Sattler, Elfriede – Nabelfrei. Mein Leben – kein Roman

„_Kein Roman, aber genauso fesselnd_“

Geboren 1931, ungeliebt aufgewachsen, von Erwachsenen immer wieder physisch und psychisch misshandelt, vom Stiefvater missbraucht sowie selbst nach ihrer Flucht vom elterlichen Hof noch von ihrer Mutter verfolgt und fast zur Rückkehr ins Martyrium gezwungen – der erste Teil von Elfriede Sattlers Lebensgeschichte liest sich wie ein nicht enden wollender Alptraum. Da kann man kaum glauben, dass es sich dabei um die wohlproportionierte junge Frau handeln soll, die dem Leser insbesondere vom rückwärtigen Umschlagbild in einer anmutigen Tanzpose entgegenstrahlt. Doch Elfriede hat eine starke Persönlichkeit und einen unbändigen Überlebenswillen und, was sich für sie als noch viel wichtiger erweisen wird, sie hat den unbedingten Wunsch, ein unabhängiges Leben zu führen.

Während im Nachkriegsdeutschland für die Frauen noch die Heirat als erstrebenswertestes Ziel gilt, will Elfriede sich nie von einem Mann abhängig machen. Innerlich immer auf der Hut vor zu viel Nähe, lernt sie erst nach und nach zu verstehen, dass sie von der Natur mit einem wunderschönen und begehrenswerten Körper ausgestattet wurde, der die Männer geradezu hypnotisch anzieht. So hat sie schnell beruflichen Erfolg als Modell. Als Komparsin beim Film kommt sie gut an, doch Elfriede will mehr. Sie will Deutschland hinter sich lassen. Sie wird Tänzerin und tourt mit einer kleinen Gruppe durch Clubs und Cabarets. Auch wenn „tanzen“ in diesem Zusammenhang noch nicht mehr bedeutete, als in Unterwäsche und Negligé zur Musik über ein Podest zu spazieren, ist es der erste Schritt zu mehr Körpergefühl und zur Akzeptanz ihres Körpers.

Das lang ersehnte Engagement in Zypern endet zwar als große Enttäuschung, aber Elfriede findet einen Ausweg und macht eine Tanzausbildung, nach der sie sich bei Agenturen als Solotänzerin vorstellen kann. Schließlich trifft sie auf Artin Bahadourian und damit auf einen Agenten, der ihr Engagements in Griechenland und auch im Orient vermittelt. So ist es unvermeidlich, dass sie in Ägypten dem orientalischen Tanz begegnet. Dieser setzt ihrer inzwischen erwachten Liebe zum Orient das i-Tüpfelchen auf. „Mir war es, als hätte jemand ein bis dahin fest um mich geschnürtes Korsett zerschnitten. Und zwar jedes Band einzeln. Als zöge meine Seele in ein anderes Haus. In ein viel Schöneres. Von einer schäbigen Hütte in eine Villa. Ich legte eine Schicht von meinem Panzer ab und wurde mehr und mehr zu einer empfindenden, fühlenden Frau.“, beschreibt Elfriede Sattler ihre Gefühle nach den ersten Tanzstunden bei Samia Gamal, welche in dieser Zeit eine der gefragtesten Tänzerinnen ist und in vielen ägyptischen Filmen mitspielt. Somit beginnt ihre Leidenschaft für den orientalischen Tanz, in dem sie es in einigen Jahren zu einer Meisterschaft bringt, bei der sie mit den besten orientalischen Tänzerinnen mithalten kann und viele Stars der Szene kennenlernt.

Dennoch ist es übertrieben, wenn man diese Lebensgeschichte als „Märchen aus 1001 Nacht“ beschreibt. Trotz der märchenhaften Umgebung und Elfriedes märchenhaftem Aufstieg zu der in der orientalischen Welt hoch angesehen Tänzerin Ulfat Sharif, lässt die Autorin keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Lebensgeschichten solcher Tänzerinnen selten ein gutes Ende nahmen. Mit diesem Bewusstsein hält sie sich vor allem von den Männern fern. Obwohl sie im Laufe der Jahre einige innige Beziehungen führt, ist sie immer bestrebt, ihre Unabhängigkeit zu wahren, Geld zurückzulegen und sich nie ganz auf eine Beziehung einzulassen, bis sie eines Tages einem jordanischen Prinzen begegnet und erkennen muss, dass man seinem Herzen doch kein ganzes Leben lang davonlaufen kann.

Die knapp 400 Seiten fassende Biografie liest sich aber nicht nur als Lebensgeschichte einer Frau, der man großen Respekt entgegenbringen muss, sondern auch wie ein Panorama seiner Zeit. Die aus heutiger Sicht erschütternd emotionslose Einstellung zur Kindererziehung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts sowie die Dramatik des Zweiten Weltkrieges und die Veränderungen in Deutschland kommen dabei genauso zum Ausdruck wie das kosmopolitische Leben in der international geprägten High Society im Orient, das einen krassen Gegensatz zum Leben der einfachen Orientalen darstellte. Mit Elfriede Sattler dürfen die Leser auch bei orientalischen Familienfesten dabei sein. Sie beschreibt Auftritte in Privathäusern und gibt damit Einblicke in die orientalische Lebensweise und orientalische Gebräuche. Man erlebt den sprichwörtlichen Kulturschock mit, als Elfriede in den 50ern zurück nach Europa geht, und hat mal wieder reichlich Grund, sich für den eigenen Kulturkreis fremdzuschämen, in dem eine solche Tänzerin sofort in die Schublade „leichtes Mädchen“ gesteckt wird, während man im Ursprungsland den Tanz völlig zurecht als hohe Kunstform betrachtet, deren Perfektion nur mit jahrelanger Übung und Leidenschaft zu erreichen ist.

_“Nabelfrei“ ist dabei_ keine große Literatur, sondern das in einfachen Worten aufgeschriebene bewegende Schicksal einer Frau, die sich trotz einer unvorstellbar schlechten Ausgangsposition, ein selbständiges und freies Leben in einer Welt erarbeitet hat, die sich über wenige Jahrzehnte extrem veränderte. Es ist die Geschichte einer misshandelten Frau, die mit dem orientalischen Tanz zu sich selbst und ihrem Körper gefunden hat und im späteren Leben auch in Europa für ihre Träume und ihre unabhängige Lebensweise eingetreten ist. Elfriede Sattler gibt ein hervorragendes Beispiel dafür, dass man sich im Leben nicht unterkriegen lassen darf, dass man wissen muss, wohin man will – kurz, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, selbst wenn es mit dem Traumprinzen nicht klappen sollte. Wenn man das Buch erst einmal aufgeschlagen hat, kann man es nur schwer wieder zur Seite legen, denn von „ungeheuerlich“ bis „unglaublich“ ist alles dabei.

|400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN-13: 978-3426655191|
http://www.knaur.de

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