Genevieve Cogman – Die unsichtbare Bibliothek (Die unsichtbare Bibliothek 1)

Die unsichtbare Bibliothek

Band 1: „Die unsichtbare Bibliothek“
Band 2: „Die maskierte Stadt”
Band 3: „Die flammende Welt“
Band 4: „Das dunkle Archiv“ (03/2018)

Irene ist Bibliothekarin mit Leib und Seele. Allerdings nicht in einer der allseits bekannten Allerweltsbüchereien, sondern in der BIBLIOTHEK. Sie arbeitet für jenen geheimen Ort zwischen den Welten, der seltene Bücher bewahrt und erforscht. Auch wenn das bedeutet, daß die betreffenden Objekte aus ihrer ursprünglichen Welt entfernt werden.

Eines dieser Bücher, das ebenfalls in der BIBLIOTHEK aufbewahrt werden soll, ist eine besondere Ausgabe der Gebrüder Grimm. Irene ist keine so hochrangige Mitarbeiterin, dass ihre Vorgesetzte ihr erklären würde, warum ausgerechnet eine Märchensammlung so dringend in die BIBLIOTHEK gebracht werden soll, aber ein paar Informationen mehr hatte sie sich schon erhofft, zumindest von ihrer Kontaktperson in der betroffenen Welt. Denn offenbar wollen eine ganze Menge Leute dieses spezielle Buch unbedingt haben …!

In dem Universum, das Genevieve Cogman erdacht hat, gibt es viele Welten, was allerdings nicht unbedingt bedeutet, dass es sich dabei um mehrere Welten handelt. Bisher war es eher so, dass es sich um verschiedene Varianten unserer eigenen Welt handelt, in denen Technik und Magie in jeweils unterschiedlichem Maße vertreten sind. Welten außerhalb diverser Erdenvarianten wurden bisher nicht konkret erwähnt. Vielleicht kommt das noch in den Folgebänden, angesichts des Endes dieser Geschichte vielleicht aber auch nicht.

Die BIBLIOTHEK hat Zugang zu vielen dieser Welten, aber nicht zu allen. Die meisten Welten können Bibliothekare gefahrlos betreten, einige jedoch sind mehr oder weniger stark vom Chaos kontaminiert. Konkret bedeutet dies, dass in der betroffenen Welt Erscheinungen oder Geschöpfe auftreten, die unwahrscheinlich oder sogar unmöglich sind, sprich: die in der Realität dieser Welt normalerweise nicht auftreten könnten.

Bis zu einem gewissen Grad können Bibliothekare dem Chaos durch die SPRACHE entgegenwirken. Die SPRACHE scheint eine besondere Form der Magie zu sein, die durch die Formulierung präziser Anweisungen funktioniert, und umso besser, je natürlicher die befohlene Handlung für den Befehlsempfänger ist. Allerdings bedient sich das Chaos seiner eigenen Art von Magie, und es ist nicht immer ganz klar, ob sie tatsächlich stärker ist als die SPRACHE, oder einfach nur anders funktioniert.

Seltsamerweise scheint Magie auch nicht unbedingt immer chaotisch und damit schlecht zu sein, denn es gibt da auch noch die Drachen. Drachen sind durchaus magische Geschöpfe und verfügen über ihre eigene Macht, allerdings sind sie keine Verbündeten oder Angehörigen des Chaos, eher im Gegenteil.

Die Welt, in der die Autorin ihren Plot angesiedelt hat, gibt es nicht nur Magie, sondern auch Technik. Ein wenig verwunderlich finde ich die ausgiebige Erwähnung von Smog angesichts der Tatsache, dass die pferdelosen Kutschen hier elektrisch betrieben werden. Außerdem spielen Zeppeline eine Rolle, die allerdings, wenn ich das richtig verstehe, auf magische Weise funktionieren.

Der Plot selbst ist letztlich eine Mischung aus Detektivgeschichte und Steampunk-Abenteuer. Denn Irene und ihr Azubi Kai müssen erst einmal herausfinden, wo das Buch überhaupt ist, weil das erste, was sie bei ihrer Ankunft am Einsatzort erfahren, die Tatsache ist, dass das Buch gestohlen wurde. Angesichts der vielen konkurrierenden Parteien – von Elfen, über Geheimgesellschaften bis hin zu einem abtrünnigen Bibliothekar – ist das keine allzu leichte Aufgabe.

Immerhin sind Detektivgeschichten Irenes bevorzugtes Literaturgenre, im Grunde kommt der Einsatz ihren Neigungen also entgegen. Allerdings ist Irene auch eine Verfechterin der Unauffälligkeit, die beizubehalten ihr in diesem Fall allerdings gehörig misslingt. Außerdem ist sie zwar im Grunde durchaus eine logisch denkende, nüchterne, sachliche Person, aber auch eine verantwortungsbewusste, was es ihr erschwert, die nötige Distanz zu wahren.

Bradamant hat solche Probleme nicht, ganz einfach, weil sie ein ehrgeiziges, manipulatives und skrupelloses Miststück ist. Sie ist Irenes Erzrivalin und interessiert sich nur dafür, ihre Missionen erfolgreich abzuschließen, ganz gleich, welche Kollateralschäden sie dabei anrichtet. Eigene Fehler schiebt sie hinterher gern ihren Lehrlingen in die Schuhe.

Kai wiederum scheint ein ganz patenter Kerl zu sein, allerdings ist sein Interesse an Irene erstaunlich groß, abzulesen an seinem ausgeprägten Beschützerinstinkt. Dabei hat er sie gerade erst kennengelernt.

Außerdem wäre noch Vale erwähnenswert, allerdings ist er so stark der Figur des Sherlock Holmes nachempfunden – abgesehen von dessen Exzentrik und Drogensucht –, dass ich ihn keiner weiteren Erwähnung wert finde.

Und damit sind wir schon beim Punkt. Zugegeben, die Charaktere sind sympathisch und gut gezeichnet, die Handlung ist temporeich erzählt, und auch die Lösung des Rätsels um den Verbleib des Buches war interessant gemacht. Aber so überaus „neu und frisch“, wie es im Klappentext angepriesen wurde, habe ich die Geschichte nicht empfunden. Die Idee der BIBLIOTHEK und der SPRACHE sind neu, aber verschiedene Welten, Elfen, Drachen, Detektive oder Steampunk-Elemente sind es beileibe nicht. Vor allem, weil vieles – zum Beispiel die Funktionsweise der Magie – kaum gestreift wurden, und auch im Hinblick auf die BIBLIOTHEK – zum Beispiel warum bestimmte Bücher so wichtig sind, dass man sie sozusagen stehlen muss – waren die Informationen außerordentlich vage. Wahrscheinlich wurden hier Details für die Fortsetzungen zurückgehalten.

Insgesamt fand ich das Buch nicht schlecht, aber es hat mich auch nicht mehr gefesselt als die meisten anderen Bücher, die ich im Laufe meines Lebens gelesen habe. Ganz bestimmt habe ich es nicht als überdurchschnittlich gut empfunden, oder gar darin geschwelgt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob mich die Fortsetzung genug interessiert, um sie lesen zu wollen. Denn irgendwie habe ich das Gefühl, bereits zu wissen, worauf die Sache hinauslaufen wird: nämlich, dass Irene Alberichs und Coppelias Tochter ist.

Genevieve Cogman hat vor allem für Rollenspiel-Firmen geschrieben, bevor sie ihren ersten Roman veröffentlichte. „Die unsichtbare Bibliothek“ ist inzwischen zu einem Zyklus angewachsen, der bereits drei Bände umfasst, und dessen vierter im Dezember dieses Jahres auf Englisch erscheinen soll. Sie lebt im Norden Englands.

Taschenbuch 446 Seiten
Originaltitel: „The Invisible Library“
Deutsch von Arno Hoven
ISBN-13: 978-3-404-20870-8
www.grcogman.com
www.luebbe.de

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