Mueller-Stahl, Armin – Hannah

„Hannah“ handelt von einer sowohl tiefen, innigen und wahren als auch falschen Liebe.

In einem Hotel treffen sich zwei alte Schulfreunde, um nach dem Tod der jungen und inzwischen sehr bekannten und ungewöhnlich begabten Musikerin Hannah ihrer zu gedenken und manches Geheimnis dem anderen erklären zu können. Für beide Männer wird das Gespräch zu einer Art von Lebensbeichte. Der Vater Hermann Krämer, von Beruf ein erfolgreicher Schriftsteller, und sein Jugendfreund Arnold erzählen von ihrem Leben mit Hannah.

Hermann Krämer übernimmt das Wort und erzählt unter Trauer von seiner Tochter. Hannah war immer musikalisch hochbegabt und verstand es bereits mit vier Jahren, eine Viertelgeige perfekt zu spielen. So selbstverständlich und harmonisch, so individuell begabt, entwickelte sie ihren ganz eigenen Stil. Über Bach sagte sie: „Wenn ich Bach spiele, weiß ich, was Unendlichkeit ist. Es ist die Unendlichkeit selbst. Bei Bach gibt es keinen Tod.“

Hannah war eine selbstbewusste, stets neugierige Frau. Ihre Melancholie, ihre Philosophie kompensierte sie mit ihrem Geigenspiel. Die Musik schien ihre Seele zu reinigen. Hannah war auch immer das Kind ihres Vaters. Die Ehe von Hermann Krämer war schwierig, durch seine schriftstellerische Arbeit distanzierte er sich immer mehr von seiner Frau, aber nicht von Hannah selbst.

Arnold, sein Freund, hört still die Beichte seines Freundes. Es ist eine Lebensbeichte, die Auflösung aller Schwierigkeiten, aller Geheimnisse, die vielleicht beide irgendwo teilen. Hermann erzählt von seinem Verhältnis zu seiner Frau Hellen, die schwer erkrankte und kurz nach Hannahs Tod selbst starb. Hermann ist einsam, er fühlt sich im Stich gelassen und stellt fest, dass er einiges einfach nicht wahrgenommen hat oder wahrnehmen wollte. Kurz vor Hannahs Tod offenbarte er ihr die Wahrheit über ihr Leben. Trägt er eine Mitschuld am Tode seiner Frau und Hannahs?

In stolzem Bewusstsein und Trauer hört Arnold still zu; kritisch und aller Illusionen beraubend präsentiert er seinem Freund die harte, melancholische Wahrheit. Zum ersten Mal seit ihrer Jugend erzählt er von seinem Verhältnis zu Hermanns Frau und Hannah. Der Kreis des Lebens scheint sich zu schließen, und Geheimnisse werden zum ersten und wohl zum letzten Mal gelüftet.

Der Roman ist unglaublich faszinierend geschrieben. Armin Mueller-Stahl beschreibt die verschiedenen Verhältnisse der beiden Männer zu Hannah in stiller Melancholie. Die Geschichte ist akribisch, detailliert erzählt. In einer ganz eigenen poetischen Stimmung und Spannung entführt uns Armin Mueller-Stahl in unterschiedliche, aber auch gemeinsame Lebensläufe seiner Charaktere. Der Roman ist in der Ich-Form des Hermann Krämer geschrieben. Man spürt förmlich die Trauer und das tiefe Schuldbewusstsein der Vaterfigur.

Dies ist der erste Roman, den ich von Armin Müller-Stahl gelesen habe, und er macht Lust auf mehr. Der Roman ist leider nur 134 Seiten stark, aber jedes Kapitel ist eine Geschichte für sich. Als Schauspieler hat er mich schon längst überzeugt, sein schriftstellerisches Talent kann ich nur als ebenso brillant beschreiben.

Als einzigen negativen Punkt kann nicht nur anmerken, dass der Schluss des Romans vorhersehbar ist, aber doch wegen der einen oder anderen Erklärung der beiden Hauptpersonen nicht uninteressant. Letztlich geht es auch nicht darum, die Spannung bis zum Schlusssatz aufzusparen, denn die ganze Geschichte wirkt in sich einmalig.

Für die Leserschaft wird dieser Roman unterschiedlich interessant sein. Der Roman regt zum Nachdenken an. Der Leser stellt fest, dass die Wahrheit nicht immer die bessere Lösung sein muss, denn diese kann vernichtendes Potenzial haben. „Warnend“ sei gesagt, dass dieser Roman nicht unterhaltsam oder durch Handlung spannend sein will. Diese Geschichte gehört dafür nicht zu den Erzählungen, die man liest und gleich wieder vergessen hat.

_Armin Mueller-Stahl_ ist bekannt geworden durch Film- und Theaterschauspiel. Geboren 1930 in Tilset, gehört er inzwischen zu den erfolgreichsten deutschen Künstlern. Er ist neben der Schauspielerei noch ausgebildeter Konzertgeiger, Maler und Schriftsteller. Armin Mueller-Stahl schreibt seit vielen Jahren und hat noch einige andere Romane veröffentlicht, u. a. „Der verordnete Sonntag“ (1981) (leider vergriffen), „Drehtage“ (1991), „Unterwegs nach Hause“ (1997) und „In Gedanken an Marie Louise“ (1998).

http://www.aufbauverlag.de

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