihrem Schlafzimmer brutal ermordet. Die beiden Kommissare Kardorf und Kerkan aus dem Ruhrgebiet konzentrieren ihre Ermittlungen auf die Tatwaffe: ein spitz geschliffenes Tafelmesser. Die Spurensuche nimmt ihren Lauf und entführt in die Welt der Steinkohlereviere (als es diese noch gab).

Dies ist ein authentischer Kriminalfall aus den Unterlagen der Kripo im Ruhrgebiet – nur eben aus den Jahren vor 1958. „Stahlnetz“ ist vom Design her eine Übernahme der US-Krimiserie „Dragnet“, von der auch die markante Titelmelodie stammt, die Walter Schumann und Ray Anthony komponierten. Besonderes Kennzeichen von „Dragnet“: nur die Fakten zählen! – Die Tonspur wurde fürs Hörspiel bearbeitet und digitalisiert.

Die Autoren

Jürgen Roland (Regie), bekannt u. a. für seine TV-Serie „Großstadtrevier“ und mehrere Kriminalspielfilme, die ihn zu einem Pionier und Mentor der deutschen TV-Krimilandschaft gemacht haben.

Wolfgang Menge (Buch) verarbeitete echte Unterlagen der Kripo und schrieb sie Schauspielern auf den Leib. Er ist besonders bekannt für die Comedy-Serie „Ein Herz und eine Seele“ (mit Heinz Schubert).

Zusammen legten die beiden Pioniere den Grundstein für die Endlosserie „Tatort“ der Fernsehanstalten der ARD. In jeder Folge ermittelt ein neues Kommissarengespann in einer anderen Region Deutschlands, insbesondere in Großstädten.

Die Mitwirkenden

Kommissar Kardorf & Erzähler: Alexander Kerst
Kriminalrat Kerkan: Helmut Peine
Vorarbeiter in der Messerfabrik: Jürgen von Manger
Harms: Friedrich G. Beckhaus
Gerhard Tichy u. v. a.

Handlung

Ein Sprecher stellt uns zu Orgelbegleitung das Ruhrgebiet vor. Es ist der 9. September in Losdorf, ein Samstagabend. Unheilvoll wird erwähnt, dass der Bergarbeiter Adolf Wesemann heute früher aus dem Schacht zurückkommen werde. Merke: Hier wurde noch am Samstag malocht!

Es ist Sonntag, als die Kripo anrückt. Kommissar Kardorf vernimmt Zeugen, die Bewohner des Hauses, in dem die Tote gefunden wurde. Der Sohn des Opfers, Erich Wesemann, 22, wird vermisst, obwohl er sonst immer am Wochenende seine Eltern besucht. Seine Mutter wurde in der Nacht in ihrem Schlafzimmer niedergestochen und starb im Krankenhaus. Wachtmeister Schenkel findet draußen vor dem Haus der Wesemanns Spuren in der Erde, später findet man ein Fahrrad – und ein blutiges Messer.

Kardorf stellt Wesemann die üblichen Fragen: Hatten Sie Feinde? Nein, die Wesemanns waren 24 Jahre lang miteinander verheiratet. Es gab aber Streit mit Sohn Erich. Eine Nachbarin gibt der Nachbarin Burmeister die Schuld, was völlig unsinnig ist, denn zu einem Messermord gehört beträchtliche Muskelkraft.

Im Polizeipräsidium trifft Kriminalrat Kerkan ein und übernimmt die Leitung des Falls. Er resümiert, dass man bislang wenig in der Hand hat. Die Vernehmung der Frau Burmeister erbringt keine Anhaltspunkte. Der Gerichtsmediziner stellt elf Einstiche im Opfer fest. Die Tatwaffe war ein spitz zugeschliffenes Tafelmesser. Es muss irgendjemandem in seinem Tafelbesteck fehlen.

Am Montag läuft der Kripo die Zeit davon und Kerkan beschließt, das fehlende Tafelmesser zur Tatwaffe zu erklären und dementsprechend in der Zeitung veröffentlichen zu lassen. Plakate und Fotos werden verteilt. Das ist ein riskanter Schritt, denn diese Dinge geben dem Täter Hinweise darauf, was die Kripo weiß und was er nicht erzählen darf, sollte man ihn vernehmen.

Ein erster Hinweis führt zu dem Bergarbeiter Emil Paschinski und dessen Kumpel. Sie sind als gewaltbereit aufgefallen und einer der beiden hat für eineinhalb Stunden kein Alibi. Doch das Blut an ihrem Schnappmesser stammt von Kaninchen, nicht von Frau Wesemann. Da kommt von einer Landwirtin auf dem Haslachhof ein vielversprechender Hinweis: Sie vermisse seit einem halben Jahr ein schönes Solinger Messer aus ihrem Tafelbesteck. Es kommen drei ihrer Knechte in Frage: Bröse, Harms und Wiemann.

Nun kommt es darauf an, dass die beiden Kriminaler auf geschickte Weise den drei Kandidaten die richtigen Fragen stellen, um den wahren Täter unter ihnen herauszufinden. Die Lösung ist nämlich verblüffend einfach …

Mein Eindruck

Geschichten aus den fünfziger Jahren sind wie eine Zeitreise. Da rauchen die Schornsteine, da fahren die Kumpel sogar noch samstags in die Grube ein, und eine der Frauen, die am Rande erwähnt wird, ist „zurück in die Zone“. Gemeint ist die sowjetische Besatzungszone (SBZ), seit 1949 auch DDR genannt. Denn 1958 gab es ja noch keine Mauer, die die „Zone“ von Rest- bzw. Westdeutschland abtrennte. Der Sprecher aus dem Off stellt uns diverse Gegebenheiten vor, die uns ein Ruhrgebiet vorstellen, das aus den Ruinen des Krieges auferstanden war und das heute schon wieder verschwunden ist. So schnell kann’s gehen …

Ein weiterer Zeitreisefaktor ist die markante Titelmelodie, die von „Dragnet“ (s. o.) übernommen wurde: PAMM-PA-RAMM-PAM! So geht das los, und man sieht schon den unerbittlichen Arm des Gesetzes nach den Bösewichtern greifen, um dann im zweiten Teil des Riffs zuzuschlagen: PAMM-PA-RAMM-RAM-PAHHH—PA-RAMM-PA. Selten hat es so eine markante Titelmusik gegeben, und Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre ertönte sie in vielen deutschen Wohnzimmern aus den nagelneuen Schwarzweißfernsehern. (Farbe wurde erst anno 1974 so richtig in, als die Deutschen Fußballweltmeister wurden.) Ich habe die Stahlnetz- und Dragnet-Melodie seit damals immer noch in den Ohren. Ebenso den markanten Spruch von Inspektor Joe Friday: „Nur die Fakten, Ma’am!“ (Anmerkung: Diese Standardszene taucht auch in Curtis Hansons Film „L. A. Confidential“ auf!)

Wie auch immer: Der heutige Zuhörer hat jedenfalls Mühe, sich mit dem schnellen Szenenwechsel anzufreunden, der ein Markenzeichen der damaligen Krimiserien war. Doch immer wieder wird den intensiven Vernehmungen mehr Zeit gewidmet und am Schluss zieht sich das entscheidende Verhör erstaunlich in die Länge, verglichen mit den restlichen Vernehmungen. Hier kann der Hörer seine eigenen kriminalistischen Fähigkeiten testen: Welchen entscheidenden Fehler begeht der Verdächtige, der ihn dem Kriminalrat Kerkan als „sein Mann“ verrät? Die Lösung kommt überraschend und ist ebenso ein Indiz für die damalige Zeit. Leider kann nichts Näheres verraten werden, ohne die Lösung des Rätsels preiszugeben.

Für einen Kriminalfall ist das ein guter Schluss, doch es bleiben am Ende etliche Fragen offen, deren Beantwortung mir wohl entgangen sein muss: Welches Motiv hatte der Täter? Welche Beziehung hatte er zu seinem Opfer? Das sind zwei fundamentale Fragen, zu denen man mit Vermutungen antworten kann, aber was wirklich nötig ist, sind Aussagen. Sie fehlten mir in der Darstellung. „Fakten, meine Herrn, Fakten!“

Die Inszenierung

Wie es sich für die Hörspielfassung eines TV-Films gehört, sind jede Menge realistische Geräusche zu hören. Angefangen von den Stimmen der verleumderischen Nachbarn über Kinder und Kirchenglocken bis hin zu Schichtwechselsignalen. Erstaunt hat mich das Fehlen von Motorengeräuschen eines Autos. Man sollte doch meinen, dass die Kripo auch damals schon motorisiert war, oder? Stattdessen scheint das Fahrrad des Täters als Fluchtfahrzeug eine überproportional große Rolle zu spielen – ein weiterer dieser Anachronismen.

Der später bekannteste der hier auftretenden Sprecher ist sicherlich Jürgen von Manger. Er hatte später seine eigene TV-Show und trat als Ruhrpottoriginal mit einem unheimlich breiten Akzent auf, der wohl für Ruhrpottdialekt durchgehen sollte. Davon ist jedoch, wie ich zu meiner Erleichterung feststellen durfte, rein gar nichts zu hören, wenn von Manger als Leiter einer Messerfabrik auftritt.

Die überragende Figur des Stücks ist zweifellos Kriminalrat Kerkan. Kommt ins Polizeipräsidium und verlangt als Erstes: nicht Akten und Fakten, sondern Kaffee! Was in der Nachkriegszeit sicher nicht sofort zu bekommen war. Merke: Dieser Herr ist was Besseres. Helmut Peine verleiht der Figur etwas Väterliches, stets selbstsicher und souverän. Klar, dass er den Fall auf jeden Fall löst.

Am Rande erwähnt er einen Polizeimitarbeiter namens „Menge“, der hörbar fleißig in die Tasten haut, damit das Vernehmungsprotokoll von Harms dem Herrn Kriminalrat möglichst schnell vorliegt. Mit „Menge“ hat sich der Buchautor offenkundig selbst in die Handlung hineingeschrieben.

Unterm Strich

Diese Episode der Kultserie der fünfziger Jahre ist noch nicht ganz das Gelbe vom Ei. Aber die einzigartigen Kennzeichen sind bereits vorhanden und werden später ausgebaut: kein Personenkult à la Kommissar Maigret, sondern nüchterne Polizeiarbeit durch wackere Kommissare, die austauschbar sind. Hinzu kommt die konsequente Missachtung aller böswilligen Gerüchte zugunsten der faktenbasierten Beweislage; das Arbeitermilieu ist – in geradezu Brecht’scher Manier – als Schauplatz nicht zu schade, um Verbrechensgeschichten, die das echte Leben schrieb, vorzuführen.

Die Serie lieferte den deutschen TV-Zuschauern damit sowohl Unterhaltung als auch Dokumentation. Diese Kombination stieß auf ein enormes Echo und verschaffte dem Rezept eine lange Lebensdauer – die Episode 2 dieser Hörspielserie stammt aus dem Jahr 1963!

Die Tonqualität kann sich durchaus hören lassen. Stellenweise ist zwar bei großer Lautstärke noch das berüchtigte Knistern zu hören und die ganze Chose erklingt in Mono- statt Stereoton, aber im Großen und Ganzen erweist sich die digitale Überarbeitung als wahrer Segen für die Rettung solcher Schätzchen – ein Beleg, dass schon damals das deutsche Fernsehen zu guten Leistungen in der Lage und nicht mehr unbedingt auf den Import ausländischer Krimikost wie „Dragnet“ oder „Kommissar Maigret“ angewiesen war.

Ganz am Schluss erklingt die Titelmelodie in voller Länge. PAMM-PA-RAMM-PAM! Mir schlackerten die Ohren, als das Bass-Saxophon durch die Lautsprecher dröhnte. Wer kann, sollte sich eine gehörige Dosis Krimi-Nostalgie verabreichen und die eine oder andere Episode der Stahlnetz-Serie reinziehen.

1 CD, 42 Minuten
1958 NDR
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