Holly Cartwright – Marie’s Masters

Wie man seine Hemmungen verliert

Die schöne, aber emotional gehemmte Marie tritt eine Stelle in einer anderen Stadt an. Es ist das De Sade Museum, und es macht seinem Namen alle Ehre. Der Leiter des Museums hat Marie offenbar zu einem ganz bestimmten Zweck eingestellt. Um diesen zu erreichen, unterwirft er sie etlichen BDSM-mäßigen Übungen. Schon bald steigt Maries Selbstvertrauen. Sie entdeckt auch in dem Vermieter ihres Zimmers einen höchst dominanten und lehrreichen Gebieter. Aber welche Rolle spielt dessen Gattin, die renitente Isabelle?

Die Autorin

Dies ist „Holly Cartwrights“ erster Roman bei Silver Moon Books. Der Name ist ein Hausname, also ein Pseudonym.

Handlung

Die 20-jährige Marie hat zwar in Martin einen sanften und verständnisvollen Boyfriend, doch beim Sex mit ihm kommt sie nicht. Sie findet Sex schmutzig und ist entsprechend verklemmt. Sie will ja keine Schlampe oder Hure sein. In einer anderen Stadt tritt sie eine neue Stelle als Museumskuratorin an.

Andere Stadt, anderer Sex

Schon der erste Morgen in dem Haus, in dem sie ein Zimmer gemietet hat, birgt mehrere Überraschungen. Der Hausherr John ist ein Prachtkerl und er akzeptiert „Nein“ nicht als Antwort. Schon bald sieht sich Marie in seiner Dusche anal penetriert – eine Erfahrung, die sie völlig aus der Bahn wirft.

Noch seltsamer ist der Auftritt von Johns Frau Isabelle. Sie macht eine Szene, weil John sie mit der Fremden betrogen hat. Doch zugleich akzeptiert sie, dass er sie bestraft und demütigt. Marie kann nicht anders, als ihrer Schicksalsgenossin zu helfen und schließt mit Issy einen Pakt.

De Sade Museum

Das De Sade Museum trägt seinen Namen nicht ohne Grund. Die Mitarbeiterinnen sind alle dem Master und seinem Helfer Adrien unterworfen. Adrien bedient sich Maries Körper in einem antiken und, wie er behauptet, einzigartigen Ledergeschirr, das an eine chinesische Liebesschaukel erinnert. Auch die lesbische Liebe kommt nicht zu kurz. Dafür sorgt eine ältere Mitarbeiterin, die sich Maries flinker Zunge bedient.

Der Vorstellungstermin beim Master ist hingegen von besonderer Bedeutung für Marie. Sie wird Zeuge der Bestrafung einer Mitarbeiterin und beteiligt sich an der Befriedigung des Gebieters. Überraschend eröffnet er ihr, dass er mit ihr Pläne habe. Doch wie sehen diese aus? Mit Neugier und Bangen blickt Marie auf die Tage, die da kommen sollen, um ihre Ausbildung zu vollenden. Martin will sie – vorerst – nicht wiedersehen. Ein Fehler?

Denn eines Tages kommt Martin zu ihr und schließt ein Abkommen mit ihrem Arbeitgeber, dem geheimnisvollen „Master“: Sobald Marie vollständig „ausgebildet“ ist, soll sie zu Martin zurück, ihrem nächsten Gebieter. Doch zu früh gefreut! Bevor es dazu kommen kann, wird die junge Frau gekidnappt…

Mein Eindruck

Das psychologische Geschehen in und um Marie ist sattsam aus „Die Geschichte der O“ und „Fifty Shades of Grey“ bekannt. Eine unerfahrene junge Frau wird von erfahrenen S&M-Praktikern beiderlei Geschlechts in die hohe Kunst der Unterwerfung eingeführt und verliert auf diesem Weg all die hinderlichen Hemmungen, die sie bislang davon abhielten, beim Sex Genuss empfinden.

Neben dem namenlosen „Master“, der nur über seine Herrschaftsfunktion und seine ebenso „herr-liche“ körperliche Erscheinung definiert wird, übernehmen die älteren Frauen Mrs. Ryder, eine mitfühlende Domina, und die Mitsklavin Daniella die Ausbildung der Novizin im Museum de Sade.

Vergleiche

Allerdings gibt es im Vergleich zu den beiden oben genannten Werken einen wichtigen Unterschied: Die O unterwirft sich den demütigen Praktiken im Chateau Roissy aus Liebe zu ihrem Lover René. Sie opfert sich also ihm und ihrer Liebe. Ähnlich ergeht es der Heldin in „50 Shades“: Als Novizin will sie nicht nur Zugang zu Mr. Greys Leben, sondern auch zu seinem Herzen.

Maries hingegen steht der Sinn nicht nach einer sofortigen Verbesserung ihrer S&M-Fähigkeiten, um Martin zu gewinnen, sondern nach einer sich selbst genügenden Steigerung ihrer Genussfähigkeit. Dieses findet beispielsweise in einer Orgie nach römischem Vorbild statt: Die Vestalin Marie wird von ihrem Master als Objekt einer sexhungrigen Menge vorgeworfen. Sie ist schon soweit, dies völlig in Ordnung zu finden, um ein weiteres Niveau von Genussfähigkeit zu erlangen: den legendären Sklaven-Orgasmus, wie er etwa in bestimmten Romanen von John Norman beschrieben wird.

Verrechnet

Doch Marie hat sich natürlich verrechnet. Kein Master kann zulassen, dass sie nur für sich selbst Sex hat, denn als Sklavin hat sie stets eine dienende Funktion zu erfüllen. Man kann sich an zwei Fingern ausrechnen (mit Binärzahlen kann damit immerhin von null bis drei zählen), dass sie am Schluss Martin als ihren Gebieter haben wird.

Doch bevor sie diesen „Himmel“ des Sklavendaseins betreten darf, wird sie entführt, um an den Meistbietenden versteigert zu werden. Kommen Martin, John und der Master rechtzeitig, um sie und zwei Schicksalsgenossinen vor einem schrecklich unzivilisierten Gebieter aus Russland zu bewahren?

Schwächen

Von der psychologischen Unplausibilität der Handlung mal ganz abgesehen, enthält der Text einige erschreckende Fehler, die ich bei einem Englischsprecher nie erwartet hätte. Die Formulierung „She was STOOD by the wall“ soll beispielsweise besagen, dass sie gerade an der Wand stand. Aber korrekt müsste es dafür „She was STANDING by the wall“ heißen.

Statt der Verlaufsform (Partizip Präsens) wird also die inkorrekte Abgeschlossenheitsform (Partizip Perfekt) verwendet, und das viele Male. Nicht nur mit dem Verb „stand“, sondern auch mit anderen passiert dieser Fehler, gerade so, als hätte die „Autorin“ im Grammatikunterricht nicht aufgepasst – und der Lektor, sofern vorhanden, ebenfalls nicht.

Dass etliche Male auch Wörter zuviel oder zuwenig im Text auftauchen, verwundert deshalb kaum noch. Dieses Phänomen zeigt sich auch in anderen Buchveröffentlichungen des Silver Moon Verlags, so etwa in „The Girlspell III“, das ich besprochen habe. Die Vermutung liegt nahe, dass Texte, die für die elektronische Veröffentlichung als E-Book vorgesehen sind, gar nicht mehr lektoriert, geschweige denn korrigiert werden. Das lässt schlimme Zustände befürchten, die mittlerweile schon die Norm sein könnten.

Unterm Strich

Ich konnte dieses vorhersehbare Garn zwar binnen weniger Tage lesen, aber Spaß machte die Lektüre keinen. Dafür war die Rahmenhandlung zu dünn, um mehr als ein Vorwand für etwas Drama zu liefern. Und die allfälligen S&M-Begegnungen waren derart vorhersehbar, dass sie kaum den Reiz des Neuen zu bieten wussten.

In dieser Hinsicht kann es dieser BDSM-Roman kaum mit einem Klassiker wie „Die Geschichte der O“ aufnehmen oder einem Bestseller wie „50 Shades“ gleichtun. Vielmehr ist der Roman unterste Schublade und unterscheidet sich von Groschenromanen nur aufgrund der kontinuierlichen Weiterentwicklung der bisexuellen Heldin. Diese ist jedoch nicht altruistisch motiviert, sondern rein egoistisch: Sie will durch gekonntere Unterwerfungspraktiken mehr Genuss erleben. Schmerz ist für sie, wie bei allen Masochisten, Lust. Die schlimmste Bestrafung besteht daher für Marie nicht darin, Schmerzen erleiden zu müssen, sondern darin, nicht beachtet zu werden.

Damit dies nicht passiert, sorgt sie schließlich selbst dafür, dass ihre Gebieter Anlass haben, sie zu bestrafen. Selten kommt es mal zu humorvollen Szenen wie der, in der sie statt Whisky und Soda aus Unwissenheit Brandy mit Limonade mixt, was natürlich bei den Gentlemen nicht besonders gut ankommt. Schade um den guten Brandy, kann man da nur sagen.

Wegen der lausigen Textform, der unplausiblen Psychologie und dem extrem niedrigen Niveau der Rahmenhandlung ziehe ich vier Punkte ab.

Fazit: 1,5 von fünf Sternen (auf Amazon.co.uk bekommt das Buch 4,5 Sterne!)

Taschenbuch: 220 Seiten
Originaltitel: Marie’s Masters
ISBN-13: 9781908252098

Silver Moon Books

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