Alle Beiträge von Christopher Bunte

Cho, Frank / Murray, Doug – Jungle Girl

Neulich im Umkleideraum eines Fitnessstudios. Ein Fremder steckt mir eine Pressemitteilung zu, die offensichtlich nie ans Licht der Öffentlichkeit gelangen sollte. Bevor ich mir ein Handtuch umschwingen und „Hast du kein Zuhause?“ rufen konnte, war der Fremde auch schon wieder verschwunden. Wer war das? Ein Saboteur? Ein Comic-Leser? Der Hausmeister meiner Mucki-Bude? Fragen über Fragen. Während ich verwirrt mein Handtuch festhalte, beginne ich zu lesen:

|“Betrifft: Frank Chos »Jungle Girl«.

Für Interessierte, zur Kenntnisnahme.

Leidenschaft, Erfolg und Spaß bestimmen die Arbeit von Frank Cho, Doug Murray und Adriano Batista. Nach dieser Philosophie unterstützen sie ihre Leser bei dem Wunsch, besser auszusehen und ein positives Selbstbild zu entwickeln. Das Erfolgsteam ist begeistert von Comics, und das sollen die Leser spüren.

Attraktivität ist das Kernstück ihrer Arbeit. Ihr Motto »Einfach geile Comics lesen.« bringt das kurz und präzise auf den Punkt. Ihre Leser möchten straffe Körper, Explosionen und Dinosaurier sehen. Wie bereits bei »Shanna – The She Devil« steht auch ihr neuester Comic »Jungle Girl« für einen ehrlichen und humorvollen Umgang mit diesen speziellen Wünschen der männlichen Leserschaft.

Frank Cho und sein Team sind erfolgreich, weil ihnen ihre Arbeit Spaß macht. Dieses Gefühl möchten sie an ihre Leser weitergeben. Die Verleger von »Jungle Girl« unterstützen sie dabei. Dynamite Entertainment bietet seinen Fans eine einzigartige Erlebnis- und Lifestyle-Welt. Regelmäßig veranstaltet die Redaktion aus New Jersey spezielle Aktionen, zum Beispiel Variant-Cover, Gewinnspiele oder Wet-T-Shirt-Contests. Und die Leser können immer hautnah dabei sein. Wie bei Jana, der Hauptfigur von »Jungle Girl«, kommt jedes gezeichnete Good-Girl frisch aus dem Design- und Layout-Studio von Dynamite Entertainment. Leseproben gibt es natürlich auch. Außerdem sind alle Cover lackiert und abwaschbar. Kurz: Die Macher von »Jungle Girl« tun alles, damit ihre Fans Freude am Lesen haben.

Frank Cho und sein Team sind Profis in Sachen Comics. Warum? Weil sie sich auf das konzentrieren, was sie am besten können: Geschichten ohne Tiefgang, mit Popos, prallen Brüsten und Dinosauriern. Gemeinsam mit Erotik-Experten, Schönheitschirurgen und Steinzeit-Machos haben sie ein weltweit einzigartiges Lese- und Betreuungskonzept entwickelt. Für ihre Fans heißt das: jederzeit maximale Unterstützung, die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der halbnackten Tatsachen und individuell zugeschnittene Titten-Storys.

»Jungle Girl« ist ein hochwertiges, individuelles Comicprodukt zu einem unschlagbaren Preis. Diese hohe Qualität in den Bereichen Lese- und Masturbationstraining können die Macher den Lesern bieten, weil sie bewusst auf teure Zusatzangebote wie Inhalt, Charaktertiefe und Hintergrund verzichten. »Jungle Girl« zu lesen bedeutet, die Nummer eins des Dschungels zu lesen, gemeinsam mit Hunderttausenden Gleichgesinnter.“|

[Infoseite des Verlags]http://www.paninicomics.de/?s=serie&gs__gruppe=450&t=jungle-girl-s450.html

Niles, Steve / Ruth, Greg – Freaks of the Heartland

So weit das Auge reicht, sieht man Farmland. Ab und zu mischen sich ein paar einsame Bäume, Holzzäune und windschiefe Häuser ins Bild. Ein Schuss fällt, vielleicht auch nur die Fehlzündung eines Traktors, und ein Schwarm Krähen fliegt auf und davon in den schmierig-grauen Himmel. Ödnis pur. Wir schreiben die „gute, alte Zeit“, wann auch immer die gewesen sein mag. Vielleicht regiert gerade Präsident Truman, vielleicht auch schon Eisenhower, so genau interessiert das hier niemanden, es ist auch nicht wichtig an einem Ort, an dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Ein Stück Ende der Welt, ohne Handys, Faxgeräte oder Farbfernseher. „Freaks of the Heartland“ porträtiert den mittleren Westen der USA in den düstersten Farben.

Die Geschichte ist nicht nur das düstere Porträt eines Landstrichs, sondern auch einer Familie. Autor Steve Niles [(„30 Days of Night“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4307 bewegt sich bei der Skizzierung der Figuren hart an der Grenze zu Klischees und Stereotypen: Daddy ist ein Trinker, Mommy wird geschlagen, und Sohnemann Trevor zieht den Kopf ein, so gut es geht. Und in der Scheune, versteckt vor dem Licht der Welt, lebt Will. Er ist von Geburt an anders, unnatürlich groß und kräftig, mit einem Wasserkopf – ein Freak. Die Farmer der Gegend, insbesondere sein eigener Vater, halten ihn für ein Monster, eine Ausgeburt der Hölle, und wollen ihn töten. Brüderchen Trevor hat jedoch was dagegen.

„Freaks of the Heartland“ handelt von der Doppelmoral einfacher Leute. Wer am lautesten „Monster!“ schreit, ist häufig selber eines. Die Geschichte wurde schon oft erzählt und ist spätestens seit „Frankenstein“ ein klassisches Horrorthema. Handlung gibt es bei „Freaks of the Heartland“ so wenig, dass man den Plot fast als statisch bezeichnen könnte. Das macht aber nichts, weil dieses Weniger an Handlung einem Mehr an Atmosphäre zugute kommt. Die wird in erster Linie durch die fabelhaften Bilder von Greg Ruth erzeugt: Dunkle Farben, viel Schatten, ein außerordentlich realistischer, leicht verwischter Strich. Die Qualität der Handlung ist nicht überragend, die der Bilder hingegen schon. Weil es wenig Text gibt, liest sich „Freaks of the Heartland“ recht schnell. Seine Wirkung entfaltet der Band dennoch. Es ist wahrhaftig eine Bilder-Geschichte, unterhaltsam und unheimlich, mit nicht mehr Text als unbedingt nötig. Atmosphärischer und gradliniger Horror, von dem man sich mehr wünscht.

|167 Farbseiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-936480-89-4|
http://www.cross-cult.de

Moore, Alan – WildC.A.T.S 2: Bandenkrieg

WildC.A.T.S 1: [„Heimkehr nach Khera“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4689

Wer Comics liest, kennt Alan Moore. Der Großmeister mit dem Vollbart und dem lilafarbenen Zylinder verfasste Meilensteine der Comic-Literatur wie zum Beispiel „From Hell“, „Watchmen“, „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ oder „V wie Vendetta“. Zwischendurch hat er auch im |WildStorm|-Universum mitgemischt.

Bei |Panini| erschienen im letzten Jahr zwei Bände, die schon etwas älter sind und auf das Konto der britischen Comic-Legende gehen. Kern des Interesses sind dabei die WildC.A.T.S, ein Superhelden-Team, ganz ähnlich wie die JLA oder vergleichbare Vereine: eine Gruppe von Übermenschen, ausgezogen, um das Böse zu bekämpfen. So weit, so lächerlich. Aber schauen wir uns die Story vorerst etwas genauer an.

Zunächst gibt es nicht ein WildC.A.T.S-Team, sondern gleich zwei, nämlich das neue und das alte. Die alten WildC.A.T.S befinden sich auf der Reise zu ihrem Heimatplaneten Khera, bloß um dort enttäuscht festzustellen, dass der ewige Krieg mit den Erzfeinden, den Daemoniten, längst beendet ist. Die neuen WildC.A.T.S halten die alten WildC.A.T.S für tot oder abgereist, jedenfalls weg, und wollen sich neu formieren, was gar nicht so einfach ist, da integere Superhelden schwer zu finden sind. So rangieren die meisten Mitglieder des neuen Teams meistens irgendwo zwischen Ganove und Gelegenheitsheld, immer mit der Frage im Hinterkopf: »… und was springt für mich dabei raus?« Zwischen den Zeilen klingt an, dass eigentlich niemand die WildC.A.T.S braucht und die Menschheit auch gut auf sie verzichten könnte.

Zu Beginn des zweiten Bandes sind die alten WildC.A.T.S wieder auf die Erde zurückgekehrt und müssen sich mit den neuen WildC.A.T.S arrangieren. Eigentlich roch alles nach einer Auflösung des Teams, doch anstatt aus dem Erlebten zu lernen und sich zurückzuziehen, wird einfach weitergemacht wie bisher. Die WildC.A.T.S sind Stressmacher im Heldenkostüm, die sonst nichts mit sich anzufangen wissen. Hin und wieder kommt einem der Heroen ein sehnsüchtiger Nebensatz über die Lippen, im Gedenken an die gute, alte Zeit, irgendwann in den sechziger Jahren, als Helden noch Helden und die Grenzen zwischen guten und bösen Jungs noch klar waren.

Der Rest ist ein ziemliches Gewusel mit unglaublich vielen Hochglanz-Charakteren, die den Großteil der Zeit damit beschäftigt sind, Raketen abzuwehren, Sturmfluten einzudämmen oder Kernschmelzen zu verhindern. Insgesamt viel, viel Action, die damit endet, dass ein Missverständnis geklärt wird, das sich zum Auslöser für den Krieg entwickelt hatte. Was lernen wir daraus? Wenn man miteinander spricht, könnte man sich viele Prügeleien von Anfang an sparen.

Zum Schluss stellt sich heraus, dass der eigentliche Oberschurke in den eigenen Reihen sitzt und ein Meister der Intrige ist. In diesem Zusammenhang funktionieren die beiden WildC.A.T.S-Bände von |Panini| gut als Prequel zu Ed Brubakers „Point Blank“ und „Sleeper“, die seit einiger Zeit bei |Cross Cult| zu haben sind. Denn der intrigante Verräter entkommt und baut ein weltweites Verbrechernetzwerk auf, das wiederum in den späteren Geschichten von Brubaker eine Rolle spielt. Außerdem ist Grifter überall dabei, es gibt also einen Charakter, den man durch alle Bände verfolgen kann.

Ganz so gut wie der erste WildC.A.T.S-Band ist Nummer zwei leider nicht. Alan Moores Seitenhiebe auf das Superhelden-Genre treten ein wenig in den Hintergrund. Es liest sich fast so, als hätte er beim Schreiben Zugeständnisse an die |WildStorm|-Redaktion machen und sein Interesse an der Dekonstruktion im Zaum halten müssen. Er hackt weniger als im ersten Band auf den Charakteren herum (obwohl er wahrscheinlich keinen besonders gut leiden kann), und auch schnippische Bemerkungen sind seltener. Stattdessen werden die Charaktere und der Meta-Plot des |Wild Storm|-Universums vorangetrieben. Das wirkt manchmal wie eine Pflichtaufgabe, die irgendwie sein muss, aber nicht besonders unterhaltsam ist. Mitunter zeigt sich da Sympathie für die Charaktere, die sie eigentlich gar nicht verdienen.

„WildC.A.T.S 2: Bandenkrieg“ ist also ein bisschen inkonsequent, actionlastig, gelegentlich bissig, manchmal unübersichtlich und – das nebenbei bemerkt – sehr gut gezeichnet und koloriert. Wer Superhelden im Allgemeinen und die WildC.A.T.S im Besonderen mag, bekommt hier seine Action-Dröhnung weg. Wer Alan Moore mag, den großen Dekonstruktivisten, bekommt eher magere Kost geboten.

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Mignola, Mike / Arcudi, John / Davis, Guy – Garten der Seelen (B.U.A.P. 6)

B.U.A.P. 1: [„Hohle Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2571
B.U.A.P. 2: [„Die Froschplage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5271

Die Behörde mit dem komischen Namen ist wieder zurück. Wer es noch nicht weiß: B.U.A.P. steht für: Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen. Der Hauptsitz der Organisation wider die bösen Mächte liegt in Colorado, das prominenteste Mitglied ist Hellboy.

Der ist jedoch inzwischen ausgestiegen und untergetaucht. Er geht seine eigenen Wege. Zuletzt wurde er mit der Hexe Babajaga in der Zwischenwelt gesehen. Ohne ihn bleiben zum Böse-Monster-Verkloppen: der Fischmensch Abe Sapien, die Feuerteufelin Liz Sherman, der Untote Captain Daimo, Dr. Kate Corrigan und die Ektoplasma-Projektion Johann Kraus. Früher gab es noch den Homunkulus Roger, aber der ist mittlerweile passé, ausgeschieden ins Totenreich, wenn es denn solch einen Ort für künstliche Lebensformen überhaupt gibt.

Wer jetzt das Gefühl bekommen hat, dass es vorab einen ganzen Haufen Figuren, Ereignisse, Orte und anderes Zeug zu erklären gibt, liegt gar nicht so falsch. Denn B.U.A.P. ist ein Spin-off der |Hellboy|-Serie und tut genau das, was man eben von einem Spin-off erwarten kann: Es füllt Lücken und konsolidiert die bestehende Welt, spinnt sie dabei ein bisschen weiter und gibt den Fans der Serie Lesefutter, das so ähnlich schmeckt und aussieht wie das Original. B.U.A.P. ist eine großartige Spin-off-Serie, vielleicht eine der besten fortlaufenden US-Horror-Serien dieser Tage.

Das neue Abenteuer »Garten der Seelen« dreht sich um die Vergangenheit von Abe Sapien. Er reist nach Indonesien, wo er einige sehr alte Bekannte aus dem 19. Jahrhundert wiedertrifft. Sie können ihm Auskunft über seine nicht sonderlich rühmliche Vergangenheit geben. Andeutungen auf Abes menschliche Existenz hatte es in früheren B.U.A.P.-Bänden schon gegeben. Die Versprechen, die dem Leser dort gemacht wurden, werden jetzt eingelöst. Wer jedoch finsteren Horror sucht, für den Hellboy und seine Kumpels so bekannt sind, wird sich mit »Garten der Seelen« keinen Gefallen tun. Die Handlung ist nicht sonderlich komplex, Hintergründe und Figuren sind gut und mit genügend Platz dargestellt, doch geht die ganze Sache dieses Mal eher in Richtung Abenteuergeschichte: Inseln, Urwälder, exotische Tiere – da winken Indiana Jones oder Corto Maltese aus der Ferne. Die gesamte Geschichte ist rund, gut erzählt, voller origineller Details und grafisch toll von Guy Davis umgesetzt. Wer sich also nicht an dem Weniger an Horror und dem Mehr an Abenteuer stört, der wird an diesem Band seine Freude haben.

Den einzigen Kritikpunkt gibt’s zum Schluss: Obwohl »Garten der Seelen« ein rundum gut gemachter Comic ist, fällt die Selbstreferenzialität ins Auge, die schon viele fortlaufende Serien ereilt hat. Neben den Abenteuern geht es dann oft auf vielen Seiten um die Vergangenheit der einzelnen Figuren oder um das sie verbindende Beziehungsgeflecht, frei nach dem Motto: »Ein bisschen Soap muss sein.« Im Gegensatz dazu entstand beim Lesen der ersten |Hellboy|-Geschichten immer wieder das Gefühl, einem unendlich mysteriösen Kosmos gegenüberzustehen, in dem sich die Figuren fast verlieren und der nie völlig ergründet und erklärt werden kann. In den B.U.A.P.-Geschichten hingegen sind die Figuren größer, sie bekommen mehr Raum. Als Folge wird die Welt, in der sie agieren, kleiner und übersichtlicher. Einige Leser werden diesen Unterschied wahrscheinlich als Geschmackssache empfinden, was er mit Sicherheit ist. Sicher ist aber auch: Eine selbstreferenzielle Geschichte, die kaum über sich hinauszeigt und hauptsächlich um die eigenen Figuren kreist, ist viel häufiger zu finden als ein komplexer, unendlich mysteriöser Kosmos. Was Mignola in den ersten |Hellboy|-Tagen schuf, wird unvergessen bleiben. Ob das bei »Garten der Seelen« auch der Fall sein wird, bleibt abzuwarten.

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Mignola, Mike / Fegredo, Duncan – Hellboy 9: Ruf der Finsternis

Eigentlich ist „Hellboy“ ein Comic für Intellektuelle. Für Schöpfer Mike Mignola jedenfalls waren die Geschichten um seinen Ermittler aus der Hölle schon immer mehr als nur ein Monster-Comic. Mit „Hellboy“ steckte er sich selbst einen Rahmen ab, in dem er all die Geschichten erzählen konnte, auf die er Lust hatte. Das Ergebnis ist ein herrliches Amalgam: Internationale Folklore trifft auf Gothic und Groschenromane.

So ist auch der neueste „Hellboy“-Band „Ruf der Finsternis“ wieder eine Achterbahnfahrt durch Märchen und Geistergeschichten. Ein Schwerpunkt liegt dieses Mal auf der russischen Sagenwelt. Hellboy trifft einige alte Bekannte wieder, darunter Baba Jaga, Hekate und Igor Bromhead. Er muss sich mit einer Versammlung Hexen, mit einer Skelettarmee und mit dem unsterblichen Kriegerfürsten Koshchei herumschlagen. Nur die Nazis, die fehlen dieses Mal.

Solch ein Lieblingsprojekt des Autors muss jedoch noch lange nicht die liebste Comic-Lektüre der Leser werden. Dass „Hellboy“ so viele Fans hat, liegt nicht in erster Linie an den Monstern, dem interessant geflochtenen Storytelling oder dem tollen Artwork. Es liegt an der Hauptfigur selbst. Denn auch der beste Horror-Comic, in dem sich immer nur Gut und Böse kräftig verdreschen, wird irgendwann langweilig.

Die Zeichnungen stammen dieses Mal nicht aus der Feder von Mike Mignola, sondern von Duncan Fegredo („Enigma“). Mignola hatte von der Anfertigung des Artworks für „Hellboy“ Abstand genommen, weil er mit anderen Projekten zu beschäftigt ist. Es ist erstaunlich, wie gut Fegredo die Atmosphäre der Serie trifft, wie sanft und unmerklich der Übergang ist. Normalerweise nehmen es Fans übel, wenn bei lang andauernden Serien ein Zeichnerwechsel stattfindet. Mit der Wahl von Fegredo als neuem Zeichner der laufenden Serie dürfte dieses Problem eingedämmt worden sein. Um es deutlicher zu sagen: „Hellboy“-Fans werden Mignolas Artwork zwar vermissen, aber auch schnell Fegredos Strich schätzen lernen.

Auch in dem neuesten Band wird deutlich, dass Hellboy eine vielfach gebrochene Figur ist. Er befindet sich auf der Suche nach sich selbst, nach seinem Schicksal und seinem Platz in der Welt. Er ist weder gut noch böse, weil das viel zu einfache Parameter sind, um dieser Welt gerecht zu werden. Zugegeben, Sorgen wie Hellboy haben die Leser nicht. Seine rechte Hand ist der Schlüssel zur Apokalypse. Böse Mächte drängen ihn, einen Weltenbrand zu entfachen und die Welt zu verheeren. Sein Ringen ist das Ringen mit dem Schicksal selbst. Nur wenn es einen freien Willen gibt, kann er die Apokalypse abwenden. Dieser innere Konflikt der Hauptfigur sorgt dafür, dass man „Hellboy“ immer weiter und weiter lesen möchte. Es ist noch nicht zu Ende.

|Originaltitel: Darkness Calls
196 Farbseiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-936480-83-2|
http://www.cross-cult.de
http://www.hellboymovie.com

_Die „Hellboy“-Hörspiele auf |Buchwurm.info|:_

Folge 1: [„Saat der Zerstörung 1“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5393
Folge 2: [„Saat der Zerstörung 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5413
Folge 3: [„Der Teufel erwacht 1“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5531
Folge 4: [„Der Teufel erwacht 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5571

Jung, Anna-Maria – Xoth! – Die unaussprechliche Stadt

Ein Debüt ist „Xoth!“ eigentlich nicht. Die Autorin und Zeichnerin Anna-Maria Jung ist in der deutschen Independent-Comic-Szene jedenfalls keine Unbekannte mehr. Mit kurzen Beiträgen machte sie bereits in den Anthologien „Panik Elektro“, „Jazam!“ und dem |Comicgate|-Magazin auf sich aufmerksam.

Der Zeichenstil der österreichischen Künstlerin ist rund und glatt, auf den ersten Blick möchte man sagen: kinderfreundlich. Ihre Themen sind es jedoch weniger. Ob ausufernde Sexualität oder die innige Liebe zu einem Hirnegel – normal ist das nicht. Manchmal geht es derb zur Sache, gewürzt mit einer Prise österreichischem Dialekt und mit Techniken, die Jung aus dem Animationsfilm mitgebracht hat.

Ihr neuer Comic „Xoth!“ ist all das und mehr. Sie spinnt darin eine fabelhafte Geschichte über Monster, die Liebe und das Anderssein, angelehnt an die Arbeiten des Horror-Altmeisters H. P. Lovecraft. Bei den Freunden dunkler Fantasy findet sein Cthulhu-Mythos zahllose Fans und Verehrer. Jungs Diplomarbeit an der FH Salzburg diente ihr als wertvolle konzeptionelle Vorarbeit, bevor der Zeichenstift überhaupt zum ersten Mal geschwungen wurde. Sie kennt sich also in Lovecrafts Kosmos gut aus, was man ihrem Comic anmerkt und ihm die notwendige Dichte verleiht.

In Zusammenarbeit mit Christopher „Piwi“ Tauber, Stefan Dinter und dem |Zwerchfell|-Verlag Stuttgart entstand dann „Xoth! – Die unaussprechliche Stadt“. Es ist bisher das umfangreichste und aufwändigste Comic-Projekt von Anna-Maria Jung – ihr erstes eigenes Comic-Buch, irgendwie also doch ein Debüt. Ihre Fan-Gemeinde hat lange darauf warten müssen.

Das Thema von „Xoth!“ ist einfach klasse. Freunde von Lovecraft und Cthulhu finden hier vollwertige Lesekost, die von Herzen und nicht von der Stange kommt. Die Handlung ist originell und nur bedingt vorhersehbar, allerdings weniger Horror, sondern vielmehr Comedy und Lovestory. Ein Buch wie ein Augenzwinkern: Leicht und nicht ganz ernst gemeint. Von der ersten bis zur letzten Seite ist „Xoth!“ gute Comic-Unterhaltung.

[Xoth!-Website]http://www.xoth-comic.net
[Zettgeist-Podcast: Anna-Maria Jung über Xoth!]http://zettgeist.blogspot.com/2008/11/zettgeist-058-ber-xoth-die.html
[Weblog von Anna-Maria Jung]http://pocket-universe.blogspot.com

Miller, Frank / Darrow, Geof – Hard Boiled

Bei dem Namen Frank Miller denkt man an Titel wie „300“, „Batman“ und „Sin City“. Mit der Neuauflage von „Hard Boiled“ findet nun ein weniger bekanntes Werk den Weg zurück in die Regale. Gewalt und Gesellschaftskritik gibt es auch hier, wie nicht anders zu erwarten von dem hartgesottenen US-Comic-Star.

Hinter dem Titel „Hard Boiled“ könnte man so ziemlich jede Art von Geschichte verstecken, die mit harten Kerlen, Action und Gewalt zu tun hat. Vielleicht haben Frank Miller und Geof Darrow diesen nichtssagenden Titel ausgesucht, weil sie nichts zu sagen hatten. Beim flüchtigen Drübergucken denkt man jedenfalls nicht lange nach, hat bloß harte Kerle, Action und Gewalt im Kopf. Und siehe da, beim Durchblättern: Auch zwischen den Buchdeckeln hält der Titel, was er verspricht! Harte Kerle, Action und Gewalt! Wurde da etwa Philip K. Dicks Science-Fiction-Satire hirnlos verwurstet und auf ein unterhaltsames Prügelvergnügen reduziert?

Zunächst soll etwas Klarheit geschaffen werden. Der harte Kerl in dem neuen Band von| Cross Cult| hat mehrere Namen. Mal heißt er Nixon, mal Harry Seltz, mal Harry Burns, mal Carl Burns und am Ende auch Einheit Vier. Trotz der vielen Namen ist es immer dieselbe Figur. Einheit Vier ist Zweierlei. Auf der einen Seite ist er ein knallharter, knallroter Roboter unter einem Fleischkostüm. Auf der anderen Seite ist er ein Steuerbeamter, der ein friedliches Leben in der Vorstadt führt. Ehefrau, zwei Kinder, Eigenheim. Die letztgenannte Person ist er nur in seiner Phantasie. Das Bewusstsein, Familienvater und ein echter Mensch zu sein, ist bloß eine Illusion, implantiert von skrupellosen Wissenschaftlern, um den Killer-Roboter besser kontrollieren zu können. Für Einheit Vier (und den Leser) ist dieser Unterschied marginal. Nixon schliddert von einem Fiebertraum in den nächsten, die Grenze zwischen Fiktion und Phantasie weicht langsam auf.

Zu Action und Gewalt braucht man eigentlich nicht viel zu sagen. In außergewöhnlich detailreichen und realistischen Bilder schildert Geof Darrow Verfolgungsjagden, Schlägereien und Schusswechsel. Trotz der realistischen Bilder werden die expliziten Szenen immer so weit übertrieben, dass man beim Lesen nie in die Verlegenheit gerät, sie für realistisch zu halten. Es ist ein ganz und gar künstliches Universum, in das Autor und Zeichner da den Leser werfen. Zur Gewalt gesellt sich übrigens auch noch Sex, nicht als zentrales Thema, aber doch wahrnehmbar, mit einer ähnlichen Gewichtung wie bei Frank Millers „Sin City“, wo Sex eben auch eine Rolle, aber nicht die entscheidende Rolle spielt.

Zwischen den Zeilen klang bereits an, dass „Hard Boiled“ Satire ist. Satire versucht, sich durch bestimmte Methoden über bestimmte Personen und Anschauungen lustig zu machen. Beispielsweise durch Ironie und Übertreibung. Und es ist herrlich ironisch, wenn Nixon auf dem Boden sitzt, das künstliche Fleisch vom Gesicht und den Händen abgelöst, so dass man seine roten Metallknochen sieht, und vor sich hinsagt: »Ich dachte, ich wäre ein Durchschnittstyp!« Es ist herrlich übertrieben, wenn der Chef von Nixons Firma gezeigt wird, unglaublich fett, angehängt an eine Apparatur, die endlos Pepsi und Pommes nachschiebt. Miller übertreibt nicht nur die Gewalt, sondern er übertreibt, wo er nur kann.

Die Person, über die sich in „Hard Boiled“ lustig gemacht wird, ist der Durchschnittstyp, für den Nixon sich hält. Dieser Durchschnittstyp hat ein Haus in der Vorstadt, eine Frau und zwei bezaubernde Kinder. Er fährt tagtäglich zu seinem langweiligen Job bei der Steuerbehörde, ohne dass sich irgendetwas verändert. Extreme sind ausgeschlossen, die Tage gleichen einander wie ein Ei dem anderen. Das Ende der Geschichte entlässt den Leser in fabelhafte Zweifel. Haben wir wirklich einem Super-Roboter zugeguckt, der sich für einen Durchschnittstypen hält? Oder haben wir einem Durchschnittstypen zugeguckt, der sich ausmalt, wie es wäre, ein Super-Roboter zu sein? Brillant, dass diese Kehrseite der Medaille in „Hard Boiled“ auch sichtbar wird. Hirnlose Verwurstung ist das auf gar keinen Fall. Ein unterhaltsames Prügelvergnügen bleibt es natürlich trotzdem.

|Originaltitel: Hard Boiled, Dark Horse Comics 1990
Ausgezeichnet mit dem Eisner Award
128 Seiten, farbig, 28,5 cm
Empfohlen ab 16 Jahren
ISBN-13: 978-3-936480-90-0|
http://www.cross-cult.de/

Ennis, Garth / Robertson, Darick / Snejbjerg, Peter – The Boys 2 – Der glorreiche Fünfjahresplan

Band 1: [„Spielverderber“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4112

Garth Ennis liebt das Derbe. Über seine neue Serie „The Boys“ freut er sich wahrscheinlich wie ein kleines Kind. Die Superhelden bekommen darin richtig übel auf den Sack. Pardon wird nicht gewährt.

Der zweite Band von „The Boys“ enthält zwei separate Geschichten: „Eingelocht“ und „Der glorreiche Fünfjahresplan“. Die Grundidee bleibt – wie im ersten Band – die Konfrontation mit den Superhelden, am besten eine möglichst derbe und brutale. Wenn die Heroen in Strumpfhosen Mist bauen, sind The Boys zur Stelle, um ihnen auf die Finger zu klopfen. Das ganze Szenario könnte auch das |Marvel|- oder |DC|-Universum sein, nur halt einen Touch bösartiger. Anspielungen auf die populären Welten der Großverlage gibt es in „The Boys“ wie Sand am Meer. Gut leiden kann Autor Garth Ennis die ‚Supies‘ nicht. Denn die fliegenden Übermenschen in „The Boys“ sind pervers, hochmütig und asozial. Ihre Kräfte verdanken sie entweder teurer Hochtechnologie oder dem Wirkstoff V, einer Art Superhelden-Serum.

Die wichtigsten Figuren von „The Boys“ sind sicherlich Butcher und Hughie. Der eine ist ein undurchsichtiger Fiesling mit derbem Humor, der andere ein Grünschnabel, der Schüler sozusagen, der noch nicht viel von den Abgründen der äußerlich so strahlenden Superhelden-Welt weiß. Butcher zeigt ihm, was er wissen muss. In „Eingelocht“ gehen die beiden einem Todesfall auf den Grund. Ein schwuler Junge hat sich vom Hochhaus gestürzt. Die Polizei geht von Selbstmord aus und ist nicht sonderlich interessiert an dem Fall. Butcher und Hughie wissen jedoch, dass die beiden Superhelden Tek-Knight und Swingwing darin verwickelt sind. Grund genug, misstrauisch zu werden und Nachforschungen anzustellen. „Der glorreiche Fünfjahresplan“ führt die wilde Truppe gen Osten, nach Russland. Dort geht es um Staatsgeschäfte in der postkommunistischen Ära. Sowohl Washington als auch die russische Mafia wollen ein Stück von dem großen Kuchen abhaben. Eigentlich eine Agentengeschichte, kommen die Superhelden hier doch eher am Rande vor und sind lediglich Mittel zum Zweck.

Nachdem im ersten Band die Grundidee, das Setting und die Charaktere vorgestellt wurden, geht es nun um den Plot und die Richtung, in die „The Boys“ will. Es bleibt natürlich derb. Gastauftritte haben beispielsweise ein mit Sprengstoff gefütterter Vibrator, Sperma im Kaffee und ein abgerissenes Gesicht auf einer Pizza. Solche Art Humor ist sicher nicht für jeden etwas. Wer Ennis kennt, ahnt, dass die Abrechnung mit der schillernden Welt der Superhelden nicht besonders intelligent oder feinfühlig ausfällt. Ein großer Dekonstruktivist wie beispielsweise Alan Moore oder Frank Miller ist Garth Ennis nicht. Er ist eher ein kleines Kind, das Kacke an die frisch gestrichene Hauswand wirft. Man muss diesem derben, extrem sexistischen Humor etwas abgewinnen können, um an „The Boys“ Spaß zu haben. Die Grundidee ist seit Band 1 verheizt, die Handlung funktioniert, trägt alleine aber nicht weit genug.

Unterm Strich: „The Boys“ ist bestimmt die unterhaltsamste Klolektüre, die ich derzeit im Schrank stehen habe. Aber auf dem Küchentisch meiner Wohngemeinschaft würde ich diesen Comic nicht unbedingt liegen lassen.

http://www.paninicomics.de/?s=Wildstorm

Oliver, Simon / Moore, Tony – Exterminators 1 – Käferkiller

Kakerlaken sind eklig. Aber auch interessant. Das Cover von „Exterminators“ ist jedenfalls ein Blickfang. Zu sehen ist eine Kakerlake in voller Pracht, wie sie Beine und Fühler ausstreckt. Sowas möchte niemand in seiner Küche haben. Zum Glück gibt es die tapfere Truppe von |Bug-Bee-Gone|. Die Kammerjäger ziehen jeden Tag aufs Neue aus, um die Zivilisation vor dem Untergang zu bewahren. Denn das Chaos ist auf dem Vormarsch. Und es ist hungrig.

Henry fährt mit einem gelben Pick-up durch die Gegend und vernichtet Ungeziefer. Nicht gerade ein Traumjob. Ungeziefer, das bedeutet: Ratten, Kakerlaken und Waschbären. Der gelbe Pick-up gehört seinem Stiefvater Nils, der Chef eines kleinen Ladens namens |Bug-Bee-Gone| ist („Excellence in Terminating“). |Bug-Bee-Gone| ist ein Sammelbecken für alle möglichen Sorten von Sonderlingen. AJ, der neben Henry im Pick-up sitzt, ist ein sexistisches Schwein und jagt sich gerne blaues Vertilgungsmittel in die Venen. Stretch trägt einen Cowboyhut und glaubt an Karma und die Wiedergeburt. Und Kevin, na ja – ist eben Kevin …

Henry passt da gut rein, obwohl er es noch nicht so richtig wahrhaben will. Er ist ein Ex-Knacki, auf Bewährung draußen, der versucht, mit dem Job sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Irgendwie glaubt der Leser von der ersten Seite an nicht, dass daraus tatsächlich etwas wird. Denn |Bug-Bee-Gone| ist nicht einfach nur ein Sammelbecken für soziale Außenseiter. Hinter den gelben Pick-ups, den Vertilgungsmitteln und den Atemmasken schlummert die geistige Haltung, mehr zu sein als ein Team von Kammerjägern. Die Jungs von |Bug-Bee-Gone| sind die Elite im Überlebenskampf der Menschheit. Ihr Gegner: Ratten, Kakerlaken und Waschbären. Mensch gegen Natur, Ordnung gegen Chaos. Nicht grundlos wird gleich zu Beginn der Untergang des Römischen Reiches beschworen. Alles, was von dem Weltreich blieb, waren Ratten, denen die Pest im Fell saß.

Der erste Band von „Exterminators“ fühlt sich an wie der Auftakt zu einer großen, wirklich guten Geschichte. Der Plot setzt sich aus verschiedenen kleinen Handlungen zusammen, liebevoll verbunden durch originelle Details wie einen Skarabäus oder eine Schatulle mit vier Schlüssellöchern. Immer wieder hat man das Gefühl, den ganz normalen Alltag von Kämmerjägern mitzuerleben, immer wieder das Gefühl, als würde es um etwas ganz anderes gehen. Bemerkenswert ist, dass das Ungeziefer immer dort auf dem Vormarsch ist, wo der sozialen Verantwortung die Puste ausgeht: In verfallenen Mietshäusern, in den Ghettos oder in einer halb vergessenen Nervenklinik. Es ist eine liebevolle Geschichte über Außenseiter, folgerichtig ist der einzige wirkliche Bösewicht – neben den Kakerlaken – ein gewissenloser Großkonzern. Und dazu stimmt die Optik. Zeichner Tony Moore ist bekannt dafür, sich viel Zeit für seine Panels zu nehmen. Für die Zombies in „The Walking Dead“ studierte er eigens den Verfallsprozess von menschlichen Leichen. Dieses Mal hat er bestimmt Käfer und Kakerlaken observiert.

„Exterminators“ beeindruckt durch eine witzige Idee, gut ausgearbeitete Charaktere und tolles Artwork. Die recht ungewöhnliche und unterhaltsame Geschichte über Kakerlaken und ihre Jäger geht hoffentlich bald weiter. Denn noch ist die Menschheit nicht aus dem Schneider. Der Kampf gegen das Chaos geht weiter.

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Busiek, Kurt / Alberti, Mario – Redhand 1 – Der Preis des Vergessens

Ein amerikanischer Autor und ein italienischer Zeichner machen zusammen einen Comic in französischem Format. |Cross Cult| macht ernst mit seinem Verlagsnamen. Das Verlagshaus aus Asperg veröffentlichte schon zuvor Arbeiten, in denen sich unterschiedliche Comicsphären miteinander kreuzten. Hochkarätig ist die Besetzung: Autor Kurt Busiek („Astro City“, „Conan“) und Zeichner Mario Alberti („Morgana“) erzählen die Geschichte von Redhand, einem einsamen Superkrieger.

Das archaische Cover lässt es nicht vermuten, aber die ersten Seiten von Redhand sind Sciencefiction. Text gibt es auf diesen ersten Seiten nicht, da fällt die Orientierung zunächst schwer. Der Leser blickt auf eine große Stadt und wohnt einem Bombenanschlag bei. Offensichtlich soll eine Kammer mit mehreren verkabelten Überwesen in die Luft gejagt werden. Die Bilder erzählen von einer Explosion, so gewaltig, dass sie sogar noch aus dem All zu erkennen ist. Ein Anschlag in einer hochentwickelten Metropole, mehr bekommen die Leser vorerst von dieser Zukunft, die bald Vergangenheit sein wird, nicht mit.

Man braucht einen Augenblick, um zu begreifen, wie die Geschichte danach weitergeht. Der Planet ist noch derselbe, allerdings viele Jahrhunderte später. Die hochentwickelte Zivilisation ist verschwunden, ausgelöscht. Zurück blieben nur ein paar Ruinen. Ein Stamm verfolgt einen anderen, gekämpft wird wieder mit Speeren, Schwertern und Pfeil und Bogen. Es gibt ein facettenreiches göttliches Pantheon, zudem Magie und Priester. Von hochentwickelter Technologie keine Spur mehr.

Durch einen Zufall stößt einer der Stämme auf eine versteckte Kammer, eine so genannte Stätte der Alten. Hier schlummern in grünen Sarkophagen die Überreste humanoider Wesen. Götter oder Dämonen aus längst vergangenen Tagen? Niemand kann sagen, ob dieser Ort Gutes oder Böses in sich birgt. Als die Entdecker schon denken, alles in der Kammer sei tot, erwacht in einem Sarkophag Leben. Ein nackter Mann, rothaarig und muskulös, kommt hervor. Er spricht eine fremde Sprache und rettet seine Entdecker mit brachialer Gewalt vor ihren Verfolgern. Bald wird der Fremde den Namen Redhand bekommen, eine neue Sprache lernen und versuchen, sich in die archaische Kultur der Stämme einzugliedern. Mit katastrophalen Folgen. Denn Redhand ist eine Kampfmaschine, Krieg liegt ihm im Blut.

Die Story von Redhand ist gut erzählt, wie von Kurt Busiek nicht anders zu erwarten, actionlastig, besitzt aber eine Fülle von Figuren, zu denen sich nicht so leicht eine persönliche Verbindung aufbauen lässt. Zu oft wird man mit Statements wie „Ich bin, was ich bin“ oder „Ich tue, was ich tue“ abgespeist. Redhand ist die traurig-melancholische, undurchschaubare Kampfmaschine, der Priester des Dorfes ist der Neidhammel, und Redhands barbusige Geliebte ist der Schuss Erotik in der Handlung. Alles in allem gut komponiert, aber kein atemberaubender Höhenflug, wie man nach so manchen Ausgaben von Busieks „Astro City“ vielleicht hätte erwarten können. Wer die „Conan“-Storys von Busiek mochte, wird in „Redhand“ eine merkwürdige Form zerbrechlichen Höhlenmenschentums wiederfinden.

Anders hingegen das Artwork: Mario Alberti hat mit „Redhand“ phantastische Arbeit geleistet und liefert detailverliebte, nicht überfrachtete und interessant komponierte Bilder, die dem Auge schmeicheln. Landschaften und Innenräume, Anatomie, Licht und Schatten – all das sitzt und macht auch beim x-ten Ansehen immer noch Riesenspaß.

Redhand ist vorerst angelegt auf drei Bände. Der nächste Band erscheint voraussichtlich im September 2008.

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Feist, Raymond E. / Oeming, Michael / Glass, Bryan – Lehrling des Magiers, Der (Midkemia-Saga 1)

Mit Raymond E. Feists „Der Lehrling des Magiers“ veröffentlicht |Panini Comics| ein weiteres Bruchstück aus seinem wachsenden Fantasy-Segment. Darin geht es um Freundschaft, Lehrjahre und die erste große Liebe. Aber Drachen und Trolle kommen auch vor, keine Sorge.

|Panini| gilt gemeinhin als Verlag der Superhelden. Batman, Superman, Spider-Man und die Fantastischen Vier verlassen dort jeden Monat Hand in Hand die Druckerpresse, frisch verpackt und eingeschweißt, bereit und versandfertig für den Kiosk. Wer jedoch genauer hinsieht, stellt fest, dass |Panini| noch mehr als Superhelden zu bieten hat. Mittlerweile beackert der Verlag eine ganze Reihe unterschiedlicher Segmente. Neben den Helden in Strumpfhosen erscheinen dort auch Comics zu Filmen und Fernsehserien („Star Wars“, „Buffy“), zu Computer- und Rollenspielen („Silent Hill“, „Hellgate“, „Warhammer 40.000“) sowie jede Menge Literatur für adoleszentes Publikum („Criminal“, „Sandman“, „DMZ“). Von der riesigen Auswahl an Mangas einmal ganz zu schweigen.

Ein weiteres, kontinuierlich von |Panini| erschlossenes Segment sind Fantasy-Comics. Als Vorlage solcher Comics dienen Romane, die sich in der Vergangenheit bereits erfolgreich ein Publikum erobert haben. „Dragonlance“, „Elric“ und „Conan“ zum Beispiel sind seit langer Zeit Fixsterne am Himmel der Fantasy-Literatur, und es ist zu erwarten, dass eingefleischte Fans der Romanvorlagen auch bei den Comics zugreifen werden.

Mit Raymond E. Feists „Der Lehrling des Magiers“ befinden wir uns mittendrin. |Panini|s Fantasy-Comics wenden sich weniger an ein erwachsenes, sondern eher an ein jugendliches Publikum. So auch die Geschichte um die beiden Freunde Pug und Tomas. Sie wachsen zusammen auf Schloss Crydee in dem fantastischen Reich Midkemia auf. Als es Zeit wird, einen Lehrmeister zu suchen und eine Ausbildung anzufangen, kommt der athletische Tomas bei dem Schwertmeister Fannon unter. Er wird zu einem Krieger herangezogen und im Umgang mit der Klinge trainiert. Pug hingegen geht bei dem Meistermagier Kulgan in die Lehre und zeigt dort einiges Geschick und Talent. Die Freundschaft und die Lehrzeit der beiden Jungen bilden einen wichtigen Teil der Geschichte. Später kommen noch andere Momente hinzu, beispielsweise Pugs Gefühle für die schöne Prinzessin Carline oder eine Bedrohung aus einer anderen Dimension.

An die Grenzen des durch Comics Erfahrbaren führt dieser Comic sicherlich nicht. Ihm haftet eben jene merkwürdige Sperrigkeit an, die häufig entsteht, wenn ein Roman zu einem Comic umgeschrieben wird. Die Figuren sind ein wenig zu glatt und konturlos, zwar unterscheidbar, aber eben doch noch zu nah am Klischee, um frisch und lebendig zu wirken. Sieht man von dieser grundlegenden Schwäche der Charakterisierung und der Atmosphäre einmal ab, funktioniert „Der Lehrling des Magiers“ bemerkenswert gut. Die verschiedenen Handlungsebenen greifen gut ineinander, und trotz der Fülle von Nebenfiguren behält der Leser die Übersicht. Optisch macht außerdem die erste Hälfte von Brett Booth einiges her. (Die zweite Hälfte des Bandes von Ryan Stegman fällt hingegen etwas schwächer aus.)

Thematisch ist „Der Lehrling des Magiers“ ein Comic für Jugendliche. Es geht um Aufbruch und Lehrzeit, um die Fragen, wer man ist und wohin man im Leben gehört. Durchmischt wird das Ganze mit Miniaturdrachen, Trollen, Feuerbällen und Elfen. Ein innovativer Comic ist das nicht. Aber es ist solide Fantasy, die ja schon immer gerne etwas konservativ daherkam.

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_Raymond E. Feist auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Lehrling des Magiers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=864 (Die Midkemia-Saga 1)
[„Der verwaiste Thron“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=866 (Die Midkemia-Saga 2)
[„Der Dieb von Krondor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=566 (Die Legenden von Midkemia 3)
[„Die Kelewan-Saga I“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=861
[„Der Sklave von Midkemia“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=881 (Kelewan-Saga 3)
[„Zeit des Aufbruchs“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=888 (Kelewan-Saga 4)
[„Die schwarzen Roben“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=896 (Kelewan-Saga 5)
[„Tag der Entscheidung“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=899 (Kelewan-Saga 6)
[„Elfenhügel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=903

Moore, Alan / Charest, Travis – WildC.A.T.S 1: Heimkehr nach Khera

Auf den ersten Blick ist Heimkehr nach Khera ein ziemlich gewöhnlicher Superhelden-Comic. Vom Cover bis zur letzten Seite springen da dem Leser die WildC.A.T.S entgegen: bunte, athletische Körper ohne den geringsten Makel. Sie sind ein außerirdisches Superhelden-Team, vergleichbar mit der JLA oder den Teen Titans. Sie können durch die Luft fliegen, Wände einreißen und andere tolle Sachen machen. Ihre Fähigkeiten setzen sie natürlich nur zum Guten ein, Menschheit beschützen, Katastrophen verhindern, Katzen retten und dergleichen. Von den knalligen Seiten lächelt einem die glatte Plastikwelt der US-Comicindustrie entgegen. Nach wie vor führen Superhelden in den USA die Verkaufszahlen an.

Frank Neubauer kennt sich mit Superhelden aus. Schließlich hat er sie lange übersetzt, beispielsweise für |Ehapa| oder |Dino Comics|. Vor einer Weile fand er sehr passenden Worte, um den Charme vieler Superhelden-Comics zu beschreiben. „Bei manchen Serien stumpft man ab, weil man bei Heft 20 weiß: Okay, da kommen jetzt vier Seiten Vorstellung der Figuren, fünfzehn Seiten auf die Mütze hauen und drei Seiten Abgesang“, so Neubauer in einem Gespräch mit |Comicgate.de|. Schema F also. Was tun? Durchblättern, lächeln und wegwerfen, das Zeug?

So ein Einstieg verrät natürlich, dass bei „Heimkehr nach Khera“ vieles anders ist. Muss es auch, schließlich ist der kürzlich bei |Panini| erschienene Band schon zwanzig Jahre alt. Kurz nach seiner Erstveröffentlichung in den USA erschien er hierzulande bei |Splitter|. Die Alben sind natürlich längst vergriffen, so dass das Szenario lange Zeit in der Versenkung verschwunden war. Einen stinknormalen Superhelden-Comic hätte niemand wieder ans Licht holen müssen.

In Wirklichkeit handelt es sich bei „WildC.A.T.S: Heimkehr nach Khera“ um eine seltene Perle im Superhelden-Universum. Einen ersten Hinweis darauf könnte der Name des Autors auf dem Cover sein, wenigstens für eingefleischte Comic-Fans. Denn hier hat der Brite Alan Moore Hand angelegt. Moore, eher bekannt durch Klassiker wie [„V wie Vendetta“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2428 „Watchmen“ oder „From Hell“, hat im Laufe seiner Karriere auch Spuren im amerikanischen Mainstream hinterlassen. So schrieb er unter anderem auch an Jim Lees „WildC.A.T.S.“ mit.

Neben Frank Miller ist Alan Moore einer der großen Dekonstruktivisten des Superhelden-Comics. Soll heißen: Anstatt Geschichten von aalglatten Übermenschen zu erzählen, nimmt er Abstand von solchen Konzepten und konzentriert sich auf die zerbrechlichsten Stellen seiner Figuren. Eben dieses Interesse macht „Heimkehr nach Khera“ zugleich spannend und unterhaltsam. Wer sich jetzt ein düsteres, sich selbst auflösendes Werk denkt, liegt falsch. Es sind noch immer Superhelden, sie bleiben es auch bis zum Ende, aber sie ringen mit sich selbst, nicht mit ihren Feinden. Parallel beackern Moore und der fabelhafte Zeichner Travis Cherest zwei Schauplätze, nämlich Khera und die Erde. Ein Teil der WildC.A.T.S ist zu ihrem Heimatplaneten zurückgekehrt, einige andere sind auf der Erde geblieben und versuchen dort, ein neues Superhelden-Team aufzubauen.

Auf Khera müssen die WildC.A.T.S feststellen, dass der Krieg gegen die Erzfeinde (die Daemoniten) inzwischen gewonnen wurde. Nach dem Krieg kam weder ein Paradies noch der himmlische Friede, sondern eine strenge soziale Hierarchie und mit ihr eine Ordnung, die auf viele einstige Lichtgestalten einen finsteren Schatten wirft. Wer Freund oder Feind ist, hängt plötzlich vom eigenen Standpunkt ab und ist nicht mehr vordefiniert. Es ist die Ebene der Politik, die Alan Moore da berührt. Die Folge ist der Zusammenbruch des Teams, weil jeder auf andere Art und Weise auf die soziale Ungerechtigkeit reagiert. Man könnte auch sagen, die WildC.A.T.S zerfleischen sich selbst in dem Moment, als ihnen die Feinde ausgehen.

Die Probleme auf der Erde sind etwas anders gelagert. Dort versuchen die verbliebenen WildC.A.T.S ein neues Team aufzubauen. Das gelingt nach einigen Anstrengungen auch, aber das Ergebnis ist höchst unbefriedigend. Die neuen Mitglieder sind in erster Linie gewalttätig und auf ihren eigenen Vorteil bedacht und erst in zweiter Linie Diener am Gemeinwohl. Mit H.A.R.M., dem ersten Superschurken, den sie fertigmachen, bekommt der Leser beinahe Mitleid. „Er hatte nur einen kindischen Traum … Er wollte 1500 Pfund wiegen und Boden-Luft-Raketen in den Schultern haben.“ Aus der Traum. Die neue WildC.A.T.S besuchen den Schwerverbrecher zu Hause und erschießen ihn, natürlich aus Versehen. Kein Wunder, dass die Unterwelt auf so eine Provokation reagiert. Ganz zu schweigen von der Witwe …

Wer als Kind gerne Superhelden-Comics gelesen hat und glaubt, dem Medium inzwischen entwachsen zu sein, sollte einen Blick auf „Heimkehr nach Khera“ werfen. Dieser Comic macht einfach Spaß. Unter der Oberfläche des recht simplen Plots schlummert ein wunderbarer Witz und Verstand, so dass sich die Geschichte trotz ihres Alters noch immer frisch und lebendig anfühlt. Und nicht nur die Story und die Dialoge, sondern auch die Zeichnungen und die Kolorierung sind brillant. Hier wurde aus der Versenkung geholt, was nicht dorthin gehört. Auf die Mütze hauen und drei Seiten Abgesang? So einfach macht es sich Moore bei den „WildC.A.T.S“ zum Glück nicht.

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Azzarello, Brian (Autor) / Risso, Eduardo (Zeichner) – 100 Bullets: Bd. 7 – Samurai

Brian Azzarello und Eduardo Risso werden seit einiger Zeit als Dream-Team des US-Action-Comics gehandelt. Nicht ohne Grund. Ihre Serie „100 Bullets“ ist ein Dauerbrenner und hat schon einen Haufen Preise abgeräumt. Hierzulande folgt |Panini| der Spur und veröffentlichte kürzlich „Samurai“, den siebten Band der Serie. Er enthält die Knastgeschichte „Chillen im Ofen“ und die Parabel „InStinkt“.

„Chillen im Ofen“ ist eine Gefängnisgeschichte, in der eigentlich nicht viel passiert. Die Handlung ist recht statisch und gleicht eher einem erzählten Gemälde als einer Achterbahnfahrt. Eingangs wird der Knastbruder Loop, die Hauptfigur dieses Vierteilers, aus der Einzelhaft entlassen. Mehrere Tage hat er in einer kakerlakenverseuchten Höhle ohne Fenster zugebracht. Nun wird er zurück in den Alltag hinter Mauern geschickt. Wieder unter Leuten, muss er aufpassen, dass ihm niemand das Fell über die Ohren zieht. Loop ist nämlich gut darin, sich Feinde zu machen. Nacheinander werden nun die Figuren ins Feld geführt, die ihm ans Leder wollen. Ex-Minuteman Lono ist darunter, Aufseher Dirtz und schließlich Nine Train, dem Loop die Luftröhre brach, weswegen er in der Einzelhaft landete. Viel Platz zum Manövrieren bleibt ihm nicht, denn seine Gegner sind alle größer, stärker und einflussreicher als er. Was er braucht, ist eine List, ein Zaubertrick, um aus der Situation herauszukommen. Eine Geschichte ohne Agent Graves, ohne einhundert Kugeln, dafür aber mit Lono und Sheperd, die direkt an die Episode „Die Nacht des Zahltags“ (100 Bullets 6: [„Sechs im Roten Kreis“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3283 anknüpft.

In dem Dreiteiler „InStinkt“ dreht sich alles um Tiger, Mafiosi und zwei Junkies. Einer der Heroinabhängigen ist der ehemalige Minuteman Jack, ein großer Kerl mit zerschlissenen Hosen und einer Pistole, die ihm Agent Graves gab. Plus einhundert Kugeln, die nicht zurückverfolgt werden können. Zu der Waffe gab Graves noch den Hinweis, dass Jack sich selber in die Scheiße geritten habe. So ist Jack also angehalten, über sich selbst nachzugrübeln. Zurzeit kurvt er mit seinem Junkie-Freund Mikey durchs nächtliche Nirgendwo. Als Mikey den Wagen zu seinem Cousin Garvey lenkt und Jack dort einen stolzen Tiger hinter Gittern erblickt, bekommt er den entscheidenden Denkanstoß. Der Tiger wird zum Spiegelbild seiner eigenen Situation. „Ob er glaubt, er hat’s verratzt?“ Während Jack auf solch geistigen Höhenflügen reitet, empfängt Cousin Garvey Besuch. Drei suspekte Herren aus der Großstadt mit italienischem Akzent sind angereist, um viel Geld auszugeben und dafür einen Tiger zu erschießen. In seinem Käfig, null Risiko. Der König des Dschungels als Schlachtvieh. Jack erkennt, dass für ihn der Zeitpunkt gekommen ist, um sein Leben zu ändern. Hätten sich die italienischen Herren doch besser einen anderen Tag für ihren Besuch ausgesucht …

Wer die Arbeiten von Azzarello und Risso mag, wird an „Samurai“ seinen Spaß haben. Knallharte Macker, scharfe Babes, kurze, bissige Wortwechsel und ein schmierig-düsteres Ganoven-Milieu machen auch dieses Mal wieder den Flair der Storys aus. Etwas spannender kommt der erste Teil „Chillen im Ofen“ weg, da die Handlung facettenreicher und weniger vorhersehbar ausfällt als „InStinkt“. Das zweite Szenario lahmt, weil der Leser zu schnell den Braten riecht, der ihm da vorgesetzt werden soll. Das Gleichnis zwischen Tiger und dem Minuteman Jack ist klar, die Konsequenz daraus folgt jedoch zu langsam. Die Geschichte hinkt etwas hinter den Gedanken des Lesers hinterher. So ist „Samurai“ eine konsequente und gute Weiterführung der Serie „100 Bullets“, aber sicherlich kein Meilenstein der Comic-Literatur.

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Leiber, Fritz / Mignola, Mike / Chaykin, Howard – Fafhrd und der Graue Mausling

Seit den 1930er Jahren bis zu seinem Tod schrieb Fritz Leiber Geschichten über das Diebes-Duo „Fafhrd und der Graue Mausling“, inzwischen ein Klassiker der Fantasy-Literatur, der oft zusammen mit Howards „Conan der Barbar“ genannt wird. Auf der Grundlage dieser Erzählungen schufen dann Mike Mignola und Howard Chaykin 1990 einen Comic, der inzwischen ebenfalls zum Klassiker geworden ist. Seit September 2007 sind die Abenteuer der beiden geselligen Diebe wieder auf Deutsch erhältlich.

Ich bin in einem langweiligen Vorort groß geworden. Zu den interessantesten Orten gehörte damals für mich eine kleine Leihbibliothek in der Nähe meiner Schule. An den freien Nachmittagen verbrachte ich dort oft meine Zeit, stöberte, blätterte und las. Im Laufe der Jahre schleppte ich in meinem Rucksack Unmengen von Büchern nach Hause und wieder zurück. Die freundlichen Bibliothekarinnen kannten bald mein Gesicht und sagten hallo, wenn ich mal wieder vorbeikam.

In der Leihbibliothek gab es zwei Abteilungen, eine für Kinder und eine für Erwachsene, säuberlich voneinander getrennt in unterschiedlichen Teilen des Gebäudes. Ich weiß nicht mehr, warum ich mich zu den Büchern der Erwachsenen verirrte, vielleicht war es nur ein Zufall. Vielleicht war ich aber auch neugierig oder die Bücher in der Kinderabteilung waren mir zu langweilig geworden. Ich ging umher und sah mich um. Die Regale in dem Erwachsenenbereich hatten auf den ersten Blick wenig Interessantes zu bieten: Lexika, Sachbücher, Frauenromane … Da gab es nicht viel, was die Begeisterung eines Grundschülers hätte wecken können. Bis ich die Comics entdeckte.

Ich war überrascht, dass auch Erwachsene Comics lasen. Neugierig setzte ich mich hin und sah die kleine, ziemlich unsortierte Sammlung durch. Die meisten Comics kamen mir fremd vor. Aus der Kinderabteilung kannte ich „Asterix“, „Isnogud“ und „Garfield“, aber das hier war etwas ganz anderes. Fasziniert begann ich zu stöbern. An ein Heft, das mir damals in die Hände fiel, erinnere ich mich noch genau. Es war ein großformatiger, sehr zerfledderter Fantasy-Comic, in dem es um zwei Freunde und jede Menge Zauberei ging. Mir gefielen die Zeichnungen, klar, kontrastreich und voller Details, deshalb nahm ich das Heft mit nach Hause.

Ich erinnere mich, dass dieser Comic damals enormen Eindruck auf mich gemacht hat. Die Story war irgendwie merkwürdig, aber nicht undurchschaubar, sondern eher verwinkelt und total phantastisch. Außerdem war sie düster und witzig zugleich, eine seltsame Mischung, die ich bis dato noch nie kennengelernt hatte. Trotz meiner Begeisterung vergaß ich den Comic bald wieder, wahrscheinlich, weil es in der Bibliothek nur ein Heft aus dieser Reihe gab und ich nicht weiterlesen konnte. Vielleicht war ich aber auch noch nicht alt genug, um mit dem Stoff etwas anfangen zu können.

Meine frühe Expedition in die Welt der Erwachsenencomics fiel mir letztes Jahr wieder ein, als ich sah, dass |Cross Cult| eben jenen Comic wieder herausgeben wollte, der mich damals so beeindruckt hatte. Ich hatte ihn über die Jahre ganz vergessen. Dieses Mal sollte ich jedoch kein zerfleddertes Heft in die Hände bekommen, sondern einen edlen Hardcover-Band, der nicht so schnell aus dem Leim ging und gut in der Hand lag. Und das Tollste: Es sollte eine Gesamtausgabe werden! Endlich würde ich die anderen Episoden kennenlernen.

Die Geschichte, die ich schon kannte, trug den Titel „Der heulende Turm“. Darin geht es um eine unheimliche Ruine und einen Zauberer, der den Tod fürchtet. Und der Titel des Comics? „Fafhrd und der Graue Mausling“, erfunden von Fritz Leiber, gezeichnet von Mike Mignola. Ich verschlang die fünf Kapitel des zweihundertseitigen Buches binnen einer kurzen Nacht. Zu meiner Freude musste ich feststellen, dass sich der Comic noch immer genauso anfühlte wie früher: verwinkelt, düster, witzig und absolut phantastisch. Danach dämmerte der Morgen. Ich legte das Buch beiseite und blinzelte ins anbrechende Tageslicht. Für einen kurzen Moment hatte ich mich wieder so gefühlt, als wäre ich ein Grundschüler und stünde zum ersten Mal in der Erwachsenenabteilung der kleinen Leihbibliothek. Dieses Mal nahm ich mir fest vor, „Fafhrd und den Grauen Mausling“ nicht wieder zu vergessen. Sie verdienen Besseres. Dieser Comic ist ein Portal in eine andere Welt, und ich kann sie jetzt betreten, wann immer ich will.

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Siehe ergänzend dazu auch unsere Rezension zu [„Der unheilige Gral“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2340 (Die Abenteuer von Fafhrd und dem Grauen Mausling 1; Ausgabe 2004, |Edition Phantasia|).

Willingham, Bill / Buckingham, Mark – Fables 4 – Die letzte Festung

Willinghams „Fables“ geht bei |Panini| in die vierte Runde. Der bisher seitenschwächste Band enthält eineinhalb Geschichten, nämlich „Die letzte Festung“ und die ersten drei Kapitel von „Aufmarsch der Holzsoldaten“. Inhaltlich wird an die vorangehenden Bände angeknüpft. Der „Fables“-Kosmos wird solider, und man spürt, dass Bill Willingham sich warm geschrieben hat.

In „Die letzte Festung“ gewährt er dem Leser endlich einen Blick in die Vergangenheit, als ein furchtbarer Krieg die Fabelwesen aus ihrer Heimat vertrieb. Blue Boy erzählt Snow White vom Kampf um die letzte Festung, den er als der letzte Überlebende hautnah miterlebt hat, bevor sich die Portale schlossen.

In „Aufmarsch der Holzsoldaten“ wird an diese Erzählung von Blue Boy angeknüpft. Seine Freundin Rotkäppchen (Red Riding Hood) taucht plötzlich in Fabletown auf. Sie galt bislang als verschollen und behauptet, dem Feind durch eine List entkommen zu sein. Und das, obwohl alle Portal seit über zweihundert Jahren verschlossen sind. Bigby Wolf traut ihren Worten nicht und macht sich auf, um die Wahrheit herauszufinden. Neben dieser neuen Entwicklung gibt es natürlich auch noch diverse Altlasten, die offen herumliegen. Prince Charming will Bürgermeister von Fabletown werden, und Snow White ist schwanger.

„Fables 4“ vereint zwei Erzählbausteine miteinander. Zum einen wird Hintergrundmaterial geliefert, das bislang fehlte und den Fables-Kosmos angenehm verdichtet. Zum anderen werden mehrere richtig gute Cliffhänger aufgebaut: Intrige, Politik und Soap. Nicht unbefriedigt, aber doch extrem nervös bleibt der Leser nach der letzten Seite zurück. Vielleicht sollte man mal über ein Verbot von extrem gutem Storytelling und offenen Handlungssträngen nachdenken …

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_Die „Fables“ bei |Buchwurm.info|:_
[„Fables 1 – Legenden im Exil“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3175
[„Fables 2 – Farm der Tiere“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3506
[„Fables 3 – Märchenhafte Liebschaften“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4062

Vaughan, Brian K. / Henrichon, Niko – Löwen von Bagdad, Die

Was ist eigentlich ein Symbol? Schwierige Frage. Wahrscheinlich könnte man ein ganzes Zwei-Zimmer-Appartement mit Büchern zu diesem Thema füllen. Das ginge jedoch für eine Comic-Rezension zu weit. Nehmen wir für den Augenblick einfach an, dass ein Symbol ein Zeichen mit einer Bedeutung ist. Die Bedeutung und das Zeichen müssen einer bestimmten, nicht zu kleinen Gruppe von Menschen bekannt sein, damit von einem Symbol gesprochen werden kann. Außerdem darf ein Symbol nicht zweideutig sein. Jedem Zeichen kommt somit nur eine Bedeutung zu, nicht mehr und nicht weniger.

Die Graphic Novel „Die Löwen von Bagdad“ trägt bereits im Titel zwei Symbole, nämlich den Löwen und Bagdad. Erinnerungen an Disney’s „König der Löwen“ werden wach, nicht ohne Grund. Mit dem Löwen verbindet man im Allgemeinen den König der Tiere. Im Disney-Film wurde dieses Symbol aufgegriffen und neu bearbeitet, es knüpft jedoch an ältere Vorbilder an. In der Fabel ist der Löwe der Stolze, der Ehrenhafte und der Kühne, ein Vorbild und eine Leitfigur. Den Löwen als literarische Figur denken wir uns generell als etwas Majestätisches. Das zweite Symbol ist Bagdad. Gemeint ist nicht die wirkliche Stadt, sondern vielmehr das, was das Wort Bagdad in den Köpfen der Leser bedeutet. Die wirkliche Stadt kommt in diesem Comic natürlich nicht vor, das ist gar nicht möglich, sondern bloß ihre literarische Abbildung, eine Interpretation, wenn man so will. Ob Bagdad schon ein Symbol ist, bleibt im Gegensatz zum Löwen ungewiss. Sicher ist, dass viele Leser beim Namen dieser Stadt an den Irak und an Saddam Hussein, an Öl und Panzer, an Wüste und an Moscheen denken werden. Und vielleicht auch an den Golfkrieg. Sollte jemand andere Assoziationen hegen, wird er schon bei flüchtigem Durchblättern in die richtige Richtung gestoßen.

Die Hauptfiguren der Geschichte sind die vier Löwen Zill, Noor, Safa und Ali. Sie leben im Zoo von Bagdad, als amerikanische Flugzeuge die Stadt angreifen. Es ist das Jahr 2003, der jüngste Golfkrieg ist in vollem Gange. Prophetisch schreit ein Vogel: „Der Himmel stürzt ein! Der Himmel stürzt ein!“ Was nach „Asterix“ klingt, ist hier ernst gemeint. Kurz darauf bersten die Wände des Geheges und die Tiere kommen frei. Für die vier Löwen beginnt ein zielloser Fußmarsch durch die zerstörte Stadt.

Zurück zu den Symbolen. Comic-Autor Brian K. Vaughan weiß, was Symbole bedeuten und wie sie funktionieren. Einen wichtigen Hinweis darauf liefert er mit den Worten der Riesenschildkröte, die den Löwen auf ihrer Reise begegnet: „Alles hat einen Namen. Damit macht man klar, dass einem irgendwelcher Kram gehört.“ Und: „Es sind nur Symbole. Menschen sagen nie, was sie meinen.“ Um es kurz zu machen: Symbole sind ein wichtiges Instrument der Macht. Sie dienen dazu, Macht darzustellen und Menschen zu lenken. Wer das nicht glaubt, sollte sich einmal Gedanken darüber machen, warum zum Beispiel den Astronauten von Apollo 11 das Aufstellen der US-Flagge auf dem Mond so verdammt wichtig war.

Symbole, Macht – in „Die Löwen von Bagdad“ geht es zweifelsohne um Politik. Es soll keine kurzweilige Tiergeschichte sein, sondern ein Kommentar zur US-Politik im Nahen Osten, vermittelt durch Tiere. Comic-Kenner dürften das erwartet haben, denn Brian K. Vaughans wichtigste Serien „Ex Machina“ und „Y – The Last Man“ besitzen schließlich auch eine elementare politische Dimension.

Wie sieht nun der politische Kommentar aus, den Vaughan in „Die Löwen von Bagdad“ versteckt? Man kann versuchen, das an den beiden Löwinnen Safa und Noor greifbar zu machen. Safa ist die alte Löwin, einäugig, gezeichnet von der Außenwelt. Sie zieht das Gefängnis des Zoos der Alternative in Freiheit vor. Man könnte sagen, sie symbolisiert jenen Teil der irakischen Bevölkerung, der sich mit der Diktatur arrangiert hatte und keine Veränderung wollte. Noor ist Safas Antagonistin. Sie will die Freiheit und plant schon vor dem schicksalhaften Luftangriff, irgendwie aus dem Zoo zu entkommen. Sie könnte ein Symbol für den Teil der Iraker sein, die sich wehren und die Diktatur abschaffen wollten. Freiheit ist also das Stichwort. Zum Symbol der Freiheit wird der Horizont, den die Löwen im Gehege wegen der Mauern nicht sehen können. Der Junglöwe Ali weiß nicht einmal, was ein Horizont ist, weil er in Gefangenschaft geboren wurde.

Als die Zoo-Mauern dann unerwartet von den US-Fliegern eingerissen werden, steht Noor der neu gewonnenen Freiheit skeptisch gegenüber. „Freiheit kann einem nicht geschenkt werden, man muss sie verdienen.“ Angewendet auf die US-Politik im Irak könnte man Vaughans Kommentar in „Die Löwen von Bagdad“ so verstehen: Die irakische Bevölkerung hätte sich besser selbst von der Diktatur Saddam Husseins befreien sollen als amerikanische Hilfe aufgedrückt zu bekommen. Die Löwen wurden schließlich nicht gefragt, ob amerikanische Bomben ihr Gehege einreißen sollen. Die Folgen sind Rat- und Ziellosigkeit und das seltsame Gefühl, dass irgendetwas nicht richtig ist. Am Ende erblicken die Löwen den Horizont, aber die Gefühle dabei bleiben zwiespältig.

Natürlich schreibt Vaughan nicht für ein irakisches, sondern für ein amerikanisches Publikum. Er versucht zu vermitteln, wie das Eingreifen der USA im Irak wahrgenommen wird, und zu erklären, warum sich nicht der Großteil der Iraker ausgelassen über die Befreiung durch die Amerikaner freut. „Die Löwen von Bagdad“ ist eine Arbeit für mehr Verständnis und eine Darstellung der Ambivalenz politischer Entscheidungen. Vaughan ist vorsichtig, versucht Pathos möglichst zu vermeiden und bringt den Irakern in Gestalt der Löwen sehr viel Respekt entgegen. Ob man seine Ansichten teilt, bleibt natürlich Sache des persönlichen Standpunktes. Raffiniert gemacht bleibt der Comic „Die Löwen von Bagdad“ allemal.

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Gossett, Christian / Kayl, Bradley – The Red Star 2 – Nokgorka

Band 1: [„Die Schlacht vor Kar Dathras Tor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3462

»Wirf die Gläser an die Wand, Russland ist ein schönes Land, ho, ho, ho, ho, ho, hey!« So sangen einst |Dschingis Khan| im Jahre 1979. Ralph Siegels Tanztruppe hatte offensichtlich eine Schwäche für den Wilden Osten. Bei Comic-Mastermind Christian Gossett und seinem Team dürfte das ähnlich sein. Mit „The Red Star“ schufen sie einen Comic, der optisch und inhaltlich aus russischen Brunnen schöpft. Die Serie ist eine anspruchsvolle Komposition aus Bleistiftzeichnungen und 3D-Computermodellen. Der zweite Band „Nokgorka“ erschien im August bei |Cross Cult|.

Als im Januar 2007 der erste Band von „The Red Star“ veröffentlicht wurde, dachte schon so mancher Leser: Wow, ist das ein Brocken! Die Geschichte über „Die Schlacht vor Kar Dathras Tor“, über die Kriegszauberin Maya Antares, ihren Ehemann Markus und seinen vermeintlichen Tod nahm knapp 170 Seiten ein. So zauberte |Cross Cult| einen Comic-Band, dessen Äußeres seinem Inhalt entsprach: groß, gehaltvoll und pathetisch. Der zweite Band „Nokgorka“ ist noch einmal runde 40 Seiten dicker als der erste. Es gibt wieder einen ansehnlichen Textteil (Einführung, Infos über die Macher sowie ein Lexikon), allerdings liegt die Hauptschuld für den Zuwachs bei einem Kapitel mehr. Der „Nokgorka“-Zyklus ist nämlich ein Heft länger.

Seit der Schlacht vor Kar Dathras Tor sind sieben Jahre vergangen. Die Vereinigten Republiken des Roten Sterns sind am kränkeln. Das Imperium zerfällt allmählich. Trotz der anhaltenden militärischen Stärke versuchen immer wieder kleine Teile der Republik die Unabhängigkeit zu erlangen. So auch Nokgorka, ein frostiger Landstrich, in dem die Menschen stolz und kühn sind. Vermittelt wird der ungleiche Kampf durch die junge Soldatin Makita. Obwohl beinahe noch ein Kind, ist sie schnell, zäh und zu allem entschlossen. Auf der anderen Seite der Front folgt man bereits bekannten Figuren. Sowohl die Kriegszauberin Maya Antares als auch die Schleicher-Kapitänin Alexandra Goncharova sind wieder mit von der Partie.

Inhaltlich geht es zweigleisig zu. Auf der einen Seite wird die Schlacht um die Provinz Nokgorka geschildert, auf der anderen Seite spielen Einzelschicksale eine Rolle, die – so sagt eine Prophezeiung – eng mit dem Schicksal des ganzen Landes verwoben sein sollen. Die Leser sehen also nicht nur futuristische Schlachtschiffe, Riesenpanzer und Explosionen, sondern erleben die Handelnden auch in Naheinstellung.

Merkwürdigerweise gelingt es den Machern von „The Red Star“, Pathos zu erzeugen, ohne dabei lächerlich zu wirken. Das ist eine Seltenheit. Oft wirken Großereignisse in amerikanischen Comic-Serien überzogen, albern und unglaubwürdig. Wie gelingt „The Red Star“ dieser Kunstgriff? Sicherlich trägt die persönliche und dichte Darstellung der Hauptfiguren dazu bei, den Pathos ins rechte Licht zu rücken. Die Leser erfahren ganz unmittelbar von den Sorgen, Ängsten und Nöten der Protagonisten. Obwohl in „The Red Star“ mächtig geprotzt wird, sind die Figuren verletzliche Wesen, keine Superhelden.

Aber es kommt noch etwas anderes hinzu, um zu erklären, warum der Pathos nicht lächerlich wirkt. Bei aller Gigantomanie ist den Machern von „The Red Star“ immer bewusst, dass für die Entstehung eines Imperiums wie der V. R. R. S. viele unschuldige Menschen leiden mussten. Mit der Freiheit des Individuums ist es nicht weit her. Das Großreich ist nicht glatt und glänzend, sondern hat Risse. Deutlich wird das zum Beispiel, wenn Maya von ihrer Freundin darauf hingewiesen wird, dass sie ein illegales Buch liest. Oder wenn ein Luftmarshall auf eigene Truppen Feuer regnet lässt, um in den Straßenschluchten nebenbei ein paar Gegner zu töten. Oder wenn der gute Geist Pravda davon spricht, wie nach der Revolution, der Geburtsstunde des Imperiums, Millionen Revolutionskämpfer von der Regierung in die Eiswüste geschickt wurden, weil ihre aufsässigen Stimmen zum Schweigen gebracht werden sollten. Bei solchen Rissen bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Der Pathos kommt beim Leser an, weil ihm kein Wolkenschloss vorgesetzt wird. Was gezeigt wird, ist eine Diktatur, die sich trotz der phantastischen Elemente so echt anfühlt, als wäre sie real. Das Thema von „The Red Star“ ist eigentlich nicht mehr und nicht weniger als der Kampf zwischen dem Individuum und dem System. Anspruchsvoll, möchte man sagen. Aber wer einfache Kost bevorzugt, kann ja Schlager hören. Ho, ho, ho, ho, ho, hey!

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Carey, Mike / Dillon, Steve / Frusin, Marcelo – John Constantine: Hellblazer 2 – Der Rote Tod

Band 1: [„Hölle auf Erden“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3621

Vom Nebendarsteller zur Hauptfigur: John Constantine gehört seit langer Zeit zum festen Repertoire der US-Comic-Welt. Der Straßenmagier im Trenchcoat und seine Serie „Hellblazer“ stehen für erwachsenen Horror und gute Qualität. Im September ist der Band „Der Rote Tod“ bei |Panini| erschienen.

Die Serie über John Constantine weist eine Kontinuität auf, die meistens nur Superhelden zuteil wird. Im nächsten Jahr feiert die Reihe ihren zwanzigsten Geburtstag. Da erscheint dann in den USA Heft #240, der erste Teil der brandneuen Story „The Laughing Magician“. Bis diese Geschichte dann in Deutschland erscheint, wird es wohl eine Weile dauern. Solche Verzögerungen über den Atlantik sind nichts Ungewöhnliches, insbesondere bei Serien, die in Deutschland eher am Rande des Mainstreams liegen und ein spezielles Publikum haben. Umso erfreulicher das Bemühen, die Serie auch hierzulande vollständig zu veröffentlichen. Bei |Panini| ist man mit „Hellblazer 2“ gerade erst bei den US-Heften von Anfang 2003 angekommen. Im September ist also „Der Rote Tod“ erschienen. Er enthält die beiden Storys „Die Droge Leben“ und „Der Rote Tod“, bestehend aus insgesamt sechs US-Heften (2+4). Die zwei Geschichten sind locker miteinander verknüpft durch die Figur Gemma, Constantines Nichte.

„Die Droge Leben“ spielt in Liverpool und dreht sich um ein verfluchtes Hochhaus, in dem Menschen der untersten sozialen Schichten ihr Dasein fristen. Ein grauer, von Alkohol und Fernsehen dominierter Alltag wird hier nur gelegentlich unterbrochen, zum Beispiel, wenn sich mal wieder jemand aufhängt. Constantine wittert, dass an diesem Ort irgendetwas faul ist. Er kann nur noch nicht genau sagen, was. Während seiner Nachforschungen lernt er nicht nur die attraktive Kellnerin Angie kennen, sondern muss auch mit dem Stress und den Sorgen seiner Schwester Cheryl fertig werden. Und dass der Striptease-Killer noch immer auf freiem Fuß ist und sein Unwesen treibt, entspannt die Situation nicht gerade.

„Die Droge Leben“ wurde von Steve Dillon (Preacher) gezeichnet. Die Geschichte erschien erstmals im September und Oktober 2002 unter dem Titel „High on Life“ (Hellblazer #175-176) bei |DC Vertigo|.

Für „Der Rote Tod“ wechselt John Constantine den Ort. Der kettenrauchende Magier reist nach London, um seine Nichte Gemma zu finden. Die hat sich in ihrem naiven Wunsch, die Wege der Magie besser kennen zu lernen, in die Hände des skrupellosen Großgrundbesitzers Fredericks begeben, ohne dabei zu ahnen, dass sie nur als Druckmittel dienen soll, um ihren Onkel gefügig zu machen. Denn Fredericks hat nicht vor, Gemma zur Magierin auszubilden. Er hält sie als Geisel, um mit Constantines Hilfe an den Roten Tod zu kommen, ein tödliches Artefakt aus Indien, das ebenso legendär wie mächtig ist. Und Fredericks ist nicht der Einzige, der nach dem Roten Tod sucht. Constantine braucht eine Weile, um sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen, und gerät dabei zwischen die Fronten. Der Leser folgt ihm von Puzzlestück zu Puzzlestück.

„Der Rote Tod“ wurde von Marcelo Frusin („Loveless“) gezeichnet und erschien zum ersten Mal von Dezember 2002 bis März 2003. Der Originaltitel lautet „Red Sepulchre“ (Hellblazer #177-180).

Die beiden Geschichten in „Der Rote Tod“ passen ins Hellblazer-Universum und treffen den angenehm düster-verrauchten Grundton der Serie. Es geht um Gewalt, um Macht, am Rande auch um Geld, da fällt insbesondere bei Frusins Zeichenstil die Verwandtschaft mit „100 Bullets“ auf. Zu den besten Szenen in „Der Rote Tod“ gehört sicherlich Constantines Gespräch mit Fredericks, einem dicken, Zigarre rauchenden Ex-Kolonialisten, unsympathisch durch und durch. Sie treffen sich im Savoy, Fredericks hat gerade sein Frühstück beendet, um darüber zu verhandeln, was Constantine tun muss, um seine Nichte zu retten. Trotz seiner schwächeren Position gelingt es dem Magier, seinen Widersacher so in Rage zu versetzen, dass er von ihm mit einer Gabel angegriffen wird. Das ist John Constantine in Reinform, dreckig und unverschämt, lässig und zu allem entschlossen. Neu erfunden wird die Serie von Autor Mike Carey dabei nicht, aber er bleibt in der Spur und erzählt tollen Horror, ohne auf den blanken Effekt zu reduzieren. Woran man das festmachen kann? Zum Beispiel an einer Anzahl interessanter Nebenfiguren. Oder an dem spannend inszenierten Ende, wenn das letzte wichtige Puzzlestück ans Licht kommt. Auch der Dämon – einer muss in einem Hellblazer-Vierteiler schon vorkommen – ist dramaturgisch logisch und am richtigen Punkt des Spannungsbogens eingesetzt. Obwohl stellenweise ein wenig vorhersehbar, ist „Der Rote Tod“ ein Comic für alle, die die Serie mögen oder gerne guten Horror lesen. Und „100 Bullets“-Freunde dürfen auch einen Blick riskieren.

[Rezension von Björn Backes zu Band 2]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4253

http://www.paninicomics.de/
[Verlagsseite zur Reihe]http://www.paninicomics.de/?s=gruppen&gs__gruppe=10457

Baru – Autoroute du soleil

Mit über vierhundert Seiten erweckt „Autoroute du soleil“ des französischen Comic-Künstlers Baru zunächst den Eindruck, ein ziemlicher Lesebrocken zu sein. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. In ungeheuer dynamischen Panelabfolgen, die in ihrer Geschwindigkeit manchmal an Otomos „Akira“ denken lassen, erzählt Baru die Geschichte der beiden jungen Franzosen Karim und Alexandre. Auf der Flucht vor Rechtsradikalen reisen sie durch Frankreich und lernen dabei Drogendealer, LKW-Fahrer und großbrüstige Urlauberinnen kennen.

Baru verpackt die Themen Diskriminierung, Gewalt und soziale Ausgrenzung geschickt in einer rasanten Story, die den Adrenalinspiegel des Lesers auf Touren kommen lässt. Und der anhaftende Esprit und Feinsinn verleiht der Story einen Glanz, in dem viele amerikanische Actionszenarios geradezu plump und roh erscheinen. Barus anspruchsvoller Roadtrip sollte in keiner Comic-Sammlung fehlen.

http://www.carlsencomics.de

Le Floc’h, Bruno – Leuchtturm, Der

Atmosphäre ist ein wichtiges Anliegen von Bruno Le Floc’h. Sein Werk „Der Leuchtturm“ konzentriert sich auf die raue, maritime Stimmung der Bretagne. Selbst Bretone, gestaltet Le Floc’h ein ruhiges, sehr realistisches Szenario, in dem ein Ingenieur von Außerhalb den Bau eines Leuchtturms vorantreiben will. Die Arbeit auf einem kleinen Felsen, der die meiste Zeit des Jahres unter Wasser liegt, stellt sich als äußerst gefährlich heraus und wird, trotz guter Bezahlung, nicht von jedem Helfer dankbar angenommen. Das zunächst herrische Auftreten des Ingenieurs gegenüber den Einheimischen verwandelt sich mit der Zeit in Zuneigung.

„Der Leuchtturm“ kann gelesen werden als eine Hommage an die See, an die Steilküsten und an einen ganz besonderen Menschenschlag in der Bretagne. Sie atmet den freien Geist von Hugo Pratts „Corto Maltese“.

http://www.carlsencomics.de