Black, Holly / DiTerlizzi, Tony – Arthur Spiderwicks Handbuch für die fantastische Welt um dich herum

_Mit System: von Drachen, Greifen, Kobolden_

Das „Handbuch“ ist ein Kompendium, das sich für den Freund von Elfen und Zwergen als unentbehrlich beim Studium und der Bestimmung dieser seltenen Spezies in all ihrer Vielfalt erweisen dürfte. In sechs Kapiteln stellt es nicht weniger als einunddreißig Elfenarten vor – wodurch klar wird, dass es eine Reihe von Unterarten geben muss. Hinzu kommen noch Drachen, Trolle und jede Menge anderes Gelichter, das, eingeteilt nach seinem Lebensraum, die Welt um dich herum erfüllt. Und du könntest sie allesamt sehen, wenn du nur die rechten Beobachtungswerkzeuge dafür hättest, zum Beispiel einen Sehstein. Da nicht jeder so privilegiert ist, einen Sehstein zu besitzen, erschließt dir das HANDBUCH die Welt der fantastischen Wesen.

_Die Autoren_

Tony DiTerlizzi ist ein mehrfach ausgezeichneter amerikanischer Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern. Zu seinen Werken gehören Arbeiten für Bücher von Tolkien, Anne McCaffrey, Peter S. Beagle sowie für das Kartenspiel „Magic the Gathering“ und „Advanced Dungeons & Dragons“. Er lebt mit seiner Frau Angela und seinem Mops Goblin (= Kobold!) in Amherst, Massachusetts, einem recht malerischen Städtchen in Neuengland. Lebte nicht auch die Dichterin Emily Dickinson dort? Mehr Info: http://www.diterlizzi.com.

Holly Black wuchs laut Verlag in einem „alten viktorianischen Haus auf, wo ihre Mutter dafür sorgte, dass ihr die Geister- und Elfengeschichten nie ausgingen“. Ihr erster Jugendroman „Die Zehnte“ (2002) entwirft ein „schauriges Porträt der Elfenwelt“. Es wird von der |American Library Association| als „Best Book for Young Adults“ bezeichnet, eine gute Empfehlung für politisch korrekte Fantasy.

Holly lebt mit ihrem Mann Theo und einem „beeindruckenden Zoo“ in New Jersey. Mehr Infos: http://www.blackholly.com.

Die fünf SPIDERWICK-Bände heißen:

1) Eine unglaubliche Entdeckung
2) Gefährliche Suche
3) Im Bann der Elfen
4) Der eiserne Baum
5) Der Zorn des Mulgarath

http://www.spiderwick.de/

_Hintergrund_

Die Zwillinge Simon und Jared ziehen mit ihrer älteren Schwester Mallory von New York City aufs Land, nachdem sich ihre Eltern haben scheiden lassen. Sie leben jetzt bei ihrer Mutter, die sich nun keine New Yorker Wohnung mehr leisten kann, aber zum Glück noch ein Domizil von ihrer Großtante Lucinda überlassen bekommt: Haus Spiderwick.

Es sieht wie eine Ansammlung übereinander gestapelter Hütten aus, findet Jared. Und ist mindestens hundert Jahre alt. Und die Wände müssen hohl sein, nach den Geräuschen zu urteilen, die er darin hört. Als Mallory wagemutig mit dem Besenstiel ein Loch in die Wand haut, wird dahinter etwas sehr Merkwürdiges sichtbar: eine winzige Wohnung mit ulkigem Inventar – und ganz bestimmt nicht für Menschenkinder gemacht. Aber für was dann?

Am nächsten Morgen weckt Jared und Simon ein schrilles Kreischen von ihrer Schwester. Jemand hat ihre Haare an den Rahmen ihres Bettes festgebunden. Nein, so etwas haben die beiden noch nie gesehen. Wer oder was kann so etwas nur tun, und warum? Weil Mallory die Wand eingeschlagen hat? Das ist ja wohl lächerlich!

Als Jared erkundet, wohin der Speiseaufzug führt, landet er in einem geheimnisvollen Zimmer, aus dem keine Tür hinausführt. An der Wand hängt ein Porträt seines ehrwürdigen Ahnen Arthur Spiderwick, und auf dem Sekretär liegt ein altes, vergilbtes Blatt Papier. Darauf steht ein Rätsel, und obwohl Jared eigentlich nicht der Bücherwurm der Familie ist, muss er sofort das Rätsel lösen.

Hoch oben im obersten Kämmerchen des Hauses landet er endlich vor einer großen Truhe. Er strengt seinen Grips an und findet darin ein Buch. Es ist das allerseltsamste Buch, das er jemals gesehen hat. Es handelt von Elfen.

Und mit dem HANDBUCH liegt es erstmals auch in gedruckter Form vor!

_Inhalte_

Ein Brief des „Autors“ Arthur Spiderwick aus dem Jahr 1935 und ein Vorwort des Illustrators Tony DiTerlizzi leiten das Buch ein. Letzterer fragt den Leser: „Was ist Wirklichkeit?“ Nun, in diesem Buch wird dieser schwammige Begriff erheblich ausgeweitet. In dem Abschnitt mit dem Titel „Die Unsichtbare Welt“ ist endlich zu erfahren, was Spiderwick unter „Elfen“ versteht: Es ist sein Oberbegriff für ALLE fantastischen Wesen, also auch für mythische Ungeheuer wie Seeschlange, Mantikor und Greif. Er kann sie unter dem Begriff „Elfen“ subsumieren, weil sie ähnliche Tarnmanöver anwenden wie das „Kleine Volk“. Hierüber ließe sich trefflich streiten, besonders mit Prof. Tolkien (ein Medium vorausgesetzt).

Natürlich fragt sich jeder, der sich für diese fantastische Welt interessiert, warum er sie nicht sehen kann. Die dafür erforderliche Fähigkeit bezeichnet Spiderwick als das Zweite Gesicht. Manchen Glücklichen ist es angeboren: dem 7. Sohn eines 7. Sohns und der 7. Tochter einer 7. Tochter sowie allen Rothaarigen. „Menschen ohne das Zweite Gesicht können einen Sehstein benutzen, also einen Stein mit einem (von Wasser ausgewaschenem) Loch in der Mitte“, durch das man schaut. Auch Feensalbe taugt zu diesem Zweck, wird aber nur von Feen bei ihren Neugeborenen angewandt. Hauptzutat: vierblättrige Kleeblätter. Auch das Badewasser von Elfen soll helfen. Höchst interessant ist die Tatsache, dass man nur jemanden, der über das Zweite Gesicht verfügt, zu berühren braucht, um den Kontakt, den dieser Glückspilz mit den Elfen hat, zu teilen.

Es sind gewisse Zeiten und Orte optimal geeignet, aber stets sollte man geeignete Ausrüstung dabeihaben und Schutzmaßnahmen beachten. Die Farbe Rot wirkt schützend, Grün jedoch anlockend, und Eisen wird jede Elfe wirkungsvoll abschrecken. Elfische Trugbilder, ein Teil ihrer raffinierten Tarnung, lassen sich mit Salz zuverlässig vertreiben.

Nach einer Liste der Bildtafeln folgt das erste der sechs Haupt-Kapitel, die wie folgt eingeteilt sind:

I. In Haus und Hof
II. In Feld und Wald
III. In Seen, Flüssen und Meeren
IV. In Bergen und Hügeln
V. Am Himmel
VI. Nachts im Freien

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, doch außer dem Titelbild steht mir leider keines zur Verfügung, um anzudeuten, was hier gezeigt wird. Daher soll der prinzipielle Aufbau eines Bestimmungsbildes exemplarisch beschrieben werden.

Nehmen wir doch gleich mal das „Gemeine Wichtelmännchen“ auf Seite drei. Diese Spezies ist dem Volksmund unter den völlig unwissenschaftlichen Bezeichnungen „Wichtel“ und „Heinzelmännchen“ bekannt. Dabei gehören sie der Familie der Homunculidae an und werden wissenschaftlich als „Custos domesticus“ bezeichnet, als Wächter des Heims. Sie helfen in Heim und Hof bei der Hausarbeit, ersetzen also so manche Maschine, und schützen vor Räubern und den stets auf Schabernack bedachten Kobolden. Man tut gut daran, sich die Wichtelmännchen gewogen zu halten, denn sie zu vergraulen, kann das eigene Heim in kürzester Zeit entweder in totales Chaos stürzen oder, wenn die Wichtel Reißaus nehmen sollten, es verwahrlosen lassen. Denn die Kobolde lassen nicht lange auf sich warten.

Jede Illustration kommt ohne lästige Pfeile aus, ist mit blassbraunem Text in Kursivschrift versehen und erfordert daher genaues Hinsehen. Ein Exemplar der Spezies ist möglichst akkurat dargestellt, und nicht alle sehen so freundlich aus wie Custos domesticus. Oft sind auch artgerechte Accessoires eingezeichnet wie etwa Nadelkissen, Fingerhut, Käse und Putzgerätschaften. Da es wie überall auch unter Wichtelmännchen Individualität gibt, kann sich das jeweilige Aussehen der Exemplare erheblich voneinander unterscheiden. Aber für die korrekte Bestimmung gibt es ja das HANDBUCH!

In Haus und Hof finden Personen mit dem Zweiten Gesicht daneben noch Irrwichte, Wechselbälger, Pixies, Salamander und Irrgräser, die eben vortäuschen, ein Blatt Gras zu sein. Hier hilft, wie gesagt, eine Prise Salz, um dem Trugbild eine Ende zu bereiten.

In Feld und Wald, sofern der Beobachter sich diesen Lebensraum erschließen möchte, finden sich folgende Spezies der Elfenwelt: Basilisken (nicht ins Auge schauen!!!), Elfen, Gnome, Mantikoren (Vorsicht vor dem Stachelschwanz!), Waldgeister, Baumgeister und Einhörner (das Horn dient der telepathischen Kommunikation, und auch Jungfrauen sollten das wehrhafte Tier meiden).

In Seen, Flüssen und Meeren leben Meergeister (wunderschön: der atlantische Meerkönig und die Karibische Meerjungfrau), Nixen bzw. Najaden, Seeschlangen sowie Fluss- und Bauern-Trolle. Das erstaunlichste Wesen ist hingegen das Kelpie, das als gräulich-schwarzes Pferd auftritt, doch wer darauf reiten will, den zieht es ins Wasser und ertränkt den Reiter, um ihn zu verschlingen. Schon manches Opfer hat es an einem harmlos aussehenden Baggersee gefunden.

In Bergen und Hügeln sind wie erwartet Zwerge (hervorragende Mechaniker) und Riesen zu finden, aber auch die grässlichen Kobolde, Waldschrate, Klopfer sowie Perrault-Ungeheuer der Familie Stultibrutidae. Am Himmel über ihnen schweben Drachen, seltene Greife und der rare Phönix. Bei den Drachen wird nach den großen landlebenden Wyrm und den flugfähigen Drachen der Wyvern unterschieden. Bei ihrer Beobachtung ist in jedem Fall höchste Vorsicht geboten. Die Haut mancher Drachenarten ruft Verätzungen hervor, und das Säen von Drachenzähnen sollte tunlichst nur in Kriegszeiten erfolgen.

Eine besonders riskante Beobachtungszeit von Elfenwesen ist die Nacht, insbesondere draußen in der Natur. Dort lauern vielfältige Gefahren auf den unachtsamen Beobachter, der sich auf seinen Scharfsinn verlässt. An Eisen und Salz denken, dann kann wenig passieren! Irrlichter führen in die Irre, wie der Name schon sagt, und wehe der armen Seele, die den Ruf der Todesfee (Banshee) vernimmt! Achtung: Sie ist häufig als Wäscherin getarnt!

Ein bekannter Lebensraum der Wasserspeier ist der Kölner Dom, doch Phookas begegnen einem oft nur in Irland. Dieser boshafte Schelm kann in Gestalt eines Pferdes, eines Kaninchens, eines Hundes, einer Gans oder gar eines Menschen auftreten. Die Hautfarbe ist stets schwarz. In Pferdegestalt versucht der Phooka, einen Menschen zum Reiten zu verführen, doch tut er ihm nichts an, sondern bedenkt ihn (nur) mit einem wilden, angsteinflößenden Ritt. Freundlich behandelt, kann der Phooka Ratschläge erteilen und Menschen aus Gefahr retten. Aber Achtung: Alle Brombeeren, die nach dem ersten November noch vorhanden sind, beansprucht der Phooka für sich. Bei Zuwiderhandlung droht Vergeltung.

Kurz nach Fertigstellung seines HANDBUCHS begab sich Arthur Spiderwick im September 1935 zu einem Meeting mit dem Chef der Waldelfen. Er kehrte nicht zurück und hinterließ seine Frau Constance, die bald danach starb, und seine Tochter Lucinda zurück, die von Verwandten aufgenommen wurde. Sein Anwesen blieb verwaist, bis die Grace-Familie einzog. Erst diese Kinder brachten das HANDBUCH, das gut versteckt war, wieder ans Licht.

Jared Grace hat in seinem kleinen Nachtrag unschätzbare Erfahrungen aus der Praxis der Elfenbeobachtung beigetragen. Vielleicht sollte besser sagen: aus dem Zusammenleben mit Elfen.

Zwei Seiten „Literaturempfehlungen“ beschließen den Hauptteil des Textes. Dies sind real existierende Bücher, wie sich anhand der Tatsache ablesen lässt, dass folgende Werke aufgenommen wurden: „Kinder und Hausmärchen“ von Jakob und Wilhelm Grimm sowie Jakob Grimms Mammutwerk „Deutsche Mythologie“ (1875-78). Danach bedanken sich die zwei Autoren bei ihren Helfen und widmen das Buch Jim Henson, dem Erfinder der Muppets.

Die Vor- und Nachsatzblätter der zwei Buchdeckel zeigen Beispiele für die enthaltenen Dokumente, darunter auch fiktive Zeitungsausschnitte. Der Buchumschlag ist vierfarbig gehalten und weist goldene Buchstaben in einer Schrift auf, die man bis vor hundert Jahren (bis etwa 1920) noch gerne für entsprechende Handbücher und Abenteuerromane verwendete.

_Mein Eindruck_

Die Abenteuer der Grace-Kinder erstrecken sich über fünf Bände, alle davon sehr schön illustriert und buchbinderisch wertvoll gestaltet (Fadenbindung – wo gibt’s das heute noch?). Der Illustrator Tony DiTerlizzi bedankt sich für die Inspiration zu seinen Bildern bei Arthur Rackham, einem der berühmtesten Zeichner für Kinderbücher aus der viktorianischen Ära. Rackham illustrierte beide Bücher über „Alice im Wunderland“ und natürlich auch „Grimms Märchen“ (sehr schön in der |Heyne|-Ausgabe). Viele Illustrationen erstrecken sich über Ausklappseiten, so etwa bei den Drachen und der Seeschlange.

Die Bilder im HANDBUCH ist etwas ernsthafter gehalten als die in den Romanen, aber nicht viel. Wer Sinn für Humor hat, dürfte sich scheckig lachen, denn in Bild wie Text sind sämtliche Ideen des Aberglaubens versammelt, die die Autoren finden konnten – und den Volkskundlern und Literaturwissenschaftlern meist schon bekannt sind. Aber auch ich fand noch vieles, das „Arthur Spiderwick“ aufschrieb, das mir neu war.

Das HANDBUCH klingt nach einem netten Bilderbuch, und das ist es auch. Es eignet sich für Kinder wohl ab acht bis zehn Jahren – leider fehlt hierfür ein Hinweis vom Verlag. Das Mädchen Mallory ist jedenfalls schon 13 und kann immer noch etwas mit dem Elfenbuch anfangen. Ältere Leser finden die Bilder sicherlich hübsch, aber die dargestellten Wesen vielleicht ein wenig albern. Die Sprache ist dem kindlichen Publikum gemäß relativ einfach gehalten, und die Übersetzerin Anne Brauner hat das Original, ebenso wie alle Romane, angemessen übertragen.

Wer den Inhalt nicht ernst nimmt, ist selber schuld, wenn ihn die Kobolde holen.

_Unterm Strich_

Dies ist ein wahres Sammlerobjekt, das es so bald nicht wieder geben dürfte. Der Verlag hat es auch in der deutschen Ausgabe mit erheblichem Aufwand gestaltet. Bei vierfarbigen Illustrationen mit zarten Farbabstufungen wie diesen ist die drucktechnische Qualität besonders schwierig zu erreichen. Es ist nicht erstaunlich, dass das Buch, um die hohen Druckkosten zu dämpfen, in China gedruckt wurde.

Kindern dürften die Augen übergehen, wenn sie sich das erste Mal in die „fantastische Welt“ um sie herum vertiefen dürfen. Erwachsene dürften wohl eher den Kopf schütteln, es sei denn, es handelt sich bei ihnen um Märchenerzähler. Und das ist ja heutzutage ein florierender Berufszweig der Literaten, wenn man beispielsweise an Joanne K. Rowling denkt, die angeblich reichste Frau Großbritanniens. Was wäre Harry Schotter ohne Basilisk und Hippogryph? Langweilig!

Das einzige Manko, das ich feststellte, ist die begrenzte Lesbarkeit der blassen Kursivschrift in den Illustrationen. Sie hätte kräftiger sein können, wäre dann aber möglicherweise störend aufgefallen. Zum Schmökern ist das HANDBUCH wenig geeignet, mehr schon zum Nachschlagen und als „Eye-candy“. So eine Karibische Meerjungfrau ist doch eine wahre Augenweide.

|Originaltitel: Arthur Spiderwick’s Field Guide to The Fantastical World around You, 2004
124 Seiten inkl. Ausklappbild
Aus dem US-Englischen von Anne Brauner|
http://www.spiderwick.de/
http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch/