Indriðason, Arnaldur – Kältezone

In Island gibt es pro Jahr nur drei Mordfälle, dennoch hat dieses Land einen Erfolgsautor hervorgebracht, der bereits zweimal den begehrten „Nordic Crime Novel’s Award“ bekommen hat. Arnaldur Indriðason schreibt spannende und tiefgründige Kriminalromane, die sich weit über sein Heimatland hinaus erfolgreich verkaufen. Ähnlich wie Kathy Reichs widmet er sich meist mysteriösen Knochenfunden, die auf weit zurückliegende Mordfälle hinweisen. Doch im Gegensatz zu seiner amerikanischen Kollegin widmet Indriðason sich hierbei weniger dem Skelett und seiner forensischen Untersuchung als vielmehr der Tragödie, die sich hinter diesem Kriminalfall verbirgt.

In Indriðasons aktuellem Roman „Kältezone“ steht der See Kleifarvatn im Zentrum des Geschehens. Innerhalb kürzester Zeit hat sich der Wasserspiegel des Kleifarvatn so weit gesenkt, dass die Hydrologin Sunna bei einer ihrer Kontrollmessungen ein Skelett entdeckt, das bereits seit vielen Jahren auf dem Grund des Sees gelegen haben muss. Für einen solchen Fall kommt natürlich nur Kommissar Erlendur Sveinsson in Frage, der sich mit Vorliebe ungelösten Kriminalfällen widmet, da vor vielen Jahren sein eigener Bruder bei einem Schneesturm verschwunden ist und Erlendur dieses Erlebnis immer noch nicht verarbeitet oder gar abgeschlossen hat.

Bei seinen Ermittlungen wühlt sich Erlendur zunächst ziellos durch unaufgeklärte Vermisstenfälle aus den 70er Jahren. Schließlich trifft er dabei auf eine Frau, deren Verlobter im fraglichen Zeitraum spurlos verschwunden ist. Die beiden wollten damals heiraten, doch findet Erlendur schnell heraus, dass die Frau ihren Verlobten „Leopold“ kaum gekannt haben kann. Sie besitzt kein Foto von ihrem Verlobten und weiß wenig über sein Leben, nicht einmal, dass es sich bei „Leopold“ gar nicht um seinen richtigen Namen handelt. Hat Erlendur mit dem verschwundenen Leopold die richtige Spur entdeckt?

In einem zweiten Handlungsstrang erzählt Indriðason uns die Geschichte von Tómas, der in seiner Jugend leidenschaftlicher Anhänger der sozialistischen Partei war und sich daher für ein Studium der Ingenieurswissenschaften in Leipzig entschieden hat. Schnell wird klar, dass es zwischen dem gefundenen Skelett und Tómas eine Verbindung geben muss, die vor dem Hintergrund des Sozialismus spielt und bis in Tómas’ Studentenzeit zurückreicht. In Leipzig lernt Tómas am eigenen Leibe die Auswirkungen des Überwachungsstaats kennen. Seine Freunde und er selbst werden bespitzelt und riskieren ihre eigene Zukunft, wenn sie sich gegen den Sozialismus stellen. Als Tómas sich in die Ungarin Ilona verliebt, gerät er in einen Strudel von Ereignissen, der sein ganzes Leben verändern wird.

In gewohnt überzeugender Art klamüsert Arnaldur Indriðason einen Kriminalfall auseinander, der viele Jahre zurückliegt, für Erlendur Sveinsson allerdings alles andere als abgeschlossen ist. Der sympathische Kriminalkommissar, der seit fünf Jahren keinen Urlaub mehr genommen hat und zu Beginn des Buches daher im „Zwangsurlaub“ ist, macht sich hocherfreut an die Ermittlungen und lenkt sich dabei auch von seinen persönlichen Problemen ab. Seine Tochter Eva Lind ist seit einem tätlichen Angriff auf Erlendurs Kollegen in Therapie, versucht allerdings nur halbherzig, ihr Leben wieder in rechte Bahnen zu lenken. Zu diesem Zeitpunkt taucht auch noch Erlendurs Sohn Sindri Snaer auf und möchte bei seinem Vater wohnen. Hinzu kommt Erlendurs Beziehung zu einer verheirateten Frau, die nicht minder schwierig ist als das Verhältnis zu seinen beiden Kindern. Privat sieht es bei Erlendur daher trotz neuer Frau an seiner Seite alles andere als rosig aus, sodass er froh ist, wieder einen zurückliegenden Mordfall lösen zu können, der ihn von seinen eigenen Problemen ablenkt.

Erlendur sieht sich mit einem Fall konfrontiert, der ihn erneut in die Vergangenheit führt. Dort ist ein Verbrechen aufzuklären, das seine Ursprünge in Leipzig genommen hat, wo junge Studenten aus ihrer jugendlichen Unbefangenheit gerissen werden und erkennen müssen, dass der Sozialismus nicht die erwartete glorreiche Zukunft verspricht. Die Lehrjahre der ausländischen Studenten in Leipzig sind hart, einer wird ohne Studienabschluss des Landes verwiesen, doch es kommt noch schlimmer.

Arnaldur Indriðason widmet sich in „Kältezone“ den Problemen und Auswirkungen des Kalten Krieges sowie Islands Situation in dieser politisch schwierigen Zeit, er führt uns die Beklemmung vor Augen, die unter den Leipziger Studenten geherrscht haben muss, als sie erkannt haben, dass sie sogar von ihren eigenen Freunden bespitzelt werden. Mit viel Feingefühl und psychologischem Geschick erzählt Indriðason diese Geschichte aus der Vergangenheit, die zu einer Tragödie geführt hat, die uns betroffen und das zurückliegende Verbrechen verständlich macht.

Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse, denn auch ein Mörder kann bei Indriðason ein Opfer sein, das über erlittene Schicksalsschläge nicht hinwegkommen kann. Erlendur erfährt wieder einmal, dass auch längst vergangene Mordfälle nie ganz vergessen sind und es immer noch Menschen gibt, die trauern – um geliebte Menschen und um eine verloren gegangene Zukunft.

„Kältezone“ ist ein packender Kriminalroman mit hochinteressantem politischem Hintergrund, den Indriðason für uns aufdröselt. Der isländische Erfolgsautor nimmt uns an die Hand und schickt uns fast 40 Jahre in die Vergangenheit. Zusammen reisen wir nach Leipzig und fühlen uns plötzlich selbst verfolgt.

Bei Indriðason ist nicht so sehr die Tat an sich von Interesse, sondern die Motive sind es, die zu dieser Tat geführt haben und auch die Menschen und Schicksale, die sich hinter einem solchen Mord verbergen. So ist es auch im vorliegenden Roman, der uns wieder von Anfang an gefangen nimmt und auch noch lange beschäftigt, selbst wenn das Buch längst ausgelesen ist. Indriðason fasst thematisch ein heißes Eisen an und scheut sich nicht davor, politische Meinungsbildung zu betreiben, die hier in einen brisanten Mordfall verpackt wurde.

Doch „Kältezone“ hat noch mehr zu bieten als diesen Handlungsstrang rund um den aufzuklärenden Kriminalfall. Gekonnt formt Indriðason seine Charaktere aus, sodass bereits bekannte Figuren wie Erlendur, Sigurđur Óli und Elínborg immer mehr Gestalt annehmen und bei der Lektüre fast schon zu vertrauten Bekannten werden. Ganz nebenbei erzählt Indriðason Geschichten, die im Grunde genommen nichts mit dem Kriminalfall zu tun haben, die sich aber doch überzeugend in das Gesamtkonzept einfügen. Wenn Indriðason von Erlendurs familiären Problemen erzählt oder von Sigurður Ólis nächtlichem Anrufer, rückt die Ermittlung in den Hintergrund, ohne dass jedoch der Erzählfluss ins Stocken geriete. Indriðason beweist erneut, dass er über großes Erzähltalent verfügt und dass seine Romane erst durch derlei Nebenschauplätze abgerundet werden.

So bleibt am Ende festzuhalten, dass Arnaldur Indriðason mit „Kältezone“ sein hohes Niveau halten kann und erneut alle Erwartungen erfüllt. Indriðason bietet uns mehr als die bloße Aufklärung eines Mordfalles, er verwebt viele verschiedene Komponenten: Indriðason erzählt von persönlichen Schicksalen, er gibt seinem Roman ein politisches Grundgerüst und lebensnahe Charaktere, die uns von Buch zu Buch immer näher gebracht werden. So entführt uns der Autor in ein Island, in dem zwar nur drei Mordfälle pro Jahr geschehen, in dem es aber offensichtlich viele ungeklärte Mordfälle aus vergangenen Tagen aufzuklären gibt – und dies ist ein Glück für den Leser.

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