Colin Kapp – Der Zauberer von Anharitte


Magie oder Technik – was ist der Unterschied?

„Seine Magie war gefürchtet auf dem Planeten Roget, und niemand wollte ihn zum Feind. Doch als der Herr von Magda hinter den Mauern seiner Festung mit dem Undenkbaren zu experimentieren begann, da hatten die Kontrollagenturen keine Wahl mehr. Sie mussten versuchen, ihn zu stoppen, um jeden Preis, denn das Schicksal der Galaxis stand auf dem Spiel.“ (Verlagsinfo)

Der Autor

Colin Kapp (* 3. April 1928 in South London, UK; † 3. August 2007 in Chichester, Sussex) war ein britischer Science-Fiction-Schriftsteller.

Cageworld-Zyklus

1) Die Suche nach der Sonne. (Heyne 1998, ISBN 3-453-14006-0, Search for the Sun! 1982.)
2) Die verlorenen Welten von Cronus. (Heyne 1998, ISBN 3-453-14007-9, The Lost Worlds of Cronus 1982.)
3) Der Tyrann von Hades. (Heyne 1998, ISBN 3-453-14871-1, The Tyrant of Hades 1982.)
4) Die Suche nach den Sternen. (Heyne, Star Search 1984.)

Chaos-Serie

The Patterns of Chaos (1972)
The Chaos Weapon (1977)

Unorthodox Engineers-Serie (Short Stories)

„The Railways Up on Cannis“ (1959)
„The Subways of Tazoo“ (1964)
„The Pen and the Dark“ (1966)
„Getaway from Getawehi“ (1969)
„The Black Hole of Negrav“ (1975)
Gesammelt in “The Unorthodox Engineers” (1979)

Sonstige

Der Ionenkrieg. (Heyne, The Ion War 1978.)
Der Zauberer von Anharitte. (Heyne, The Wizard of Anharitte 1973.)
The Dark Mind (1964) (auch als “Transfinite Man”)
The Survival Game (1976)
Manalone (1977)
The Timewinders (1980)

Handlung

Der etwas provinzielle Planet Roget ist in den Bund der zwölf besiedelten Welten eingetreten und das bedeutet: in den freien Handel. Seine Gesellschaft mag feudal sein – es gibt fünf fürstliche Burgen -, doch die Stadt Anharitte bietet einen Raumhafen für alle Sternenhändler, was für beide Seiten sehr willkommen ist. Auch kleinere Kaufleute können hier Waren kaufen und verkaufen. Jeder Lord kassiert ein Fünftel der Einnahmen des Hafens.

Was aber Seine Exzellenz Magno Vestevaal, den Direktor eines Weltbund-Konzerns und Freund des Freihandelsrates, durch die halbe Galaxis hierher gelockt hat, ist eine unerhörte Bedrohung, die im Keim erstickt werden muss, bringt sie doch den freien Handel in Gefahr: intelligente, gebildete Leibeigene.

Ganz konkret lernt Vestevaal durch Vermittlung seines Agenten Tito Ren vor Ort eine solche Leibeigene namens Zinder kennen. Sie gehört einem Lord namens Dion-daizan, der in der Sprache der einheimischen Ahhn als Imaiz, also Zauberer, Weiser oder Verrückter bezeichnet wird. Vestevaal vermutet, dass es sich um einen Terraner handelt.

Die Leibeigene namens Zinder ist sehr schön – und abstoßend selbstbewusst. Sie befolgt die Befehle des freien Mannes Vestevaal in keinster Weise, sondern legt es eher darauf an, mit ihm auf Augenhöhe zu sprechen. Ihr Herr habe ihn bereits erwartet, sagt sie, nun liege es an ihm, Vestevaal, ob man auf freundschaft- oder feindlichem Fuße miteinander verkehre. Der Direktor überspielt den Vorfall lässig und befiehlt anschließend seinem Agenten zornerfüllt, diesen Imaiz zu bekämpfen. Mit allen Mitteln.

Agent Ren bringt die geheime Gesellschaft der Spitzen Schwänze, die vor allem aus Schreibern besteht, auf seine Seite, um allerlei Aktionen einzuleiten, die den Imaiz herausfordern und bloßstellen sollen. Er hat von Vestevaal unbegrenzten Kredit eingeräumt bekommen und ein Schlachtkreuzer der Welt Rance soll ihm Beistand leisten. Dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, denkt Tito Ren. Doch er sitzt gerade beim Präfekten der Lords, als die Meldung eintrifft, Rens Lager am Hafen stehe in Flammen.

Beim Löschen der Feuersbrunst ergeben sich einige Ungereimtheiten, so etwa die Frage nach dem Brandbeschleuniger, den es auf Roget gar nicht geben dürfte. Ren ahnt, dass der Krieg mit dem Magier bereits begonnen hat…

Mein Eindruck

Doch unverdrossen mach Tito Ren, der stets im Mittelpunkt der Erzählung steht, weiter. Als Nächstes fädelt er es ein, dass die schöne Zinder durch eine Manipulation ihrer Registrierung wieder zur Auktion freigegeben wird. Die anschließende Auktion soll natürlich ihren Besitzer erstens zum Erscheinen in der Öffentlichkeit veranlassen, aber zweitens ihn finanziell ruinieren. Das mit dem Erscheinen klappt ja, bestens, aber der Ruinierte ist am Ende Direktor Vestevaal.

Culture Clash

Auf Roget treffen mittelalterliche bzw. antike Kultur auf moderne Technik. Die Frage ist, ob sich Sklavenwirtschaft wirklich mit Technologie und freiem Handel verträgt, oder nicht. Vestevaal befürchtet das Schlimmste für den Handel, sollten Sklaven erst Intelligenz und Bildung und danach die Freiheit erlangen. Wie „frei“ ist dann eigentlich solch ein freier Handel, wenn er auf der Unterdrückung von Menschen basiert und durch deren Emanzipation gefährdet wird, muss sich der Leser fragen.

Die Maßnahmen, die Tito Ren mithilfe der Gesellschaft der spitzen Schwänze ergreift, eskalieren in ihrem Ausmaß mehr und mehr, bis es schließlich zu einem ausgewachsenen kriegerischen Angriff auf Burg Magda kommt. Der Roman hat drei Teile (so wurde er ja auch 1972/1873 publiziert), und in jedem Teil steigert sich das Maß der Gewalt. Im Mittelteil sucht Ren beispielsweise die Partnerschaft anderer Fürsten, um eine Allianz gegen den Herrn von Magda zu schmieden. Leider sind diese Leute noch verrückter als der Rest der Kultur. Und als ihm ihrerseits die Fürstin von T’Ampere ihre Partnerschaft anträgt, wird dem armen Agenten richtig übel: Er soll dieser Hexe als „Gesellschafter“ dienen.

Magie oder Technik?

Die andere Seite des Romans zeigt sich bereits in seinem Titel: Ist der Imaiz wirklich ein Mann, der über Zauberkräfte verfügt? Die Bewohner von Anharitte hegen daran keinen Zweifel, nur Ren natürlich schon. Immer wieder findet er rationale Erklärungen für die eingesetzte Technik. „Was ist ein Ballon?“, fragt ihn ein Einheimischer, was das Ausmaß der Unwissenheit auf Roget zeigt. Dies belegt das Axiom von Arthur C. Clarke, das besagt, dass eine genügend weit fortgeschrittene Technik nicht von Magie zu unterscheiden sei.

Umkehrung

Am Ende des zweiten Teils wird Ren klar, dass er selbst gelinkt werden soll. Der Schlachtkreuzer, den Rance gestellt hat, dient nicht seiner Unterstützung, sondern ist eine Kampfbasis, die alle möglichen biologischen und chemischen Kampfstoffe auf die unschuldige Welt loslassen soll. Nicht umsonst nennt man den Rance-Agenten Alek Hardun den „Schlächter von Turais“.

Doch es ist nicht einfach, solch einen Eindringling loszuwerden, ganz im Gegenteil: Wird der Schlachtkreuzer vernichtet, dann kommen sogleich 30 weitere Rance-Schiffe, um die „rebellische“ Welt Roget zu „befrieden“. Diese politische Taktik hat sich für das britische Weltreich dutzendfach bewährt, sei es in Indien, im Opiumkrieg mit China oder im Burenkrieg mit Südafrika. Stets erwies sich die hilfreich gereichte Hand als eiserne Faust.

Ähnlich wie gewisse Romane von H. G. Wells („Der Krieg der Welten“), Michael Moorcock und John Brunner erweist sich der vorliegende Roman als politische Kritik an der britischen Regierung. Der Autor treibt sein Szenario noch ein wenig weiter, indem er ABC-Waffen als mögliche Mittel des Eingreifens bezeichnet.

Gruß aus Oz

Und der titelgebende Magier, mag sich der Leser verwundert fragen. Der spielt nur eine Nebenrolle, quasi als unsichtbarer Gegenspieler unseren wackeren Agenten. Das trägt zwar zur Spannung bei, wirkt aber letzten Endes etwas dürftig, so etwa wie der „Zauberer von Oz“, der sich als ein mickriges Männchen hinter einem illuminierten Vorhang entpuppt. Der Imaiz hat erst ganz zum Schluss seinen großen Auftritt, um alles zu erklären. Allerdings ist er wesentlich mächtiger, als er es die Rogetaner und Ren ja hat merken lassen. Er verhält sich also zum Wizard of Oz umgekehrt proportional.

Erotik

Wer nach sexy Sklavinnen sucht, wird enttäuscht. Selbst Cleopatra seligen Angedenkens konnte Caesar leichter mit erotischen Verlockungen bezaubern, als es die schöne, aber kluge Zinder je beabsichtigt. Das einzige, was Zinder zur Sklavin macht, ist offenbar ihr Brandzeichen oder Tattoo, das als Markierung dient. Das erinnert an die Gor-Romane von John Norman, hat aber ebenfalls antike und mittelalterliche Vorbilder.

Die Übersetzung

Die Übersetzung von Michael K. Iwoleit ist zwar sprachlich einwandfrei, steckt aber voller Druckfehler. Einmal kommt sogar ein Sachfehler vor. Der üblichste Druckfehler ist eine falsche Endung.

S. 7: „Die (…) Festungsmauern des Schlosses (…), die die ausgedehnten Ufergeländes des großen Flusses Aprillo.“ Nanu, hier fehlt doch was. Ein abschließendes Verb wäre ganz hübsch, und „überragen“ würde sich bestens dafür eignen, um den unvollständigen Satz abzuschließen. Dass „Gelände“ niemals im Plural steht, ist wohl überflüssig zu erwähnen.

S. 11: „Konzernkapitel“ statt „Konzernkapital“.

S. 37: „Die Staat erkennt den Titel des Hauses an.“ Ob hier der „Staat“ von Roget oder die Stadt Anharitte gemeint ist, bleibt unklar.

S. 52: „Der Handelswelten Combien und Rance“: Richtig muss es „die Handelswelten“ heißen.

S. 62: „Besitzrechte an Zinder anfochte.“ Korrekt muss es „anfocht“ heißen.

S. 114: „Rens Sinne sträubte sich…“ Ein Beispiel für eine fehlerhafte Endung. Statt „Sträubte“ muss es korrekt „sträubten“ heißen, denn „Sinne“ steht im Plural.

S. 146: „Katastrophenteams von Combien und Ren…“ Statt Ren muss hier eindeutig Rance stehen – siehe oben: Combien ist eine Welt, Rance ebenfalls, Ren aber nicht.

S. 165: „Und wie funktioniert des Schutz…?“ Statt „des“ muss es korrekt „der“ heißen.

S. 170: „Aber zwischen den Außenzäunen Hundestaffeln patrouillieren Hundestaffeln…“ Einmal „Hundestaffeln“ reicht völlig, finde ich aus. Wenn man das erste Auftauchen der „Hundestaffeln“ streicht, bekommt der verquere Satz auf einmal einen Sinn.

Unterm Strich

In drei Teilen erzählt, steigert sich die Geschichte von Agent Rens Kampf gegen den mysteriösen Burgherrn von Magda in der Anwendung von Intrigen und Gewalt. Es ist eine offensichtliche Parallele zu den hinterlistigen Mitteln, die das British Empire (und seine zahlreichen Vorbilder) einsetzte, um Völker und Kulturen, die ihm angeblich unterlegen waren, zu erobern, zu unterwerfen und schließlich auszubeuten.

Der Ansatz des Autors dient also der politischen Kritik. Schon H. G. Wells nahm mit seinem Invasionsroman „Krieg der Welten“ 1898 das imperialistische Gebaren seines Heimatlandes unter Beschuss. Colin Kapp, ebenfalls ein Brite und Zeitgenosse von Brian W. Aldiss und John Brunner, befand sich also in bester Gesellschaft, als er sein Buch 1972 und 1973 in drei Teilen in dem Magazin „Worlds of If“ veröffentlichte.

Spannung und Humor

Politische Kritik muss aber nicht bedeuten, dass der Roman langweilig ist. Ganz im Gegenteil sorgt der Autor mit britischer Bescheidenheit für ein ordentliches Maß an Spannung, Aktion und Humor. Der wackere Agent Ren ist ja auch nur ein Mensch, und allzu Menschliches widerfährt ihm durchaus. So fühlt er sich durch Zinders Sinnlichkeit durchaus berührt. Schade, dass er weder Beziehungen eingeht noch einen Unterleib hat.

Lustiger ist da schon sein schlaues Intrigenspiel gegen den Präfekten, die Schreiber und gegen Vestevaal und Konsorten. Am Schluss bekommt er den verdienten Lohn: Er wird Mitverwalter der Welt, was ja auch ein ganz netter Job ist. Aber es ist Vestevaal, sein ehemaliger Chef, der das Mädchen bekommt, in diesem Fall Zinder. Nicht so toll.

Die Antwort auf alle Fragen

Immer wieder aber fragt sich Agent Ren (und der Leser mit ihm), ob der Zauberer von Burg Magda wirklich Magie beherrscht oder doch über verborgene Technologie verfügt, die auf galaktischen Qualitätsniveau funktioniert. Die Antwort auf dieser Frage wird erst am Schluss geliefert, wenn Ren, quasi von den Toten auferstanden, wieder einmal durch eine der fünf Burgen schlendert und Vergleiche anstellt: Dion-daizans Domizil ist mit Abstand die fortschrittlichste Wohnstatt, die man sich als Weltverwalter nur wünschen kann…

Taschenbuch: 254 Seiten
Info: The Wizard of Anharitte, 1973
Aus dem US-Englischen von Michael K. Iwoleit
www.heyne.de

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