Russell, Craig – Blutadler

Von einer internationalen Ebene betrachtet, erfreuen sich die Erzeugnisse deutscher Autoren im Bereich der Trivialliteratur wohl keiner sonderlich großen Verbreitung. Entsprechend selten spielen sich Romane aus dem Fantasy- und Sci-Fi-Bereich oder auch Thriller in Deutschland ab. Die meisten Bestseller, die man in der Buchhandlung erstehen kann, kommen ursprünglich aus dem englischsprachigen Raum. Um so interessanter ist es dann, wenn ein schottischer Autor einen Thriller schreibt, der nicht in New York, Washington, London oder einer Vorstadt von Kalifornien spielt, sondern stattdessen in Hamburg. Craig Russell heißt der Schöpfer des Buchs, der in seinem Erstlingswerk dieses Experiment angegangen ist und dabei durchaus realistisch und eindrucksvoll beweist, dass auch deutsche Städte einen guten Hintergrund für die Handlung einer Kriminalgeschichte liefern.

Die Rahmenhandlung ist schnell umrissen und scheint im ersten Moment die Wiederverwertung altbekannter Zutaten zu sein, wie man sie schon oftmals in anderen Romanen, die einen Serienmörder zum Thema hatten, kennen gelernt hat. Es geht zuallererst einmal in diesem Roman um einen Serienkiller, der sich Son of Sven nennt und Frauen nach den Vorgaben eines alten Wikinger-Rituals tötet. Der Protagonist der Geschichte wiederum ist Kommissar Jan Fabel, der nicht nur auf den Fall angesetzt wird, sondern zu dem der Killer scheinbar einen persönlichen Bezug hat, schickt er doch immerhin dem Kommissar regelmäßig E-Mails, in denen er die Morde ankündigt.

Es beginnt also ein Wettlauf mit der Zeit, denn jeder Tag, der verstreicht, könnte mit einer neuen, brutal verstümmelten Leiche enden. Allerdings scheinen noch einige andere Dinge im Hintergrund abzulaufen, die ebenfalls mit dem Fall zu tun haben. Doch davon ahnt der Kommissar zu Anfang nichts. Als sich jedoch andere Parteien auf höchster Ebene – unter anderem die Geheimdienste – in den Fall einschalten, das eigenen Team in Gefahr gerät und sich dazu eines der Opfer auch noch als Kollegin Fabels herausstellt, erkennt der Protagonist – wie auch der Leser – schnell, dass es um mehr geht, als es den Anschein hat.

Russell schafft es auf eindrucksvolle Weise, Hamburg zu schildern und vor den Augen des Lesers lebendig werden zu lassen. In der Hörbuchvariante ist dies keineswegs anders. Die Geschichte wird von David Nathan vorgetragen, der bereits eine beachtliche Reputation als Synchron- und Hörbuchsprecher besitzt. So liefern also die Beschreibungen des Autors zusammen mit der Leistung des Sprechers in einer beeindruckenden Synergie eine bedrückend düstere Darstellung der Hafenstadt. So düster und lebendig, dass man sich gelegentlich selbst durch dunkle Gassen rennen sieht und den Regen auf der Haut spürt.

Der Autor zeichnet sich durch seine guten Kenntnisse der Stadt aus, beschreibt Szenerien so, als würde er den Inhalt eines Fotos wiedergeben. So kann man sich nicht über fehlende Sachlichkeit und Details beschweren, wie sie oftmals auffallen, wenn Autoren Gegenden und Sachverhalte aus fremden Ländern beschreiben. Deutschland und insbesondere Hamburg ist für Russell definitiv kein fremder Ort; vielmehr scheint es für ihn eine Art zweites Zuhause zu sein.

Doch unter all dem Lob für die Fähigkeit, Details genau wiederzugeben, muss man auch kritische Punkte anführen. So fällt schnell auf, dass der Autor bewusst Schockeffekte einsetzt, um dem Roman eine besondere Note zu verleihen und einem breiteren Publikum zu öffnen. Nicht nur eingefleischte Liebhaber von Thrillern werden mit Russells Werk bedient, sondern auch Freunde von Splatter und möglichst bluttriefenden Szenen. Es ist eigentlich nicht nötig, das Aussehen und den Zustand der Leichen wieder und wieder in blutigem Detailreichtum zu schildern. Die Methodik, die hier angewandt wird, kennt man vielleicht von der Boulevardpresse, doch erwartet man dies eigentlich nicht von einem ’seriösen‘ Roman. Dabei ist es auch nicht sonderlich zuträglich, dass man an einigen Stellen des Romans bzw. Hörbuchs das Gefühl hat, der Protagonist und seine Kollegen hätten den Tod von Kollegen zum Normalzustand erklärt und ihre Emotionen des Platzes verwiesen. Dies ist zwar glücklicherweise nicht immer so, aber der Held und sein Team wirken einfach manchmal zu abgebrüht und kühl, als dass es uns angebracht erschiene, insbesondere wenn man die emotionalen Reaktionen in Kontext zu den kurz zuvor beschriebenen Leichen setzt. Der Kontrast, der hieraus entsteht, ist einfach zu grell und auffallend.

Der Sprecher des Hörbuchs versucht offensichtlich, derartige Passagen im Buch durch perfekten Einsatz seiner Stimme auszugleichen. Mal flüstert er, mal krächzt er heiser, und mal spricht er mit einem leichten Entsetzen in der Stimme. Doch sind die Hürden, die ihm vom Autor an diesen Passagen in den Weg gestellt werden, überaus hoch gesetzt. Fällt Nathan im Generellen durch seine hervorragende Darbietung auf, so sticht an diesen Stellen doch ein gekünstelter Unterton hervor. Doch prinzipiell ist dies nicht Nathans Fehler, sondern liegt an der schwierigen Romanvorlage. Ganz im Gegenteil, der Sprecher schafft es hervorragend, bis an die Grenzen des Möglichen zu gehen.

Die Beschreibung der Mordszenen und Emotionen außen vor gelassen, muss man sagen, dass der Autor es versteht, eine komplexe Handlung aufzubauen. Die Daten über Wikinger-Mythologie sind nicht immer komplett richtig, aber oberflächlich betrachtet gibt es nichts zu beanstanden; der Roman soll ja vor allem unterhalten und nicht die Mythen der Germanen erläutern. Ähnlich verhält es sich mit geschichtlichen Hintergründen, die im Laufe des Romans eine wichtige Rolle spielen. Auch hier merkt man, dass der Autor sich redliche Mühe gegeben hat, keine Widersprüchlichkeiten in seine Handlung einfließen zu lassen. Etwas problematisch wirkt allerdings die Handlung als Ganzes, denn auch hier zeigt sich der Hang des Autors, möglichst reißerisch von allen Mitteln der Kunst Gebrauch zu machen, um ein großes Publikum anzusprechen. Sicherlich nutzt jeder Autor diverse Effekte in seiner Handlung und in seinen Beschreibungen, um den Plot möglichst spannend zu gestalten und den Leser nicht zu langweilen. Jedoch scheint Russell derartigen Methoden etwas zu sehr verfallen zu sein. Komplizierte Verknüpfungen im Geflecht der Handlungen sind wichtig, denn sie tragen dazu bei, dass man nicht alles direkt vorausahnen kann. Nur wirkt die schiere Masse der miteinander verwobenen Handlungslemente einfach viel zu konstruiert. Man muss nicht alle Klischees, die man von Thrillern kennt, durcharbeiten und in eine einzige Geschichte einbauen. Mafia, Geheimdienste, Serienkiller, mystische Kulte, Korruption und Intrigen in den eigenen Reihen, Terroristen und diverse andere Bösewichte; die Liste lässt sich sogar noch weiter fortsetzen, so eigentümlich übertrieben das klingen mag. Es scheint so, als ob Craig Russell Angst gehabt hätte, dass er nach diesem Roman nie wieder einen weiteren schreiben darf, so dass er daher alle Ideen, die er hatte, auf einmal verwendet hat.

Alles in allem kann man also davon sprechen, dass der Roman als Debüt guter Durchschnitt, aber nicht so herausragend ist, dass man von einem neuen Wunder-Autor reden muss. Interessant wird es vor allem, wenn man irgendwann einen zweiten Roman des Autors lesen kann, denn dieser wird wohl zeigen, ob es eine Verbesserung seitens Russells gibt.

Auch zum Hörbuch und der Leistung von David Nathan ist nicht viel mehr hinzuzufügen. Er hat exzellente Arbeit geleistet und man kann sich jederzeit darauf freuen, noch mehr von ihm zu hören.

http://www.craigrussell.com/
http://www.luebbe-audio.de

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