George Zebrowski – Fremdere Sonnen

Philosophische SF: Die Wunder der Raumüberwindung

Ein riesiges außerirdisches Artefakt wird unter dem Eis der Arktis gefunden. Als Wissenschaftler der UN es erforschen, lösen sie einen Effekt aus, der sie durch Raum und Zeit in ein völlig anderes Universum schleudert. Als es ihnen gelingt, den Mechanismus zu enträtseln und ins Hier und Jetzt zurückzukehren, müssen sie feststellen, dass es nicht exakt die Welt ist, die sie verlassen haben.

Das Universum, so stellt sich heraus, ist ein unendlich dickes Sandwich, in dem alternative Realitäten dicht an dicht zusammengepackt sind, wie manche Quantenphysiker vermuten. Es gibt keine Abkürzung durch das Raum- /Zeit-Kontinuum, die nicht auch ‚seitwärts‘ in alternative Paralleluniversen führte, in der die Geschichte der Erde einen fast identischen – oder einen radikal anderen Verlauf genommen hat… (Verlagsinfo)

Der Autor

Der US-amerikanische Autor George Zebrowski, geboren 1945 in Villach, Österreich, als Sohn polnischer Eltern, kam über Italien, Frankreich und England in die USA. Nach der High School studierte er am Harpur College in Binghamton, New York, Philosophie. 1968 war er dabei, als im ersten Clarion SF Writers Workshop junge Interessenten mit dem Schreiben von SF-Stories vertraut gemacht wurden.

Seit 1970 hat er mehr als 40 Erzählungen und sieben Romane veröffentlicht. Die erste Story war „Traps“ (1970), die er gemeinsam mit Jack Dann verfasste, einem Autor, mit dem er öfters zusammenarbeitete. 1972 wurde seine Erzählung „Heathen God“ (1971) für den NEBULA Award nominiert. Seine Romane „Omega Point“ (1972, dt. 1973 bei Bastei-Lübbe), „Ashes and Stars“ (1977; 1981 bei Bastei-Lübbe) und „Mirror of Minds“ (1983) bilden eine konventionelle Space-Opera-Trilogie, bei der es um die Auseinandersetzung zwischen der Erdföderation und einem fremden Sternen-Imperium geht.

1979 erschien sein ambitionierter Roman „Macrolife“ (deutsch 1981 bei Moewig), eine visionäre Spekulation über die Zukunft der Menschheit und zugleich die Familiengeschichte der Buleros, schwerreiche Industrielle des 21. Jahrhunderts, die die Erde verlassen müssen und sich an das Makroleben im Weltraum anpassen. Ihre geklonten unsterblichen Mitglieder sind auch noch 100 Mrd. Jahre später im Einzugsbereich der Sonne zu finden.

Die wichtigsten Kurzgeschichten Zebrowskis, der sich auch als Kritiker, Herausgeber und Jugendbuchautor einen Namen gemacht hat, sind in den Bänden „The Monadic Universe and other stories“ (1977), „A silent shout“ (1979) und „The Firebird“ (1979) zu finden.

Quelle: „Lexikon der Science Fiction Literatur“ (Heyne).

Handlung

Juan Obrion hat einen Tachyonendetektor konstruiert. Die UNO bezahlt sein Projekt, mit dem Detektor nach fremden Nachrichten zu lauschen, doch der für Bodenschätze usw. zuständige UN-Manager Titus Summet drängt auf Ergebnisse. Heute meldet Juans Kollege Malachi Moede einen ungewöhnlichen Alarm: Der Detektor für die superschnellen Elementarteilchen hat eine Signalquelle ausgemacht – in der Antarktis.

Titus Summet schickt die beiden Wissenschaftler ins ewige Eis, gesellt ihnen aber zwei weitere Spezialisten bei: Lena Dravic, eine Biochemikerin, und Magnus Rasmussen, einen ehemaligen UNO-Spezialisten für automatische Waffensysteme. Aber die Teilchenquelle scheint aus einem riesigen Apparat zu kommen, der zwei Kilometer im Umfang misst – und unter dickem Eis verborgen ist.

Nach der Freilegung des Zugangs begeben sich Juan und Malachi fahrlässig ins Innere. Lauter saubere Hightech-Wände wie auf einem Raumschiff – ja, es gibt sogar Antischwerkraft-Aufzüge. Kurzum, es handelt sich ein Alien-Raumschiff, wie es im Buch steht. Aber wer hat es wann hier zurückgelassen?

Dass Summet zusammen mit einem weiteren UNO-Inspektor erscheint und das Schiff den Vereinten Nationen übergeben will, schmeckt Juan überhaupt nicht. Doch da geht ein gewaltiger Ruck durch die Umgebung. Juan verliert den Halt und stürzt in einen Haufen fremdartiger Skelette – die ehemalige Besatzung. Summet und sein Inspektor bringen sich in Sicherheit, doch die vier Wissenschaftler schaffen es nicht bis zum Ausgang…

Abflug

Das Raumschiff ist in der Lage, superschnell durch den Subraum zu fliegen – und in den Kern einer Sonne wie der unseren. Dort, so finden Juan & Co. staunend heraus, gibt es Zwischenstationen, an denen dieses und andere Raumschiffe der verschwundenen Aliens andocken und Treibstoff aufnehmen können. Wieder andere Stationen im Subraum sind richtiggehende Welten, mit Bäumen und allem Drum und Dran. Auch hier zeigt sich kein Lebewesen. Wo mögen sie nur abgeblieben sein, fragen sich die Wissenschaftler ein ums andere Mal, ohne auf eine Antwort zu kommen.

Der V-Effekt

An Bord ihres Gefährts entdecken die blinden Passagiere leere Rahmen, durch die man hindurchgehen kann – um auf anderen Schiffen zu landen, oder auf anderen Welten. Als sie auf diesem Wege auf die Erde zurückgelangen, stecken sie in einem Raumschiff fest, das im Boden des Amazonasbecken vergraben liegt. Nachdem sie sich ihren Weg an die Oberfläche freigeschaufelt haben, gelangen sie bis zu einer Straße der Holzfäller, die sie mitnehmen. Doch es ist nicht mehr die gleiche Erde, wie sie alsbald feststellen. Und Titus Summet ist auch nicht mehr derselbe…

Mein Eindruck

Heraklit sagte: „Man kann niemals zweimal in den gleichen Fluss steigen.“ Das gilt auch hier. Der Varianteneffekt ist die wichtigste Entdeckung, die die Wissenschaftler machen, sehr zu ihrem Leidwesen, wie sie feststellen. Denn ein Mensch wird nun einmal auch durch die Summe seiner Beziehungen zu seiner Umgebung definiert. Seine Identität ändert sich aber je nach der Veränderung seiner Beziehungen. Als die Forscher in eine veränderte Wirklichkeit zurückkehren, werden sie verunsichert. Militär nimmt sich ihrer an, und Summet scheint inzwischen mehr zu einer Art Diktator geworden zu sein.

Es gibt noch eine weitere bittere Erkenntnis für Juan, der wahrlich kein Optimist genannt werden kann. Er ist vielmehr ein Misanthrop, dessen Pessimismus auf Selbsthass gründet, den ihm sein Vater eingeimpft hatte. Nur die Liebe Lenas wird Juan auf lange Sicht erlösen können. Doch bis ihr dies gelingt, vergehen noch etliche Reisen, auf die Summet die Forscher schickt. Sie führen in weitere Varianten der Erde, manche erfreulich, manche weniger.

Ursprünglich starb Magnus bereits auf der ersten Reise, und sie begruben ihn unter einer Landmarke. Auf der V-Erde ist er quicklebendig und vernimmt die Nachricht von seinem Ableben mit philosophischer Gemütsruhe. Dann fliegt er mit ihnen wieder los. So etwa ist eine Erde von einem Atomkrieg verwüstet worden, und ein paar Überlebende konnten sich an Bord einer Raumstation im Subraum retten. Diesen können Juan & Co. durchaus helfen.

Eine weitere, parallele Erde ist von Summet zu einer Strafkolonie umfunktioniert worden. Juan begibt sich hierher, weil er herausgefunden hat, dass der Mann, der die Mathematik des V-Effekts entwickelt, hier eingesperrt sei. Doch die Begegnung, in die er so viel Hoffnung gesetzt hat, endet in einem Fiasko: Lena überlebt diese Reise nicht. Am Boden zerstört kehrt Juan auf seine angestammte Erde zurück, ins Elternhaus. Doch hier lebt Lena wieder. Die seelische Achterbahnfahrt nimmt kein Ende. Aber werden sie zusammen, da sie nun wieder vereint sind, auch das Rätsel lösen können, das das Verschwinden der „Raumüberwinder“ darstellt? Sie haben ein gigantisches Netzwerk von Welten, Stationen und Wegstrecken errichtet. Wo sind sie hin, um etwas Besseres zu finden?

Man sieht schon an dieser kurzen Beschreibung, dass die konkrete Umsetzung der Quantenphysik, die unendliche viele Parallelwelten postuliert, zu einem wunderbaren wie auch schrecklichen Geschehen führen kann. Dieses führen die Forscher durch ihre Leben vor. Ob die Sache gut ausgeht, darf hier nicht verraten werden.

Die Übersetzung

Diese Ausgabe ist wunderbar illustriert worden. Auf den Seiten 64/65 und 250/251 darf der Leser doppelseitige Schwarzweiß-Illustrationen bewundern. So etwas findet man heutzutage nicht mehr. Weitere Grafiken sind auf den Seiten 124 und 440 zu finden.

Diesem Buch ist die seltene Ehre zuteil geworden, von Professor James Gunn vorgestellt zu werden. Gunn ist selbst Autor von fundierten Roman wie „Die Horcher“ sowie einer Geschichte der SF-Literatur von der Antike bis zum Jahr ca. 1987 oder 1990 (sie wurde fast komplett bei Heyne veröffentlicht). Das Vorwort bedeutet quasi einen Ritterschlag.

S. 7: „gemahnt die Szene zugleich an den 1551 von Howard Hawks (…) gedrehten Film „The Thing““. Diese parallele dürfte wohl jedem Film- und SF-Kenner aufgefallen sein. Aber statt 1551 sollte es dann doch 1951 heißen.

S. 83: „Eine reguläre Fähre“ – sie verkehrt nicht nur regel-MÄSSIG, sie ist auch eine regel-RECHTE Fähre, denn „regular“ hat zwei Bedeutungen.
(Ich hatte das Buch auf eine Reise mitgenommen und während dieser Reise keine Notizen gemacht.)

S. 404: Statt „Zeiträune“ sollte es korrekt „Zeiträume“ heißen.

S. 441: „Universun“ statt „Universum“.

S. 444: „Juan freute sich darauf, ihn die Geschichte zu erzählen.“ Statt „ihn“ sollte es korrekt „ihm“ heißen.

S. 446: Statt „Geneinschaftsgefühl“ sollte es korrekt „Gemeinschaftsgefühl“ heißen. Das ist schon die vierte Vertauschung von N und M auf wenigen Seiten, eine Häufung, die ich sehr bedenklich finde.

S. 447: Folgender Satz ist leider ungrammatisch. „Dann würde die Menschheit bereit sein, in ihren Dialog mit den Leviathanen des Subkontinuums zu beginnen.“ Entweder wird der Dialog begonnen oder die Menschheit tritt in ihn ein. Etwas Drittes kann es nicht geben.

Unterm Strich

Der Roman spielt mit dem Gedanken, was passieren würde, wenn zwei Faktoren zusammenkämen. Wenn Forscher von der Erde ein Netz von Verkehrswegen zwischen den Sternen und Galaxien entdecken und nutzen könnten. Und wenn sie bei ihrer Rückkehr zur Erde und bei ihren Transfers zwischen den Stationen, Raumschiffen und Sternen ständig in eine leicht veränderte Wirklichkeit geraten würden.

Dieser V-Effekt, der sich zunächst auf die Psyche sehr verstörend auswirkt, lässt sich aber auch im letzten Drittel dazu nutzen, ihren Verfolgern ein Schnippchen zu schlagen und eine angenehmere, sinnvollere Variante der Wirklichkeit zu finden – eine, in der es weder eine Militärdiktatur, eine Strafkolonie noch eine vom Atomkrieg verwüstete Erde gibt.

In diesem Subkontinuum, das als Medium des Netzwerks dient, sind auch die Raumüberwinder zu finden. Die Menschen schicken, die nun selbst zu solchen Raumüberwindern werden, schicken sich an, den Grund für das Verschwinden der Aliens herauszufinden. Was könnte besser sein, als von Galaxie zu Galaxie zu springen?

Der Autor löst mit seinem Entwurf ein paar grundlegende Probleme der Raumfahrt. Reisen per Subraum erfordert nur geringe Energie, schon gar nicht von Menschenhand. Die Energie liefern die Sterne selbst, durch Kernfusion. Das Raumschiff ist intelligent und erkennt die Wünsche seiner Passagiere – noch besser! Entfernungen wie Lichtjahre, die heute noch die interstellare Raumfahrt unmöglich machen, spielen keine Rolle. Der Preis ist allerdings hoch: Jeden Reisenden verschlägt es gemäß den Gesetzen der Quantenphysik in ein Paralleluniversum.

Verschiedene Aspekte der Quantenphysik bleiben außer Acht, so etwa das seltsame Phänomen der Verschränkung zweier entfernter Teilchen: Wird das eine beeinflusst, reagiert das andere, weit entfernte genauso. Auch von Einstein-Rosen-Brücken ist keine Rede – solche Wurmlöcher sind einfach überflüssig. Die Zeitdilatation spielt ebenso wenig eine Rolle: Da von den Passagieren keine Geschwindigkeiten erreicht werden, die der des Lichts nahekommen, tritt auch keine Verzögerung bzw. Dehnung ein. Die Passagiere altern zwar, aber in genau demselben Maß wie ein auf der Erde lebender Mensch. Das schließt weitere Konflikte von vornherein aus.

Die Lektüre

Da er von Haus aus Philosoph und kein Naturwissenschaftler wie etwa Asimov oder Niven ist, beschäftigt sich Zebrowski mehr mit den Faktoren, die das Bewusstsein der Menschen verändern, die den Raumüberwindern folgen. Das ist durchaus nicht verkehrt, sorgt aber dafür, dass die Veränderungen nicht Knall auf Fall mit großem Trara daherkommen, sondern ganz allmählich und völlig unaufgeregt.

So gestaltete sich meine Lektüre als eine Art ruhige Reise, die nur selten von drastischen Ereignissen unterbrochen wurde. Das schlimmste solche Ereignis, das Juan, der uns durch die Handlung führt, erlebt, ist die Ermordung seiner geliebten Lena. Das muss er erst einmal verarbeiten. Doch der V-Effekt sorgt für ihre Wiederauferstehung, ebenso wie zuvor für die von Magnus Rasmussen.

Wie verändert dies die Wertschätzung eines Menschenlebens, fragte ich mich. Man muss dem Werdegang des Misanthropen Juan folgen, um dies herauszufinden. Er wird tatsächlich zu einem Optimisten. Und dabei wird kein einziges Mal Gott oder ein anderes übergeordnetes Wesen erwähnt. Zu Recht könnte man sagen, dass dies ein Buch ist, das Hoffnung macht, gerade wenn es angesichts Atomkrieg und Strafkolonie am finstersten aussieht. Das ist aber kein wohlfeiler Eskapismus, sondern die intelligente Nutzung der Möglichkeiten, die das Subraum-Verkehrsnetz der Aliens den Menschen bietet.

Ich habe das Buch in wenigen Wochen gelesen, denn die Kapitel sind kurz und übersichtlich, die Sätze prägnant formuliert. Dem Autor fällt es allerdings schwer, einschneidende emotionale Katastrophen wie etwa Lenas Ermordung in anrührende Worte zu kleiden. Andererseits ist Juan für emotionale Aufgewühltheit denkbar schlecht disponiert: Er lehnt Intuition ab, akzeptiert nur kausale Logik und vernünftige Schlüsse. Auf die harte Tour muss er lernen, dass auch Gefühle wichtig sind. Auch diese Entwicklung gehört zum langsamen, aber planmäßigen Vorgehen des Autors. Ich würde den Roman gerne nochmals in aller Ruhe lesen, wenn ich die Zeit dafür hätte, denn die Ideen, die darin stecken, sind es wert, dass man eingehender darüber nachdenkt.

Taschenbuch: 448 Seiten
Originaltitel: Stranger Suns, 1991
Aus dem US-Englischen von Walter Brumm illustriert von Bob Eggleton
www.heyne.de

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