Azzarello, Brian / Risso, Eduardo – Jonny Double

Kurze, knackige Krimis sind immer eine knifflige Angelegenheit: Sobald man anfängt, etwas über die Handlung zu erzählen, entsteht daraus ziemlich schnell eine Rutschpartie, auf welcher der Leser Spannung verliert. Man läuft schlicht und einfach Gefahr, beim Erzählen zu viel zu verraten. Der Leser reagiert verärgert, vollkommen zu Recht, weil er die Geschichte selber lesen, weil er selber gerne überrascht werden möchte.

Mit dem neuen Einzelband aus der Lizenzschmiede |Cross Cult| verhält es sich eben genau so. „Jonny Double“ ist ein spannender Krimi mit überraschenden Wendungen, über dessen Inhalt nicht zu viel verraten werden sollte. Das durch die Thriller-Serie „100 Bullets“ bekannte Duo Azzarello und Risso legte mit dieser Geschichte sein Debüt vor. Erschienen ist sie zum ersten Mal 1998, in vier Heftchen bei |DC Comics|.

Vielleicht ist es ja eine gute Lösung, über etwas anderes als die Handlung zu sprechen. Vielleicht lohnt es sich, eine interessante Nebensächlichkeit näher zu betrachten, die das ganze Szenario durchzieht, aber vielmehr zum Stil, zur Atmosphäre als zur Handlung beiträgt. Bei Jonny Double gibt es zum Glück solche Nebensächlichkeiten, die letzten Endes auch der Grund dafür sein dürften, warum man die Geschichte mehrmals liest.

Beim groben Blick über die Handlung fallen zwei verschiedene Gruppen auf, um die das ganze Geschehen kreist. Eine Gruppe vertritt dabei das Heute, die andere das Gestern. Jonny Double gehört zur letzteren. Um ihn herum gruppieren sich seine Kumpanen, Nebenfiguren, verkorkst, arm und kurz vor dem Ende. Zu nennen wären da Henry der Säufer oder Koo der Kiffer. Auch Larry der Barkeeper oder Otis der Hotelbesitzer gehören dazu. Jonny passt gut in diesen Kreis, vom Leben hat er nicht mehr viel zu erwarten. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Die Mitglieder der zweiten Gruppe sind beträchtlich jünger, noch fern der Dreißig, selbstbewusst und frech. Dexter, der freundliche Kiffer von nebenan, sitzt da am Tisch, gemeinsam mit dem Hacker Angel, der Sexbombe Faith und noch einigen anderen.

Damit die Geschichte ins Rollen kommt, beginnt natürlich eine Annäherung zwischen den beiden Gruppen. Der Fokus liegt dabei auf der Hauptfigur, auf Jonny. Zunächst sieht er sich bei der jüngeren Gruppe nur um, zieht sich wieder zurück und überschreitet schließlich aber eine Grenze. Er erinnert sich an die Zeit, als er noch jung war. Er sinniert, möchte vielleicht vergessen, dass er auf dem Abstellgleis des Lebens gelandet ist. Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger, da gab es noch Gemeinschaftssinn. Man wollte damals sein Bewusstsein erweitern und die Welt zu einem besseren Ort machen. Zu langsam realisiert Jonny, dass seine Zeit vorbei ist. Auf einer illegalen Party wird er Zeuge, wie junge Leute sich heutzutage amüsieren. Man nimmt Reißaus vor einer untergehenden Welt, in der nichts zählt und nichts mehr Bestand hat. Gemeinschaftssinn goodbye.

Jonny Double kämpft darum, etwas zurückbekommen, was es längst nicht mehr gibt. Als Leser wittert man intuitiv von Anfang an die Fallstricke, über die er am Ende stürzen wird. Die Sache kann einfach nicht gut gehen. Aber die Hauptfigur ist in ihrer Idee gefangen, und man kann sie nicht warnen. Bleibt nur Zugucken bis zum bitteren Ende. Und da steht bei solch einer Geschichte immer eine Entscheidung: Entweder stirbt die Hoffnung oder man stirbt selbst. Pointierter kann eine Crime-Noir-Story nicht sein.

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