Dmitry Glukhovsky – Futu.re

Der russische Autor Dmitry Glukhovsky hat nach seinem Bestseller „Metro 2033“ und dem Nachfolgeband „Metro 2034“ wieder eine dystopische Zukunft für die Menschheit entworfen. Dabei zeigt er auch in seinem neuen Roman „Futu.re“, dass er die Klassiker aufmerksam gelesen hat. Wie in Samjatins „Wir“ haben die Protagonisten Nummern statt Namen. Wie in Orwells „1984“ werden alle Menschen überwacht und kontrolliert und wie in Huxleys „Schöne neue Welt“ betäuben die Menschen sich mit Drogen, um ihr Leben erträglich zu machen, denn – und das ist dieses Mal neu – das ewige Leben, das der Menschheit so verheißungsvoll erschien und erscheint, wurde endlich erreicht. Doch es wird bezahlt mit Künstlichkeit, Einsamkeit und innerer Leere.


In einem Europa, das hoffnungslos überbevölkert und von riesigen Wohntürmen bedeckt ist, zwischen denen man nicht einmal mehr den Himmel erkennen kann, lebt 770. Er erinnert sich jedoch noch daran, das seine Mutter ihm den Namen Jan gegeben hat, bevor man ihn ihr weggenommen und in ein staatliches Internat gesteckt hat, denn die Fortpflanzung in diesem Europa ist streng reglementiert und wird von den Eltern mit einem stark verkürzten Leben von nur etwa zehn weiteren Jahren bezahlt. Die auf Staatskosten erzogenen Kinder, die das Internat nach der totalen Selbstaufgabe als ewig jung bleibende Erwachsene verlassen, werden anschließend der Organisation „Phalanx“ unterstellt, wo es ihre Aufgabe ist, unangemeldete Kinder aufzustöbern und dem Staat zu überstellen, sowie deren Eltern die Todesspritze zu versetzen.

Der Autor scheint seinen Helden nicht sehr zu mögen. Die physischen und psychischen Greul, die er den Jungen und alle anderen Kinder im Internat durchleben lässt, werden nach und nach enthüllt und wecken bis zu einem gewissen Grad auch Verständnis für die Handlungsweise der solchermaßen aufgewachsenen Menschen. Doch sie lassen den Protagonisten dem Leser über weite Strecken genauso unsympathisch erscheinen wie seine Gegenspieler. Tatsächlich müssen schwache Gemüter über zahlreiche Seiten voller Gewalt, Folter und Vergewaltigungsszenen hinweglesen, die so ausführlich vielleicht nicht nötig gewesen wären.

Als Jan einen Terroristen und dessen schwangere Freundin ausschalten soll, geschieht das Unglaubliche: Er verliebt sich in die Frau und brennt mit ihr nach Barcelona durch, wo die Menschen noch altern und in Familienverbänden zusammenleben. Wie schon bei der Beschreibung des restlichen Europas läuft Glukhovsky auch hier zur Hochform auf und malt anschaulich das Bild eines futuristischen Ghettos: „Die Stadt Barcelona ist zur Gänze mit knapp sechshundert identisch aussehenden, zylindrischen, in grellen Neonfarben gehaltenen türmen überbaut. Deren Basis bildet eine gigantische Plattform, die das alte Barcelona mit seinen herrlichen Boulevards und Prachtstraßen, den verschnörkelten Gebäuden und Kathedralen – oder zumindest das, was davon übrig ist – , überdacht. … Die Türme stehen in gleichmäßigem Abstand und bilden ein Quadrat… . Das Ensemble ähnelt der Säulenhalle eines antiken Tempels, der mit der Zeit zerfiel und von einfallsreichen Restauratoren in eine Art Vergnügungspark für Kinder verwandelt wurde. Dort, wo Barcelona nicht direkt ans Meer grenzt, ist es von einer zweihundert Meter hohen durchsichtigen Mauer umgeben, die hier allenthalben als gläsern bezeichnet wird. Angeblich reicht sie ebenso tief in die Erde hinab – für den Fall, dass irgendwelche schlauen Füchse versuchen sollten, einen Tunnel nach Europa zu graben.“

Dieser zunächst wie ein spontaner Ausflug anmutende Schritt kann Jan jedoch nicht nur die Karriere, auf deren Leiter er gerade im Begriff ist höher zu klettern, sondern als Abtrünnigen der Phalanx auch sein Leben kosten. Doch genauso schnell wie er sich von der Liebe überwältigt dazu hinreißen lässt, ein Leben mit Annelie zu planen, hilft er der Phalanx – vom Hass auf die vermeintlich untreue Frau getrieben – Barcelona zu überwältigen und alle Einwohner inklusive der Kinder mit der Alterungsspritze zu versehen sowie zum Sterben nach Afrika abzuschieben.

„Futu.re“ ist kein philosophischer Roman, aber er setzt sich durchaus mit philosophischen Fragen auseinander. Welchen Wert hat die Familie? Welche Kulturgüter sind wichtig genug, um sie für immer zu bewahren? Brauchen Kreativität und Entwicklung die Sterblichkeit? Erst nach gut 800 Seiten, auf denen Glukhovsky seinen zwischen Gehorsam und Verweigerung hin- und hergerissenen Protagonisten durch Himmel und Hölle geschickt hat, begreift dieser, dass er seit seiner Geburt nur ein Spielball in den Plänen eines einflussreichen Politikers war. Er erkennt aber auch, wie er dieser perfiden Welt auf den folgenden 100 Seiten ein Ende bereiten und für die nachfolgenden Generationen ein menschenwürdiges Leben in Freiheit schaffen kann. Da gelingt dem Autor noch einmal eine überraschende Wendung und so versöhnt er den Leser ebenfalls mit seinem sonst so wenig heldenhaften Protagonisten.

Das Coverdesign des Wälzers aus dem Heyne Verlag orientiert sich im Sinne des Wiedererkennungseffekts optisch an den beiden ersten Romanen. Es handelt sich um ein sehr stabiles Paperback, das auch nach dem Lesen noch ordentlich geheftet und knitterfrei ist. Erwähnenswert ist der raffiniert „FUTU.RE“ geschriebene „deutsche“ Titel, der das Wort durch den Punkt vor dem „re“ trennt und eine zweite Deutungsweise ermöglicht, welche die Quintessenz des Romans, dass die Zukunft wieder rückgängig gemacht werden muss, sehr gut zusammenfasst. Kompliment an die Übersetzer, denn im russischen Originaltitel funktioniert das so natürlich nicht.

Der Stern bezeichnet Glukhovsky dem Klappentext nach als „neuen, russischen Kultautor“. Wer sich für Utopien interessiert, kommt auch meiner Meinung nach nicht an diesem Autor vorbei.

Taschenbuch: 925 Seiten
Originaltitel: Будущее
Übersetzung: David Drevs
ISBN: 9783453315549

www.randomhouse.de/heyne

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (2 Stimmen, Durchschnitt: 4,50 von 5)

Dmitry Glukhovsky bei Buchwurm.info:

Sumerki – Dämmerung, 2010

Metro 2034 (Hörbuch), 2010

Metro 2033, 2009