David Goyer & Michael Cassutt – Himmelsschatten

Im August des Jahres 2019 kehren die USA in den Weltraum zurück: Was eigentlich als Mondfahrt geplant war, wird zum Planetenbruchstück „Keanu“ umgeleitet, das – von weit außerhalb des Sonnensystems kommend – diesem einen Besuch abstattet. Bevor „Keanu“ wieder den Weiten des Alls verschwindet, will man ihn erforschen. Die „Destiny 7“ wurde unter dem Kommando von Zack Stewart auch deshalb an den Start gebracht, um der ‚Konkurrenz‘ eins auszuwischen: Ein russisch-indisch-brasilianisches Konsortium hat das Raumschiff „Brahma“ in den Raum geschossen. Auf keinen Fall werden die USA Taj Radhakrishnan und seinen drei Kollegen das Feld allein überlassen!

Sowohl der „Destiny“ als auch der „Brahma“ gelingt die Landung auf dem 100 km durchmessenden Himmelskörper, der sich vor Ort als außerirdisches Raumschiff entpuppt. Die insgesamt sieben Raumfahrer schließen sich zwecks Untersuchung zusammen, während auf der Erde Hektik ausbricht: Für die USA gilt immer noch eine 1948 erlassene Militärdoktrin, nach der außerirdische Intelligenzen als potenzielle Feinde zu betrachten sind.

„Keanu“ hat inzwischen ein Todesopfer gefordert: Im Inneren fanden die Forscher eine lebensfreundliche Zone, in der allerdings die insektenähnlichen „Wächter“ ihr Unwesen treiben, von denen einer den Piloten „Pogo“ Downey in Stücke reißt. Wenig später ist Pogo wieder da: „Keanus“ Erbauer verfügen über eine Technik, die es ermöglicht, Tote ins Leben zurückkehren zu lassen. Stewart hat inzwischen seine verstorbene Gattin Megan wiedergetroffen.

Doch sind die „Revenants“, wie man sie nennt, überhaupt Menschen? Welche Überraschungen brütet „Keanu“ noch aus? Kreuzt er zufällig die Erdumlaufbahn? Was planen seine weiterhin unbekannten Erbauer …?

Tanz auf dem Quark

Bekanntlich können auch kleine Dinge gewaltige Schatten werfen, wenn die Sonne tief genug steht. Ersetzen wir die „kleinen Dinge“ durch den hier zu besprechenden Roman und die Sonne durch die von der Werbung geschürte Erwartungshaltung, passt das Bild perfekt in seinen Rahmen. Dabei stellt dieses ziegelsteindicke Buch, dass als Tüpfelchen auf dem I den grandiosen Titel „Himmelsschatten“ trägt, dennoch nur die Ouvertüre eines gewaltigen Epos‘ dar, das sich über zwei mindestens ebenso seitenstarke Bände fortsetzen wird – allerdings ohne diesen Rezensenten, der nach der Lektüre deutlich missmutiger als Marcel Proust über die Spuren der verlorenen (Lebens-) Zeit sinniert.

Da haben wir also eine Geschichte, die sich im Original über 400 Seiten wälzt – der Umfang wird in der deutschen Übersetzung auf deutlich mehr als 600 dürftig bedruckte Seiten aufgebläht – und doch nur Einleitung bleibt. Schlimmer als eine Geschichte ohne Pointe ist eine langweilige Geschichte, die man zu allem Überfluss bereits kennt. Unter diesen drei Hieben geht „Himmelsschatten“ zu Boden. Dies geschieht nicht erst, wenn man das Buch gelesen zuklappt, sondern bereits nach dem ersten Viertel, wenn man bemerkt, dass die Autoren uns nicht wirklich etwas zu sagen haben und außerdem mit einer Dreistigkeit Seiten schinden, die einfach ärgert.

Noch das unwichtigste Detail wird lang und breit erläutert und erklärt, was sicher notwendig ist, da die Handlung von „Himmelsschatten“ so dürftig bleibt, dass sie kaum eine Kurzgeschichte tragen könnte. Was Peter Jackson mit dem „Hobbit“ schafft, können wir schon lange, dachten sich Goyer & Cassutt offensichtlich. Sie vergaßen dabei, dass Schaumschlägerei im Film einfacher fällt, wenn dort eindrucksvolle Bilder die Zuschauer ablenken.

An die Zukunft denken!

In diesem Zusammenhang lässt eine Information tief blicken. Für „Himmelsschatten“ wurden die Filmrechte bereits verkauft. Goyer, der bisher ohnehin hauptsächlich für Film und Fernsehen schreibt, arbeitet an einem Drehbuch für das Studio Warner Brothers. Wenn daraus nichts wird, könnte er den Stoff zu einer TV-Serie umschneidern, die man bereits deutlich vor dem inneren Auge ablaufen sieht: Hin und wieder gibt es teure Spezialeffekte, zwischendurch Fernseh-Füllstoffe: Klischee-Figuren haken Klischee-Probleme ab, zanken und vertragen sich, feiern familiy values und andere Werte.

Solche Erklärungen sucht man auf der verzweifelten Suche nach einer Antwort auf die Frage, wieso Käse jener Stink-Stufe, die „Himmelsschatten“ erreicht, als Meilenstein der Unterhaltungsliteratur verkauft werden kann. Träge säumen öde Ereignisse, die nicht nur in der Science-Fiction schon viel zu oft ausgemolken wurden, den Platt-Plot. Überraschungen fallen aus, für Zeitvertreib sorgt höchstens ein privates Quiz, bei dem sich der Leser die Frage stellt, wo er bereits besser gesehen oder gelesen hat, was er gerade ertragen muss.

Tempo sollen kurze Kapitel sowie der regelmäßige Sprung zwischen den Ereignissen auf „Keanu“ und auf der Erde suggerieren. Doch die einen sind einschläfernd, die anderen lassen ob ihrer abgedroschenen Gefühlsduseleien den leserlichen Blutdruck in die Höhe schnellen.

Was ist flacher als ein Blatt Papier?

Goyer & Canutt lassen in der Figurenzeichnung kein Fettnäpfchen aus. Da haben wir den gefühlvollen aber willensstarken US-Helden, der nicht nur mit dem kindischen Spitznamen „Zack“ geschlagen ist, sondern darüber hinaus den charismatischen, verständnisvollen Raumschiff-Kapitän, den sich in Sehnsucht an die tragisch verstorbene Gattin verzehrenden Witwer, den halbherzig neu verliebten Mann UND den überforderten Vater einer heftig pubertierenden Tochter geben muss.

Letztere sorgt auf der Erde für jenen Trubel, den im US-Fernsehen pubertierende Töchter üblicherweise anrichten. Selbstverständlich hasst Rachel die Schwiegermutter in spe, ist dem Vater entfremdet, mit dem Handy verwachsen, verstößt manisch selbst gegen unwichtige Regeln und ist auch sonst die reinste Nervensäge.

Die tote Gefährtin/Mutter taucht später wiederbelebt in „Keanus“ Bauch auf, wo sie und Zack damit beschäftigt sind, zwei Jahre getrenntes Liebes- und Familienleben aufzuarbeiten. Manchmal gibt Megan Erinnerungsschnipsel an ihr Geisterdasein frei, die geheimnisvoll wirken und die Ankunft der „Konstrukteure“ vorbereiten sollen, die „Keanu“ konstruierten und bauten. Bereits diese dürren Infos lassen den Rest der heißen Luft aus der Blase, die eigentlich drei Bände „Heaven’s Shadow“ in die oberen Ränge der Bestsellerlisten tragen soll.

Quirlen, quirlen, quirlen!

Niemand interessiert sich für die stewartschen Familienproblemchen. Niemand interessiert sich für sämtliche anderen Figuren, die ebenfalls mit einer denkbar stumpfen Schere aus jenem Papierbogen geschnitten wurden, der ihre Charaktertiefen definiert. Wer will wissen, dass Astronautin Yvonne Hall mit ihrem Über-Vater hadert, der ‚zufällig‘ ein hohes Tier im NASA-Control-Center ist? Dennoch malträtieren uns Goyer & Canutt mit endlosen Passagen einschlägiger Erinnerungen, Identitätskrisen und Gewissensnöte, die rein gar nichts zur Handlung beitragen, die währenddessen faul auf der Stelle dümpelt.

Manchmal reicht es nicht einmal für Routine. An einer Stelle wird der ebenfalls wiederbelebte Astronaut „Pogo“ Downey – was finden US-Amerikaner bloß an dümmlichen Spitznamen? – urplötzlich verrückt. Selbst die rudimentäre Zeichnung des noch lebenden Pogo gibt dafür keinen Grund. Der war bisher der grobe, fröhliche, für lahme Witze zuständige Sidekick. Nun mutiert er zum Mörder und Saboteur, weil Goyer & Cassutt nichts Besseres einfällt, um die Raumfahrer möglichst dramatisch auf „Keanu“ stranden zu lassen.

Unbeholfen versucht sich das Autorenduo zu schlechter Letzt an der Kritik irdischer Verhältnisse, bleibt dabei jedoch stets an der Oberfläche: Die daraus resultierende Bedeutsamkeiten sind reine Behauptung, weil es der Leser (und spätere Zuschauer) erwartet, dass Wissenschaftler liebenswerte Idealisten und Politiker machtgeile Schurken sind und Militärs den Finger ständig am Abzug haben.

Auf diese Weise wird „Himmelsschatten“ zu einem Instant-Bestseller aufgeschäumt. Wer die Originalität fürchtet aber Versatzstücke schätzt, wird diesen Roman lieben. Auch der Umfang muss nicht schrecken: „Himmelsschatten“ ist so strukturiert, dass man notfalls nur den ersten und letzten Absatz eines (und nicht einmal jedes) Kapitels lesen muss, ohne den Anschluss an die Handlung zu verlieren. Wer auch an Unterhaltungslektüre höhere Erwartungen stellt, sollte den „Himmelsschatten“ auf der Suche nach sonnigeren Lektüre-Gefilden schleunigst und ohne den Gedanken an eine Rückkehr verlassen.

Verfasser

David Samuel Goyer, geboren am 22 Dezember 1965 in Ann Arbor, US-Staat Michigan, studierte an der University of Southern California, die er 1988 mit einem Abschluss der „School of Cinema-Television“ verließ. Bereits ein Jahr später verkaufte er ein erstes Drehbuch für den 1990 mit Jean-Claude van Damme in der Titelrolle entstandenen Film „Death Warrant“ (dt. „Mit stählerner Faust“).

Seit den 1990er Jahren schreibt Goyer für verschiedene Comic-Serien wie „Doctor Strange“, „Ghost Rider“, „Batman“, „Superman“ und „The Flash“. Für „Blade“ verfasste er zusätzlich die Drehbücher für den zweiten und dritten Kinofilm; „Blade: Trinity“ wurde 2004 von Goyer inszeniert, für „Batman Begins“ (2005), „Batman: The Dark Knight“ (2008), „Batman: The Dark Knight Rises“ (2012) und „Man of Steel“ (2013) schrieb er an den Drehbüchern mit. Auf Goyers Konto gehen allerdings auch Film-Gurken wie „Jumper“ (2008), „The Unborn“ (2009) oder „Ghost Rider: Spirit of Vengeance“ (2011).

Michael Joseph Cassutt wurde am 13. April 1954 in Owatonna, US-Staat Minnesota, geboren und wuchs in Hudson, Wisconsin, auf. Nach der High School studierte er an der University of Arizona in Tucson Medien- und Kommunikationswissenschaft. Anschließend schlug sich Cassutt als Discjockey durch, leitete einen Radiosender und ging schließlich zum Fernsehen. Für den Sender CBS brachte er Drehbücher und Scripts zur Serienreife.

Ab 1985 schrieb Cassutt verstärkt selbst für das Fernsehen. Zu den zahlreichen Serien, die auf seine Vorlagen zurückgriffen, gehören „Eerie, Indiana“, „The Outer Limits“, „The Dead Zone“ oder „Stargate SG-1“. Selbst vor die Kamera trat Cassutt für den History Channel; hier schrieb und moderierte er Dokumentationen über Astronomie und Weltraumfahrt.

Parallel zu seinen TV-Aktivitäten verfasste Cassutt Romane und Kurzgeschichten, wobei er sich auf die Genres Science-Fiction und Fantasy spezialisierte. Eine erste Kurzgeschichte erschien 1974, der Roman-Erstling „The Star Country“ 1986. Darüber hinaus veröffentlicht Cassutt Artikel zu Themen der Luft- und Raumfahrt und ist Autor der Enzyklopädie „Who’s Who in Space“, die Lebensläufe von 700 Astronauten und Kosmonauten sammelt. Zwischen 2000 und 2009 schrieb Cassutt eine monatliche Kolumne: „The Cassutt Files“ beschäftigte sich mit Kino- und TV-SF.

Mit seiner Familie lebt und arbeitet Michael Cassutt in Los Angeles.

Taschenbuch: 639 Seiten
Originaltitel: Heaven’s Shadow (New York : Ace Books 2011)
Übersetzung: Ingrid Herrmann-Nytko
ISBN-13: 978-3-453-52999-1
eBook: 965 KB
ISBN-13: 978-3-641-09216-0
Auflage: Dezember 2012
Erscheinungsjahr: 2012
Verlag: Heyne

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