Schlagwort-Archive: Jack Vance

Jack Vance – Die grüne Perle (Lyonesse 02)

Edle Fräuleins, listige Agenten

Lyonesse – das ist ein Königreich auf den Älteren Inseln, die einst im Golf von Biskaya vor den Tagen König Arthurs lagen. Sie sind die Heimat von zehn – natürlich zerstrittenen – Königen, von Barbaren (den Ska), von Recken, Hexen und Zauberern, Ogern und Elfen.

Jeder König will Herrscher über ganz Lyonesse, die Hauptinsel, werden, allen voran der ehrgeizige König Casmir von Lyonesse, der seinen alten Gegenspieler Aillas vom Inselkönigreich Troicinet bekämpft, wo es nur geht. Die Inseln werden jedoch in ihrer Gesamtheit von den Ska bedroht, die als nordische Herrenmenschen alle anderen Völker als minderwertig einstufen und entsprechend behandeln.

Dies ist der zweite Band von Vances „Lyonesse“-Trilogie, zu der noch die Bände „Herrscher von Lyonesse“ und „Madouc“ gehören. Die Ideen zu dieser Fantasy-Trilogie hatte Vance noch vor 1950 konzipiert, vor seinem großen Erfolg mit „Die Sterbende Erde“.

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Jack Vance – Der Sternenkönig (Dämonenprinz 1)

Die Dämonenprinz-Serie

Diese Abenteuerserie besteht aus folgenden fünf Bänden, die alle bei Heyne und A. Irle erschienen sind:

1) Jäger im All bzw. http://buchwurm.org/vance-jack-sternenkoenig-der-daemonenprinz-1-19056/ (1963/64, The Star King; Heyne Nr. 06/3139)
2) Die Mordmaschine (The Killing Machine; Heyne Nr. 06/3141)
3) Der Dämonenprinz bzw. Der Palast der Liebe (1967, The Palace of Love, Heyne Nr. 06/3143)
4) Das Gesicht (1979/80, The Face, Heyne Nr. 06/4013, illustriert)
5) Das Buch der Träume (1981, The Book of Dreams; Heyne Nr. 06/4014, illustriert)

Mit „Der Sternenkönig“ (Irle-Ausgabe) bzw. „Jäger im Weltall“ (Heyne-Ausgabe) beginnt eine fünfteilige Romanserie, die heute noch zu den Klassikern in der Science-Fiction zählt. Jeder Roman lässt sich in einem Tag bis einer Woche lesen: So spannend die actionreiche Handlung, so kriminalistisch sind die Methoden, die der Held, Kirth Gersen, einsetzt. Er benutzt Datenbanken und Auskunftsdienste, muss Speicher entschlüsseln und verborgene Identitäten aufdecken: Alles Aufgaben, die auch heute noch an Polizisten oder Agenten gestellt werden. Was also auf altmodische Weise erzählt wird, ist eine im Grunde moderne Geschichte.

Mal angenommen, der Oberbösewicht hieße nicht Attel Malagate, sondern Saddam Hussein. Wie findet man heraus, welcher Kandidat nur ein Doppelgänger und wer der echte Saddam ist?
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Jack Vance – Grüne Magie. Fantasy-Erzählungen

Dieser Autor (geboren 1916!) gehört zum unentbehrlichen Repertoire sowohl der Fantasy als auch der Science-Fiction. Die Fantasy, zu der auch die Storysammlung „Grüne Magie“ gezählt werden könnte, bereicherte er um die Romane „Die sterbende Erde“ (1950) und die des Lyonesse-Zyklus. Für den Lyonesse-Roman „Madouc“ (1989) erhielt Vance den World Fantasy Award.

Die Erzählungen
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Jack Vance – Madouc (Lyonesse 03)

Das elfische Wechselbalg: der Schlüssel zur Wahrheit

Lyonesse – das ist ein Königreich auf den Älteren Inseln, die vor den Tagen König Arthurs im Golf von Biskaya lagen. Sie sind die Heimat von zehn – natürlich zerstrittenen – Königen, von Barbaren (den Ska), von Recken, Hexen und Zauberern, Ogern und Elfen.

Jeder König will Herrscher über ganz Lyonesse, die Hauptinsel, werden, allen voran der ehrgeizige König Casmir von Lyonesse, der seinen alten Gegenspieler Aillas vom Inselkönigreich Troicinet bekämpft, wo es nur geht. Die Inseln werden jedoch in ihrer Gesamtheit von den Ska bedroht, die als nordische Herrenmenschen alle anderen Völker als minderwertig einstufen und entsprechend behandeln.

Band 2: „Die grüne Perle“

Dies ist der dritte und abschließende Band von Vances „Lyonesse“-Trilogie, zu der noch die Bände „Herrscher von Lyonesse“ und „Die grüne Perle“ gehören. In Band 2 ist es König Aillas von Troicinet gelungen, seinen Herrschaftsbereich auf ganz Ulfland auszudehnen und die Ska vollständig zu vertreiben. Als Lohn seiner Mühen hat er die Prinzessin Glyneth bekommen und die Ska-Prinzessin Tatzel zu ihrem Daddy geschickt.

Band 3: „Madouc“

Seine wichtigsten Widersacher auf den Älteren Inseln, auch „Hybras“ genannt, sind König Casmir von Lyonesse und König Audry II. von Dahaut, der ihm Besitz des Throns und der Tafelrunde ist, die dem Oberkönig zustehen.Auf diesen hat es König Casmir abgesehen, denn er will Oberkönig von Hybras werden – und damit eine unheilvolle Prophezeiung abwenden, die den Sohn von König Aillas als diesen Oberkönig vorhersagt.

Im Mittelpunkt des Bandes steht jedoch die junge Prinzessin Madouc. Nach einem langen Reifeprozess gelingt es ihr, König Casmirs finstere Pläne teilweise zu vereiteln – und wird selbst von ihm gefangengenommen…
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Jack Vance – Die Mordmaschine (Dämonenprinz 2)



Die Dämonenprinz-Serie

Diese Abenteuerserie besteht aus folgenden fünf Bänden, die alle bei Heyne und A. Irle erschienen sind:

1) Jäger im All bzw. http://buchwurm.org/vance-jack-sternenkoenig-der-daemonenprinz-1-19056/ (1963/64, The Star King; Heyne Nr. 06/3139)
2) Die Mordmaschine (The Killing Machine; Heyne Nr. 06/3141)
3) Der Dämonenprinz bzw. Der Palast der Liebe (1967, The Palace of Love, Heyne Nr. 06/3143)
4) Das Gesicht (1979/80, The Face, Heyne Nr. 06/4013, illustriert)
5) Das Buch der Träume (1981, The Book of Dreams; Heyne Nr. 06/4014, illustriert)
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Terry Carr & Martin H. Greenberg (Hrsg.) – Traumreich der Magie. Höhepunkte der modernen Fantasy. (33 Erzählungen)

Abwechslungsreiche Fantasy- und Horror-Auswahl

Diese umfangreiche Fantasy-Anthologie schloss 1980 nach den Worten der Herausgeber eine Marktlücke: Sie enthält 33 erstklassige phantastische Erzählungen, die alle zuerst in einem einschlägigen Magazin veröffentlicht wurden. Das thematische Spektrum von Autoren wie Bradbury, Lovecraft und Heinlein reicht von echtem Horror bis zu verspielter Phantastik, die von realistischer Darstellung kaum zu unterscheiden wäre – gäbe es da nicht ein kleines verräterisches Detail.

Es dürfte nicht verwundern, dass Autoren wie Horace L. Gold und Anthony Boucher selbst Herausgeber solcher Magazine waren: Gold war bei „Galaxy“ und Boucher baute „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ auf. Ihre Hausautoren wie Sturgeon, Vance oder Leiber haben hier daher ebenfalls einen verdienten Auftritt. Die Illustrationen, die Johann Peterka extra für die deutsche Ausgabe anfertigte, runden diesen Erzählband ab.
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Jack Vance – Freibeuter des Alls. SF-Abenteuer

Actionreich: ein interplanetarischer James Bond

Dieser Roman handelt von einem fünfzehnjährigen Jungen, der sich auf eine Reise zum Mond begibt, wo er seinen Vater besuchen will. Doch im All lauern Gefahren, denn ein mysteriöser Pirat, genannt der Basilisk, treibt dort sein Unwesen…
Dieser spannende Science-Fiction-Roman ist ein Jugendbuch für ca. 15-jährige Jungs: flott geschrieben, mit aufregenden Schauplätzen und packenden Zweikämpfen, bei denen das Leben des Helden auf dem Spiel steht.

Handlung

Dick Murdock geht mit seinen 15 Jahren noch zur Schule, aber in den Ferien darf er mal seinen Vater besuchen. Eigentlich wohnt Dick ja auf der Venus im Miracle Valley bei seiner Mutter. Sein Vater arbeitet auf dem Mond, wo er seit ein paar Monaten als Chefastronom das neue Observatorium leitet.

Doch schon die Anreise scheint gefahrvoll zu sein. Zunächst begegnet Dick einem falkengesichtigen, dünnlippigen Mann namens A. B. Sende, der als Funker auf dem Mond arbeiten soll, doch wie sich zeigt, verfügt er über eine Menge anderer Qualitäten. Das Passagierschiff fliegt durch den so genannten „Friedhof“: Hier wurden bereits zwei Raumschiffe von Raumpiraten gekapert und zerstört, wobei alle Passagiere ihr Leben durch Dekompression verloren. Die Raumpiraten sind die des so genannten „Basilisken“, der offenbar eine Flotte mit Kriegsschiffen aufbaut. Wo er sein Versteck hat, weiß niemand. Und die Raumflotte der Erde ist noch zu klein und schwach, um ihm Paroli bieten zu können.

Dicks Passagierschiff entkommt einem weiteren Angriff nur dadurch, dass auf einmal Funk und Radar ausfallen, so dass es sich nicht anpeilen lässt. Merkwürdig, dass A.B. Sende genau zu dieser Zeit verschwunden ist …

Auch auf dem Mond ist es Dick schon bald nicht mehr geheuer. Hier hat es im Teleskop einen tödlichen Unfall gegeben. Der Chefastronom verbrannte, weil jemand den Sonnenlichtfilter entfernt hatte. Dicks Vater rückt nun nach: Wird er das nächste Opfer sein? Denn das Observatorium hat im erdnahen Raum eine Schlüsselposition: Damit lassen sich alle Schiffsbewegungen erfassen. Leider kann der Funk nur über die alte, inzwischen aufgegebene Sicherheitsbasis der Vereinten Nationen in Betrieb gehalten werden. Das könnte ein Schwachpunkt sein …

Wenigstens findet Dick einen netten Freund auf dem Mond: den irren Sam, der so genannt wird, weil er mal die einheimischen Mondbewohner gesehen hat. Mit großen gelben Augen hätte ihn einer mal angestarrt. Dick meint auch: So könnte der „Basilisk“ aussehen. Bekanntlich versteinerte der Blick dieses Fabelwesens denjenigen, der ihn ansah. Mit Sam fliegt Dick auf einem Raumfloß zu einer Gegend, wo sich Edelsteine en masse finden. Dort werden sie fast von einem Felsbrocken erschlagen. Will ihnen jemand an den Kragen?

Je mehr Dick Detektiv spielt und sich damit zunehmend unbeliebt macht, desto mulmiger wird ihm auf dem Mond. Dennoch lässt er sich durch kodierte Funksprüche, fiese Kameraden und weitere Anschläge nicht unterkriegen. Erst als er herausfindet, dass das Leben seines Vaters in ernster Gefahr ist, muss er sich zum Äußersten entschließen. In einer waghalsigen Aktion setzt er sein Leben ein.

Mein Eindruck

Exotisches Universum für den Meistbietenden

Dieses spannende Abenteuergarn für Jungs (Frauen kommen nur als Stewardess vor) versetzt den erstaunten heutigen Leser in die Steinzeit der Science-Fiction, ins Jahr 1952/53. Die Venus stellt sich der Autor als tropisches Paradies à la Südsee vor. Der Mars ist zwar staubtrocken, aber von wasserführenden Kanälen à la Venedig durchzogen und (ebenso wie der Mond!) mit pittoresken Ruinenstädten der Ureinwohner dekoriert. Der Mond ist in den Kratern mit schwarzem Glas und Lava überzogen, die Juwelen warten nur auf den glücklichen Finder.

Allein für die Eroberung dieser Urlaubsparadiese würde sich die Expansion der Erdherrschaft lohnen, suggeriert uns der Autor. Nur der böse, fiese Basilisk macht den Erdträumen einen Strich durch die Rechnung: Er hat selbst Pläne für die Weltherrschaft. Allerdings sind dabei auch eine Million Tote eingeplant.

Der kurze James Bond

Um den Basilisken zu stoppen, stellen sich jedoch alle Erwachsenen als irgendwie zu dämlich oder borniert an. Das findet zumindest Dick Murdock, unser aufgeweckter Junge mit intimen Kenntnissen des Fotografierens, des Code-Entschlüsselns und des Chemiekastens. Dieser Tausendsassa ist ein wahrer James-Bond-Ersatz. Sein Problem ist nur, dass ihn – außer seinem Vater – keiner ernst nimmt. Er muss also noch zwei Jahre drangeben, dann ist er endlich reif für die Aufnahme in die Raumakademie: sozusagen der Ritterschlag für die Rettung des Universums.

Wie man von einem James Bond mit Geheimagentenwissen erwarten kann, ist die Handlung prall mit Action gefüllt, es gilt, die Schurken ausfindig zu machen und auszuschalten. Dass Dick dabei selbst mehrmals sein Leben wagen muss, versteht sich von selbst. Dass dabei so mancher logische Denkfehler auftritt, ist hingegen nicht ohne Weiteres hinzunehmen. Und dass Dick einem Anschlag mit Blausäure entkommt, grenzt schon ans Mirakulöse.

Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs mit anderen Mitteln

An vielen Stellen musste ich daran denken, dass Jack Vance während des Zweiten Weltkriegs in der amerikanischen Handelsmarine diente und dabei mehrmals von japanischen U-Booten torpediert wurde. Deren Rolle nimmt der „Basilisk“ ein. Als wir ihn endlich zu Gesicht bekommen, hat er zwar keine japanischen Schlitz-, sondern nur Glubschaugen, doch die Farbe Gelb ist ebenso dominant: die „Gelbe Gefahr“ ist amerikanischen Jungs (und Seefahrern) zur Genüge bekannt.

Die Kriegsmarine der Erde befindet sich nach dem Rückzug der Vereinten Nationen vom Mond in einer extrem geschwächten Position – genau wie die US-Flotte nach dem Angriff auf Pearl Harbor. Doch dann lief ein beispielloses Flottenbauprogramm an. Und dessen Erfolge zeigen sich schließlich auch in Vances Romanhandlung. Merke: Die Amis mögen zwar angeschlagen und blöd sein, aber sie sind fähig zur Umkehr und sich wieder aufzurappeln – wenn nur die Jugend ordentlich mitmacht. Jungs, der Geheimdienst braucht euch!

Die Übersetzung

… muss wohl in den fünfziger oder frühen sechziger Jahren entstanden sein. Sie ist gespickt mit altmodischen Ausdrücken, die heute niemand mehr benutzen würde. So etwa „galvanische Spannung“ oder „zaudern“ statt „zögern“. Leider steht im Impressum keine Information, von welchem Verlag |Bastei-Lübbe| das Buch lizenziert hat. Könnte ein alter west- oder sogar ein ostdeutscher Verlag gewesen sein.

Unterm Strich

„Freibeuter des Alls“ ist ein kurzweiliges und spannendes James-Bond-Abenteuer für amerikanische Jungs mit Unternehmungsgeist. Dies sorgt für sehr gute Unterhaltung. Dick könnte ein Vorbild sein, wenn er nicht noch klüger als Harry Potter und technikverliebter als Artemis Fowl wäre.

Die unterschwellige Ideologie ist durchgängig die des Kalten Krieges der Eisenhower-Ära, so dass vor dem Missbrauch der Atomenergie keineswegs gewarnt wird. Vielmehr ist der Feind beim Totalitarismus zu suchen, der nicht nur brutale Schurken beschäftigt, sondern auch noch ein doppeltes Gesicht trägt: Russen, Chinesen – Japaner womöglich!

Insgesamt bietet der Roman zwar nicht Heinlein-Niveau, aber auch nicht dessen libertären Militarismus, der zu solchen Machwerken wie [„Starship Troopers“ 495 führte. Vances Helden sind alle Individualisten: Sie verbessern zwar die Welt, brauchen dafür aber weder Familie noch die Army. Das zeigt sich auch in den Dämonenprinz-Detektivromanen.

Der Autor

Jack Vance hat zahlreiche Trilogien und Zyklen geschaffen, die allesamt mit großer Liebe zum Detail geschaffene Vertreter des romantischen Abenteuer-Thrillers sind. Häufig wird die Handlung nach dem Vorbild eines Agententhrillers aufgebaut, so etwa in der |Dämonenprinz|-Serie.

Er gilt als wichtigster Vertreter der |Planetary Romance|, also für Abenteuer, die auf einem ganzen Planeten spielen, wobei der Planet sicherlich eine Hauptrolle spielt. Die |Cadwal|-Chroniken („Araminta Station“ usw.) etwa spielen auf Cadwal, einem Naturschutzgebiet von Planetengröße.

Jack Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Herausstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen |Edgar| verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der |Dämonenprinz|-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Detail eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher |Hard SF|, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist.

Leider verstand er es in seinen Werken bis in die 80er Jahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwoher. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang -, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

Siehe auch die Rezension zum Erzählband „Grüne Magie„.

Taschenbuch: 269 Seiten
Originaltitel: Vandals of the Void, 1953
Aus dem US-Englischen übersetzt von M. W. Andres
Mit Illustrationen von Johann Peterka.
ISBN-13: 9783404232505

www.luebbe.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Jack Vance – Herrscher von Lyonesse (Lyonesse-Trilogie Band 1)

Die rebellische Prinzessin

Lyonesse – das ist ein Königreich auf den Älteren Inseln, die einst im Golf von Biskaya vor den Tagen König Arthurs lagen. Sie sind die Heimat von zehn – natürlich zerstrittenen – Königen, von Barbaren (den Ska), von Recken, Hexen und Zauberern, Ogern und Elfen.

Jeder König will Herrscher über ganz Lyonesse, die Hauptinsel, werden, allen voran der ehrgeizige König Casmir von Lyonesse, der seinen alten Gegenspieler Aillas von Süd-Ulfland bekämpft, wo es nur geht. Die Inseln werden jedoch in ihrer Gesamtheit von den Ska bedroht, die als Herrenmenschen alle anderen Völker als minderwertig einstufen und entsprechend behandeln.

Bevor Artus kam

Dies ist der erste Band von Vances „Lyonesse“-Trilogie, zu der noch die Bände „Die grüne Perle“ und „Madouc“ gehören. Die Ideen zu dieser Fantasy-Trilogie hatte Vance noch vor 1950 konzipiert, vor seinem großen Erfolg mit „Die Sterbende Erde“. Der Heyne-Verlag hat alle drei Bände ausgezeichnet ausgestattet: mit Landkarte, Glossar und neuer Titelillustration. Der Autor selbst führt in die Historie von Lyonesse ein, die zwei Generationen vor dem Beginn der Artus-Legende endet.

Hinweis

Der Leser dieses Epos sei eindringlich vor diversen Todesarten, einer Reihe von Sexualakten (S. 272, 275 und 291) und schließlich dem Auftreten von Kannibalismus (S. 289) gewarnt. Nein, in dieser Phantasiewelt geht es fast so schlimm zu wie in der hiesigen.
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Jack Vance – Das Buch der Träume (Die Dämonenprinzen 5)

Am Ende des Rachefeldzugs: der König der Übermenschen

Mit „Das Buch der Träume“ wird eine fünfteilige SF-Romanserie abgeschlossen, die heute noch zu den Klassikern in der Science-Fiction zählt. Kirth Gersen ist an der letzten Station seines Rachezugs angelangt. Vier der fünf „Dämonenprinzen“, die seine Eltern und seine Freunde vor 20 Jahren getötet hatten, hat er bei seinen Streifzügen durch die Galaxis aufgespürt, gestellt und getötet – nicht immer von eigener Hand. Ein Name steht noch auf seiner Liste: Howard Alan Treesong, der sich selbst als „König der Übermenschen“ bezeichnet.

Die Dämonenprinz-Serie
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Vance, Jack – Der Palast der Liebe (Die Dämonenprinzen #3)

Sehr ironisch: die geklonte Geliebte

Mit „Der Palast der Liebe“ (|Irle|-Ausgabe) bzw. „Der Dämonenprinz“ (|Heyne|-Ausgabe) wird eine fünfteilige SF-Romanserie fortgesetzt, die heute noch zu den Klassikern in der Science-Fiction zählt. Jeder Roman lässt sich in einem Tag bis einer Woche lesen: So spannend die actionreiche Handlung, so kriminalistisch sind die Methoden, die der Held, Kirth Gersen, einsetzt. Er benutzt Datenbanken und Auskunftsdienste, muss Speicher entschlüsseln und verborgene Identitäten aufdecken: alles Aufgaben, die auch heute noch an Polizisten oder Agenten gestellt werden. Was also auf altmodische Weise erzählt wird, ist eine im Grunde moderne Geschichte.

|Die Dämonenprinz-Serie|

Diese Abenteuerserie besteht aus folgenden fünf Bänden, die alle bei |Heyne| erschienen sind:

1) Jäger im All bzw. Der Sternenkönig (1963/64, The Star King; Heyne Nr. 06/3139)
2) Die Mordmaschine (1964, The Killing Machine; Heyne Nr. 06/3141)
3) Der Dämonenprinz bzw. Palast der Liebe (1967, The Palace of Love, Heyne Nr. 06/3143, 1969)
4) Das Gesicht (1979/80, The Face, Heyne Nr. 06/4013, illustriert)
5) Das Buch der Träume (1981, The Book of Dreams; Heyne Nr. 06/4014, illustriert)

Handlung

Kirth Gersen hat vor zwanzig Jahren seine Eltern und Freunde verloren, als die fünf Verbrecher, die als „Die Dämonenprinzen“ bekannt sind, seine Heimatstadt auf dem Planeten Providence angriffen und alle entweder töteten oder versklavten. Er entkam mit seinem Großvater und befindet sich nun auf einem Feldzug durch das Sonnensystem und das gesetzlose Jenseits, um die fünf Verbrecher zur Strecke zu bringen. Bis zu seinem dritten Abenteuer ist ihm dies bereits zweimal gelungen. Allerdings tötet er die Dämonenprinzen nicht immer selbst. Mehr als einmal kommen sie selbst ohne sein Zutun zu Tode.

Doch das Hauptproblem, das sich ihm immer wieder stellt, besteht darin, die wahre Identität des Gesuchten herauszubekommen, den Mann zu finden und ihn dann mit seinem Verbrechen zu konfrontieren. Auch Nummer drei ist nicht einfach zu finden. Kirth weiß nur, dass der Mann Viole Falushe heißt, aber ob er sich immer so nannte, ist unklar. Und wie er aussieht, weiß er bis zuletzt nicht.

Auf einem Planeten, wo die Giftmischerei eine ehrenwerte Kunst darstellt, erfährt er von einem zum Tode Verurteilten, dass ein Mann von der Erde vor Jahren mit einer Ladung junger Sklavinnen landete und alle verkaufte. Gersen findet eine der überlebenden Sklavinnen und befreit sie. Er erfährt, dass ein Mann namens Vogel Filschner ihre Mädchengruppe entführte und dann verkaufte, doch das Mädchen Jheral Tinzy, das er eigentlich besitzen wollte, bekam er nicht. Sie nahm nicht an jenem Ausflug teil. Jheral Tinzy hatte ihm das Herz gebrochen, und weil er keine Kränkung hinnehmen kann, will sich Vogel Filschner an ihr rächen.

Gersen fliegt zur Erde, lässt sich als Journalist akkreditieren und sucht nach Spuren von Filschner. Dabei stößt er auf den verrückten Dichter Navarth, der offenbar mit seinen Gedichten (drei davon sind im Buch abgedruckt) Filschner auf dumme Gedanken gebracht hatte. Navarth wird von einer jungen, sehr schweigsamen Frau begleitet, die er Drusilla Wayles nennt. Gersen findet heraus, dass sie fast genau wie Jheral Tinzy aussieht. Was hat das zu bedeuten? Drusilla wurde Navarth zur Erziehung in Obhut gegeben. Leider hat der Verrückte seine Sache nicht besonders gut gemacht.

Mehrere Kontaktversuche und eine fein gestellte Falle schlagen fehl. Da wird Navarth von Viole Falush auf seinen Planeten eingeladen, um in dessen „Palast der Liebe“ eine schöne Zeit zu verleben. Der Dichter sagt seinem Freund nicht nein und nimmt natürlich seinen Auftraggeber Gersen mit. Drusilla ist verschwunden. Wahrscheinlich von Viole entführt.

Doch im „Palast der Liebe“, einem Garten der Lüste, ist Viole Falushe in keiner Weise aufzuspüren oder zu identifizieren. Bis er ihn stellt, hat Gersen eine knifflige Aufgabe zu lösen, die durch die Tatsache, dass Jheral Tinzy inzwischen mehrfach geklont wurde, nicht einfacher wird.

Mein Eindruck

Viole Falushe ist ein Verbrecher aus enttäuschter Liebe: Jheral Tinzy gab dem eigenbrötlerischen Schulkameraden stets einen Korb, und so sann er auf Rache. Diese lief leider zunächst schief, indem er nur ihren Schulkameradinnen – den Schulchor – entführen konnte, doch Vogel Filschner, wie er sich zunächst nannte, schlug wieder zu. Doch er fand das Original nicht zufrieden stellend. Am Schluss sammelt Gersen Jheral Tinzys „Klone“ (Das „Klonen“ erfolgt durch Selbstbefruchtung wie bei gewissen Tierarten: Parthenogenese) ein, die alle Drusilla genannt werden. Es ist interessant zu sehen, wie Viole sie seelisch deformiert hat, um Vergeltung zu üben.

Denn Viole will nun mehr als Liebe: Er will „Unterwerfung, demütig zitternde Selbsterniedrigung aus einer Mischung von Liebe und Furcht heraus“. Jedes Abbild wird von Violes Dienern anders ausgezogen und ausgebildet. Er hofft, dass wenigstens eine von ihnen seinen Geschmack treffen kann. Er würde immer so weitermachen, bis er sich schließlich besänftigt, vervollständigt fühlt und seine Kränkung wieder ausgeglichen ist.

Unterworfene Liebe

Eine der Drusillas lässt er an einem abgeschiedenen Ort aufziehen und ihr von Dienern eintrichtern, dass sie hier auf einen Mann warten müsse, der kommen werden, um sie zu seiner Frau zu machen. Dazu kommt es auch: Gersen hat Probleme, die heftige Zuneigung dieser jungen, schönen Drusilla abzuwehren. Hier zeigt sich das Märchen von Aschenputtel von einer wenig romantischen Seite. Der Prinz rettet Cinderella nicht, sondern hat sie zu seiner Unterhaltung selbst ins Elend des einsamen Wartens gestoßen.

Eine andere Drusilla ist die Hohepriesterin des Arodin-Kultes. Der Gott Arodin ist nur eine andere Gestalt für Viole Falushe selbst. Doch als Viole einmal selbst kam und Unterwerfung forderte, verweigerte sich ihm diese Drusilla und zerstörte das Gesicht seines Standbild. Ironischerweise weiß Gersen dadurch wieder nicht, wie Viole denn nun aussieht. (Die Drusilla, die Navarth aufzog, wurde bereits erwähnt. Auch sie bietet Gersen ihre Liebe an.)

Gefangener der Rüstung

Doch tragischerweise hat Gersen ein ähnliches Problem wie Viole, das ihm verbietet, Liebe, wenn sie ihm angeboten wird, anzunehmen. Er ist ebenso ein Monomane wie all die anderen Verbrecher. Er hat sein Leben ihrer Verfolgung und Tötung geweiht. Eine Begleiterin nach der anderen verlässt ihn, um einen Partner zu suchen, der sich ihr besser widmen kann. Am Anfang des Buches ist dies Alusz Iphigenia, die er aus dem Gefängnis (in „Die Mordmaschine“) befreit hat. Am Schluss schickt er Drusilla Wayles weg, was sie sehr traurig macht. Wenigstens hat er seine Pflicht als ihr Beschützer erfüllt. Wenn er ein „Ritter in schimmernder Rüstung“ ist, so bleibt er offenbar ein Gefangener seiner Rüstung. Was die Damen sicherlich nicht glücklich macht.

Garten der Lüste

Den Gegensatz zu dieser echten Liebe bildet das, was der „Palast der Liebe“ an Lustbarkeiten bietet. Obwohl es keineswegs geschildert wird, so scheint sich Gersen, nach Navarths Worten, auch der „Hurerei“ hingegeben zu haben, denn das bequeme Ambiente des „Gartens der Lüste“ und die willfährigen Diener beiderlei Geschlechts laden direkt dazu ein, sie zu benutzen. Gersen gerät in Gefahr, sich davon korrumpieren zu lassen, doch seine Monomanie bringt ihn davon ab. Sie hat also nicht nur negative Auswirkungen, sondern auch etwas Gutes bewirken.

In der Folge hat Gersen einen aufschlussreichen Dialog mit einem Abbild des Verbrechers, auch wenn er diesen selbst nicht sehen kann. Dabei zeigt sich der geradezu infantile Gerechtigkeitssinn Viole Falushes – er ist immer noch ein kleiner Vogel Filschner, der sein gekränktes Herz heilen will – indem er andere unglücklich macht. Und selbst wenn sie unschuldig sind wie Drusilla Wayles, so zeiht er sie doch der Untreue. Er ist nicht nur infantil, sondern auch noch zutiefst selbstgerecht. Kein Wunder, dass Liebe sich für ihn immer mit Unterwerfung paaren muss.

Eine religiöse Komödie

Die Druiden bilden einen ironischen Gegensatz zum Garten der Lüste. Sie sind strenggläubig und versuchen die Gäste des Palastes zu bekehren. Das gelingt ihnen leider nur schlecht, denn einer der ihren, der junge Hule, wird abtrünnig und verliebt sich sich in die schöne Billika. Um die beiden für ihren Frevel – obwohl Billika nicht dem Orden angehört – zu bestrafen, werden sie lebendigen Leibes begraben. Das funktioniert ebenfalls nicht, denn ein Helfer hat ihnen einen Tunnel gegraben, durch den sie den tödlichen Erdmassen entkommen können.

Dieser herrlich ironische Vorgang, den man auch als religiöse Komödie bezeichnen könnte, wird in sehr sachlichem Ton erzählt und keineswegs aufgebauscht. Eben wurde das Paar noch begraben, und im nächsten Moment setzt es sich mit den anderen Gästen an den Tisch. Dass dies eine Überraschung ist, muss der Leser schon selbst merken. Die Überraschung der Druiden lässt zumindest nichts an Heftigkeit zu wünschen übrig. Einer von ihnen verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Man sieht also, dass Vance auch sehr schalkhaft und ironisch erzählen kann. Man muss allerdings den eigenen Verstand benutzen, um dies auch zu erkennen.

Die Übersetzung und Ausstattung

Die Übersetzung durch den Herausgeber Andreas Irle wirkt an vielen Stellen unbeholfen und trägt nicht immer zu Erhellung dessen bei, was im Original gemeint ist. Beispielsweise das Wort „Strikturen“. Das deutsche Wort „Striktur“ bedeutet laut DUDEN „Verengung eines Körperkanals“. Das ist aber nicht gemeint, wenn von der „strengen Befolgung von Ordensregeln“ durch die in den „Palast der Liebe“ gebrachten Druiden die Rede ist. Es gäbe noch weitere solche schiefen Eins-zu-eins-Übersetzungen aufzuzählen, aber das wäre müßig. Auch das Zuweisen von falschen Personalpronomen und Artikeln gehört zu den Fehlern, die das Lesen erschweren.

Viel ärgerlicher sind die unzähligen Druckfehlern, die auf praktisch jeder Seite auftreten und so einen Genuss des Textes gar nicht erst aufkommen lassen. Einzige Ausnahme sind die Gedichte. Das englische Original ist in den Haupttext integriert, so dass nichts falsch gemacht werden konnte. Die Übersetzung findet sich jeweils im Anhang, und bezeichnenderweise stammt sie nicht von Irle, sondern vom bekannten Schriftsteller und Übersetzer Gisbert Haefs. Auch hier sind keine Fehler festzustellen.

In den Credits am Schluss des Buches hat der Herausgeber vergessen, seine Vorlage zu aktualisieren. Da heißt es an einer Stelle, der Titel der |Heyne|-Ausgabe habe „Die Mordmaschine“ gelautet, Das ist nicht zutreffend, denn so hieß Band 2. Band 3 aber trug den Titel „Der Dämonenprinz“ (erschienen 1969 unter der Nummer H3143).

Weil aber die |Heyne|-Ausgabe wie auch Band 1 und 2 gekürzt war, so erhält man von Irle endlich die komplette Ausgabe dieses Romans. Allerdings mischt sich in die Freude darüber eine Menge Wermut, die sie einem vergällt.

Unterm Strich

Im Abschnitt „Der Autor“ lege ich näher dar, warum die Lektüre eines Vance-Romans immer etwas Besonderes ist: Die fremdartig-faszinierende Oberfläche ist wunderschön, manchmal ein wenig abstoßend (Ästhetik des Hässlichen), doch die darunter liegende Handlung bleibt von einer unbefriedigenden Seichtheit, die den Leser nicht besonders beansprucht. Dass Vance in Zweiten Weltkrieg (s. u.) bei der Handelsmarine diente und auf diesem Weg zahllose Kulturen (die heute zum Teils bereits ausgerottet sind) kennen lernte, schlägt sich in seinem farbigen Beschreibungen positiv nieder. Ganz besonders mag er Masken und Maskenbälle.

Hin und wieder fragte ich mich, warum ich dieses Buch eigentlich weiterlesen sollte. Die Antwort war immer die gleiche: Ich wollte wissen, wer der gejagte Verbrecher wirklich ist. Und listigerweise verschiebt der Autor die Antwort auf diese Frage bis ganz zum Schluss. Es dauert sogar an die 180 Seiten, bis Gersen überhaupt auf die Welt des Gesuchten gelangt, und noch einmal 30 bis 40 Seiten, bevor er überhaupt mit ihm sprechen kann. Dadurch wird die Dramaturgie des Geschehens eine ganz andere. Bis so etwas wie Action aufkommt, hat man fast schon die Geduld verloren.

Das mag der Grund gewesen sein, warum der Autor 1967 nach dem dritten Band aufhörte, an der Serie zu schreiben. Erst 1981 und 1982 komplettierte er den Zyklus: Gersen konnte die letzten zwei Verbrecher zur Strecke bringen. Der Qualitätsunterschied zu den späteren zwei Romanen ist überdeutlich. Sie sind besser aufgebaut, anspruchsvoller und actionreicher. Dass sie auch Illustrationen enthalten, ist ein willkommener Pluspunkt.

Ich würde „Palast der Liebe“ nicht noch einmal lesen, und schon gar nicht in der fehlerhaften Ausgabe von Andreas Irle. Die Gründe dafür habe ich oben unter „Übersetzung und Ausstattung“ dargelegt. Die 50 Euro kann man sich sparen.

Der Autor

Jack Holbrook Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Hervorstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen |Edgar| verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der Dämonenprinz-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Details eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher Hard SF, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist. Leider verstand er es in seinen Werken bis in die Achtzigerjahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß nicht, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwo her. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“, im 3. Band „Jheral Tinzy“ und „Viole Falushe“ bzw. „Vogel Filschner“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang –, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science-Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

|Weitere Jack-Vance-Besprechungen auf Buchwurm.info:|
[Grüne Magie 696
[Durdane 740
[Freibeuter des Alls 1369

|Originaltitel: The palace of love, 1967
236 Seiten
Aus dem US-Englischen von Andreas Irle, Gedichte übertragen von Gisbert Haefs|

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1981

Abwechslungsreiche SF-Erzählungen: keine deutsche Beteiligung

„Als Dank an den Kreis seiner Leser präsentiert der Heyne Verlag den großen Science Fiction Jahresband 1981 mit neun Romanen und Erzählungen prominenter SF-Autoren. Brian W. Aldiss: letzte Bestellung; Anthony Burgess: Die Muse; Thomas M. Disch: Abwärts u.v.a. “

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

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Jack Vance – Die sterbende Erde. Fantasy-Roman

Chun der Unvermeidliche und andere exotische Schrecken

„Sie leben auf der sterbenden Erde, in unendlich ferner Zukunft, unter einer ausgebrannten Sonne: Turjan von Miir, der Wissenschaftler, der immer wieder versucht, Leben zu erschaffen, Mazirian der Zauberer, die schöne T’sais von Embelyon, die zur Erde reist, um die Sehenswürdigkeiten zu schauen, bevor sich die Nacht herabsenkt, Lian der Wegelagerer, Ulan Dhor und Guyal von Sfere, ein Mann von unstillbarem Wissensdrang auf der Suche nach dem Museum der Menschheit, in dessen Ruinen das gesamte Wissen des Universums schlummert.“ Verlagsinfo)

Der Episodenroman „Die sterbende Erde“ erschien 1950 und ist noch heute einer der schönsten Fantasy-Romane, die je geschrieben wurden, ein bezauberndes Beispiel des modernen Märchens und ein Zeugnis der schier unerschöpflichen mythenschaffenden Phantasie des jungen Jack Vance… (Verlagsinfo) 1978 und 1983 erschienen illustrierte Ausgaben des Buches in der Reihe „Fantasy Classics“ bei Heyne. Sie sind mit einer doppelseitigen Landkarte versehen.

Der Autor
Jack Vance – Die sterbende Erde. Fantasy-Roman weiterlesen

Jack Vance – Drachenbrut. Vier Romane

Geschichten von Menschen, Bäumen und Drachen

In diesem Band sind vier Novellen und Kurzromane gesammelt, die sich um das Thema Menschen und Drachen ranken.

1) Die letzte Festung (The Last Castle, 1966)
2) Die Drachenreiter (The Dragon Masters, 1963)
3) Der Baum des Lebens (Son of the Tree, 1964)
4) Die Häuser von Iszm (The Houses of Iszm)

In einer fernen Zukunft, irgendwo auf von Menschen besiedelten Welten, ist die Wissenschaft so weit fortgeschritten, dass sie nach einer Weile nicht mehr von Magie zu unterscheiden ist – gemäß dem Clarke’schen Axiom, das genau dies besagt. An diesen Orten hat die Menschheit andere gesellschaftliche Verhaltensweisen entwickelt, um zu überleben. Von Menschen und Drachen und von Drachen und Menschen berichten Vances abenteuerliche Erzählungen.
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Jack Vance – Das Gesicht (Dämonenprinzen 4)

Rundum gelungener Abenteuerroman: Die Jagd auf den wütenden Darsh

Auf seinem Rachezug durch den Kosmos ist Kirth Jersen an der vierten Station angelangt. Der Name seines Opfers: Husse Bugold, ein Dämonenprinz, der als einer von fünf Aliens an der Auslöschung von Gersens Familie beteiligt war. Sein Deckname: Lens Larque. Wie immer gibt es einen Haken an der Sache, und der Gegner schläft nicht…
Jack Vance – Das Gesicht (Dämonenprinzen 4) weiterlesen

Jack Vance – Staub ferner Sonnen. Phantastische Erzählungen

Satirische SF-Unterhaltung mit Action und Ironie

Diese vier Erzählungen stammen aus den fünfziger und frühen sechziger Jahren, sind also ebenso angestaubt wie die titelgebenden Sonnen. Durchgehend handelt es sich um echte Science-Fiction, obwohl Vance als Meister der Science-Fantasy gilt.

„Ullwards Zuflucht“ und „Die Gabe der Sprache“ („The gift of gab“) sind keine echten deutschen Erstveröffentlichungen, denn sie wurden zuvor in Utopia-Bänden abgedruckt, wie mir der SF-Kritiker Hermann Urbanek mitteilte: „‚Ullward’s Retreat‘ erschien bereits Anfang der 60er Jahre als „Der Massenmensch“ in UTOPIA 430 und ‚The Gift of Gab‘ als ‚Die Dekabrache‘ in UTOPIA 432.“

Die Erzählungen

1) „Raumsegler Fünfundzwanzig“

… ist die Geschichte des trinkfesten Rauhbeins Henry Belt, der eine spezielle Methode entwickelt hat, Raumkadetten auszubilden. Die Besonderheit der Story liegt in dem Vehikel, auf dem die Raumkadetten ihren Dienst absolvieren müssen. Wie der Titel schon verrät, handelt es sich um ein leichtes Gefährt, das vom solaren Partikelstrom angetrieben wird, der einen Druck auf das mehrere Quadratkilometer große Segel ausübt.

Binnen weniger Wochen sausen die sieben Kadetten zum Mars. Doch jemand hat das Funkgerät zerstört wie auch den Navigationscomputer beschädigt, so dass der Segler die richtige Umlaufbahn verfehlt und weiter zum Jupiter saust. Henry Belt weigert sich, den verzweifelten Kadetten zu helfen. Einer von ihnen stürzt sich sogar aus der Frachtluke in das große Nichts. Wird es dem Rest der Truppe gelingen, das Problem allein zu meistern?

2) „Dodkins Job“

Luke Grogatch ist in der voll durchorganisierten Welt der Zukunft auf der zweituntersten gesellschaftlichen Stufe angekommen. Darunter kommen nur noch Kinder, Verrückte und unqualifizierte Hilfsarbeiter. Sein aggressiver „Nonkonformismus“, wie man ihm vorwirft, hindern ihn daran, einfach die Klappe zu halten und zu tun, was man ihm aufträgt. Mittlerweile ist er beim Kanalbau angelangt. Als eine neue Verordnung von ihm verlangt, drei Stunden seiner Freizeit zu opfern, um sein Werkzeug, eine Schaufel, in die Ausgabestelle zurückzubringen und dort wieder abzuholen, platzt ihm der Kragen.

Er will herausfinden, wer letzten Endes für diese unsinnige Anordnung der Bürokratie verantwortlich ist. Auf seinem Weg durch die Verwaltungshierarchie gelangt er nur zu Befehlsempfängern, bis er beim Minister ankommt. Aber auch dieser hat eine gute Entschuldigung parat: Er stützte seine Entscheidung auf die Informationen über Metallverknappung, die aus den Planstellen und Registraturen kommen. Grogatch folgt der Informationslieferkette bis zu ihrem Ursprung. Und erlebt dort eine Überraschung. Der alte Hilfsarbeiter Dodkin schreibt ab und zu eine kleine „Interpolation“, wie er das nennt, und freut sich dann, wenn wenige Tage später seine „kleine Anregung“ in die Tat umgesetzt wird. Toll, nicht?

Grogatch weiß genau, was er jetzt zu tun hat. Die Frage ist nur, was genau er eigentlich erreichen will.

3) „Ullwards Zuflucht“

… ist die Story von einem Mann, der die Chance erhält, der Enge einer hoffnungslos übervölkerten Welt zu entrinnen und in einem Paradies zu leben – doch am Ende gern wieder zurückkehrt …

Auf der übervölkerten Erde betrachten seine Besucher Bruward Ullward als unglaublich reich: Er hat tatsächlich mehrere Quadratmeter seiner Wohnung für einen Steingarten und einen Froschteich reserviert, mit der Illusionsscheibe kann er sogar einen Wald erscheinen und die Sonne pünktlich aufgehen lassen. Unvorstellbar. Andere Leute haben lediglich Wohnklos – für drei Personen! Trotzdem ist Ullward nicht zufrieden: Er ist allein und darf keine Kinder haben, obwohl er schon 300 Jahre alt ist. Man kann eben nicht alles haben.

Da erfährt Ullward von einem Bekannten, dass der Raumfahrer Kenneth Mail einen erdähnlichen und jungfräulichen Planeten besitzt und dafür Investoren sucht. Sofort fasst Ullward einen Plan, dort Kinder großzuziehen, doch einer nach dem anderen seiner Geschäftspartner macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Vielleicht war es am Ende auf der Erde doch nicht gar so schlecht …

4) „Die Gabe der Sprache“

Der Planet Sabria ist von einem großen Ozean bedeckt, dessen Bewohner – darunter Korallen und Muscheln – von Menschen für die Gewinnung von Metallsalzen ausgebeutet werden. Sam Fletcher stellt eines Tages fest, dass sein Kompagnon Raight spurlos auf dem Meer verschwunden ist. Als er zu der Stelle fährt, greift ihn ein starker Greifarm an, der ihn ins Wasser zerren will. Er kann sich in letzter Sekunde befreien. Im Wasser bemerkt er eine Lebensform, die Dekabrachen – Zehnarmer – genannt wird. Sie sehen aus wie dreigliedrige Fische mit einem Medusenhaupt. Die Deks selbst verfügen aber über keine Tentakel.

Als er in dem Index der Lebensformen nachschaut, bemerkt er, dass der Eintrag über Dekabrachen teilweise gelöscht wurde. Das kann eigentlich nur Chrystal, sein Konkurrent in der Biomineral-Branche, getan haben, denn Chrystal ist zu den Deks getaucht und hat sie beschrieben. Als ein weiterer Mann, Agostino, spurlos verschwindet und auch noch der Mast des Verarbeitungsfloßes umgestürzt wird, wird Fletcher klar, dass er und sein Team angegriffen werden. Aber von wem oder was? Und aus welchem Grund jetzt, nachdem schon jahrelang hier gearbeitet worden ist?

Bei zwei Tauchfahrten mit dem Mini-U-Boot stellt Fletcher fest, dass die Dekabrachen über so etwas wie eine Zivilisation verfügen, in Gruppen leben und mit anderen Meeresbewohnern kooperieren. Sie scheinen also intelligent zu sein. Wenn sie hinter den Angriffen stecken, so muss jemand oder etwas sie dazu herausgefordert haben. Vielleicht hilft es, sich mit ihnen zu verständigen. Fletcher wagt einen Versuch, doch er hat nicht mit dem Widerstand durch Chrystal gerechnet.

Mein Eindruck

Die drei ersten Storys sind ironisch formulierte Satiren. „Raumsegler Fünfundzwanzig“ könnte ein weiteres heroisch-nostalgisches Ausbildungsabenteuer sein, erweist sich aber bei näherem Hinsehen als Parodie auf eben solche Geschichten. Ausbilder Henry Belt ist ja nicht gerade ein Vorbild und tut einiges, um den Erfolg der Fahrt zu vereiteln. Am interessantesten ist das Konzept des durch den solaren Partikelstrom angetriebenen Raumseglers. In späteren SF-Storys werden mit solchen Gefährten ganze Rennen gefahren. Nur die Konstruktion an sich ist für Nichttechniker etwas unanschaulich, so dass ein Konstruktionsplan oder eine der zahlreichen Illustrationen Hubert Schweizers hilfreich gewesen wären.

Kafkaeske Bürokratie

„Dodkins Job“ ist eine bissige und kenntnisreiche Satire auf die Bürokratie in einer durchorganisierten Welt. Bürokratie, so zeigt es der Autor, beruht auf der hierarchischen Ordnung von Verantwortung und Unterordnung, aber auch auf dem Streben nach Höherem. Die Krux der Bürokratie besteht nun darin, bei einem Fehler oder bei Widerstand – wie im Falle von Luke Grogatch – keine persönliche Verantwortung übernehmen zu wollen und zudem den Höhergestellten am Stuhl zu sägen. So weit, so schlecht. Aber sie erweist sich auch noch als inhärent inkompetent, indem sie sich für Entscheidungen auf Informationen stützt, von denen sie nicht weiß, woher sie letzten Endes stammen – und es auch gar nicht wissen will. Das ist die letzte Konsequenz der Verantwortungsabwälzung auf andere. (Franz Kafka wusste ein Lied davon zu singen, vgl. dazu „Das Schloss“.) Diesen Aspekt nutzt Luke Grogatch aus.

Der bequeme Mensch

„Ullwards Zuflucht“ überzeugt nicht so hundertprozentig. Der Autor will zeigen, dass letzten Endes die Bequemlichkeit des Menschen siegt, selbst wenn gewisse Vorteile wie großes Territorium und individuelle Lebensgestaltung winken. Doch die Story zeigt auch, dass sich die eingeübten Verhaltensweisen nicht ablegen lassen. Die Kinder von der Erde spielen, kaum dass sie da sind, dem einzigen Nachbarn Ullwards, den er auf dem gesamten Planeten hat, einen fiesen Streich. Ganz so, als befänden sie sich daheim in ihrem Wohnviertel in der Metropolis.

Auch haben die Bewohner dieser Zukunft schon längst den Umgang mit echten Dingen wie echten Wellen und naturbelassenem Essen verlernt. Tatsächlich hat sich Ullward in der ersten Woche den Magen verdorben, als er einheimische Nahrung zu sich nahm. Dann schon lieber echte synthetische Algen von der Erde.

Die Botschaft dieser Satire ist im Grunde traurig: Die selbstgemachte Umwelt prägt den Einzelnen derartig stark, dass er nach einer gewissen Zeit der körperlichen und seelischen Anpassung für eine andere Umwelt ungeeignet ist. Der Einzige, der dies noch bewältigen kann, ist der Streuner und Außenseiter: der Raumfahrer Kenneth Mail. Sollte das zivilisatorische System also eines Tages zusammenbrechen, so bilden solche Typen die einzige Hoffnung für den Fortbestand der Spezies. Das war schon in den Tagen der Frontier so, als Scouts und Trapper in die amerikanische Wildnis zogen, um sich dort zu verwirklichen – auch sie waren zum Teil Zivilisationsflüchtlinge.

Abenteuer der Linguistik

„Die Gabe der Sprache“ (1955) ist eine andere Art von Erzählung, aber nicht weniger spannend und interessant. Es geht darum, den Massenmord an einer einheimischen Lebensform aufzuklären, die sich als intelligent erweist, und so ihre Angriffe zu erklären. Wie aber diese Intelligenz beweisen, wenn der Inspektor kommt?

Nun war Jack Vance ein weit gereister Angehöriger der amerikanischen Handelsmarine, der im II. Weltkrieg sogar zweimal torpediert wurde. Er hatte ständig mit fremden Sprachen zu tun und kannte das Problem der Verständigung in allen Aspekten. Außerdem war er ein enger Freund des Weltenbauers Frank Herbert, dem Schöpfer des Wüstenplaneten. (In der Herbert-Biografie findet sich ein Foto der beiden.) Von Herbert wusste Vance, wie Sprache Denken und Wirklichkeit widerspiegelt. Aber auch die entsprechende Theorie von Benjamin Whorf kannte er und wandte sie in seinen Romanen „Krieg der Gehirne“ und „Die Kriegssprachen von Pao“ (1958) an.

Also bringen die Biochemiker und Ingenieure der intelligenten Lebensform, den Dekabrachen, ein Zeichensystem bei, das auf den zehn Kopfarmen der Deks beruht. Eine im Grunde ziemlich clevere Sache. Dass sie auch kompliziert ist, zeigt das abgedruckte Schema der Zeichen für Buchstaben und Zahlen. Interessant ist auch, dass Sam Fletcher sein Zeichensystem möglichst einfach hält: Es gibt daher keine Eigenschaftswörter (Adjektive), sondern nur Hauptwörter (Substantive), die durch ein Tunwort (Verb) qualifiziert werden, so dass das Äquivalent eines Adjektivs erzeugt wird. Das hat mich von der Effektivität dieses Zeichensystems überzeugt.

Natürlich hat jemand etwas gegen die Intelligenz der Dekabrachen, und deshalb kommt es zu einem actionreichen Showdown. Die Illustrationen von Hubert Schweizer geben dieses packende Geschehen angemessen wieder.

Unterm Strich

Diese Sammlung bietet empfehlenswerte traditionelle Science-Fiction, die Jack Vance von einer weniger vertrauten Seite zeigt, nämlich als unterhaltenden Satiriker. „Die Sprache der Gabe“ ist da schon vertrauter, denn hier zeichnet der Autor in bewährter Weise eine fremde Welt mit glaubwürdigen Lebensformen nach und lässt darin eine spannende Handlung ablaufen. Natürlich könnte diese Handlung auch irgendwo in der Südsee des 19. Jahrhunderts ablaufen, etwa in einem Roman von Joseph Conrad oder Jack London, aber sie funktioniert auch im SF-Genre ausgezeichnet.

Die Illustrationen von Hubert Schweizer sind meine Sache nicht, denn sie zeigen Menschen, die irgendwie die falschen Proportionen besitzen: Die Köpfe sind zu groß, ebenso die Lippen, und die Männer stets übertrieben muskulös. Dieser Stil ist mir schon in den Heyne-Ausgaben der Vance-Romane „Das Gesicht“ und „Das Buch der Träume“ negativ aufgefallen. Zum Glück hat Schweizer nur wenige Bücher illustrieren dürfen.

Der Autor

Jack Holbrook Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Hervorstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen Edgar verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der Dämonenprinz-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Details eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher Hard SF, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist. Leider verstand er es in seinen Werken bis in die Achtzigerjahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß nicht, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwo her. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“, im 3. Band „Jheral Tinzy“ und „Viole Falushe“ bzw. „Vogel Filschner“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang –, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science-Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

Weitere Jack-Vance-Besprechungen auf |Buchwurm.info|:

[Grüne Magie 696
[Durdane 740
[Freibeuter des Alls 1369
[Der Palast der Liebe 2181 (Die Dämonenprinzen #3)
[Das Buch der Träume 2197 (Die Dämonenprinzen #5)
[Das Weltraum-Monopol 2188

Originaltitel: Dust of far suns, 1964
207 Seiten
Aus dem US-Englischen übertragen von Lore Strassl

www.heyne.de

Vance, Jack – Weltraum-Monopol, Das

_Abenteuerliches SF-Fliegengewicht_

Die Erde kennt das Geheimnis des interstellaren Antriebs nicht. Als sich herausstellt, dass das Universum voller reicher Welten ist, macht dies die Heimat der Menschen tatsächlich zu einem Hinterwäldlerplaneten. Paddy Blackthorn will das ändern. Er bricht auf, den Shauls das Geheimnis des überlichtschnellen Fluges zu stehlen – und löst damit die größte Menschenjagd aus, die die Galaxis je erlebt hat … (abgewandelte Verlagsinfo)

_Handlung_

Paddy Blackthorn ist gerade bei der Lieblingsbeschäftigung eines Iren: Er will einen Schatz heben, einen gut versteckten Raumantrieb, der auf der Erde so viel Reichtum einbringen würde, dass sich Paddy zur Ruhe setzen könnte. Denn die Erde ist vom interstellaren Raumflug abgeschnitten. Dieses Monopol besitzen die fünf Rassen, die von einem einst ausgewanderten Menschen namens Langtry abstammen. Und selbstverständlich lassen sie sich dieses Monopol gut bezahlen. Kein Wunder, dass sie gegenüber den unterprivilegierten Erdlingen ein wenig hochnäsig eingestellt sind.

Im Handumdrehen ist der arme Paddy zum Tode verurteilt. Doch in letzter Sekunde rettet ihm sein unglaubliches Sprachtalent das Leben: Er darf übersetzen, und zwar bei keinem geringeren Ereignis als der Ratsversammlung der fünf „Söhne des Langtry“. Denn die fünf Rassen haben sich im Lauf der Zeit nicht nur biologisch und kulturell auseinander entwickelt, sondern natürlich auch sprachlich, so dass sie einander nicht mehr ohne Weiteres verstehen.

Der Mohr tut seine Schuldigkeit und danach ist ihm klar, dass man ihn nicht mehr braucht und zu eliminieren gedenkt. Doch er benutzt den Antigravitationsapparat, um sowohl alle fünf Söhne Langtrys als auch seine Wachen zu töten. Er nimmt den „Söhnen“ jeweils das goldene Armband ab, auf dem sich angeblich die Daten für den Raumantrieb befinden sollen. Doch als Paddy wieder sicher an Bord eines Raumbootes ist, stellt er zu seiner Enttäuschung fest, dass die vier Pergamente und der ulkig geformte Schlüssel nicht das Geheimnis an sich darstellen, sondern nur fünf raffiniert verschlüsselte Hinweise.

Als nächstes lernt er die hübsche Agentin Fay Bullins kennen. Sie arbeitet für die Erd-Agentur (für wen sonst) und möchte natürlich ebenso gerne wie Paddy das Geheimnis des Raumantriebs für die Erde beschaffen. Daher bietet sie ihm ihre Hilfe an. Und da Paddy jetzt im gesamten Universum gejagt wird und der Weg zur Erde durch eine Blockade versperrt ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als mit ihr die Schnitzeljagd zu den fünf Fundorten der Teilstücke des Raumantriebbauplans aufzunehmen.

Sie schliddern von einem Abenteuer ins nächste, kommen sich dabei aber unverhofft menschlich näher und näher …

_Mein Eindruck_

Der Roman lässt sich locker in wenigen Stunden lesen. Das liegt sowohl an der großen Schrift, die auch auf 150 normale Seiten gepasst hätte, als auch an den zahlreichen – durchaus willkommenen – Illustrationen von Johann Peterka. Es ist ganz einfach wenig Text. Nichts ist von Vances berühmten Planetenbeschreibungen zu finden, von den detaillierten und ironischen Darstellungen kultureller Eigenheiten. Lediglich Andeutungen finden sich, und dann auch nur in recht abfälligem Gebrauch. Von Objektivität keine Spur.

Dennoch kann man sich zumindest über eine spannende und actionreiche Handlung freuen, die mit einem Paukenschlag endet. Aber diese Dramaturgie gab es damals schon im Dutzend billiger, in Form der sogenannten Ace Space Adventures, die später sogar im Doppelpack auf den Markt geworfen wurden: die berüchtigten Ace Doubles, an denen die Autoren nur einen Hungerlohn verdienten (auch der hoch gerühmte Philip Dick musste sich dazu herablassen). Die Klischees werden von einer hauptsächlich in Dialogform vorangebrachten Handlung getragen, die übergangslos von Schauplatz zu Schauplatz springt, dass einem fast schwindlig wird.

Neben der Action hat der Autor noch eine menschliche Komödie eingeflochten, die sich zunehmend als die übliche Romanze zwischen Männlein und Weiblein entpuppt, nur dass sie einander anfangs eben nicht grün sind. Bis Paddy seine Fay eines Abends verführerisch tanzen sieht. Und sobald er ihr einen Heiratsantrag gemacht hat, kann sie ihn nicht mehr im Stich lassen. Gut so, denn sonst wäre der Roman noch viel früher zu Ende.

|Die deutsche Ausgabe|

Angeblich handelt es sich bei der Bastei-Lübbe-Ausgabe nach eigenen Angaben um eine „komplette, originalgetreue Fassung“. Ich will gar nicht wissen, wie die unvollständige Fassung aussah! Denn die vorliegende Version sieht verdächtig genauso aus. Die Übergänge von einem Schauplatz zum nächsten kommen völlig unvermittelt – manchmal nur mit einem einzigen Satz angedeutet, und zack! ist man auf einer anderen Welt.

Die Übersetzung ist von ebenso niedriger Qualität wie der Druck und das Lektorat. Es treten viele Druckfehler auf, hin und wieder fehlt ein Wort oder das Subjekt eines Satzes passt grammatikalisch nicht zum Verb usw. Es vergeht kaum eine Seite ohne irgendeinen Bug. Da vergeht einem die Lust am Lesen wirklich. Einziger Lichtblick sind die schönen Illustrationen Johann Peterkas, welche die Dynamik einer Szene ausgezeichnet darzustellen wissen.

_Unterm Strich_

„The Five Gold Bands“ – der O-Titel ist durch den Inhalt völlig gerechtfertigt – ist ein literarisches Fliegengewicht, das selbst die akribisch dokumentierende „Encyclopedia of Science Fiction“ keiner Erwähnung für würdig befunden hat. Denn Jack Vance ist in der SF durchaus von Gewicht, nicht nur wegen des Umfangs seines Werks, sondern auch wegen seines prägenden Einflusses auf zwei wichtige Topoi: die Sterbende Erde und das Planetenabenteuer (planetary romance). Zu Letzterem zeigt der vorliegende Roman embryonale Ansätze, bleibt aber sonst den Pulp-Magazin-Konventionen der Vierziger verhaftet.

Man muss also dieses Buch nicht kennen, nicht einmal als Vance-Sammler. Und die deutsche Ausgabe ist in keiner Weise ein Beitrag zu einer endgültigen Gesamtausgabe des Vance’schen Werkes. Dafür ist die Übersetzung zu schlecht und der Text zu mängelbehaftet.

Wer wirklich einen Vance-Roman aus dem Jahr 1950 lesen möchte, der greife zu „Die sterbende Erde“: Magie, Charme, Schwerenöter, Romanze, Melancholie und eine wunderbare Ironie gehen hier eine stilprägende Verbindung ein, die so wichtige Autoren wie Michael Moorcock (Elric usw.) stark beeinflusste. Das Lesen macht auch heute noch Spaß.

_Der Autor_

Jack Holbrook Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Hervorstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen Edgar verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der Dämonenprinz-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Details eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher Hard SF, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist. Leider verstand er es in seinen Werken bis in die Achtzigerjahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß nicht, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwo her. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“, im 3. Band „Jheral Tinzy“ und „Viole Falushe“ bzw. „Vogel Filschner“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang –, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science-Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

|Weitere Jack-Vance-Besprechungen auf Buchwurm.info:|
[Grüne Magie 696
[Durdane 740
[Freibeuter des Alls 1369
[Der Palast der Liebe 2181 (Die Dämonenprinzen #3)

|Originaltitel: The five gold bands, 1950
Aus dem US-Englischen von Edda Petri
Illustrationen von Johann Peterka|

Vance, Jack – Emphyrio

_Wahrheit und Freiheit: die Vorrevolution als Jungs-Abenteuer_

Ghyl Tarvoke lebt mit seinem Vater auf Halma, einer abgelegenen Welt mit einem Raumhafen. Schon in frühester Jugend lernt Ghyl die Unterdrückung durch die mysteriösen LORDS kennen, die das Volk von Halma, das auf Gutscheine angewiesen ist, rücksichtslos ausbeuten. Als sein Vater durch das herrschende System stirbt, wird Ghyl zum Rebellen.

Mit einem gekaperten Raumschiff verlässt er Halma, um das wohlgehütete Geheimnis der LORDS zu ergründen und seinem Volk die Freiheit zu bringen. Schließlich erreicht er die Erde, den Planeten der Vorfahren. Hier, so hofft er, liegt der Schlüssel der Freiheit … (Gekürzte Verlagsinfo)

_Handlung_

Die Folterknechte der LORDS quälen den gefangenen Ghyl Tarvoke bis aufs Blut, um herauszufinden, wie es ihm in den Sinn kommen konnte, gegen die LORDS zu rebellieren. Ghyl der Rebell erzählt ihnen seine Geschichte. Sie beginnt auf dem friedlichen Planeten Halma …

|Ghyls Geschichte|

Hier lebt mit seinem Vater in einer der mittelalterlich anmutenden Städte. Sein Vater Amiante ist ein Schnitzer von Wandschirmen aus edlem Holz. Wie das Gesetz der Schnitzergilde es vorschreibt, darf es immer nur ein Exemplar davon geben, denn Duplikate sind streng verboten. Damit alle ihre Gutscheine von der Wohlfahrt bekommen, müssen sie sich an die Gesetze halten, sonst gibt es Abzüge. Auf diese Weise werden „brave Bürger“ kurzgehalten. Die Lords aber bekommen ohne Gegenleistung stets 1,18 Prozent aller Gewinne. Das sehen manche nicht ein.

Als Ghyl mit seinem Vater eine Theatervorstellung besucht, erfährt er erstmals von der Legended es Rebellen Emphyrio und fragt sich, wie es geschehen konnte, dass Emphyrios Vermächtnis inzwischen völlig überwunden ist. Mit seinem Jugendfreund Floriel begibt er sich auch mal heimlich in den Raumhafen. Dort stehen die prächtigen Weltraumjachten der LORDS praktisch unbewacht herum – zu einladend, um sie zu ignorieren. Wie prächtig das Innere ausgestattet ist! Ghyl schwört sich, selbst einmal in den Weltraum zu fliegen. Doch da werden sie von einer LADY des Schiffs verwiesen.

Die Agenten der Wohlfahrtsbehörde sehen es gar nicht gern, dass Ghyls vater den Jungen nicht in den Tempel schickt, damit der dort das Springen lernt. Erst sehr spät schließt sich Ghyl den Gleichaltrigen an, doch sein Denken bleibt in selbständigen Bahnen. So kommt es, dass er sich mit den jungen Non-Kos einlässt, Leuten, die nicht mit der Wohlfahrtsbehörde kooperieren und Gutscheine ablehnen. Die Dinge nehmen eine schlimme Wendung, als der bisherige Agent durch einen gestrengen Beamten abgelöst wird, der andere Saiten aufzieht.

Nachdem man Amiante beim Anfertigen von Duplikaten erwischt hat, wird er peinlich verhört, d. h. gefoltert. Das bringt Ghyl auf die Schnapsidee, bei der anstehenden Bürgermeisterwahl als Emphyrio zur Kandidatur anzutreten. Wie zu erwarten, sind die Agenten empört über diese Unbotmäßigkeit. Und überhaupt: Der Bürgermeister habe doch gar nichts mehr zu sagen. Doch Ghyls Vater weiß es anders. Bevor die Behörde die Macht übernahm, gab es eine Charta des Volkes, die dem Bürgermeister Vollmachten übertrug.

Entgegen den Erwartungen der Behörde erringt Ghyl mit Hilfe seiner Freunde und vieler Gegner aus der Behörde den dritten Platz. Das macht die Repressionen nur noch härter. Bis Amiante den Agenten schließlich mit einem Hammer fast erschlägt. Die als Strafe verhängte „Rehabilitation“ entzieht ihm jede Lebenskraft – bis ihn schließlich tot entdeckt.

Nach zwei darauffolgenden Jahren des Wohlverhaltens zieht es Ghyl wieder zu seinen ehemaligen Freunden. Er findet sie unten am Fluss. Sie sind alle Nicht-Kos geworden, also Aussteiger. Aber wie verdienen sie sich dann ihren Lebensunterhalt, fragt Ghyl. Offenbar drehen Floriel, Nion und ihr Kreis irgendwelche krummen Dinger. Auf einem Ball, zu dem sie ihn einladen, spähen sie ihre nächsten Opfer aus: LORDS. Während sich Ghyl mit LADY Shanne, jener Raumjachtbesitzerin aus Kindertagen, amourös vergnügt, schmieden die anderen bereits einen Kidnappingplan. Sie wollen die LORDS einer Raumjacht entführen und gegen Lösegeld freilassen. Der Haken: LORDS zahlen per Gesetz niemals Lösegeld.

Auch Ghyl schließt sich dem verwegenen Plan an, denn er sieht endlich die Chance, die Wahrheit über das Geheimnis der LORDS und des ungerechten Wohlfahrtssystems er erfahren, indem er mit der geklauten Raumjacht zu anderen Welten fliegt. Zunächst klappt alles wie am Schnürchen. Doch erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt…

_Mein Eindruck_

„Die Wahrheit macht euch frei“, heißt es in der Bibel (im Johannes-Evangelium, Kap. 8, Vers 32), und diese Prophezeiung erfüllt sich auch in „Emphyrio“. Befreiung und Wahrheit sind die zwei großen Themen dieses Abenteuerromans für zwölfjährige Jungs. Diese Kombination ist zwar nicht selten, aber auch nicht gämgig, denn gerade der Begriff der Wahrheit ist höchst subversiv.

Freiheit ist das Ursprungsthema der Vereinigten Staaten, schon seit die Pilgerväter im 17. Jahrhundert zwecks Religionsfreiheit in die Neue Welt auswanderten. Dass es bei der Gründung der USA und im Bürgerkrieg um Freiheit (vom Mutterland) und Befreiung (der Sklaven) ging, bedarf wohl kaum der Erwähnung.

Die Gesellschaft der Wohlfahrtsempfänger von Ambroy ist zwar stabil, aber ausgebeutet. Es ist Ghyl Tarvoke, der zwei entscheidende Faktoren erlebt, für die sein Vater verantwortlich ist: die „duplizierten“ Dokumente aus der Vergangenheit des Planeten Halma – und das Puppenspiel über die Legende von Emphyrio. Wie aber kann eine Legende auf die Wahrheit hindeuten, fragt sich Ghyl. Die Welt der Gegenwart wirkt nicht so, als habe es jemals einen Freiheitshelden wie Emphyrio gegeben. Aber Ghyl ist fest überzeugt, dass die Legende ein Körnchen Wahrheit enthält. Diese Wahrheit zu finden, ist all sein Sehnen und Sinnen.

Nach den Abenteuern mit den entführten LORDS kann sich Ghyl tatsächlich auf die Suche nach dem Ursprung Emphyrios machen. Was er findet, sind lediglich Bruchstücke auf historischen Ruinen – sowie Ruinen, die ein menschliches Skelett enthalten. Immerhin: Der Totenschädel weist ein Loch in der Mitte der Stirn auf. Genau wie in der Legende. Doch was die Bruchstücke bedeuten, weist auf einen Betrug so ungeheuerlichen Ausmaßes hin, dass es eines sehr humorvollen Verstandes bedarf, um deshalb nicht verrückt zu werden. Deshalb begibt sich Ghyl schließlich in die Höhle des Löwen …

|Die Romanstruktur|

Der Prolog mit der Folterszene löst eine lange Rückblende aus, die schließlich mit neuer Handlung abgeschlossen wird. So entsteht in einer Rahmenhandlung eine Klammer, die die ersten zwei Drittel der Handlung zusammenhält. Zufällig sind das genau die zwei Drittel, die die meisten Längen des Romans aufweisen. In den bisherigen Ausgaben verwundert es daher nicht, dass sie radikal weggekürzt wurden. Um eine actionreiche Abenteuergeschichte zu bestreiten, reichen die Seiten zwischen S. 210 und 317 völlig aus.

Doch der Kürzende steht vor der Aufgabe, die Revolte Ghyls zu motivieren. Welche Gründe gibt es dafür in einer nur skizzenhaft beschriebenen Gesellschaft? Natürlich ist da der Tod des Vaters, und Rache ist immer ein schönes Motiv. Aber das begründet nicht die Suche nach der Wahrheit, der sich Ghyl verschrieben hat. Folglich müssen Geheimnisse, Rätsel und vor allem die Emphyrio-Legende beschrieben werden. Diese aber ergeben sich auf natürliche Weise nur aus der Gesellschaft und ihren eklatanten Widersprüchen.

Die Gesellschaft auf Halma ähnelt nicht von ungefähr der des vorrevolutionären Frankreich zu Ende des 18. Jahrhunderts. Die LORDS entsprechen der hauchdünnen Schicht des Adels, die ohne einen Finger zu krümmen nicht nur 90 Prozent aller Vermögen besitzt, sondern auch noch 1,18 Prozent aller Gewinne als Abgabe einstreicht. Aufgrund welchen Rechts, fragt sich Ghyl. Und sein Vater sagt ihm klar, dass es dieses Recht nicht aufgrund demokratischer Entscheidungen gibt, sondern weil es aufgezwungen wurde. Vor langer Zeit, nach einem grausamen Krieg.

Man sieht also, dass eines zum anderen führt. In der Langversion nimmt Ghyls Vater eine erheblich wichtigere Stellung ein, denn er ist die Quelle alternativer Wahrheit. Ghyl erfährt später, dass Amiante der Korrespondent des Historischen Instituts auf der Erde war. Kein Wunder also, dass er über manche historischen Ereignisse besser Bescheid wusste als der Rest der Bürger. Diese Wahrheit ist aber nur ein Körnchen des Rests, den Ghyl zusammentragen muss.

Doch was tun mit der Wahrheit, sobald man sie einmal kennt? Ganz einfach: Man muss sie verbreiten. Schon dieser Entschluss ist so gefährlich, dass er eine Revolution auslöst. Die Revolution auf Halma hat große Ähnlichkeit mit dem Sturm auf die Bastille. Nur dass diesmal die ehemals Unterdrückten in der Lage sind, ihren Unterdrückern Wiedergutmachung abzupressen – für 2000 Jahre Betrug und Ausbeutung. Denn dieser Betrug hatte von Anfang an auch wirtschaftliche Gründe. Auch das wird in der ungekürzten Fassung viel deutlicher.

|Liebe und Spiel|

In einer Welt des Scheins kann es keine echte Liebe geben, muss Ghyl erfahren. Lady Shanne mag zwar gut aussehen und gut in der Liebe sein, aber sie hat leider auch ein äußerst kurzes Gedächtnis. Wenige Tage später erinnert sie sich kaum noch an ihren Lover. Wie soll da echte Romantik und Liebe aufkommen, fragt sich der Leser. Doch dieses Manko hat einen guten Grund. Denn Shanne ist wie alle Lords und Ladies in diesem Buch von einer ganz besonderen Machart – und mit diesen Wesen lässt man sich als Mensch besser nicht ein.

|Achtung, Spoiler!|

Die Lords und Ladies sind lebende Puppen, die die ehemaligen Sieger, die Damarer, herstellten, um die Halmaner zu betrügen und auszubeuten. Die Beute dient dazu, die unterirdischen Paläste auf Halmas Mond Dalmar auszustatten – mit enormen Schätzen, die es jeweils nur ein einziges Mal gibt. Bis Ghyl einen Trick findet, um diese Kette zu zerbrechen.

Dass die Lords solche Puppen sind, legt der Autor raffinierterweise schon in dem anfänglichen Puppenspiel dar. Denn Holkerwoyds Puppen sind durchaus lebendig und verfügen über einen eigenen Willen, so dass sie sogar ihren Schöpfer überleben werden. Wer diesen ironischen Hinweis ernstnimmt und ein wenig weiterspinnt, kann den Bezug zu den Lords herstellen.

In letzter Konsequenz trifft die Metapher des Puppenspiels auch auf diese Geschichte zu. Denn der Autor ist der Schöpfer der fiktiven Figuren, die er wie Puppen im Geist des Lesers tanzen lässt. Und vielleicht ist sogar der Leser selbst nur eine Puppe, an deren Fäden gerade gezogen wird… Die Ebenen dieses Vergleichs sind viele. Und dem Autor mag es gefallen haben sich vorzustellen, wie sich der Leser, seiner Fäden bewusst, selbst ein wenig auf die Suche nach der Wahrheit seiner Welt macht. Immerhin erschien der Roman im wilden Jahr 1969, als Woodstock stattfand und die Attentate auf Martin Luther King und Robert Kennedy, den Justizminister der USA, nur wenige Monate zurücklagen.

_Die Übersetzung_

Dies ist die erste vollständige Übersetzung in deutscher Sprache. Obwohl der Roman in den ersten zwei Dritteln erhebliche Längen aufweist, werden sie alle getreulich wiedergegeben. Das verleiht dem Inhalt einen anderen Schwerpunkt.

Nur selten tauchen Flüchtigkeitsfehler auf, so etwa „mir“ statt „mit“.

_Die Illustrationen_

Die Schwarzweißgrafiken des Künstlers Johann Peterka sind gewöhnungsbedürftig. Plakativ, unruhig, meist detailreich, strahlen sie eine Dynamik aus, die den winzigen Rahmen eines Taschenbuchs schier sprengt. Da muss der Betrachter zweimal hinsehen, um alle Details erfassen zu können.

_Unterm Strich_

In den ersten beiden Dritteln entspricht „Emphyrio“ einem Entwicklungsroman, im letzten Drittel erst wird daraus ein gewohntes Jugendabenteuer. Nur wenn man die beiden teile zusammen anschaut, wird daraus der Roman einer persönlichen Revolte, die auf konsequente Weise zur gesellschaftlichen Revolution führen muss.

„Die Wahrheit euch frei“, dieser Bibelspruch nimmt hier konkrete Gestalt an, denn Ghyls Wahrheitssuche beendet nicht nur die Legende um Emphyrio, indem er die Verkörperung des Helden wird. Sondern auch die (bislang unterdrückte) Botschaft der Legende bringt Wahrheit und Freiheitsanspruch zusammen.

Das letzte Drittel ist deshalb durchaus unterhaltsam zu lesen, wohingegen ich für die ersten zwei Drittel mehrere Wochen brauchte, abgelenkt durch spannendere Bücher. Das Buch setzt zwei Appelle des Autors an den Leser um: 1) Du solltest dich als Marionette der „Lords“ erkennen und etwas dagegen unternehmen. 2) Genauso wie die Heldenlegende eine Verkörperung (Ghyl als Emphyrio) hervorbringen kann, so kannst auch du eine Legende finden, die dir zusagt und die du umsetzen kannst. Nur kommt es darauf an, eine verlogene Legende zu erkennen und auszusortieren. Und von denen haben die Lords leider jede Menge anzubieten. Deshalb ist die Erkenntnis der Wahrheit die Voraussetzung für jede Aktion und Revolution. Leichter gesagt als getan, wie Ghyls Geschichte deutlich illustriert.

Jack Vance hat einige solcher Befreiungsgeschichten geschrieben, so etwa „Die blaue Welt“ und den ANOME-Zyklus (s. u.). Actionreicher und spannender sind seine Planetenabenteuer und seine Weltraumkrimis aus der „Dämonenprinz“-Serie.

_Der Autor_

Jack Holbrook Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im Zweiten Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist.

Hervorstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik und Masken als Formen der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen Edgar verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der Dämonenprinz-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Details eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher Hard SF, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist. Leider verstand es in seinen Werken bis in die 80er Jahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens einen kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß nicht, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonst woher. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“, im 3. Band „Jheral Tinzy“ und „Viole Falushe“ bzw. „Vogel Filschner“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang -, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

|Taschenbuch: 349 Seiten
Originaltitel: Emphyrio (1969)
Aus dem US-Englischen von Rainer Schumacher
ISBN-13: 978-3404242825|
http://www.luebbe.de

_Jack Vance bei |Buchwurm.info|:_
[Grüne Magie 696
[Durdane 740
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[Der Palast der Liebe 2181 (Die Dämonenprinzen #3)
[Das Buch der Träume 2197 (Die Dämonenprinzen #5)
[Das Weltraum-Monopol 2188
[Staub ferner Sonnen]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2201

Jack Vance – Die Augen der Überwelt [Cugel 1]

Vance Augen der Überwelt Cover 1986 kleinGlücksritter Cugel wird nach einem missglückten Einbruch von einem Magier gezwungen, sich auf die gefährliche Suche nach einem dämonischen Artefakt zu begeben; ein Unternehmen, das Cugel von einer Bredouille in die nächste führt … – Locker erzählter, trotzdem ungemein dichter, farbenfroher, gleichermaßen spannender wie witziger Episodenroman, der aufgrund des immensen Ideenreichtums glänzend unterhält: ein zeitloses Lektüre-Vergnügen!
Jack Vance – Die Augen der Überwelt [Cugel 1] weiterlesen