Simmons, Dan – Kinder der Nacht

|Rumänien 1989:|

Nachdem die Diktatur des Staatsmannes Ceausescu beendet wurde, können nun auch Politiker und Wissenschaftler aus dem Westen in das Land einreisen, welches sich in einem desolaten Zustand befindet. Die Waisenhäuser sind zum Bersten voll und die Kinder vegetieren unter ärmlichen Verhältnissen vor sich hin.

Die amerikanische Ärztin und Hämatologin Kate Neuman nimmt sich des kleinen Joshua an, der mit Blutinjektionen am Leben erhalten wird. Gemeinsam mit ihrem Assistenten, dem Medizinstudenten Lucian, diagnostiziert sie eine seltene Form eines Mangelsyndroms, welche diese ungewöhnliche Therapie erforderlich macht. In Amerika könnte dem Kind allerdings besser geholfen und seine Lebenserwartung verlängert werden. So adoptiert sie das Baby kurzerhand und bringt es in die Staaten. Dabei ist ihr vor allem der Priester und Kriegsveteran Michael O’Rourke behilflich, der in den Waisenhäusern und Hospitälern Rumäniens gemeinnützige Arbeit verrichtet.

Im Forschungsinstitut in Amerika, wo Kate eigentlich arbeitet, finden die Ärzte und Wissenschaftler im Magen des Kindes ein schattenhaftes Organ, welches offensichtlich in der Lage ist, Blut zu absorbieren. Kate und ihren Kollegen gelingt es, ein synthetisches Substitut herzustellen, so dass der kleine Joshua kein Blut zu sich nehmen muss. Doch bevor es zu weiteren Untersuchungen kommen kann, wird das Kind von einer Gruppe Fremder entführt, die über unheimliche Kräfte und eine enorme Regenerationsfähigkeit verfügen. Die Spur der Kidnapper führt Kate und ihren Begleiter Pater O’Rourke wieder nach Rumänien. Dort werden die beiden mit einer Wahrheit konfrontiert, die nur schwer zu akzeptieren ist.

Die Entführer des Kindes sind Vampire, und Joshua soll ihr neuer Anführer, ihr neuer Vlad werden …

|Meinung:|

Der |Heyne|-Verlag hat den Liebhabern der Vampir-Literatur einen großen Gefallen getan, als er diesen grandiosen Roman wieder neu auflegte. Auch wenn die Kritiken unter dem Klappentext wieder einmal weit über das Ziel hinausschießen, so ist das Buch doch eine durch und durch spannende und gehaltvolle Unterhaltungslektüre.

Zu Beginn wird eine Gruppe westlicher Wissenschaftler, Geschäftsmänner und Priester gezeigt, die von einem Ortskundigen durchs gerade befreite Rumänien geführt werden. Hier zeigt der Autor erstmals, wie eindringlich er zu schreiben weiß. Unterstützt durch hervorragend recherchierte Fakten, zeigt er dem Leser ein realistisches Bild von Rumänien, wie es vor mittlerweile fast zwanzig Jahren ausgesehen haben mag. Armut und Elend, so weit das Auge reicht, und eine Bevölkerung, die dennoch stolz und unbeugsam geblieben ist. Insbesondere die erbärmlichen Verhältnisse in den Waisenhäusern gehen unter die Haut und beinhalten eine gesunde Portion Gesellschaftskritik, ohne dass der Autor mit dem imaginär erhobenen Zeigefinger mahnt.

Sehr real und aufwühlend wird auch die Bürokratie beschrieben, mit der sich Kate Neuman herumplagen muss, um den kleinen Joshua in die USA zu bringen. Dabei steht ihr noch nicht einmal die rumänische Regierung im Wege, sondern ihre eigene. Nachdem die Handlung sich zunächst in die Vereinigten Staaten von Amerika verlagert, wird der Roman mehr und mehr zum Wissenschaftsthriller, in dem Simmons seine profunden medizinischen Kenntnisse einfließen lässt. Wer keine Vorbildung in diesen Bereichen hat, sollte sich ein Medizin-Lexikon bereitlegen, denn der Verfasser scheut sich nicht, Fachbegriffe zu verwenden, die nicht immer für den Laien verständlich erklärt werden. Das wäre auf die Dauer auch unglaubwürdig, wenn hochdekorierte Ärzte und Wissenschaftler sich für Normalsterbliche verständlich unterhalten würden.

Mit der Ärztin Kate Neuman hat der Autor einen Charakter geschaffen, den er äußerst lebendig und sympathisch beschrieben hat. Der innere Konflikt zwischen plötzlich entbrannter Mutterliebe und ihren Pflichten als Wissenschaftlerin wurden exzellent herausgearbeitet. Auch ihr männlicher Gegenpart O’Rourke ist weit davon entfernt, im typisch amerikanischen Heldenklischee seinen Platz zu finden. Er ist ein versehrter Kriegsveteran aus Vietnam, der dort nicht nur sein Bein verlor, sondern auch seinen Glauben, und eine Höllenangst vor engen dunklen Gängen besitzt. Dabei wirkt der Mann nie überzogen oder unglaubwürdig, und die wachsende Beziehung zwischen den beiden Protagonisten ist ein zentraler Bestandteil der Geschichte. Die Bedrohung durch die Vampire äußert sich nie plakativ oder vorhersehbar, ist aber dennoch vorhanden. Ein besonders gutes Händchen bewies Simmons mit den Erinnerungen des echten Vlad Dracula. Dabei griff der Autor auf historische Dokumente zurück, vorzugsweise auf die Bücher der Schriftsteller Raymond T. McNally und Radu Florescu.

Der Spannungsbogen flacht im Verlauf der Handlung nie ab, und immer wieder würzt der Verfasser seinen Roman mit überraschenden Wendungen. Gerade der zweite Part in Rumänien ist von einer düsteren, unheilschwangeren Atmosphäre durchdrungen, denn Kate kann sich nie sicher sein, wer Freund und wer Feind ist. Das Finale hingegen wurde allerdings ein wenig zu bombastisch geschildert, vermag den Leser aber trotzdem noch zu verblüffen.

Die Neuauflage von „Kinder der Nacht“ präsentiert sich dem Leser in einem düsteren Grünton. In der Mitte des Titelbildes öffnet sich eine Blende, in der ein Ausschnitt des wolkenverhangenen Nachthimmels mit Vollmond zu sehen ist, davor das kahle Gerippe eines Baumes. Das ideale Bild, um die entsprechende Atmosphäre des Romans dem Käufer zu vermitteln.

|Fazit:|

„Kinder der Nacht“ ist ein durchweg spannender Vampirroman, der weitaus mehr zu bieten hat als blutsaugende Phantome. Dan Simmons‘ Werk ist Polit- und Wissenschaftsthriller gleichermaßen. Sein vom Klischee abweichender Vampirismus ist eine vererbte Krankheit und wirkt niemals sonderlich erotisierend. Gut recherchierte Fakten und ein konstant gehaltener Spannungsbogen machen den Roman zu einem Glanzstück innerhalb der Unterhaltungsliteratur, das darüber hinaus auch zum Nachdenken anregt.

|Originaltitel: Children of the Night
Übersetzung von Joachim Körber
672 Seiten|
http://www.heyne.de
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