Christoph Marzi – Mitternacht

Nicholas James ist ein junger Autor, wohnhaft auf einem Hausboot auf der Themse. Eines Nachts wacht er auf und bemerkt zu seiner Überraschung neben seinem Bett einen fremden Mann, der mindestens ebenso überrascht darüber ist, dass Nicholas ihn sehen kann! Eine Begegnung, die Nicholas‘ Leben völlig verändern wird …

Nicholas ist ein ganz netter Kerl. Er hat etwas von einem Bohemien: ein wenig jobben, ein wenig studieren, ein wenig schreiben und ansonsten das Leben genießen. Abgesehen davon ist er ausgesprochen neugierig, und genau das ist es, was ihn in Schwierigkeiten bringt.

Der Fremde an Nicholas‘ Bett nennt sich Peter Chesterton, und er ist ein Flüsterer. Auf Nicholas‘ Frage, was genau denn ein Flüsterer sei, sowie auf nahezu die Hälfte aller sonstigen Frage pflegt er mit „es ist kompliziert“ zu antworten. Aber immerhin scheint er ehrlich zu sein.

Agatha wiederum ist ein Geist, hübsch, blond, großäugig. Aus ihrem Leben vor dem Tod ist ihr als einzige Erinnerung die an ihren Namen geblieben, das macht sie traurig. Aber immerhin hat sie Arbeit, und zwar beim obersten Geisterchef Londons.

Mir hat die Charakterzeichnung gut gefallen, die Figuren sind ungewöhnlich, aber jederzeit glaubwürdig, und auch die unvermeidliche Romanze ist absolut kitschfrei geraten.

Das Setting erinnerte mich ein wenig an Pixars Film „Coco“, nur viel detaillierter ausgearbeitet.. Auch hier ist es so, dass die Verstorbenen weiterleben, zumindest, so lange sich im Vorleben noch jemand an sie erinnert. Andernfalls verblassen die Toten. Da das üblicherweise niemand will, engagiert, wer es sich leisten kann, einen Flüsterer. Die Flüsterer besitzen die Fähigkeit, in die Übergangszone zwischen Vor- und Nachleben einzudringen und sich so einem Lebenden weit genug zu nähern, um ihm die Lebensgeschichte seines Kunden zuzuflüstern, damit er sie festhält, sei es als Buch, als Lied, als Bild oder Film.

Nicholas ist als Autor ein solcher Lebender, allerdings mit einer ungewöhnlichen Fähigkeit: er kann den Flüsterer sehen, der zu ihm spricht! Und das sollte eigentlich nicht möglich sein. Wie sich bald herausstellt, kann er nicht nur den Flüsterer sehen, er kann auch in die Geisterwelt wechseln. Das macht ihn zu einer höchst interessanten Person … für einige Leute, denen man eigentlich lieber nicht begegnen möchte.

Da das Buch in London spielt, spielen auch die Szenen der Geisterwelt in London, allerdings in einem etwas seltsamen London. Die Straßen sind großteils die gleichen, aber die Gebäude schon nicht mehr unbedingt. So gibt es in der Geisterwelt ein altes Theater, das inzwischen längst zu einem Comicladen umgebaut wurde, andererseits existieren in der Geisterwelt auch moderne Dinge wie Handys. Das wäre an sich schon skurril genug, zusätzlich wird all das noch verfremdet durch allgegenwärtigen Nebel.

Das ist es aber nicht, was die Geisterwelt leicht gruselig wirken läßt. Eher sind es die Geister. Die meisten sind im Prinzip nur Lebende auf der anderen Seite einer unsichtbaren Grenze. Sie sehen aus wie Lebende, wohnen teilweise noch immer in ihren früheren Wohnungen. Allerdings gibt es Geister aus allen möglichen Zeiten, sogar solche aus dem Mittelalter, wobei man sich nun fragen könnte, wer sie wohl waren, dass sich offenbar immer noch Lebende an sie erinnern. Das bedeutet aber auch, dass es unter diesen Geistern nicht nur „normale“ Leute gibt, sondern auch Kriminelle! Und für die ist Nicholas‘ besondere Fähigkeit außerordentlich wertvoll. Und ehe Nicholas auch nur blinzeln kann, steckt er mitten in einem Kampf um die Macht über das geisterhafte London!

Und dann kommt man an den Punkt, an dem die Geschichte plötzlich abbricht. Nicholas ist gerade in einer äußerst unangenehmen Situation, und schlagartig werden die Kapitel extrem kurz, manche nicht mal mehr eine halbe Seite lang! So geht das acht Kapitel lang, und dann ist das Buch zu Ende und hinterlässt einen ganzen Berg unbeantworteter Fragen und loser Fäden.

Der Grund für diesen ungewöhnlichen Schluss so ganz ohne Showdown findet sich in der Danksagung, zusammen mit der Erklärung, warum sich die Veröffentlichung des Buches so lange verzögert hat. Vor einem Jahr erlitt Christoph Marzi einen Schlaganfall und kämpft noch immer mit den Folgen. Trotzdem will er an der Geschichte von Nicholas und Agatha weiterschreiben, wahrscheinlich war sie von vornherein als längeres Buch angelegt (tatsächlich ist „Mitternacht“ mit nur wenig mehr als dreihundert Seiten für Marzis Verhältnisse ziemlich kurz), und wurde nur aus Gesundheitsgründen so ungewöhnlich abrupt beendet.

Unterm Stich ist „Mitternacht“ trotz des Schlusses, der eigentlich kein richtiger ist, ein faszinierendes, stimmungsvolles und überaus ungewöhnliches Buch, angenehm weit entfernt vom Mainstream mit seinen Elfen, Drachen und Vampiren, und mit einem spannenden Plot, der noch eine Menge Entwicklungspotential bietet. Dazu kommt die unnachahmliche, poetische Sprache, die immer wieder dafür sorgt, dass selbst Dinge, die im Nebel verborgen sind, deutlich sichtbar werden, auf die eine oder andere Art. Ich werde die Fortsetzung mit Sicherheit gerne lesen, und ich werde so lange darauf warten, wie es eben braucht, bis Herr Marzi wieder auf dem Damm ist. Ich bin sicher, es wird sich genauso sehr lohnen, wie es sich gelohnt hat, auf „Mitternacht“ zu warten.

Christoph Marzi lebt mit seiner Familie im Saarland und hat außer dem Zyklus der Uralten Metropolen, für die er mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet wurde, die Trilogie Malfuria sowie eine Vielzahl weiterer Romane und Kurzgeschichten geschrieben.

Taschenbuch 320 Seiten
ISBN-13: 978-3-492-28090-7

www.christoph-marzi.de
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