Grimm, Jacob und Wilhelm / Jürgensmeier, Günter (Hg.) / Dematons, Charlotte (Ill.) – Grimms Märchen

Von den über 200 enthaltenen Märchen seien an dieser Stelle einige der bekanntesten unter ihnen vorgestellt:

Im „Froschkönig“ erhält eine junge Königstochter ihre verlorene Goldkugel von einem Frosch zurück. Als Dank soll sie ihn bei sich aufziehen, doch sie weist das Tier angeekelt zurück.

Das „Marienkind“ erzählt von einem Mädchen, das von der Jungfrau Maria aufgenommen wird und im Himmel lebt. Dort soll es auf keinen Fall die dreizehnte Tür öffnen, doch das Mädchen ist neugierig …

Im „Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ macht sich ein junger, naiver Mann auf, die Furcht kennen zu lernen, denn alle Welt scheint sich gruseln können, nur er nicht. Drei Nächte in einem Geisterschloss warten als Herausforderung auf ihn.

„Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ erzählt davon, wie ein hungriger Wolf mit einer List versucht, die jungen Geißlein, die allein zuhause geblieben sind, zu fressen.

„Brüderchen und Schwesterchen“ ist eine Verwandlungsgeschichte, in der ein Mädchen und sein als Reh verzauberter Bruder durch einen Wald irren.

„Rapunzel“ ist das Märchen vom gefangenen Mädchen, das in einen Turm eingesperrt ist.

„Hänsel und Gretel“ sind ein Geschwisterpaar, das im Wald ausgesetzt wird und im Haus einer bösen Hexe landet.

„Aschenputtel“ erzählt die Geschichte eines schönen, klugen Mädchens, das von seiner bösen Stiefmutter und deren garstigen Töchtern wie eine Putzmagd behandelt wird – bis sich eines Tages die Gelegenheit ergibt, auf den Ball des Prinzen zu gehen.

In „Frau Holle“ kommen zwei grundverschiedene Schwestern zu einer alten Frau, die aus ihren Federbetten den Schnee auf der Erde macht.

„Die sieben Raben“ sind verzauberte Brüder. Als ihre jüngere Schwester von ihrem Schicksal erfährt, macht sie sich auf, sie zu erlösen.

„Rotkäppchen“ ist das kleine Mädchen, das seiner kranken Großmutter Verpflegung bringen möchte und dabei im Wald einem Wolf begegnet.

„Tischchendeckdich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack“ sind die magischen Dinge, die drei Brüder am Ende ihrer Lehre erhalten, und die zweien von ihnen zunächst nur Unglück bringen.

„Dornröschen“ ist die Geschichte von der schlafenden Prinzessin, über deren Schloss ein Fluch liegt.

In „König Drosselbart“ wird eine wählerische Königstochter, die ihre Freier verspottet, mit einem scheinbar armen Mann verheiratet.

Das „Schneewittchen“ ist ein schönes Mädchen, dessen eifersüchtige Stiefmutter ihm den Tod wünscht. Was für ein Glück, dass es die sieben guten Zwerge gibt, die sich ihrer annehmen.

„Der goldene Vogel“ stiehlt regelmäßig die goldenen Äpfel eines Baumes. Der Besitzer des Gartens schickt seine drei Söhne auf die gefahrenvolle Reise, den Vogel zu fangen.

Im „Allerleihrau“ flieht eine Tochter vor ihrem Vater und zieht sich, mit einem Fell berkleidet, in den Wald zurück, bis sie die Jäger des benachbarten Königs aufgreifen.

„Der Arme und der Reiche“ zeigt den lieben Gott als Wanderer, der Wünsche gewährt, die nicht immer klug genutzt werden.

„Schneeweißchen und Rosenrot“ sind zwei gutherzige Schwestern, die Freundschaft mit einem Bären schließen.

„Der gestiefelte Kater“ ist das scheinbar wertlose Erbe, das der jüngste Sohn von seinem Vater erhält, der ihm aber noch viel Glück bringen wird.

Insgesamt 207 Märchen versammeln sich in diesem Band, der die Ausgabe letzter Hand von 1857 noch um ein paar weitere Märchen aus früheren Ausgaben erweitert und mit zahlreichen Illustrationen versehen ist. Fast in jedem Haushalt befindet sich zumindest eine gekürzte Ausgabe dieser weltbekannten Märchen, die aus der deutschen Literatur nicht mehr wegzudenken sind.

Es war zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit ihrer Sammlung mündlich überlieferter Märchen begannen und sie anschließend bearbeiteten. Bei der Bearbeitung wurde vor allem auf gesellschaftliche Vorstellung und eine kindgerechte Darstellung Wert gelegt. Die Rezeption der Kinder- und Hausmärchen ist bis heute ungebrochen. Es existieren nicht nur zahlreiche Verfilmungen und Parodien, auch etliche Forscher haben sich nicht nur mit den literarischen, sondern auch mit den psychologischen Aspekten der Märchen befasst.

„Kinder brauchen Märchen“ lautet der Titel eines Werkes des Pädagogen Bruno Bettelheim, der damit in den Siebziger Jahre für den Märchenkonsum plädierte, da Märchen die Phantasie der Kinder anregen, Möglichkeiten zur Problemlösung aufzeigen, ihre Bedürfnisse ansprechen und durch einen glücklichen Ausgang versöhnen und ermutigen. Während andere Märchen, etwa die des kaum weniger bekannten Hans Christian Andersen, manchmal melancholisch enden, kann man bei den Gebrüdern Grimm auf einen positiven Schluss vertrauen, der den Schrecken, der zuvor ausgelöst worden sein mag, wieder zurücknimmt.

|Grundlegende Motive|

Kennzeichnend für alle Märchen dieser Ausgabe ist eine geradlinige, meist episodenhaft verlaufende Handlung mit vielen sich wiederholenden Motiven, dem Gebrauch starker Gegensätze, lehrreicher Aussagen und einem glücklichen Ausgang. Da die Gebrüder Grimm nicht als Erfinder fungierten, sondern auf bereits vorhandene Erzählungen zurückgriffen, tauchen viele bekannte Motive und Figuren aus älteren Werken und Kulturen wieder auf.

Den „gestiefelten Kater“ kennt man in der französischen Version von Charles Perrault, die Gestalt der „Frau Holle“ orientiert sich mutmaßlich an einer vorchristlichen Gottheit, „Der Arme und der Reiche“ greift eine Grundsituation aus Ovids Erzählung von „Philemon und Baucis“ auf, und die oft auftretenden sprechenden Tiere erinnern an die Fabel, die bereits die alten Römer kannten.

In vielen Märchen spielen die Religion und die Frömmigkeit eine große Rolle. Ganz offensichtlich wird das im „Marienkind“, das von der Mutter Gottes persönlich adoptiert und in den Himmel geholt wird, wo es mit den Englein spielen darf. Doch auch hier herrschen Gebote vor, die dem Mädchen untersagen, eine bestimmte Tür zu öffnen. Natürlich ist das Kind zu neugierig, schaut hinter die Tür und erblickt die Dreieinigkeit im Feuer – eine schwere Sünde, die sich noch verstärkt, da das Marienkind anschließend die Tat mehrmals leugnet. „Der Arme und der Reiche“ begegnen Gott selber, der, ebenfalls ein uraltes Motiv, als Wanderer auf Erden wandelt und die Gastfreundschaft der Menschen testet. Der hartherzige Reiche wird bestraft, der gutherzige Arme dagegen, der seine karge Habe mit dem scheinbar noch ärmeren Wanderer teilt, wird reich belohnt. Reich belohnt wird auch das Mädchen im Märchen von den „Sterntaler(n)“. Das Waisenkind gibt bereitwillig sein Essen und seine Kleidung weg, um anschließend dafür vergolten zu werden.

Eine große Rolle spielen Familienbande in den Märchen. Oft hat man es mit ausgesetzten oder flüchtenden Kindern zu tun. „Hänsel und Gretel“ werden ihrem Schicksal im Wald überlassen, „Brüderchen und Schwesterchen“ fliehen in einen ebensolchen, „Allerleihrau“ muss sich vor ihrem Vater dorthin retten. Das Motiv der bösen Stiefmutter ist eines der volkstümlich bekanntesten überhaupt. Interessanterweise wurde dieser Part in der ersten Version von „Schneewittchen“ mit ihrer leiblichen Mutter besetzt, doch es erschien gesellschaftlich versöhnlicher, dafür eine Stiefmutter zu wählen. Auch bei „Brüderchen und Schwesterchen“ taucht sie auf und nicht weniger missgünstig bei „Aschenputtel“, bei „Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein“ und im „Fundevogel“. Im Märchen von den „zwölf Brüder(n)“, den „sieben Raben“ und den „sechs Schwäne(n)“ sind starke Parallelen zu finden, sodass die Geschichten als Variationen voneinander gelten. Zentral ist hier vor allem das Motiv der einzigen Tochter, die ihre älteren Brüder erlöst. Aber auch Feindseligkeit unter Geschwister wird mehrfach thematisiert, etwa in „Der goldene Vogel“, „Der singende Knochen“, „Die drei Federn“, „Die Bienenkönigin“ und „Die Krähen“. „Der singende Knochen“ ist dabei eines der gewalttätigsten Märchen der Sammlung, da dort, ganz in biblischer Kain-und-Abel-Manier, der neidische Bruder den anderen erschlägt.

Sehr populär sind sprechende Tiere, die mal als Freund und Helfer und mal als böser Gegenpart auftreten können. Als Erstes kommt da vermutlich der Wolf in den Sinn, der „Rotkäppchen“ und die Großmutter fressen will und es in „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ auf die Tierkinder abgesehen hat. In „Der goldene Vogel“ dagegen ist der Fuchs ein weiser Ratgeber, der einem etwas einfältigen jungen Mann immer wieder den Weg weist; „Die Gänsemagd“ erhält Unterstützung von ihrem Pferd Fallada und „Der Fischer und seine Frau“ bekommen vom gefangenen Butt Wünsche gewährt. Manche der Tiere sind verzaubert und verwandeln sich am Ende wieder in Menschen zurück, etwa im „Froschkönig“, in „Brüderchen und Schwesterchen“ oder in „Die sieben Raben“. Andere Geschichten sind Tiermärchen, die sich an Fabeln orientieren und in denen die Charakteristika der Tiere beleuchtet werden.

Eigen ist allen Märchen ein auffallender Dualismus, der mal stärker und mal schwächer zutage tritt. Die Figuren sind charakterlich gewöhnlich eindimensional und dabei überzeichnet. Kinder und junge Frauen werden gerne idealisiert; sie sind rein und voller Güte, die in ihrer Unschuld mit den bösen Gestalten kontrastieren. Die hinterlistigen Charaktere greifen nicht selten zum Äußersten und sind bereit zum Mord, um sich Vorteile zu sichern. Häufig wird auch mit farblichen Gegensätzen gespielt – der weiße Schnee, die schwarzen Raben, das rote Blut, die weißen Lilien treffen aufeinander. Vor allem in der neueren Forschung wird ein Fokus auf psychologische Deutungen gelegt. Auch wenn viele Ansichten stark überzeichnet scheinen, wird dadurch manchmal offenkundig, wie spielerisch und harmlos hier gravierende Konflikte eingeflochten werden.

Das trifft etwa auf „Allerleihrau“ zu, die fliehen muss, weil ihr verwitweter Vater in ihr das Ebenbild seiner verstorbenen Frau sieht und seine Tochter daher heiraten will. Die Inzestproblematik wird teilweise auch in „Brüderchen und Schwesterchen“ hineingelesen, da die tiefe Verbundenheit zwischen den beiden immer wieder betont wird. Überhaupt befassen sich zahlreiche Interpretationen mit sexuellen Ansätzen, beispielsweise mit der Begründung eines Elektrakomplexes in „Schneewittchen“, wo das Mädchen emotional stark an den Vater gebunden ist, die sexuelle Heranreifung eines jungen Mädchens im „Froschkönig“, in der die Königstochter den verzauberten Prinzen mit ins Bett nehmen soll, was sie zunächst verschreckt, die Angst vor Sexualität in „Jorinde und Joringel“, wo die böse Hexe die Jungfrau Jorinde in eine Nachtigall verwandelt und ihren Freund Joringel in einen gelähmten Zustand versetzt. Märchen mit jungen Frauen im Mittelpunkt werden nicht selten emanzipatorisch gedeutet, etwa Allerleihraus Flucht und Erhebung aus der Demütigung und die Reifung des Mädchens in „Brüderchen und Schwesterchen“ vom kindlichen Wesen zur verheirateten Frau. Die Passivität eines schlafenden Dornröschens dagegen wird als Symbol für die nötigen Ruhe- und Rückzugsphasen während der Pubertät gesehen.

|Behutsame Modernisierung|

Bei der Modernisierung der Sprache dieser Ausgabe wurde sehr zurückhaltend vorgegangen, sodass man nicht befürchten muss, einen unpassenden Stil vorzufinden. Im Gegenteil, bei vielen Märchen dürfte dem Leser gar nicht auffallen, dass er eine erneuerte Ausgabe vor sich liegen hat. Der typische Märchenton der Gebrüder Grimm wurde beibehalten. Auffallend ist nur, dass die Dialektmärchen ins Hochdeutsche übersetzt wurden, um die Verständlichkeit zu verbessern.

Da viele der altertümlichen Ausdrücke erstens den Charme der Erzählungen ausmachen und zweitens teilweise gar keine moderne Entgegnung kennen, existiert im Anhang ein Register, das gleichzeitig Lexikon und Wörterbuch darstellt. Hier sind in Blau motivische Stichworte aufgeführt, die man in den jeweiligen Märchen findet, etwa Zahlen, Eigenschaften von Figuren oder Tiere. Sucht man nun ein Märchen über einen „Bettler“ oder eines, in dem ein „Fuchs“ auftaucht, kann man einfach nachschlagen und wird sofort fündig. In manchen Fällen sind auch Erklärungen beigefügt, etwa beim Stichwort „Kobalt“, das als „Erz, das beim Schmelzen kein Metall liefert“ definiert wird. In Grün sind die Titel der Märchen markiert und in Rot schließlich sind altmodische Ausdrücke und Wendungen geschrieben, die man beibehalten hat. Dazu gehört beispielsweise der Ausruf „Hott und har!“, mit dem man Pferde antrieb, der Kinder verwirren könnte.

Wie in allen anderen Märchenausgaben auch ist der Stil einfach und klar gehalten. Es kommen kaum lange Sätze vor, die Struktur ist überschaubar gestaltet und der Wortschatz ist in etwa dem eines Kindes angepasst. Viele formelhafte Wendungen wiederholen sich, etwa die Anfänge wie „Es war einmal …“ oder „In den alten Zeiten …“

|Schöne Illustrationen|

Die gelungene Bebilderung bildet das i-Tüpfelchen auf dieser Ausgabe. Über 400 Illustrationen der Künstlerin Charlotte Dematons schmücken die gut 500 Seiten in zarten Aquarellfarben in beeindruckendem Abwechslungsreichtum. Manchmal sind ganze Doppelseiten komplett mit Farben ausgefüllt und zeigen ein Gemälde, etwa eine stimmungsvoll ins Abendrot getauchte Waldlandschaft. Dabei sind die Farben jedoch immer zart genug, um den Text ohne Probleme lesbar zu lassen. An anderen Stellen finden sich ganzseitige Bilder ohne Text und wieder anderswo sind kleine Bilder, die ein paar Zentimeter Raum einnehmen, neben die Buchstaben gesetzt. Dabei wurde besonderen Wert darauf gelegt, dass die Illustrationen niemals den Ausgang der Geschichte vorwegnehmen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Darstellung der fliehenden Räuber in den „Bremer Stadtmusikanten“, wo darauf verzichtet wurde, die Tiere selber zu malen, wie sie die Räuber vertreiben.

|Kaum Schwächen|

Will man überhaupt etwas an diesem Werk kritisieren, fallen nur zwei Dinge ein: Zum einen ähneln sich die Märchen teilweise so stark, dass ein Übermaß an Konsum rasch zur Langeweile führen kann. Wer kein ausgesprochener Märchenfreund ist, tut gut daran, sich nur höchstens ein paar der Texte pro Tag zu Gemüte zu führen. Ansonsten läuft man Gefahr, sich an den immer wiederkehrenden Formulierungen und Ausgangssitationen und den klischeehaft-vereinfachten Darstellungen zu übersättigen.

Der andere Punkt betrifft speziell diese Ausgabe, die leider auf Informationen zu den Autoren verzichtet. Auch wenn fast jedem ihr Aussehen und ihre ungefähren Lebensdaten geläufig sind, wäre es schön gewesen, auf einer halben bis einer ganzen Seite ihre Biographie zusammenzufassen.

_Unterm Strich_ bleibt auf jeden Fall eine wunderbare Ausgabe der Grimm’schen Märchen mit hervorragenden Illustrationen und einem sehr hilfreichen Stichwort-Register zu einem günstigen Preis, der in jedem Haushalt einen Platz finden sollte. Wer schon immer mal eine Ausgabe kaufen wollte und sich nicht entscheiden konnte, findet hier eine sehr empfehlenswerte Version, die für Kinder wie Erwachsene gleichermaßen gut geeignet ist.

_Die Autoren_ Jacob und Wilhelm Grimm wurden 1785 und 1786 in Hanau geboren und lebten bis 1863 und 1859. Sie gehören zu den Begründern der deutschen Philologie und sind vor allem bekannt für ihre Herausgabe der Kinder- und Hausmärchen sowieso für das Wörterbuch der „Deutschen Grammatik“, in dem Jacob Grimm den Grundstein für die moderne Etymologie legte.

http://www.patmos.de

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