Cohen, William S. – Verschwörer, Die

Ein russischer Mafiaboss, ein chinesischer General und ein deutscher Unternehmer tun sich zusammen, um einen Keil zwischen Deutschland und die USA zu treiben: Die geopolitische Landkarte soll nachhaltig verändert werden. Wird es dem neuen US-Verteidigungsminister Santini, einem Mann ohne Furcht und Tadel, gelingen, das Schlimmste zu verhindern: den Ausbruch des Dritten Weltkriegs?

|Der Autor|

William S. Cohen war unter Bill Clinton der 20. Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten. Das Ungewöhnliche daran: Clinton ist Mitglied der Demokraten, Cohen aber Republikaner. Diese Konstellation war daher ein Novum in der jüngeren amerikanischen Geschichte. Geboren 1940 in Bangor, Maine (Stephen-King-Land!), war der Jurist u. a. 24 Jahre Mitglied des US-Senats und des Kongresses. Cohen lebt mit seiner Frau in der Nähe von Washington, D.C.

_Handlung_

Als Michael Santini, vormaliger Senator, Anwalt und Kriegsheld, das Amt des amerikanischen Verteidigungsministers von seinem ermordeten Vorgänger Koehler übernimmt, rechnet er vor allem mit den ganz alltäglichen Minenfeldern in Washington, D.C. Also mit den üblichen Kabbeleien und Mauscheleien zwischen den Geheimdiensten, dem Nationalen Sicherheitsberater und dem Pentagon. Der Sicherheitsberater Joe Praeger ist ein „Falke“ und hat den Präsidenten wie eine Marionette in der Hand. Das verheißt nichts Gutes.

Eine Serie von Sabotageakten erschüttert die Welt. Sie scheinen zunächst gegen die Deutschen gerichtet zu sein: Deutsche Kampfjetpiloten sterben auf einer Luftwaffenbasis, dann krepieren Zivilisten auf dem US-Truppenübungsplatz Grafenwöhr in Deutschland: Giftgas!

Nur ganz allmählich kommt Santini dahinter, dass hinter diesen scheinbar zusammenhanglosen Attentaten zwei ehrgeizige Männer stehen: der ultrakonservative chinesische General Li, der von einer Rückkehr zu Maos Werten träumt und den Putsch vorbereitet; und der russische Mafiaboss und „Oligarch“ Wladimir Berzin, der mit Li Waffengeschäfte macht und mit allen Mitteln der nächste russische Präsident werden will. Da er er Deutschland quasi „eingemeinden“ will, muss er zwischen die Deutschen und Amerikaner erst einmal einen tiefen Keil treiben. Was ihm mit seinen Anschlägen auch zu gelingen scheint.

Eine Verschwörung dieser ungleichen Partner erscheint den Herrschaften in Washington, Berlin oder in der chinesischen Regierung jedoch so unwahrscheinlich, dass niemand Santini Glauben schenken will. Aber die Zeit drängt, denn die Verschwörer um General Li versuchen durch gezielte Desinformation einen US-amerikanischen Angriff auf Nordkorea zu provozieren. Das soll aber nur als Ablenkung von Lis Putsch und anschließendem Angriff auf Taiwan dienen.

Während Joe Praeger und seine Hardliner in Washington Michael Santini ausbooten und schon den Präventivschlag gegen Nordkorea planen, sucht Santini an recht ungewöhnlicher Stelle Hilfe für seine Friedensmission: Elena Solmitz ist eine Attentäterin des israelischen Geimdienstes Mossad. Sie ist eine frühere Geliebte Santinis. Als sie in Berlin und Washington auftaucht, wendet sich das Blatt zu seinen Gunsten. Dennoch bleibt es bis zuletzt ein Rennen gegen die Uhr.

_Mein Eindruck_

Jeder Politthriller, wie „Die Verschwörer“ einer sein will, hat ein dramturgisches Problem: Zunächst muss eine glaubwürdige Gegenseite aufgebaut werden, bevor die Kräfte des „Guten“ zurückschlagen und den Sieg davontragen können. Das führt dazu, dass sich der Leser vom Helden, der vielleicht am Anfang eingeführt wird, sehr stark entfernt, um die Gegenseite kennen zu lernen. Eine gewisse Entfremdung vom Helden ist die Folge. Man kann dieser Wirkung nur entgegensteuern, indem man den Helden regelmäßig auftreten lässt, damit der Leser seiner Präsenz und Wirkung versichert wird.

Der Held heißt diesmal Michael Santini, doch die Gegenseite scheint geradezu übermächtig groß zu sein: Berzin, General Li, hinzu kommen die Hardliner in Washington, Spione im eigenen Haus, deutsche Gefolgsleute Berzins. Das alles führt den Leser in der ersten Romanhälfte ganz weit weg von Michael Santini, so dass Zweifel aufkommen, worum es eigentlich in diesem Buch gehen soll: um den Verteidigungsminister oder um die Schurken?

Deshalb bietet es sich an, in der Mitte eine Pause einzulegen, denn die zweite Hälfte wird umso actionreicher. Hier steht Santini stark im Vordergrund – Gottseidank, möchte man erleichtert aufseufzen. Dies bedeutet dann aber auch wieder, dass man seine Gegenmaßnahmen haarklein mitgeteilt bekommt. Das kann man stellenweise überspringen. Hier zeigt sich, dass die Kunst, Spannung zu erzeugen, beim Autor nicht ganz ausgereift vorhanden ist.

Dies ist keine Kopie eines Tom-Clancy-Thrillers und auch kein Frederick Forsyth. Der ehemalige Verteidigungsminister Cohen schreibt viel schlechter – und schlichter. Der einzige Pluspunkt, den ihm seine politische Tätigkeit im Pentagon verleiht, ist die detaillierte Kenntnis der Interna und Externa auf der nationalen und internationalen Politbühne. Er weiß genauso kenntnisreich über den Sicherheitsberater zu schreiben wie über die Grundzüge der deutschen Außenpolitik. Er kennt den NATO-Friedensgipfel in München aus eigener Anschauung und weiß, wie man mit besoffenen Bayern umspringen muss. Das ist interessant, wenn auch nicht immer schmeichelhaft für unsereins.

Auf Spekulationen über die Wahrscheinlichkeit und Plausibilität des entworfenen Szenarios will ich mich nicht einlassen. Dafür kenne ich die Hintergründe zu wenig, aber es gibt unbestreitbar die russische „mafiya“, es gibt vermutliche konservative chinesische Generäle – und ansonsten sämtliche genannten Organisationen. Da kann Cohen 2 und 2 zusammenrechnen und 5 erhalten, oder was ihm gerade beliebt.

_Unterm Strich_

In der ersten Häfte scheint dem Autor sein Politszenario fast zu entgleiten, doch die zweite Hälfte entschädigt dafür mit Spannung, Action und (etwas züchtiger) Erotik. Cohen als ehemaliger Verteidigungsminister liefert einen Durchschnittsthriller ab, der sich nur durch authentische Insiderkenntnisse von anderer Durchschnittsware abhebt. Man kann aber dennoch mit dem Buch ein paar spannende Stunden Lesevergnügen erleben. Vor allem dann, wenn man über die Druckfehler hinwegsieht.

|Originaltitel: The Conspirators, 2004
Aus dem US-Englischen übersetzt von Fred Kinzel|