Cook, Robin – Experiment, Das

1692: In Salem bricht eine Hexenhysterie aus, als einige Bewohner drastische Verhaltensveränderungen durchmachen. Sechs Frauen werden als Hexen verurteilt und finden im Juli ihren Tod durch Erhängen. Eines dieser Opfer ist die junge Elisabeth Stewart, die aufgrund eines eindeutigen Beweises überführt und im Laufe der Jahrhunderte aus sämtlichen geschichtlichen Aufzeichnungen gestrichen wird.

Im Jahre 1994 findet sich die Krankenschwester Kimberly Stewart durch ihren Cousin Stanton mit den Ereignissen von 1692 konfrontiert. Zusammen mit ihrem Bruder hat Kim das alte Anwesen der Stewarts geerbt – das Cottage, in dem Elisabeth lebte, und die Burg, das spätere Herrenhaus der Familie. Da die Geschichte der verurteilten Vorfahrin innerhalb ihrer Familie schon immer als Tabu galt, erwacht die Neugier in der jungen Frau, welches Beweisstück unwiderlegbar für den Pakt mit dem Teufel gesprochen haben soll. Der Hirnforscher Edward Armstrong ist begeistert von ihren Nachforschungen und glaubt, die damaligen Vorfälle könnten durch einen Pilz entstanden sein, der damals in Salem gewachsen und in die Nahrung gelangt sein könnte.

Im Bemühen, Elisabeth zu rehabilitieren, nimmt Kim die Sichtung von unzähligen Papieren und Dokumenten in Angriff, die in der Burg seit Jahrhunderten unberührt lagen, und lässt Edward Bodenproben entnehmen, um Spuren eines möglichen Pilzes zu finden. Diese findet er auch. Von seinem Erfolg angespornt, züchtet er eine neue Kultur des Pilzes heran und schreckt auch davor nicht zurück, ihn an sich selbst zu testen, um seine Toxizität festzustellen. Das Ergebnis ist für den Wissenschaftler der Garant für ein neues Medikament, denn außer ein paar wenigen Halluzinationen führt der Stoff zu keinen negativen Reaktionen. Im Gegenteil, er löst Ängste und Depressionen in Rauch auf, stärkt das Selbstbewusstsein, erhöht den Energiehaushalt des Körpers und reduziert das Schlafbedürfnis auf ein Minimum von vier bis fünf Stunden pro Nacht. In völliger Besessenheit stürzt er sich in die weitere Erforschung des Pilzes und schafft es, diesen so zu verändern, dass die halluzinative Wirkung ausbleibt. Daraufhin lässt er durch Kims Cousin ein Labor einrichten, um Ultra, das neue Wundermittel, zu produzieren.

Inzwischen stößt Kim auf Hinweise, dass der Pilz tatsächlich im 17. Jahrhundert zu dramatischen Erkrankungen geführt hat und dass auch das ungenannte Beweisstück gegen Elisabeth irgendetwas damit zu tun haben muss. Trotz ihrer Versuche gelingt es ihr nicht, Edward davon zu überzeugen, das Mittel nicht vor Abschluss aller Tests selbst zu nehmen. Unter Zeitdruck und im Glauben, Ultra verursache nur Positives, nehmen der Wissenschaftler und seine neu eingestellte Crew das Mittel ein, dessen grauenhaften Auswirkungen sich erst allmählich bemerkbar machen und Salem erneut in Hysterie versetzt …

Ich habe dieses Buch gerne gelesen. „Das Experiment“ bietet eine spannende Mischung aus Medizinthriller und historischen Romanelementen, die zum größten Teil kurzweilig und unterhaltsam den Leser mitnimmt und ihn im zweiten Teil auch ein ganz kleines bisschen das Gruseln lehrt.

Medizinthriller zählen normalerweise nicht zu meinem erstgewählten Lesestoff, aber bei „Das Experiment“ verhält es sich doch etwas anders. Erstens sind die fachlichen Ausführungen gut verständlich (auch für Laien) und zweitens würde es ohnehin keine große Rolle spielen, wenn man sie nicht verstehen oder überlesen sollte, denn die Story an sich funktioniert auch prima ohne sie. Dafür ein Lob von mir an Autor Robin Cook, der aufgrund seiner Absolvierung der medizinischen Fakultät der Columbia University New York gerade diesen Aspekt viel massiver hätte anpacken können.

Stattdessen hat sich der Bestseller-Autor genauso viel Mühe bei den Charakteren und Schauplätzen gegeben, die den Roman sehr lebendig gestalten. Angefangen im Jahre 1692, lernen wir die eigentliche Hauptperson des Buches bereits mitten in ihrem Schicksal kennen: die energische, durch und durch sympathische Elisabeth Stewart auf dem Weg in ihr Verhängnis – umringt von Kindern, von denen eines die ersten Symptome der Pilzvergiftung in ihrem Haus durchleben muss. Ihr Mann weilt auf Geschäftsreise, sie kümmert sich nicht nur um Haushalt und die Kinder, sondern vermehrt ungerührt das Grundstücksvermögen der Familie in einer Zeit, in der Frauen die Geschäftsfähigkeit abgesprochen wird. Sie überlegt sich Lösungen für die herrschende Hungersnot und leistet Hilfestellungen für von Indianern überfallene Familien. Eine Frau also, die ihrer Zeit nicht nur weit voraus ist, sondern die sich auch gern Feinde mit ihrer direkten und offenen Art macht.

Zugegeben, ohne solch eine Person verlieren derlei Geschichten ihren Reiz, denn wer liest schon gerne darüber, dass eine Frau als Hexe verurteilt wird, weil sie wirklich ein ganz und gar unausstehliches, böses und kriminelles Weibsstück ist? Trotzdem ist Elisabeth mehr als nur ein armes, unschuldiges Opfer, das einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist – sie ist in der Tat der Auslöser der Tragödie. Und wie heißt es so schön: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Nun gut, der Leser empfindet trotzdem Mitleid mit ihr, und das ist gut so, denn ansonsten könnte man das Buch nach knapp vierzig Seiten weglegen und sich ein neues suchen. Und da die Person der Elisabeth nicht der einzige Grund zum Weiterlesen ist, möchte ich ebenfalls erwähnen, dass auch durchaus die anderen Charaktere – allen voran Kim und Edward – ihr Durchschreiten der Handlung mitreißend und spannend in Szene setzen.

Das Ganze runden die schön herausgearbeiteten Schauplätze ab, denn die Beschreibungen der Burg mit ihren Kellern und Sälen versetzten mich mitten ins Mittelalter und ließen meinen Kindertraum neu erwachen, in solch einem Gebäude einen Berg von Aufzeichnungen aus vergangener Zeit zu finden. Und so habe ich Kims Wühlen in den unermesslichen Schätzen des alten Gemäuers geradezu verschlungen und konnte ihre Aufregung nur zu gut nachvollziehen. Vor allem das letzte Drittel des Romans – die Auflösung des dubiosen Beweisstückes und des Wirkens von Ultra – ließ mich im Lesen kaum noch innehalten, und erfreulicherweise wurde ich nicht davon enttäuscht. Alles klärt sich in mehr oder weniger glücklicher Fügung auf und Elisabeth fordert ungeschönt noch mehr Mitleid, aber das darf jeder gerne selbst herausfinden. Ich empfehle es sogar!

Am Schreibstil gibt es ebenfalls nicht wirklich viel zu meckern. Ab und an verfällt Cook zwar in ganz simpel gestrickte Erzählsätze, aber das tut der Stimmung wahrlich keinen Abbruch und kommt erfreulicherweise auch nur ab und an vor.

Fazit: ein spannender Ausflug in die Welt der Wissenschaft, mit faszinierenden Abstechern in die Zeit der Hexenmythologie! Auf jeden Fall lesenwert!

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