Jonathan Carroll – Fieberglas / The Marriage of Sticks

Entdeckungsreise ins Ich einer Zauberin

Miranda Romanac ist eine attraktive Frau mittleren Alters, die mit seltenen Büchern handelt und eigentlich ein erfülltes Leben führt. Nur der Mann fürs Leben fehlt ihr noch und sie hofft, auf einem Klassentreffen ihrem Ex-Freund James zu begegnen, für den sie immer noch romantische Gefühle hegt. So kommt es einem Schock gleich, als sie erfährt, dass James Stillman drei Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist.

Nach New York zurückgekehrt, lernt sie den reichen Kunsthändler Hugh Oakley kennen, der lange Zeit mit James befreundet war. Sie verlieben sich und alles scheint sich wieder zum Guten zu wenden. Doch dann wird Miranda von einer Folge unerklärlicher Ereignisse heimgesucht, die ihr buchstäblich den Teppich unter den Füßen wegziehen.… (Quelle: Amazon.de)

Diesem Bericht liegt die Originalausgabe zugrunde.

Der Autor

Jonathan Carroll wurde 1949 in New York City geboren. Sein Vater war Drehbuchautor, seine Mutter Schauspielerin. Seit vielen Jahren lebt er in Wien und unterrichtet an der American International School. Als Amerikaner in Wien hat er die Mythen und Märchen dieses städtischen Mikrokosmos erkundet und für seine fantasievollen Werke genutzt. Er ist einer meiner Lieblingsschriftsteller.

Carroll, geboren 1949 ( oder ’45, je nach Quelle), unterrichtet in Wien an der American International School, u.a. Englische Literatur und Creative Writing. Er war Buchrezensent und veröffentlichte 1980 seinen Erstlingsroman „Land des Lachens“, der binnen kurzem zu einem Untergrund-Kultbuch wurde.

Seither hat er sich durch zahlreiche phantastische Romane mit hintergründiger und herausfordernder Symbolik, die fast alle in der Gegenwart spielen, einen Namen gemacht. Einmal wurde er bei einer Lesung von einem wütenden Leser attackiert, erzählte er mir auf der Frankfurter Buchmesse. Denn in seinem Roman „Laute Träume“ (Bones of the Moon, 1987) lässt er die Heldin ihr Kind abtreiben, und dagegen hatten gewisse Leute etwas.

Zu seinen bislang übersetzten Romanen zählen „Wenn Engel Zähne zeigen“ und „Pauline, umschwärmt“ (siehe meinen Bericht) sowie „Fieberglas“ und „Das hölzerne Meer“ (s.u.). Seine Erzählungen sind in „Die panische Hand“ (bei Suhrkamp wie alle Taschenbücher) gesammelt, ein Band, den ich empfehlen kann. Mehr Info in der Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Jonathan_Carroll.

Wichtige Werke (laut Wikipedia):

Die Rondua-Bücher

• 1987 Bones of the Moon (dt. 1988 unter dem Titel »Laute Träume« bei Suhrkamp)
• 1988 Sleeping in Flames (dt. 1990 unter dem Titel »Schlaf in den Flammen« bei Suhrkamp)
• 1989 A Child Across the Sky (dt. 1992 unter dem Titel: »Ein Kind am Himmel« bei Suhrkamp)
• 1994 From the Teeth of Angels (dt. 1995 unter dem Titel »Wenn Engel Zähne zeigen« bei Europa)
• 1991 Outside the Dog Museum (gewann den British Fantasy Award, dt. 1993 unter dem Titel »Vor dem Hundemuseum« bei Insel)
• 1992 After Silence (dt. 1995 unter dem Titel »Wenn die Ruhe endet« bei Suhrkamp)

Die Crane’s-View-Bücher

• 1998 Kissing the Beehive (dt. 1999 unter dem Titel »Pauline, umschwärmt« bei Europa)
• 1999 The Marriage of Sticks (dt. 2002 unter dem Titel »Fieberglas« bei Eichborn)
• 2001 The Wooden Sea (dt. 2003 unter dem Titel »Das hölzerne Meer« bei Eichborn)

Weitere Romane

• 1980 The Land of Laughs (dt. 1986 unter dem Titel »Das Land des Lachens« bei Suhrkamp)
• 1982 Voice of our Shadow (dt. 1989 unter dem Titel »Die Stimme unseres Schattens« bei Suhrkamp)
• 1990 Black Cocktail (dt. 1993 unter dem Titel »Schwarzer Cocktail« bei Heyne)
• 2002 White Apples (noch nicht übersetzt)
• 2006 Oko dnia (polnisch; engl.: Eye of the Day)
• 2008 The Ghost in Love (polnisch 2007)

Kurzgeschichtensammlung

• 1986 „The Panic Hand“ (gewann den Bram Stoker Award als beste Kurzgeschichtensammlung, dt. 1989 unter dem Titel »Die Panische Hand«, bei Suhrkamp)

Handlung

Miranda Romanac ist schon 33 Jahre alt, aber immer noch eine Jägerin, sowohl was Männer angeht, als auch ihren Beruf: Sie spürt für ihren erlesenen New Yorker Kundenkreis in aller Welt wertvolle Erstausgaben und seltene Manuskripte auf. Im Grunde ist sie also ein Bücherwurm, der auf die Verpuppung wartet, um das Fliegen zu lernen.

Die Vergangenheit

Als sie von ihrer besten Schuldfreundin Zoe Holland eine Einladung zu einem Klassentreffen erhält, reist sie zurück an die Westküste. Alte Erinnerungen überfallen sie wie hinterhältige Kohorten, und die intensivste Erinnerung betrifft ihre alte High-School-Flamme James Stillman. Als sie auf der Ehemaligen-Party beiläufig erfährt, dass James vor drei Jahren bei einem Autounfall gestorben sei, haut es sie erst einmal aus den teuren Pumps. Gut, dass Zoe sie gleich tröstend in den Arm nimmt.

Zoe erzählt, wie sie selbst von Jims Tod benachrichtigt wurde: per Telefon. Eine Frau mit zickiger Stimme rief an, um ihr mitzuteilen, dass Jim gestorben sei, in einem Autounfall. „Sie klang sehr kalt, als sie das sagte“, meint Zoe. Schon bald reist Miranda wieder gen Osten, um den Tiefschlag zu verdauen – oder auch nicht, denn sie stürzt sich wieder ins Business. Dabei wird sie von einem verärgerten Kunden niedergeschlagen – und in dieser hilflosen Stellung fotografiert.

Die Zukunft?

Noch am gleichen Abend folgt sie der Einladung einer befreundeten Kunsthändlerin zu einer Dinner Party. Sie lernt den Kunsthändler Hugh Oakley und dessen hübsche Frau Charlotte kennen, doch als er von James Stillmann zu sprechen beginnt, wachsen ihr lange Ohren. Er kannte Stillman offenbar ein paar Jahre, nachdem dieser anfing, sich im Kunsthandel einen Namen zu machen. Leider fiel er auf eine Fälschung herein, so dass der gute Name gar nicht erst zustande kam. Schlimmer noch: Stillmans zickige Freundin Kiera Stewart, eine Schottin aus Aberdeen, servierte den Loser eiskalt ab, am Telefon. Als er in einer eisigen Winternacht zu ihr fuhr, verunglückte er. Es war Kiera, die Zoe anrief.

Zu ihrer Verwunderung merkt Miranda, dass Hugh stark an ihr als Person und Frau interessiert ist: Er hat sogar einen Termin in Dublin sausen lassen, um sie zu treffen! Zusammen gehen sie heimlich in New York City einkaufen und sie darf sein Haus auf Long Island besichtigen, während seine Familie fort ist. Der erste Kuss lässt nicht lange auf sich warten. Doch was dann? Miranda flattern die Nerven.

In diesem verwirrten Gemütszustand erblickt sie in New York den Geist von James Stillman. Er ist es, von Kopf bis Fuß, und macht wieder jene spezielle arabische Geste, um ihr einen Handkuss zuzuwerfen. Trotz hartnäckiger Verfolgung lässt er sich nicht erhaschen. Er ist offensichtlich ein Geist, erkennt Miranda. Aber warum ist sie in der Lage, ihn zu sehen? .

Als sie Zoe bang erzählt: „Ich habe einen Geist gesehen und liebe einen verheirateten Mann“, sagt ihre beste Freundin nur: „Großartig! Willkommen im Klub!“ Die geschiedene Mutter Zoe ist eine Expertin für beides: Geister und verheiratete Männer…

Mein Eindruck

Früh liegt der Verdacht nahe, dass Miranda nicht weiß, wer oder was sie in Wahrheit ist. Sie sieht Geister aus ihrer Vergangenheit (Stillman), aber auch aus ihrer Zukunft: eine alte Frau sitzt im Rollstuhl am Rande der Autobahn, die zum Flughafen von L.A. führt. Außerdem kristallisiert sich der Eindruck heraus, dass sie durch ihre Nichthandlungen das Schicksal anderer beeinflusst hat. So hat sie beispielsweise nie mit James Stillman geschlafen, obwohl er doch der College-Boy ihrer Träume war. Als Folge fiel er Kiera Stewart in die Hände und durch seinen Übereifer auf ein Fake-Gemälde von Lolla Adcock herein. Das berufliche Scheitern zog die Trennung von Kiera nach sich, was wiederum Jims Unfalltod zur Folge hatte.

Nun scheint sich das Spiel zu wiederholen: Soll sie wirklich mit dem verheirateten Hugh Oakley schlafen und riskieren, dass sie seine Ehe zerstört? Durch ihre Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen, erblickt sie Declan, den Sohn, den Hugh mit Charlotte hätte haben können, wenn sie sich nicht eingemischt hätte. Declan wird in Mirandas Identitätskrise eine wichtige Rolle spielen, indem er sie bei einem finsteren Namen schimpft: „Vampirin!“

Eine weitere bedeutende Rolle spielt die beinahe hundert Jahre alte Frances Hatch. Sie bittet Miranda, ein paar alte Gemälde und Manuskripte etc. zu verkaufen, auf Kommission, versteht sich. Miranda ist aus zunächst unerklärliche Weise von Frances fasziniert, denn die alte Dame verkehrte in ihrer europäischen Jugend buchstäblich mit Künstlergrößen wie Giacometti, Kazantzakis („Alexis Sorbas“) und Ernest Hemingway. Frances erzählt von ihrer großen Liebe, dem österreichischen Bauchredner und Zauberer Shumda.

Durch ihre Fähigkeit, in die ferne Vergangenheit zu sehen, macht sie die Bekanntschaft des großen Shumda, wie er bei einem Auftritt in Bukarest ein Mädchen fliegen lässt. Sie kann sich sogar in dieses Mädchen hineinversetzen, und erst später erklärt man ihr, wer sie war: Elisabeth Lanz, die Tochter eines Würdenträgers, der nach Elisabeths Absturz in der Manege Shumdas Karriere beendete. Die Bilder, die Frances verkaufen möchte, stellen Lolla Adcock in jungen Jahren dar…

Damit Hugh und Miranda zusammenleben können, schenkt ihr Frances einfach ein Haus in dem kleinen Ort Crane’s View (siehe „Pauline, umschwärmt“), der im idyllischen Tal des Hudson River liegt. Doch das Haus hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich: Es ist lebendig und reagiert auf Mirandas magische Anwesenheit auf unerwartete Weise.

Miranda nähert sich nach Hughs unerwartetem Ableben zunehmend dem Wahnsinn, deshalb ist sie besonders dankbar, als ein besonders bodenständiger Mann sich ihrer annimmt: Der Gesetzeshüter Frannie McCabe hat sich jahrelang um das Haus gekümmert, den Dachboden erkundet – doch der ist neuerdings verschwunden. Dafür findet sich im Keller ein Schatzhaus an Erinnerungen. Das Haus ist in der Tat lebendig, denn es befindet sich auch in Mirandas Kopf.

Zu solchen Erinnerungen gehören die Stäbe, die dem O-Titel seine Bedeutung geben. Die Stäbe sind eine Idee des wunderbaren Hugh, die Miranda weiterführt: Immer dann, wenn man einen besonders bemerkenswerten Augenblick erlebt hat, besorgt man sich ein Stöckchen und ritzt eine Kerbe hinein. Kommen zwei solche Stäbe zusammen, ergibt das eine „Ehe von Stäben“ – und ein innigeres Beisammensein von Partnern. Bis zuletzt wird Miranda, die in hohem Alter diese Geschichte ihrem Tagebuch anvertraut hat, einen solchen Stab, den ihr Hugh gegeben hat: ein Stück Treibholz, von der Sonne zu Silber gebleicht.

Unterm Strich

„Fieberglas“ vereint eine wunderschöne Liebesgeschichte mit dem Verlauf einer magische Entdeckungsreise in Mirandas eigenes Ich. Wer oder was sie wirklich ist, darf hier natürlich nicht verraten werden, aber für jeden Leser, der Überraschungen und sonderbare Wendungen liebt, hält das Buch eine wahre Schatzkammer bereit. Dass sowohl die Identitätsfindung als auch die Affäre mit Hugh ganz anders verlaufen, als der Leser erwartet, darf man getrost voraussetzen.

Personal

Für den Autor existieren künstliche Unterscheidungen wie „Vergangenheit“ oder „Zukunft“ nicht, denn sein Universum funktioniert ganz anders: Es ist ein Kontinuum, das sich im Bewusstsein jedes Menschen anders abbildet. Persönlichkeiten können wiedergeboren werden, Kinder und Hunde spielen die Rolle von Engeln, alte Frauen bergen uralte Geschichten und stellen die sonderbarsten Zusammenhänge. Frances Hatch ist eine solche Matrone, und sie ist sowohl listig als auch liebenswert. Das Fieberglas-Sanatorium ist ihr letzter Zufluchtsort – aber vor wem? Auch dies muss Miranda noch herausfinden.

Kinder

Kinder spielen immer eine wichtige Rolle bei diesem Autor, denn sie stammen aus einem Akt in der Vergangenheit und haben in der Zukunft ein großes Potential. Was aber, wenn man Miranda ist und die Schicksale anderer negativ beeinflusst? Dann werden Kinder wie Declan gar nicht erst geboren; nur ihre Potentialgeister tauchen auf. Was ist zu tun? Wie sich zeigt, muss die schwangere Zauberin ein großes Opfer bringen…

Meine Lektüre

Ich fand jede Seite dieses schönen Romans faszinierend und stellenweise sogar bewegend. Der Leser muss stets ein offenes Bewusstsein mitbringen, um all die Wunder, die der handelsüblichen Vernunft widersprechen, genießen und würdigen zu können. Man lernt: Das Leben hält Erfüllung für den bereit, der willens ist, sich für diese Möglichkeit zu öffnen.

König Zitterbart

Zu solchen Edelsteinen der Erfahrung zählen die vielen Dinge, die Carroll aus seinem Wiener Erfahrungsuniversum einbringt. Da ist von merkwürdigen Dingen wie „dreikornbrot“ und „kurbiskernol“ (= Kürbiskernöl) (S. 154) die Rede. Am besten fand ich aber das „deutsche“ Märchen von König Zitterbart (S.99ff). Es sei nicht von den Brüdern Grimm, erklärt Hugh, aber von wem dann? Dreimal dürfen wir raten, aber ich tippe auf den Autor selbst. Es ist ein sehr gutes und fein erzähltes Märchen. (Die deutsche Ausgabe enthält zusätzlich Illustrationen von Anke Kuhl.)

Hardcover: 375 Seiten
Originaltitel: The Marriage of Sticks, 1999
Aus dem Englischen von Rainer Schmidt
ISBN-13: 9783821808222

www.luebbe.de/eichborn

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