Gerritsen, Tess – Meister, Der

Der Bostoner Frauenmörder, der in [„Die Chirurgin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1189 sein Unwesen trieb, hat einen Nachahmer, einen Lehrling, gefunden. Und nach seinem Ausbruch tut er sich mit ihm zusammen. Detective Jane Rizzoli befürchtet das Schlimmste und wird nicht enttäuscht.

Hinweis: Weil dies die Fortsetzung von „Die Chirurgin“ ist, ja vielleicht sogar das Mittelstück einer Trilogie (das legt der Schluss nahe), lohnt es sich, den Vorgängerband gelesen zu haben, bevor man sich auf dieses Buch einlässt.

Inzwischen hat Gerritsen schon wieder zwei Romane mit Rizzoli vorgelegt: [„Todsünde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=451 und „Schwesternmord“.

_Die Autorin_

Tess Gerritsen war eine erfolgreiche Internistin, bevor sie mit dem Medizinthriller „Kalte Herzen“ einen großen Erfolg errang. Es folgten mehrere mittelmäßige Thriller wie „Roter Engel“, die durchaus spannend zu unterhalten wissen.

Mit dem Bestseller „Die Chirurgin“ ist ihr auch der Durchbruch in Deutschland gelungen, denn dieser Thriller ist noch eine ganze Klasse härter: Der Mörder entfernt seinen weiblichen Opfern die Gebärmutter. Die Fortsetzung trägt den Titel „Der Meister“, „Todsünde“ ist der dritte Roman mit Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department, gefolgt vom neuesten Fall „Schwesternmord“.

Gerritsen lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, im US-Bundesstaat Maine.

_Handlung_

Detective Jane Rizzoli ist den Händen des Serienmörders, der als „der Chirurg“ berüchtigt war, entkommen, doch sie trägt noch die Spuren seiner „Behandlung“ an sich: Ihre Hände sind voller Narben – sichtbare Spuren ihrer seelischen Verletzungen. Nun sitzt der Killer, der Boston unsicher gemacht hat, seit einem Jahr hinter Gittern und Jane sollte eigentlich ruhig schlafen können. Tut sie aber nicht: Ein unsichtbares Band verbindet weiterhin den Killer und sein Opfer und beschert ihr Albträume.

Und nun hat er einen Lehrling gefunden: Der Unbekannte überfällt stets nur Paare, von denen die Frau besonders schön ist. So etwa Gail Yeager aus der Vorstadt Newton: blond, attraktiv, wohlhabend. Der Täter band ihren Ehemann, den Chirurgen Richard, auf einem Stuhl im Wohnzimmer fest und zwang ihn, die Vergewaltigung seiner Frau mit anzusehen, bevor ihm die Kehle durchgeschnitten wurde. Diese Machtausübung bringt den Kriminalpsychologen dazu, dem Täter den Spitznamen „Dominator“ zu verleihen.

Von seiner Frau fehlt jede Spur, doch ihr Nachthemd liegt säuberlich zusammengefaltet im Schlafzimmer, besudelt mit ihrem Blut. Rizzoli findet durch Zufall einen Spermafleck auf dem Teppich. Es ist die gleiche DNA, die man in ihrer Leiche findet, die Tage später in einem stillen Waldstück von einem Jogger gefunden wird. Der Täter hatte die Frau auch noch nach ihrem Tod missbraucht.

In der Nähe des Fundortes stoßen Spürhunde auf die stark verwesten Überreste einer zweiten Frauenleiche. Ähnlichkeiten mit dem Fall Gail Yeager deuten auf einen Serienmörder hin. Und das zusammengefaltete Nachthemd ist eine Unterschrift: die des „Chirurgen“. Der Dominator ist also der Lehrling des „Meisters“. Jane Rizzoli fühlt sich nicht mehr sicher in ihrer Wohnung.

Außerdem ist ein zwielichtiger Mitarbeiter bei ihren Ermittlungen aufgetaucht: Gabriel Dean behauptet, er arbeite für das FBI und hat sogar den entsprechenden Dienstausweis, aber sein Verhalten entspricht dem eines Angehörigen des Marine Corps, eines Soldaten. Und wieso wurde Dean auf Veranlassung des Senators von Massachusetts hinzugezogen?

Als Warren Hoyt, der „Chirurg“, aus der Haft entkommen kann und ein erneuter Mord Boston erschüttert, wird Jane Rizzoli klar, dass sich die beiden Killer zu einem Team zusammengetan haben. Und dass Hoyt eine Sache zu Ende bringen will, an der er gehindert worden war: Aber wird Rizzoli in ihrer Wohnung sicher sein?

_Mein Eindruck_

Mich hat gleich der Titel gestört: Warum muss die deutsche Ausgabe „Der Meister“ heißen, wenn das Original „The Apprentice“ also „Der Lehrling“ betitelt ist? Aber das war ja schon bei „Die Chirurgin“ so – nur dass „The Surgeon“ im Englischen sowohl weiblich als auch männlich sein kann (besonders hinterlistig, nicht wahr?).

Insgesamt bringt dieser Folgeband nicht viel Neues: einen Nachahmungstäter, der eine mindestens so fiese Masche wie „Der Chirurg“ draufhat. Interessant sind vielmehr zwei Figuren, die in Rizzolis Umfeld auftauchen. Dr. Isles wird – halb ironisch, halb ehrfürchtig – „Die Königin der Toten“ genannt: Sie ist die Gerichtsmedizinerin, die Rizzoli wertvolle Erkenntnisse liefert. Sie erinnert mich an Kathy Reichs, ebenfalls eine Krimiautorin.

Und dann gibt es da noch Gabriel Dean, den FBI-Agenten, der mit sehr vielen Geheimnissen hinterm Berg hält. Zu vielen Geheimnissen, als dass die aufbrausende Rizzoli ruhig bleiben könnte, als sie ihm auf die Schliche kommt. Sie würde ihn wohl am liebsten umbringen, wenn da nicht ihre Vorgesetzten wären, die Dean dabeihaben wollen. Der Typ ist derartig ruhig und beherrscht, dass er nichts dabei findet, bis in Rizzolis Privat-, wenn nicht sogar Intimsphäre vorzudringen. Das kann nur zu zweierlei Dingen führen: Tod – oder Liebe.

Im Mittelpunkt der Schilderungen steht daher die sich rasch entwickelnde Beziehung zu Dean, denn er hat erkannt, was Rizzoli um keinen Preis wahrhaben will: dass sie ein Opfer ist und unbedingt Hilfe benötigt. Da beißt er aber auf Granit – jedenfalls die meiste Zeit. Denn die Polizistin ist stur entschlossen, weiterhin „ihren Mann zu stehen“ – ihre ausschließlich männlichen Kollegen in der Mordkommission der Boston P.D. beobachten jede ihrer Bewegung, lauern auf jeden Fehler – wie soll man dabei nicht paranoid werden? Und prompt macht Rizzoli einen Fehler in der Einsatzleitung – das kostet einen Kollegen, den übergewichtigen Korsak, fast das Leben. Ein weiterer Vorwurf, den sich Rizzoli machen kann. Sie muss auf die harte Tour lernen, sich selbst nicht so ernst zu nehmen.

Die Handlung kreist um mehrere Mordfälle und plätschert ohne den verreisten Thomas Moore so vor sich hin, ohne dass die Spannung anstiege. Ich befürchtete schon, dass es das gewesen sein könnte. Erst die letzten 50-60 Seiten reißen das Buch dann wieder auf das erhoffte Niveau: Dean wusste, wer die verweste zweite Leiche war! (Und ich werde mich hüten, mehr darüber zu verraten.)

_Unterm Strich_

„Der Meister“ ist ein weiterer kompetenter Unterhaltungsthriller aus Tess Gerritsens Schreibfabrik. Wer spannende Unterhaltung sucht, kommt hier durchaus auf seine Kosten. Allerdings hatte ich etwas wie eine schockierende Neuauflage von „Die Chirurgin“ erhofft und wurde darin enttäuscht. Wer genügend Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen mitbringt, wird den Doppelmorden dennoch ein leises Grauen und Prickeln abgewinnen können.

Sprachlich ist Gerritsen auch etwas Neues gelungen: Sie lässt die Polizisten eine Gerichtsmedizinerin als „Königin der Toten“ titulieren – macht sie nun Anne Rice mit deren „Königin der Verdammten“ Konkurrenz?

Und zum anderen gibt es nun eine makabere neue Definition von „Fingerfood“. Das sind ja bekanntlich kleine Appetithäppchen, so etwa bei Stehempfängen oder Vernissagen. Leider sind es diesmal die Finger selbst, die das Food darstellen – für die wilden Tiere, die die im Wald abgelegten Frauenleichen angeknabbert haben. Wohl bekomm’s!

|Originaltitel: The Apprentice, 2002
Aus dem US-Englischen übertragen von Andreas Jäger|

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