Rainer Schmitz – Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was Sie über Literatur nicht wissen

Einleitung: Der Schriftsteller, das (un-) bekannte Wesen

Die Literaturgeschichte ist ein Forschungsfach, das sich bekanntlich überaus wichtig nimmt. Große Geister äußern bekanntlich große Gedanken, und diese dem gemeinen Leservolk, den noch viel gemeineren Kritikern sowie den chronisch mit Blindheit geschlagenen wissenschaftlichen Kollegen zu erklären, ist eine todernste Aufgabe, nein, eine Mission, zu der sich zahlreiche Spezialisten berufen fühlen. Noch die scheinbar unwichtigste biografische Einzelheit fließt in die Werksanalyse ein, bis aus einem Schriftsteller schließlich ein Ausnahmemensch wird, dessen Leben das Werk und umgekehrt spiegelt.

Dabei sind Schriftsteller auch nur Menschen – in der Regel sogar recht schwache i. S. von gar nicht vorbildlichen Zeitgenossen. Darüber hinaus sind sie weder vor den Tücken der Geschichte oder des Objekts gefeit. Lächerliches und Peinliches stößt ihnen mindestens ebenso häufig zu wie Erhabenes oder Dramatisches. Wieso auch nicht, denn der Schriftsteller lebt nicht für seinen Nachruhm, sondern im Hier & Jetzt mit allen Konsequenzen, die Spielsucht, Impotenz, Inkontinenz, alkoholbedingte Ausfälle und alle sonst möglichen (und unmöglichen) Profanitäten einschließen.

Dass der Schriftsteller in dieser Hinsicht gesellschaftliche (Narren-) Freiheiten genießt oder für sich in Anspruch nimmt, geht auf seinen (und natürlich auch ihren) Ruf als kreativ schöpferischer Mensch zurück. Viele Autoren nutzten und nutzen dies weidlich aus und erproben, wo hier die Grenzen liegen. Die Grenze zur Selbstzerstörung ist dabei nie fern und wird mit manchmal spektakulären Effekten überschritten. Nicht einmal der Tod bringt zuverlässig das Ende eines Schriftstellerlebens. Das Werk bleibt und kann nun von den Nachgeborenen nach Belieben interpretiert oder gefleddert werden. Davon bleibt manchmal sogar die Leiche des Schriftstellers nicht verschont, war dieser (wie William Shakespeare) zu Lebzeiten nicht schlau genug, späteren Trophäen- und Devotionaliensammlern einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Ein Klatsch-Kompendium der gelungenen Art

Nichts Menschliches ist im Universum des geschriebenen Wortes also fremd. Den überwältigend überzeugenden Beweis liefert Rainer Schmitz in seiner Sammlung einschlägiger Ereignisse und Anekdoten. Auf den ersten Blick scheint sich diese in die Reihe der Als-ob-Lexika einzufügen, mit denen der Eichborn-Verlag viele Jahren gute Geschäfte machte. Doch anders als diese inhaltlich auf den jeweiligen Titel gequälten Fleißarbeiten liefert Schmitz ein Werk, das seine Einträge zwar alphabetisch ordnet und Textverweise gibt, ansonsten jedoch sehr eigene Wege geht.

Mehr als zwei Jahrzehnten habe er Belege für die obskuren Seiten der Literatur gesammelt, gibt der Verfasser beiläufig in Spalte 1029 oben an. Die hat er nicht nur ergänzt, sondern auf aktuellem Stand gehalten, d. h. korrigiert oder bearbeitet, wenn er neue Informationen entdeckte. Das Ergebnis kann sich nicht nur sehen lassen, sondern lastet auch massiv auf des Lesers Bauch, möchte er oder sie es liegend studieren: Fast 1000 eng mit winziger Schrift bedruckte Seiten bilden ohne jede Abbildung eine Buchstabenwüste, die den potenzieller Wanderer zunächst abschreckt.

Allerdings dauert es nur kurze Zeit, bis offenbar wird, was Rainer Schmitz hier präsentiert: Es ist Klatsch & Tratsch vom Allerfeinsten & Saftigsten. Fakten und Fabeln – der Verfasser ehrt die Legende, wo sie die schnöde Wahrheit übertrumpft – über prominente Männer und Frauen liegen bekanntlich im Trend. Dies galt auch in der Vergangenheit. Der Durchschnittsmensch war und ist süchtig nach Einzelheiten aus berühmten Leben, die ihn überhaupt nichts angehen. Trotzdem haben sich stets findige (oder charakterlose) Gestalten gefunden, die dem Volke gaben, was das Volk begehrte.

Kein Wunder, dass Schmitz, der ganz und gar nicht systematisch das gesamte Feld der Literatur beackerte, sondern primär seinen privaten Vorlieben frönte, dennoch gewaltige Mengen ebenso irrelevanter wie interessanter Infos zusammentragen konnte: In den Bibliotheken und Archiven dieser Welt liegen die Skandale der Vergangenheit gut konserviert begraben und lassen sich exhumieren, wenn man weiß, wo der Literaturarchäologe die Schaufel ansetzen muss.

Der Tod ist keine Grenze

Hat man zu lesen begonnen, beginnt ein Abenteuer, dem man sich vielleicht mit schlechtem Gewissen – Klatsch ist böse, so das politisch korrekte Urteil – aber zunehmender Faszination hingibt. Wir Menschen lieben halt das Abstruse; dies vor allem, wenn es nicht unsere Sünden sind, die offenbart werden. Bertold Brecht war ein reueloser Plagiator! Alexandre Dumas ließ seine Bestseller („Die drei Musketiere“) von anonymen Lohnschreibern verfassen! Anaïs Nin trieb es mit dem eigenen Vater! Knut Hamsun war ein Kollaborateur der Nazis!

Bemerkenswert sind auch die Blicke hinter die Kulissen. Zwar können eine Kurzgeschichte, ein Roman, ein Gedicht zur Kunst geadelt werden, doch es wird kein späteres Meisterstück als solches verfasst. Schmitz schildert die recht nüchternen Umstände, unter denen die Großleistungen der Weltliteratur entstanden. Er beschreibt, wie literarische Anerkennung nicht selten ‚gemacht‘ wird oder entsteht, wenn die Verfasser schon tot und vergessen sind. „Von ihrem ersten Gedichtband ‚Poems‘, den die Geschwister Brontë 1845 … herausgaben, sind insgesamt drei Exemplare verkauft worden.“ (Sp. 813) Gar nicht so viele Autoren haben ihren Ruhm erlebt – größer ist dagegen der Kreis derer, die das Pech hatten ihn zu überleben.

Den Tod prominenter Schriftsteller greift Schmitz gleich mehrfach auf. Er thematisiert die grotesken Blüten, die der Kult um verehrte Autoren treiben kann. Wenn so ein Meister stirbt, kann und darf er nicht ohne bedeutungsvolle letzte Worte gehen. Bleiben diese aus, werden sie nachträglich erfunden. Im langen Artikel „Leichentourismus“ (Sp. 820-839) lesen wir von unwürdigen Raufereien um erlauchte Kadaver. So mancher Dichter kam als Leiche weiter herum als zu Lebzeiten. Was hätte Friedrich Schiller dazu gesagt, wäre ihm bekannt gewesen, dass sein Schädel dem Freund Goethe lange Jahre als Briefbeschwerer diente? (Goethe selbst erwischte es 1970, als faulige Dünste aus seinem brüchigen Sarkophag sickerten und seine Leiche gereinigt und das Skelett restauriert wurde; Sp. 915-919.) Dabei hatte Schiller noch Glück: So mancher Jünger betätigte sich als Trophäenräuber, wenn sich die Gelegenheit ergab, weil z. B. ein Künstlersarg nicht sorgfältig genug gesichert war.

Neben den Schriftstellern gab es seit jeher die Verleger. Beide Seiten leben in einem Verhältnis, das zwischen Symbiose und Schmarotzertum schwankt. Nüchterner Geschäftssinn trifft auf freies Künstlertum – kein Wunder, dass hier oft die Fetzen flogen, die von Schmitz sorgfältig aufgesammelt wurden. Dabei beschränkt er sich nicht auf entsprechende Konflikte vergangener Jahrhunderte. Eines der Steckenpferde, die Schmitz reitet, ist die Beschäftigung mit dem modernen Verlagswesen in Deutschland. Die ‚hohe Literatur‘ ist nach seiner Auffassung ein Gral, der von bestimmten Verlagen, Zeitschriften und Zeitungen gehütet wird. Eifersüchtig wird er geschützt, wobei selbstverständlich die Hüter und nur diese entscheiden, wer des Meisters würdig ist. Tatsächlich hat diese Anmaßung außerordentliche Folgen auf die deutsche Kulturszene. Schmitz geht eher indirekt darauf ein, indem er die oft lächerlichen Begleiterscheinungen schildert (und dabei an subjektivem Spott nicht spart – hier hat jemand wohl noch einige Rechnungen offen).

Darf man das denn alles glauben?

Weil Schmitz kein Lexikon abliefert, ist es nebensächlich, dass er diverse Aspekte leicht variiert mehrfach aufgreift. So kommt er gern auf das Thema „Literaturfälschung/Plagiat“ zurück. Noch deutlicher wird die angesichts des Buchumfangs nicht sofort augenfällige Einseitigkeit des Werks. Sie wird deutlich, wenn man die Frage nach der Intensität stellt, mit der die Schriftsteller dieser Welt berücksichtigt werden. Definitiv hegt Schmitz Vorlieben für Goethe, Schiller, Kafka oder Shakespeare. Hier ließen sich aus den einzelnen Artikeln sicherlich gar nicht so kurze Einzelbiografien zusammenstellen. Vor allem über Goethe erfahren wir mehr, als wir sogar als Tratschsüchtige wissen möchten. Hier spielt die Greifbarkeit entsprechender Quellen eine große Rolle. Über Goethe gibt es fast lückenlose biografische Aufzeichnungen, die voller Ehrfurcht noch die profansten Worte und Tätigkeiten des Dichterfürsten festhalten. Hier kann ein Anekdotenjäger leicht reiche Beute machen!

Überhaupt ist der Quellenteich, aus dem der Autor schöpft, recht seicht. Sekundärliteratur, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel sowie das Internet hat Schmitz weniger ausgewertet als ausgebeint. Vieles ist durch seine Suchraster gefallen. Die Unterhaltungsliteratur hat er beispielsweise nur lückenhaft einbezogen. So hätte der Gruselmeister H. P. Lovecraft (1809-1937) die von Schmitz aufgelisteten „fleißigsten Briefeschreiber der Literatur“ (Sp. 171) als Faultiere deklassiert. Auch die wahren Vielschreiber der ‚leichten‘ Literatur sind ihm unbekannt. Sehr deutlich zeigt der Eintrag zu „Perry Rhodan“ (Sp. 1034/35) Unkenntnis und Unlust des Verfassers, sich in diese Materie einzuarbeiten. Die Fakten zur größten SF-Serie der Welt sind schlecht recherchiert bzw. werden sinnentstellend verknappt. Auf der nächsten Seite referiert Schmitz dann fast in identischer Länge eine witzige aber unwichtige Anekdote zum „Lessing-Pfefferkuchen“ aus Breslau (Sp. 1038).

So genießt man diesen pseudo-literaturgeschichtlichen Brummer am besten als Steinbruch, der einen mit spannenden, traurigen, staunenswerten, komischen Geschicht(ch)en versorgt und dabei schier unerschöpflich ist. Viele Tage hat dieser Rezensent – kein ausgesprochener Freund der ‚guten‘ Literatur – an diesem Buch gelesen, manchmal bis zur Erschöpfung, und hat doch nicht davon lassen können, bis der zwielichtige Spaß vorbei war; man muss kein Prophet sein um zu verkünden, dass es denen, die sich auf dieses Abenteuer einlassen, ungeachtet der Frage, ob denn alles so stimmt, was man da liest, ebenso ergehen wird!

Autor

Rainer Schmitz, Jahrgang 1950, schreibt, editiert, lektoriert, rezensiert und sammelt Bücher. Er ist seit 1992 Kulturredakteur des Nachrichtenmagazins Focus und lebt in München.

Taschenbuch: 914 Seiten
http://www.randomhouse.de/heyne

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