Webb, Catherine – Lucifer – Träger des Lichts

Sam Linnfer ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Dass er ständig in schwarzen Klamotten rumrennt, ist dabei eher nebensächlich. Weit auffälliger ist die Tatsache, dass er offenbar nahezu jede Sprache der Welt spricht, und sei sie noch so exotisch. Und dabei sind die toten Sprachen noch gar nicht mitgerechnet. Ein paar gewisse Leute aber wären wohl am meisten an seinen Pässen interessiert: ein britischer, ein deutscher, ein kanadischer, ein russischer und ein schweizer Pass, und das alles auf drei verschiedene Namen!

Tatsächlich taucht eines Tages die Polizei bei ihm auf. Aber nicht wegen seiner Pässe, sondern wegen eines seltsamen Briefes. Der wurde nicht nur gleichzeitig an Sam Linnfer und Luc Satise adressiert – was Sam eher weniger wundert, denn Luc Satise ist einer seiner Decknamen – und enthält einen höchst eigenartigen Hilferuf. Zu allem Übel ist die Verfasserin inzwischen tot. Was die Polizei aber gar nicht hätte merken dürfen!

Kaum sind die äußerst misstrauischen Gesetzeshüter wieder verschwunden, beschließt Sam, der Sache auf den Grund zu gehen. Damit sticht er in ein Hornissennest …

|Personal|

Sam ist ein recht sympatischer Bursche. Das mag daran liegen, dass seine Familie ihn bereits vor Äonen rausgeworfen hat, sodass Sam den größten Teil seines Lebens auf der Erde und in der Hölle zugebracht hat. Offenbar sind dadurch einige höchst menschliche Züge an ihm hängen geblieben, so zum Beispiel die Treue seinen Freunden gegenüber oder auch eine gehörige Portion Mitgefühl für alle, die leiden müssen. Wie er zu seiner Verbitterung feststellen muss, wird diese Tatsachen aber von so gut wie niemandem zur Kenntnis genommen, denn einer seiner Brüder hat Sams Ruf ein für allemal gründlich ruiniert! Dabei ist Sam der Träger der einzigen Waffe, die die Welt noch retten kann: der Träger des Lichts. Lucifer. Das heißt aber nicht, dass er bereit wäre, sich von seinem Vater als Werkzeug benutzen zu lassen!

Angenehm an Webbs Charakterzeichnung ist, dass Sam trotz seiner Fähigkeiten und seiner mächtigen Waffe kein unschlagbarer Superheld ist. Das mag zum einen daran liegen, dass die Waffe selbst so etwas wie ein unangenehmes Rückschlagventil hat, das bei voller Ausnutzung den Tod des Benutzers verursachen wird, oder daran, dass herkömmliche Waffen Sam zwar nicht töten, aber sehr wohl schwer verwunden und damit zumindest längere Zeit außer Gefecht setzen können. Aber auch sonst kann man von Sam nicht sagen, dass er ein unfehlbares Ass wäre. Das sieht man zum Beispiel deutlich daran, dass ihm aufgrund seiner häufigen Abwesenheit die Herrschaft über die Gebiete der Hölle zu entgleiten droht. Eine höchst unangenehme Entwicklung, wenn man bedenkt, dass dort offenbar etwas versteckt ist, was seine Gegner unbedingt haben wollen!

Genau gesagt, suchen sie die Schlüssel der Pandora. Aus den verschiedensten Gründen haben es sich einige seiner Brüder in den Kopf gesetzt, Gier, Hass und Argwohn zu befreien und sie ihren Zielen zunutze zu machen, die allerdings ziemlich unterschiedlich sind. Andererseits spielen diese Unterschiede keine große Rolle angesichts der Tatsache, dass einer von ihnen nach dem vierten Schlüssel sucht! Er will Uranos freilassen, eine Wesenheit, die vor Chronos und seinen Kindern herrschte, von diesen aber weggesperrt wurde. Denn Uranos duldet keine vergehende Zeit, keine Bewegung, keine Veränderung. Uranos ist ein Zustand der Erstarrung, ohne Tod und gleichzeitig ohne Leben. Nur: Wer von Chronos‘ Kindern sollte eine solche Macht befreien wollen? Und wie kann man sie aufhalten? Um das herauszufinden, muss Sam kreuz und quer durch die halbe Welt reisen …

|Kulisse|

Ein wenig erinnert „Lucifer“ an einen James-Bond-Film. Der einzige Unterschied ist, dass Sam erst einmal herausfinden muss, worum es überhaupt geht.

Abgesehen davon ist die Umgebung, in der Sam sich bewegt, wesentlich bunter. Catherine Webb hat ihren Himmel mit so ziemlich sämtlichen Göttern bevölkert, die jemals in einer Kultur angebetet wurden, von ägyptischen über griechische und germanische Götter bis hin zu Buddha. Dazu kommen Inkarnationen wie Licht, Glaube, Frieden und Krieg, Liebe oder Chaos, und eine ganze Menge himmlischer Helfer wie Erzengel und Walküren. Die Hölle ist natürlich voller Dämonen, von denen allerdings nur ein einziger überdurchschnittlich viel Grips zu besitzen scheint, und das ist Beelzebub. Und auf der Erde wimmelt es von Anderen, womit Anderweltbewohner gemeint sind, allerdings nicht beschränkt auf die zugegebenermaßen vielfältigen Varianten des keltischen Kulturraumes, sondern auch Dschinns und andere Geister eingeschlossen. Sie alle können sich – je nach Machtumfang mehr oder weniger frei – zwischen den verschiedenen Ebenen Himmel, Erde und Hölle bewegen, indem sie magische Tore benutzen, was zwar schnell geht, aber dafür nicht unbedingt angenehm ist.

Diese bunte Mischung sorgte dafür, dass ich diese Jagd nach den Schlüsseln, die den Weltuntergang bedeuten, wesentlich amüsanter fand als herkömmliche Agententhriller. Dazu trug auch der lockere Schreibstil der Autorin bei, der unter anderem Sam eine recht menschliche Redeweise in den Mund legt. Die Handlung selbst schreitet zügig voran, und an den Stellen, die hauptsächlich dadurch gekennzeichnet sind, dass Sam mit den verschiedensten Verkehrsmitteln unterwegs ist, sind oft Rückblicke eingestreut, die nicht nur einen Blick auf Sams persönliche Vergangenheit werfen, sondern auch Strukturen und Verhältnisse innerhalb des Himmels klarstellen, sodass es niemals langweilig wird.

_Insgesamt_ empfand ich „Lucifer“ trotz der eher oberflächlichen Charakterzeichnung als angenehme und unterhaltsame Lektüre. Durch den Schwerpunkt auf der Mythologie liegt die Thematik ein wenig außerhalb der üblichen Fantasy-Pfade, die Handlung bietet Rätsel, Verfolgungsjagden, ein paar kurze Zweikämpfe – was sich hier eher auf die Anzahl der kämpfenden Parteien als die der beteiligten Personen bezieht – und sogar ein wenig Familiendramatik. Von der Errettung der Welt mal abgesehen, aber da kommt die Hauptsache ja erst noch …

_Catherine Webb_ gehört mit ihren zwanzig Jahren zur Riege der Jungautoren, ihr erstes Buch veröffentlichte sie 2002. Seither hat sie fünf weitere Romane geschrieben. Auf Deutsch erschienen außer „Lucifer“ bisher „Der Zauberer der Nacht“ und „Die Dämonen der Nacht“. Die Fortsetzung zu „Lucifer“, „Satan“, ist für Ende August dieses Jahres angekündigt.

http://www.bastei-luebbe.de

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