Rex Stout – Verworrene Fäden

Inhalt:

– Der nächste Zeuge („The Last Witness“/„The Next Witness“, 1955)

Vor Gericht steht Leonard Ashe; er hat der Telefonvermittlerin Marie Willis viel Geld geboten, damit diese seine möglicherweise ehebrüchige Gattin abhörte und ihn über deren Gespräche in Kenntnis setzte. Marie weigerte sich und kündigte an, ihren Arbeitgeber und Mrs. Ashe über das unmoralische Angebot zu informieren. Kurz darauf fand man sie erwürgt an ihrem Arbeitsplatz.

Die Vermutung liegt nahe, dass Ashe sie zum Schweigen brachte. Der Polizei gefällt diese Theorie, die Indizien passen, und dem Angeklagten (der jede Schuld leugnet) fehlt es an entlastenden Beweisen. Die Todeszelle scheint ihm gewiss, aber unter den vor Gericht geladenen Zeugen ist auch Privatermittler Nero Wolfe. Ihn hatte Ashe vor Marie Willis mit der Beschattung beauftragen wollen, war aber ebenfalls abgewiesen worden. Nun findet Wolfe den Fall ein wenig zu eindeutig, weshalb er den Zeugenstand widerrechtlich verlässt. Verfolgt von der Polizei, die ihn deshalb dingfest machen möchte, setzt sich Wolfe persönlich auf die Spur des tatsächlichen Mörders …

– Wenn ein Mann mordet („When a Man Murders“, 1954)

Verzweifelt bittet das Ehepaar Paul und Caroline Aubrey Nero Wolfe um Rat und Hilfe. Sie hatte als junge Frau den reichen aber unsympathischen Sidney Karnow geheiratet, der später im Koreakrieg gefallen und für tot erklärt worden war. Nun taucht Karnow wieder auf. Juristisch hat er Anspruch auf sein inzwischen an die Erben gegangenes Vermögen, und moralisch ist Caroline dazu verpflichtet, als Gattin an seine Seite zurückzukehren.

Wolfe kann hier gegen geltendes Recht nichts ausrichten. Immerhin ist er bereit, seinen Assistenten Archie Goodwin als Vermittler auftreten zu lassen; vielleicht lässt Karnow mit sich reden. Doch der liegt mit zerschossenem Schädel in seinem Hotelzimmer. Die Polizei hält sich an Paul Aubrey, der womöglich zu drastischen Mitteln griff. Nero Wolfe beginnt sich dagegen zu fragen, wer sonst noch von Karnows Erbe profitieren bzw. durch sein Wiedererscheinen geschädigt werden konnte …

Bewegt sich kaum, kann aber um die Ecke denken

Nero Wolfe gehört zu den klassischen Gestalten der Kriminalliteratur. Das kann und muss man in diesem Fall wörtlich nehmen, denn Wolfe ist eine jener Figuren, die einprägsamer sind als die Fälle, die sie lösen. Schon faktisch ist die Bandbreite der Aktionen, derer ein Detektiv, der es hasst, sich aus dem Haus zu bewegen, naturgemäß eingeschränkt. Doch auch wenn Wolfe sich wie in „Der nächste Zeuge“ dazu bequemt, sein Heim zu verlassen, bleibt er der typische „armchair detective“, der aus dem Hintergrund beobachtet, Zeugen und Verdächtige befragt und zur finalen Entwirrung der Fäden alle am Fall Beteiligten ‚einlädt‘.

Dies erledigte Nero Wolfe dank des einschlägigen Talents seines geistigen Vaters so unterhaltsam, dass er in mehr als vier Jahrzehnten zahlreiche Fälle (s. u.) löste. Die grundsätzliche Konstellation änderte sich selten, denn die Leser liebten ‚ihren‘ Wolfe ohne jene Überraschung, die über die einfallsreiche Lösung des jeweiligen Kriminalfalls hinausging. Ein überschaubares aber wichtiges Stammpersonal unterstützt den dicken Misanthropen, der als klassischer Kopfmensch wenig Interesse an den seelischen Nöten seiner Klienten zeigt; die Lösung des Falls ist ihm wichtiger.

Bewegt sich ständig, kann aber weniger begeistern

Für die Berücksichtigung von Kundengefühlen (und für die Laufarbeit) steht Wolfe Archie Goodwin zur Seite. Während Wolfe vom Nostalgiefaktor zeitlos jung gehalten wurde, hat Godwin die Zeit eingeholt; smarte Männer, deren Anziehungskraft auf Klientinnen und andere weibliche Wesen nach einem antiquierten Playboy-Prinzip funktioniert, bringen heute Leser (und Leserinnen) eher zum Grinsen.

Nichtsdestotrotz besetzt Goodwin eine elementare Nische. Als „Watson“ begleitet er seinen Meister, um in Vertretung genannter Leser Fragen und Vermutungen zu äußern. Damit gleicht er außerdem die notorische und typische Schweigsamkeit des Detektivs aus. Wolfe liebt es, ‚seine‘ Verdächtigen ganz klassisch zu versammeln, dann über das Verbrechen ausführlich zu referieren und schließlich den schockierten Täter zu offenbaren. Das geschieht freilich erst im Finale, und bis es soweit ist, kann auch im Kurzroman eine Menge Zeit verstreichen.

Zeiten & Sitten ändern sich

Nero Wolfe war eine ungemein erfolgreiche Figur. Es nachzuvollziehen fällt heute schwer. Die Aussage mag ketzerisch sein, ist aber einfach zu belegen. Da ist zum Beispiel die erwähnte und doch sehr schematische Ereignisabfolge des ‚typischen‘ Wolfe-Krimis, den Stout zudem durch ergebnisarme Routinebefragungen oder stereotype, ewig fruchtlose Streitigkeiten mit dem fiesen Inspektor Cramer auf Länge bringt.

Außerdem mag sich der Leser mit diversen für das Geschehen wichtigen, jedoch überholten zeitgenössischen Realitäten nicht mehr anfreunden. So wirkt die vom Verfasser immer wieder betonte und damit als wichtig markierte Verzweiflung von Paul und Caroline Aubrey theatralisch und lächerlich. Jedoch gibt Stout geltendes Recht wieder: Die arme Caroline müsste in der Tat zu ihrem entfremdeten ‚richtigen‘ Gatten zurückkehren oder – Wolfe gibt ihr offen diesen Rat – das Land verlassen, denn einer Frau, die nicht nur ihren rechtmäßig angetrauten Ehemann (= Eigentümer), sondern auch noch einen wundersam geretteten Kriegshelden im Stich lässt, ist neben der juristischen Verfolgung die gesellschaftliche Ächtung sicher. Dass sie und Paul in gutem Glauben geheiratet haben, ist unwichtig. Plötzlich ist sie Bigamistin und er nur noch ihr Liebhaber.

Dazu passt ein Frauenbild, das den jüngeren Angehörigen dieses Geschlechts – gern „Mädchen“ genannt – luftige Kleidung und lockere Reden gestattet, wobei diesen Andeutungen um Gottes willen niemals Taten folgen dürfen. Auch der angeblich attraktive und umtriebige Archie Goodwin schießt als „womanizer“ nur mit Platzpatronen; schon seit dem sechsten Roman der Serie („The Red Bull“, 1939; dt. „Der rote Bulle“) hat er ohnehin mit Lily Rowan eine (platonische?) Dauerfreundin, die er als Ehrenmann natürlich nicht betrügen kann.

Anmerkung: Nur zwei Stücke des Kuchens

33 Nero-Wolfe-Romane schrieb Rex Stout zwischen 1934 und 1975, aber er ließ seinen beleibt-beliebten Detektiv darüber hinaus in 41 Novellen oder Kurzromanen auftreten, die ihrerseits in 14 Bänden gesammelt wurden.

„Der nächste Zeuge“ und „Wenn ein Mann mordet“ gehören zu Band Nr. 8, der 1956 als „Three Witnesses“ erschien. Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, dass der deutschen Ausgabe einer der drei im Originaltitel erwähnten Zeugen fehlt. In der Tat enthält „Three Witnesses“ noch den Kurzroman „Die Like a Dog“ (1954). Dieser wurde für die deutsche Übersetzung im Rahmen der üblichen Seitennormierung gestrichen, die bis weit in die 1970er Jahre dazu führte, dass ‚zu lang‘ geratene Originaltexte gekürzt wurden. „Die Like a Dog“ erschien als „Nero Wolfe kommt auf den Hund“ später separat.

Autor

Rex Todhunter Stout wurde am 1. Dezember 1886 in Noblesville (US-Staat Indiana) geboren. Er besuchte die High School in Kansas und studierte bevor er eine lange, meist erfolglose Berufslaufbahn einschlug. Ab 1910 besserte Stout sein Einkommen auf, indem er Artikel und Geschichten an Magazine verkaufte. Diese Geldquelle wurde wichtig, als er 1916 heiratet, und existenziell, als er 1929 in der Weltwirtschaftskrise Job und Ersparnisse (sowie 1932 seine Ehefrau) einbüßte.

1934 glückte ihm in „Fer-de-Lance“ (dt. „Die Lanzenschlange“) der Durchbruch mit der Figur des Meisterdetektivs Nero Wolfe. Stout veröffentlichte durchschnittlich einen neuen Wolfe-Roman pro Jahr. Er unterbrach dies in den Jahren des II. Weltkriegs, in denen er Propagandatexte schrieb und Radiosendungen wie „Speaking of Liberty“ und „Voice of Freedom“ moderierte.

1946 nahm Stout seine Schriftstellerkarriere dank Nero Wolfe mühelos wieder auf. Sein Publikum blieb ihm treu bis zum letzten Nero-Wolfe-Roman, der 1975 erschien. Die „Mystery Writers of America“ hatten ihn schon 1959 mit einem „Grand Master Award“ ausgezeichnet. Am 27. Oktober 1975 starb Rex Stout im Alter von 88 Jahren. So groß war der Wunsch seiner Leser nach ‚Nachschub‘, dass Robert Goldsborough zwischen 1986 und 1993 sieben neue Wolfe-Romane schrieb.

Taschenbuch: 139 Seiten
Originaltitel: Three Witnesses (New York : Viking Press 1956/London : Collins Crime Club 1956)
Übersetzung: Astrid Stange
www.fischerverlage.de

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