Jack Vance – Die sterbende Erde. Fantasy-Roman

Chun der Unvermeidliche und andere exotische Schrecken

„Sie leben auf der sterbenden Erde, in unendlich ferner Zukunft, unter einer ausgebrannten Sonne: Turjan von Miir, der Wissenschaftler, der immer wieder versucht, Leben zu erschaffen, Mazirian der Zauberer, die schöne T’sais von Embelyon, die zur Erde reist, um die Sehenswürdigkeiten zu schauen, bevor sich die Nacht herabsenkt, Lian der Wegelagerer, Ulan Dhor und Guyal von Sfere, ein Mann von unstillbarem Wissensdrang auf der Suche nach dem Museum der Menschheit, in dessen Ruinen das gesamte Wissen des Universums schlummert.“ Verlagsinfo)

Der Episodenroman „Die sterbende Erde“ erschien 1950 und ist noch heute einer der schönsten Fantasy-Romane, die je geschrieben wurden, ein bezauberndes Beispiel des modernen Märchens und ein Zeugnis der schier unerschöpflichen mythenschaffenden Phantasie des jungen Jack Vance… (Verlagsinfo) 1978 und 1983 erschienen illustrierte Ausgaben des Buches in der Reihe „Fantasy Classics“ bei Heyne. Sie sind mit einer doppelseitigen Landkarte versehen.

Der Autor

Siehe unten!

Handlung der Kapitel

1) Turjan von Miir

Turjan ist unzufrieden mit seinen Schöpfungen von Humanoiden: Schon nach kurzer Zeit segnen alle das Zeitliche, weil sie deformiert sind. Irgendein Prinzip fehlt ihnen. Er erinnert sich an den Besuch eines Weisen und an eine Reihe von Zaubersprüchen. Der Weise erwähnte den Namen von Pandelume, dem weisesten aller Magier. Allerdings lebe er im Lande Embelyon, von dem keiner wisse, wo es liegt.

Doch Turjan lässt sich kurzerhand von einem Zauberwind nach Embelyon tragen. Er wird unfreundlich empfangen. Eine schöne junge Frau, die nichts als Hosen und ein Cape trägt, will ihm mit ihrem Degen den Schädel spalten. Er sei wie alles Lebendige hässlich und habe den Tod verdient. Er bezwingt sie im Handumdrehen und fesselt sie. Nur wenn sie ihm den Weg zu Pandelume zeige, werde er sie freilassen. Sie gibt ihm Auskunft und wenige Augenblicke später reitet sie unversehrt auf ihrem Rappen davon.

Diese T’sais sei eine seiner missratenen Schöpfungen, gibt Pandelume zu. Er ist unsichtbar, aber hilfsbereit, sobald er Turjans kollegiales Anliegen vernommen hat. natürlich bittet er um eine klitzekleine Gegenleistung: Er soll das magische Amulett von Prinz Kandive dem Goldenen stehlen und ihm bringen. Nach ein paar Warnungen und einer gewissen magischen Ausstattung macht sich Turjan auf den Weg und landet per Dimensionstor in Kaiin, wo der Prinz residiert. Er wirkt einen Tarnzauber, der ihn unsichtbar macht. So gelangt er an allen Wachen vorbei.

Der Prinz befindet sich im obersten Zimmer seines Wohnturms und vergnügt sich gerade mit einem grünhaarigen Kind. Durch sein magisches Amulett registriert er sofort die Anwesenheit eines Fremden in seiner Nähe und mit einem Zauberspruch deaktiviert er den Tarnzauber. „Sieh niemals in das Amulett!“, hat ihm Pandelume eingeschärft. Mit dieser Warnung im Kopf begibt er sich in das Duell mit dem Prinzen…

2) Mazirian der Magier

Mazirian ist kein netter Magier wie Turjan, sondern alt, paranoid und gierig. Sein demütiger Garten ist sein ganzer Stolz, doch seine Trogmenschen, die er züchtet, sind wie bei Turjan Fehlentwicklungen. Seinem neuesten Produkt, einem prächtigen männlichen Exemplar, fehlt beispielsweise völlig der Verstand. Mazirian neidet Turjan, den er gefangen hält, das Geheimnis genau dieses Details: Was macht sie perfekt? Obwohl er Turjan in einem Gefängnis foltert, weigert sich dieser standhaft, es ihm zu verraten.

Eines Tages erblickt er am Rande seines schönen Gartens ein junges Mädchen, doch kaum erspäht sie ihn, reitet sie wie der Wind auf einem Rappen davon. Sie widersteht sogar einfachen Zaubersprüchen. So etwas kann er sich nicht bieten lassen. Mit Lebenden Stiefeln verfolgt er sie, doch auch diese Stiefel sind irgendwann einmal erschöpft.

Ein winziger fliegender Twkmann auf seiner Libelle gibt ihm Auskunft, wohin das Mädchen geflohen sei – er tappt in eine Falle. Ein gefräßiger schwarzhäutiger Deodand lechzt nach seinem Fleisch. Mazirian muss den ersten seiner fünf Zaubersprüche, die er sich gemerkt hat, opfern, um den Deodanden loszuwerden. Der verrät ihm schließlich doch noch, wohin das Mädchen gegangen ist: zum Ghulbären Thrang.

So geht die Verfolgungsjagd etliche Stationen weiter. Am Ende ist er dem Mädchen sehr nahe. Doch er hat alle seine Zaubersprüche aufgebraucht und nicht auf seine Umgebung geachtet. Plötzlich hagelt es in diesem Wald von lebenden Gerten und Ästen, die auf ihn einschlagen…

3) T’sais

T’sais ist jene junge, ungestüme Frau auf einem Rappen, die Turjan um ein Haar mit ihrem Degen durchbohrt hätte. Vor ihrer Bekehrung durch ihre von Turjan geschaffene Zwillingsschwester T’sain hat sie alles Schöne und lebendige gehasst. Und weil Turjan und T’sain ihr von der schönen Erde berichtet haben, bittet sie ihren Schöpfer Pandelume, sie aus Embelyon zur Erde zu zaubern. Jeder Protest ist nutzlos, und so willigt Pandelume ein. Statt eines vielfarbigen Himmels begrüßt T’sais ein dunkelblauer Himmel unter einer roten Sonne und statt stattlicher Baumriesen ein dschungelartiger Wald.

Lian

Zwischen den Trümmern einer Ruine wird sie heimlich Zeuge, wie Lian der Wegelagerer (siehe unten) ein Liebespaar ausraubt und bedroht. Wieder fällt die Frau in Ohnmacht, weil er so ein grässlicher Kerl ist, während ihr Mann sehr leiden muss. Obwohl sie keine Ahnung von Gut und Böse hat, erbarmt sie doch das Leiden von Lebenden – immerhin. Schließlich wird es T’sais zu bunt. Sie greift Lian an. Doch statt von ihrem Zauberdegen eingeschüchtert zu sein, unterschätzt Lian die Attacke und wird verwundet, so dass er außer Gefecht gesetzt ist.

Räuber

Als nächstes begegnet die junge Amazone drei Räubern, die es auf sie abgesehen haben: Sie gibt an, nichts von Liebe, Glück und Schönheit zu wissen und suche Unterricht. Na, da sei sie bei ihnen an genau der richtigen Adresse. Mit Schönheit könnten sie zwar nicht gerade dienen, aber in Liebesdingen mache ihnen keiner was vor. In der Räuberhöhle kommt es allerdings zu einem Missverständnis, das die drei Räuber ihr Leben kostet.

Etarr

Auf der Flucht vor einem kannibalischen Deodanden flüchtet T’sais‘ in die Hütte des Zauberers Etarr. Er pflegt die Erschöpfte gesund, verbirgt aber sein Gesicht stets unter einer Kapuze. Es sei viel zu hässlich, sagt er. Sie bittet ihn, ihr zu erzählen, wie es zu diesem Fluch gekommen sei. Er erzählt von seiner Liebe zu der schönen rothaarigen Javanne. Doch eines Tages ertappte er die Hexe bei der Kopulation mit einem grässlichen Dämonen. Da zeigte sie ihr wahres Ich: Sie verhöhnte ihn, ersetzte sein gesicht durch eine Dämonenfratze und zwang ihn, unsägliche Perversionen anzusehen oder über sich selbst ergehen zu lassen. Viel später sei es ihm gelungen, dieser Folter zu entkommen und in dieser verborgenen Hütte am Morvaran-Moor Unterschlupf zu finden.

Hexensabbat

Etarr hat vor, sein früheres Gesicht wiederzubekommen, und zwar am Hexensabbat, der am nächsten Tag stattfinden soll. T’sais besteht darauf mitzukommen. Etarr willigt schließlich ein, und zusammen wandern sie auf die andere Seite des Moors, wo sich jenseits einer Kuppe ein Takessel befindet. Hier haben sich bereits zahlreiche Hexen, Zauberer und Dämonen eingefunden, um ihre Orgie zu feiern und die Göttin der Barmherzigkeit zu quälen und zu verhöhnen. Javanna führt mit ihrem lasziven Tanz die Orgie an. Doch da ertönt eine laute Fanfare – eine Armee aus der Menschenwelt greift. Als eine der wenigen Überlebenden kann Javanna fliehen – direkt in Etarrs Arme…

4) Lian der Wegelagerer („Liane the Wayfarer“ alias „The Loom of Darkness“)

Lian der Wegelagerer ist in den Besitz eines magischen Reifs gelangt, als er gerade ein Grab für sein jüngstes Opfer aushob. Nun experimentiert er damit: Er kann sich damit unsichtbar machen – genial! Als ein Twk-Flieger auf seiner Riesenlibelle vorbeischwirrt, fragt er ihn, was es Neues gebe. Der Krieger berichtet von einer attraktiven blonden Hexe, die sich im Thambertal niedergelassen habe. Liane gibt dem Freund drei Gramm Salz dafür. Dann macht er sich auf den Weg zur Hexe.

Sie ist in der Tat eine Augenweide. Zu seinem Verdruss hat Lith nichts für seinen Charme, seine Stärke und seine Redegewandtheit übrig. Vielmehr lässt sie ihn fast von 20 Stahlmessern durchbohren. Ihre Überredungskunst ist unübersehbar, daher erklärt sich Lian – ausnahmsweise – dazu bereit, ihr, wie gewünscht, einen Dienst zu erweisen. Sie zeigt ihm einen entzweigerissenen Gobelin, der ein sehr schönes, grünes Flusstal zeigt: Aventira, ihre Heimat. Natürlich gibt es einen Haken, sonst hätte sie die fehlende Hälfte schon längst selbst beschafft: Chun, an dem keiner vorbeikommt, habe diese Hälfte, und er lebt an der Stätte der Seufzer nördlich der Stadt Kaiin.

Mit dieser Stadt Kaiin kennt sich Lian aus, denn er hatte dort schon ein paar „Geschäfte“ zu erledigen. Er nimmt den Auftrag an und rechnet mit drei Tagen für diesen Job, danach will er eine Belohnung. Die Stadt Kaiin ist zweigeteilt: In der neuen Stadt leben Bürger und Zauberer, in der Alten Stadt liegt die Stätte der Seufzer, wohin sich nur Narren wagen. Schon der Name „Chun“ versetzt die Zauberer, die im Gasthaus mit ihrer Kunst prahlen, in Panik.

Dennoch ist Lian gutes Mutes, denn hat er nicht einen Reif, der ihn unsichtbar machen kann? Ein alter Mann zeigt ihm den Weg zu der Höhle des Zauberers, wo der zerrissene Gobelin hängt. Auf dem Weg kommen sie an mehreren Leichen vorbei, die allesamt Entsetzen in ihren starrenden Augen tragen. Sie sind offenbar Chun, an dem keiner vorbeikommt, begegnet…

5) Ulan Dhor

Ulan Dhor ist der junge Neffe des mächtigen Prinzen Kandive von Kaiin. Damit der Prinz noch mächtiger werden kann, braucht er ein Objekt der Macht, das es nur in der legendären Stadt Ampridatvor jenseits des Meeres von Melantein. Er zwingt Ulan Dhor, dorthin zu segeln. Die Reise dauert drei Wochen, dann kommen zwei Inseln und zwei Fischer in Sicht.

Die Reaktion der Fischer auf sein Erscheinen gibt ihm bereits einen Vorgeschmack auf die gewöhnungsbedürftigen Verhältnisse, die ihn erwarten: Seine rote Kleidung weist ihn als Plünderer aus. Die Fischer hingegen sind in Grün gekleidet. Das weist sie als Anhänger des einen der beiden Götter aus, denen die Einwohner von Ampridatvir huldigen. Die anderen tragen stets grün. Ulan Dhor hat aus einem alten Pergament seines Onkels von dieser Aufteilung erfahren, aber nicht erwartet, dass es so schlimm ist. Tatsächlich ignorieren die Grauen die Existenz der Grünen vollständig – und umgekehrt.

Tatsächlich ist diese Art des religiösen Wahns der Grund dafür, warum der größte Wissenschaftler der Stadt zwar vor tausend Jahren gewaltige Hochhäuser und raffinierte Maschinen erschuf, aber die beiden Tafeln mit dem letzten Geheimnis, diese Wunderdinge zu nutzen, entzweibrach und jedem der beiden Tempel je eine Tafel gab. Erst wenn beide zusammengefügt werden, wird das Geheimnis enthüllt. Das ist bis heute nicht geschehen.

Nun beginnen Ulan Dhors unerschrockene Abenteuer an der Seite einer jungen Grauen namens Elia. Als er aus Versehen seine roten Kleider enthüllt, braucht er sich über mangelnde Aufmerksamkeit nicht zu beschweren: Sogleich fliegen ihm Steine um die Ohren, denn „Plünderer“ sind hier nicht willkommen…

6) Guyal von Sfere

Der wissbegierige Guyal wird in der schönen Stadt Sfere als Sohn eines weisen Mannes geboren. Schon in jungen Jahren löchert er seinen Vater mit Fragen, die sich schwer beantworten lassen. Als Guyal mannbar geworden ist, hat sein Vater die Nase voll und schickt ihn zum Museum der Menschheit, denn dessen Kurator wisse einfach alles. Das Museum liege irgendwo im Norden, ist alles, was der Vater darüber weiß. Er gibt seinem Sohn drei hilfreiche Dinge, ein Pferd und seinen Segen mit, der Guyal Glück bringen soll.

Oasts

Klar ist nur, dass Guyal die Fer Aquila Berge über den Omona-Pass erreichen muss, denn sie begrenzen den nördlichen Rand des Kontinents. Er wird verfolgt von den Herren der Oasts, die offenbar dem Kannibalismus zuneigen und nichts gegen einen Zusatzhappen auf zwei oder vier Beinen einzuwenden haben. Guyal reitet ihnen davon, doch die Oast-Herren scheinen nicht aufzugeben. In einem dichten Wald hängt er sie ab und gelangt anschließend in die Stadt Carchasel am Rande des Nordmeers.

Carchasel

Doch Carchasel sieht verlassen aus. Deshalb erstaunt es ihn, auf einem Balkon eine junge Frau, die trotz der kühlen Temperaturen nur leicht bekleidet ist. Sie lädt ihn zu sich und ihrem Großvater ein, der sich offenbar nur mit seinem Flötenspiel ausdrücken kann. Während Guyal noch rätselt, wie die beiden zueinander stehen, nimmt das Flötenspiel, an dem er sich gern beteiligt immer verzücktere und frenetischere Züge an, während das Mädchen, das er Ameth getauft hat, dazu tanzt. Schließlich wird ihm klar, dass der alte Mann nur der Tod sein kann. Von Furcht gepackt, flüchtet Guyal aus diesem Haus des Haus. Da merkt er, dass alles nur eine Geistererscheinung war.

Die Stadt & die Wahl

Als er sich dem letzten Hügelkamm vor der Tundra nähert, wird er von einem Geist überflogen. Als er dies drei Männern gegenüber erwähnt, die ihm begegnen, werden diese bleich. Sie fordern ihn auf, sie in ihre Stadt Saponse zu begleiten. Doch in der Stadt, die außer einem Park recht trist wirkt, tricksen sie ihn aus und beschuldigen ihn, ein Sakrileg begangen zu haben. Als sie ihn aus dem Kerker holen, stellen sie ihm drei Bedingungen, um dem Todesurteil zu entgehen. Die wichtigste besteht in einer Art Schönheitswettbewerb: Er soll das schönste Mädchen der Stadt auswählen. Das fällt ihm nicht schwer. Shierl ist die Tochter des Vogts und eine wahre Augenweide.

Doch welch ein Schicksal ist für sie vorgesehen! Sie soll zusammen mit dem fremden Jüngling zum düsteren Museum der Menschheit aufbrechen, in dessen Ruinen bekanntlich bereits tausende von jungen Menschen umgekommen sein müssen, denn niemand hat sie je zurückkehren sehen. Kein Wunder also, dass die arme Shierl trotz ihrer prächtigen Ausstaffierung den Tränen nahe ist, als sie durch ein Spalier von Gaffern zum Museum getrieben wird.

Das Museum

Doch Guyal ist guten Mutes, denn er nähert sich nun dem Ziel seiner Fahrt und befindet sich obendrein auf dem geraden Weg, den sein Vater gesegnet hat. Das macht er Shierl klar. Tatsächlich muntert sie dies beträchtlich auf. Wird er wirklich so viel Glück haben, um die Geister des Museums und obendrein den Kurator besiegen zu können? O ja, denn Guyal zeigt ihr, dass er noch einige Tricks auf Lager hat. Am Tor zum Museum erscheint erst ein imaginäres Monster und dann der Kurator, der seit zehntausend Jahren über das Museum und seine Wissensschätze wacht…

Mein Eindruck

Warum „sterbende Erde“ müsste die erste Frage lauten. Denn schließlich erschien das Buch bereits 1950 und der Wirtschaft der Vereinigten Staaten ging es richtig gut, so dass es sogar für den Marshall-Plan reichte, damit der unterworfene Verbündete Deutschland wieder auf die Beine kam. In den dreißiger Jahren bis 1940 träumten Autoren wie Robert E. Howard und Abraham Merritt von Ländern in grauer Vorzeit, etwa Kimmerien und Aquilonien, oder wie Abraham Merritt von unerschlossenen, noch weißen Flecken auf der Landkarte, wie etwa in Alaska oder in der Wüste Gobi. E.R. Burroughs begab sich zudem noch in eine Hohlwelt hinab, um seinen Helden erotische und andere Abenteuer erleben zu lassen.

Nicht so Vance. Bei ihm ist in ferner Zukunft – die Rede ist von mindestens zehntausend Jahren – jede Zivilisation auf die Schwundstufe zurückgefallen. Die Zauberer sind allesamt Einsiedler, die mit künstlichen Menschen experimentieren. Die wenigen Volksstämme, die in der Wildnis überlebt haben, leben von Sklaverei. Selbst Städte wie Kaiin in Ascolais sind keine sicheren Orte. Die Zauberer bleiben unter sich, Banditen wie Lian machen die Straßen unsicher, und Prinz Kandive, der Chef von allem, sinnt auf die Ausweitung seiner macht. Die entlegenen Dörfer wie Saponse hängen Aberglauben an und verhalten sich wie antike griechische Stadtstaaten, die dem Ungeheuer jährlich mindestens eine Jungfrau opfern, um es zu besänftigen.

Nur unter den besten Magiern erinnert man sich noch einer obskuren Kunst, die den seltsamen Namen „Mathematik“ trägt. Dieses Wissen ist vor etlichen Jahren mit der Vertreibung des Obermagiers Pandaal verlorengegangen. Mathematik war eben noch nie ein beliebtes Fach. Dafür weiß man in Magierkreisen jedoch von Parallelwelten wie Embelyon und kennt die Methoden, wie man dorthin gelangt. Zauberinnen wie die schöne, verführerische Javanne beschwören Dämonen und kopulieren mit ihnen, kurzum: Sie sind Hexen und folglich böse und furchteinflößend.

Aber es gibt auch schöne Maiden, die böse sind und dies nicht wissen. Eine wie T’sais: Sie ist ein Geschöpf Pandelumes, das ihm fast hundertprozentig gelungen. Ihr Körper ist schön wie der junge Morgen, doch ihr Verstand ist völlig verdreht, so dass ihm alles Lebende widernatürlich erscheint. Sie muss es vernichten. Erst Turjan gelingt die Erschaffung einer Zwillingsschwester namens T’sain, die T’sais nahekommen kann, ohne sofort getötet zu werden.

Sie lehrt T’sais die ersten moralischen Regeln, doch als T’sais auf die sterbende Erde gelangt, hat sie noch viel zu lernen – das Überleben beispielsweise. Sie ist ein weiblicher Candide (von lat. „candidus“: der weiße, blanke Mann; vgl. auch „Kandidat“). Andere Leute, wie etwa Mazirian und Kandive, machen ihre eigenen Regeln: Und wir wissen, dass Mazirian alles andere als nett ist und Kandive sich mit Minderjährigen vergnügt.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Wie konnte der Autor auf die Idee verfallen, dass die Erde bzw. deren Kulturen sterben und auf eine Schwundstufe fallen könnten? Es war nicht einmal nötig, dass er zweimal um ein Haar versenkt wurde, um sich sterblich zu fühlen. Nein, er hat höchstwahrscheinlich mitbekommen, wie 1945 zwei japanische Städte durch amerikanische Bomben dem Erdboden gleichgemacht worden waren. Der Weg zu unsäglichen Mutationen war nun frei, und sein Kollege Richard Matheson schrieb darüber einige berühmte Geschichten, wie die vom „schrumpfenden Mann“ Mr. C. Aus jeder Geschichte spricht ein kontrollierter Kulturpessimismus.

Geister und Monster

Woher all die Geister kommen, ist leicht zu erklären: Sie sind Erinnerungen, die die Sterblichen an ihre Sterblichkeit gemahnen. Nicht so jedoch die großen Monster. Guyal, der Held der letzten Geschichte, muss zusammen mit dem Kurator das Ungeheuer Blikdak besiegen, soll die Menschheit wieder Hoffnung schöpfen dürfen. Blikdak ist etwas ganz Besonderes (S. 216):

„Blikdak und [die Unwesen] entstanden aus dem Geist des Menschen. Der stinkende Schweiß, die Niederträchtigkeit, der morbide Humor, die brutalen Gelüste, die Vergewaltigungen und die Unzucht, die skatop[h]ilen Ausschweifungen, die unzähligen Arten der Geilheit und Schlüpfrigkeit, sie alle sonderten im Lauf der Zeit etwas ab, das schließlich eine gewaltige Geschwulst bildete. Aus ihr entstand die Dämonenwelt, aus ihr erwuchs Blikdak.“

In einem fulminanten Showdown machen Guyal, Shierl und der Kurator Kerlin dem Monster der verderbten Vergangenheit mit wissenschaftlichen, pardon: magischen Mitteln den Garaus. Doch was nun, nachdem auch der Kurator das Zeitliche gesegnet hat? Ihr Blick erhebt sich – endlich – zu den blinkenden Sternen…

Die Übersetzung

Der sprachliche Stil der deutschen Übersetzung könnte ebenfalls aus den fünfziger Jahren stammen, so steif und altbacken ist die Ausdrucksweise.

S. 27: „hieb ihr den Kopf an…“: Richtig wäre: „hieb ihr den Kopf ab“.

S. 46: „..soviel, wie der nie zuvor auf einmal besaßest.“ Statt „der“ muss es „du“ heißen, damit der Satz einen Sinn ergibt.

S. 61: „Dein Degen lebt. (…) Er wird deine Feinde geschickt töten. Streck deine Hand aus und nimm sie (!) an dich.“ Statt „sie“ muss es „der“ heißen, denn der Degen ist männlich.

S. 105: „Habt Ihr je von Chun, dem Unausweichbaren, gehört?“ Besseres Deutsch wäre „Chun, der Unausweichliche“.

S. 131: „aber wir haben keine so hohen Türme [und] fließenden Straßen.“ Das Wörtchen „und“ fehlt.

S. 142. „Ampridartir“ statt „Ampridatvir“.

S: 175: „Narden“ ((https://www.primaveralife.com/narde-bio.html)) “ Narde, auch Jatamansi genannt, ist eine baldrianartige Heilpflanze aus dem Himalaya und gedeiht auf bis zu 5000 m Höhe. Bereits in der Antike wurde die Wurzel der Narde als Aromastoff gehandelt, in der Bibel wurde sie als Salböl erwähnt. Narde ist eine wichtige Heilpflanze des Ayurveda.“

S. 183: „der nicht mir irgendeinem der Mädchen verwandt wäre“: Statt „mir“ muss es „mit“ heißen.

S. 210: „und an den Wänden befanden sich an allen Weiten unzählige goldene Knöpfe“. Statt „Weiten“ muss es „Seiten“ heißen, damit der Satz einen Sinn ergibt.

S. 216: „skatop[h]il“: Das H fehlt. Die lat. Silbe „scato“ verweist auf Exkremente.

Diese Ausgabe ist von Hubert Schweizer illustriert worden. Schweizer hat ja schon „Im Herzen des Vulkans“ von Tanith Lee und etliche weitere Heyne-Romane mit seinen sehr detaillierten Zeichnungen aufgewertet. 1978 und 1983 erschienen illustrierte Ausgaben des Buches in der Reihe „Fantasy Classics“ bei Heyne. Sie sind mit einer doppelseitigen Landkarte versehen.

Unterm Strich

Dieser „Roman“, aus Episoden zusammengestellt, war zunächst ein Flop, wurde dann aber im Lauf der Jahre enorm einflussreich. Jeder Leser erkennt schnell den Grund: Es sind nicht so sehr die jungen Helden oder die stets hübschen Maiden, auch nicht die mehr oder weniger egozentrischen Magier, sondern vielmehr die Beschreibung der wechselnden Umgebungen. Selten zuvor las man zuvor von derart exotischen Wäldern. Sie sind schön, aber auch bizarr: Tierpflanzen, himmelhohe Bäume, verborgene Kerker, ruhige Seen und geheimnisvolle Menhire. Sie sind auch gefährlich: Dazwischen tummeln sich kannibalische Deodanten, Minijäger auf Libellen, düstere Dämonen und verführerische Hexen. Welcher junge Leser hätte das nicht geliebt.

Der Erfolg war so groß, dass Jack Vance ab 1966 noch drei Fortsetzungen schrieb und Michael Shea sie 1986 schamlos kopierte und in eine ebenso bunte Unterwelt („Nifft the Lean“) verlegte. Ebenso wie Vance legte auch Fritz Leiber ab 1968 in seinen Lankhmar-Geschichten viel Wert auf Humor und Exotik. Diese beiden Faktoren plus ein gehöriger Schuss Romantik und Grusel sorgten für anhaltenden Erfolg. Ungewöhnlich ist der Auftritt einer Heldin, die wie Candide erst noch herausfinden muss, was die Kategorien „gut“ und „böse“ sind. Mithilfe des verbannten Prinzen Etarr findet sie es auf die harte Tour heraus.

Die Lektüre hätte mir noch mehr Spaß gemacht, wenn ich nicht auf viele entstellende und verwirrende Druckfehler gestoßen wäre. Die Illustrationen und die Landkarte hätten ein viel größere Format verdient, so dass man die kleinen Details besser erkennen könnte.

Der Autor

Jack Holbrook Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science Fiction, bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist.

Hervorstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik und Masken als Formen der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen Edgar verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der Dämonenprinz-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Detail eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher Hard SF, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist. Leider verstand es in seinen Werken bis in die 80er Jahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach , so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß nicht, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwoher. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“, im 3. Band „Jheral Tinzy“ und „Viole Falushe“ bzw. „Vogel Filschner“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang -, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

Romane und andere Werke mit dt. VÖ-Jahr:

1954 Verschwörung im All
1958 Kosmische Vergeltung
1959 Start ins Unendliche
1960 Magarak, Planet der Hölle
1965 Das Weltraum-Monopol
1966 Die Weltraumoper
1967 Homo Telek
1967 Kaleidoskop der Welten
1967 König der Wasserwelt
1968 Jäger im Weltall
1968 Start ins Unendliche
1969 Die Mordmaschine
1969 Der Dämonenprinz
1969 Planet der gelben Sonne
1969 Die Abenteurer von Tschai
1969 Im Reich der Dirdir
1971 Emphyrio
1975 Baum des Lebens
1975 Der Mann ohne Gesicht
1975 Der Kampf um Durdane
1976 Das Auge der Überwelt
1976 Der neue Geist von Pao
1976 Die Asutra
1976 Die Drachenreiter
1976 Planet der Ausgestoßenen
1977 Die Stadt der Khasch
1977 Trullion: Alastor 2262
1977 Die lebenden Häuser
1978 Die sterbende Erde
1978 Gestrandet auf Tschai
1978 Marune: Alastor 933
1978 Jäger im Weltall
1979 Der graue Prinz
1980 Maske: Thaery
1980 Im Reich der Dirdir
1980 Showboot-Welt
1980 Im Bann der Pnume
1981 Der Azurne Planet
1981 Das Segel im Sonnenwind
1981 Wyst: Alastor 1716
1982 Weltraum-Oper
1983 Jean – eine von acht
1983 Kaste der Unsterblichen
1983 Die sterbende Erde
1983 Das Weltraum-Monopol
1981 Alastor
1983 Das Buch der Träume
1983 Der galaktische Spürhund
1983 Das Gesicht
1984 Freibeuter des Alls
1984 Das Gehirn der Galaxis
1984 Krieg der Gehirne
1984 Die Welten des Magnus Ridolph
1985 Herrscher von Lyonesse
1985 Die Kriegssprachen von Pao
1985 Staub ferner Sonnen
1986 Die Augen der Überwelt
1986 Drachenbrut
1986 Verlorene Monde
1987 Cugel der Schlaue
1988 Die Welt der Zehn Bücher
1988 Grüne Magie
1990 Die Grüne Perle
1993 Herrscher von Lyonesse
1993 Madouc
1993 Morreion
1995 Ecce und die alte Erde
1995 Station Araminta
1995 Throy
1996 Rhialto der Wunderbare
1996 Nachtlicht
1997 Der Lachende Magier
1998 Die Domänen von Koryphon
1998 Kaleidoskop der Welten
2000 Der Sternenkönig
2004 Lurulu

Die Serien

Planet der Abenteuer

Die Stadt der Khasch
Gestrandet auf Tschai
Im Reich der Dirdir
Im Bann der Pnume

Drachenbrut

Die letzte Festung
Die Drachenreiter
Der Baum des Lebens
Die Häuser von Iszm

Durdane

Der Mann ohne Gesicht
Der Kampf um Durdane
Die Asutra

Alastor

Trullion: Alastor 2262
Marune: Alastor 933
Wyst: Alastor 1716

Taschenbuch: 224 Seiten
Originaltitel: The Dying Earth, 1950;
Aus dem Englischen von Lore Strassl.
ISBN-13: 9783453305137

www.heyne.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)